{"id":2303,"date":"2018-04-12T02:45:23","date_gmt":"2018-04-12T00:45:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2303"},"modified":"2018-04-11T20:46:43","modified_gmt":"2018-04-11T18:46:43","slug":"immer-bewusster-teil-des-ganzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/04\/12\/immer-bewusster-teil-des-ganzen\/","title":{"rendered":"Immer bewusster Teil des Ganzen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Das Bruckner Akademie-Orchester unter Jordi Mora spielt im Herkulessaal der M\u00fcnchner Residenz Felix Mendelssohn Bartholdys \u201aRuy Blas\u2019-Ouvert\u00fcre, Beethovens 3. Klavierkonzert und Gustav Mahlers 4. Symphonie. Solistin ist Ottavia Maria Maceratini.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Einige meiner wenigen wirklich glaubhaften Informanten aus M\u00fcnchen haben mich in den letzten Jahren immer wieder auf die italienische Pianistin Ottavia Maria Maceratini hingewiesen, haben mir von ihren seltenen pianistischen und musikalischen Gaben berichtet, und ich muss gestehen, dass ich skeptisch war. Schon wieder so ein junges Sternchen der geistig verdorrenden Klassikszene, noch so eine \u201aHoffnungstr\u00e4gerin\u2019 der jungen Generation \u2013 wie oft schon sind wir dann von der klingenden Realit\u00e4t bitter entt\u00e4uscht worden, wie oft hat man versucht, uns Blech als Gold zu verkaufen. Diesmal aber war ich fest entschlossen, die lange Anreise auf mich zu nehmen, denn der katalanische Dirigent Jordi Mora hatte Frau Maceratini eingeladen, mit seinem Bruckner Akademie-Orchester im M\u00fcnchner Herkulessaal aufzutreten, und erstens ist Mora ein wahrhaft fundierter Erarbeiter der musikalischen Struktur und ph\u00e4nomenaler Orchestererzieher, und zweitens l\u00e4sst er sich nach meiner Erfahrung keine gehypten Jungstars aufschwatzen und schl\u00e4gt sich nicht freiwillig mit hohlen Tastenvirtuosen herum. Hier z\u00e4hlt die Substanz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Um es vorweg zu nehmen: ich habe diese Reise bei keinem Ton bereut, und es d\u00fcrfte im erfreulich zahlreich erschienenen Publikum kaum jemand gewesen sein, dem es anders ergangen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Konzert begann mit der vielleicht formal bezwingendsten \u2013 und zweifellos einer der dramatischsten, erfindungsreichsten, dichtesten und feurigsten \u2013 Ouvert\u00fcre von Felix Mendelssohn Bartholdy: der 1839 entstandenen Konzertouvert\u00fcre zu Victor Hugos \u201aRuy Blas\u2019. Mora verstand es vorz\u00fcglich, die opponierenden Charaktere charakterstark zu entfalten und dabei stets den Zusammenhang des Ganzen im Auge zu behalten, wodurch sich eine unwiderstehliche Entwicklung vom majest\u00e4tisch-furiosen Beginn bis zum triumphalen \u2013 jedoch zugleich elegant und biegsam bleibenden \u2013 Ende mit einer Klarheit offenbarte, die den H\u00f6rern das Innerste der Musik offen darlegte. Die subtile Beschleunigung der Schlussphase ist dabei einer jener intuitiv \u00fcberzeugenden Kunstgriffe, die nicht um des momentanen Effekts willen inszeniert werden, sondern der inneren Notwendigkeit der harmonischen Entwicklung entspringen. Das Orchester spielte mit Verve, Reaktionsschnelligkeit, fein schattierter Z\u00e4rtlichkeit und gesanglicher Anmut auf \u2013 gerade auch in den strahlend-machtvollen Tuttiauft\u00fcrmungen \u2013, dass es ein Fest der organischen Gestaltwerdung war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dann Beethovens Drittes Klavierkonzert in c-moll op. 37. Man kann das musikalisch nicht besser erfassen. Das gemessene Tempo des untergr\u00fcndig feierlichen Kopfsatzes mit seiner machtvollen Konfrontation der beiden opponierenden Themenwelten, der aus tiefster Versenkung sich aufbauende Largo-Mittelsatz in himmlischer Innigkeit, und das Finale diesmal nicht als grimmiger Parforceritt, sondern vor allem mit all dem Schalk und wagemutigen Humor, den die wenigsten Klang werden zu lassen verstehen! Ottavia Maria Maceratini spielt all dies nicht nur mit ph\u00e4nomenaler pianistischer Meisterschaft, die uns keine technische Klippe sp\u00fcren l\u00e4sst und den Klang sowohl im markigen Fortissimo als im delikatesten Pianissimo immer als Ganzes formt (kein Moment eindimensionaler Oberstimmendominanz!), immer Platz f\u00fcr plastische Phrasierung der Melodie hat (das Klavier singt unentwegt); sie ist vor allem eine unerh\u00f6rt reife Musikerin, deren Aufmerksamkeit der unaufhaltsamen Durchdringung des Gesamtverlaufs gilt und damit zu einer Einheit der gro\u00dfen Gestalt vordringt, die auf der bewusst gerichteten Mannigfaltigkeit der divergierenden Elemente beruht. Auch die fesselnde Kadenz im Kopfsatz (Original-Beethoven) dient in keinem Moment der Zurschaustellung pianistischer Attit\u00fcden und ist mit unersch\u00fctterlicher symphonischer Kontinuit\u00e4t durchgestaltet als Teil eines Ganzen, das so unausweichlich korreliert ist, als k\u00f6nne es gar nicht anders sein. Und das alles fern jedem bitteren Ernst, jeder didaktischen Gelehrsamkeit, wie ein spontanes Naturereignis, stets auf des Messers Schneide gespielt mit dem Mut zum vollen Risiko. Kein Moment interpretatorischer Willk\u00fcr, nebul\u00f6sen Fabulierens oder billiger Kraftmeierei findet sich in diesem Spiel, das zugleich v\u00f6llig organisch dem Wechselspiel mit dem Orchester und seinen Solisten eingegliedert ist. So gro\u00dfartig die Solistin ihr Metier beherrscht, agiert sie doch nie selbstherrlich, sondern ist immer bewusster Teil des Ganzen, das sie ebenso begreift und gestaltet wie der Dirigent und seine Musiker. Das ist echte Hingabe von allen Seiten. Ist eine andere Stimme wichtiger, so tritt sie dezent zur\u00fcck. Und doch ist das nie eine blo\u00dfe Begleitung, sondern stets wache Gegenstimme, jederzeit bereit, wieder f\u00fcr einen Moment hervorzutreten. Das ist nicht einfach ein souver\u00e4ner Auftritt, der Sicherheit, Brillanz und Kompetenz bewiese, sondern das ist wirklich Dienst am Werk, am Komponisten, an der Gemeinschaft, an der Musik, in der alle Mitwirkenden v\u00f6llig aufgehen, ohne sich in Stimmungen zu verlieren, denn innere Balance und das unbestechliche Bewusstsein daf\u00fcr, an welchem Punkt der musikalischen Entwicklung wir uns gerade befinden, liegen dem zugrunde. Es war ein echter Triumph nicht nur f\u00fcr Ottavia Maria Maceratini, sondern f\u00fcr alle Beteiligten, und wer dabei war, d\u00fcrfte nicht vergessen, welche durchgehende Spannungslinie im ersten Satz gestaltet wurde, wie still es im Publikum wurde, welch ein erf\u00fclltes Aufatmen nach dem letzten Ton durch die Reihen ging. Solche Konzerte belohnen alle ernsthaft suchenden H\u00f6rer unverhofft f\u00fcr unz\u00e4hlige Stunden des Durchhaltens in gepflegtem Mittelma\u00df, in billiger Ekstase, in virtuosem Geklingel. Als Zugabe spielte sie in diesem insgesamt dramaturgisch exzellent konzipierten Programm die Miniatur \u201aPersian Love Song\u2019 von John Foulds, dem wohl originellsten britischen Meister der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts \u2013 ein Wunderwerk, den Pr\u00e9ludes eines Debussy oder Miniaturen eines Bart\u00f3k ebenb\u00fcrtig, in ganz und gar eigenem Ton, und pianistisch h\u00f6chst anspruchsvoll mit den tiefen pianissimo-Tremoli und dem melancholischen Gesang, der sich dar\u00fcber erhebt und uns aus dem allt\u00e4glichen Zeitempfinden in eine entr\u00fcckte Welt entf\u00fchrt. Ottavia Maria Maceratini hat alles, um als eine der ganz Gro\u00dfen auf den B\u00fchnen der Welt ein- und auszugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Pause dann Gustav Mahlers Vierte Symphonie. Und auch hier: nie habe ich eine Auff\u00fchrung dieses Werkes geh\u00f6rt, wo ein durchgehender Zusammenhang so zum Greifen nahe schien wie hier. Besonders ergreifend der unendlichem Fluss ausmusizierte langsame Satz. Alles ein unendlicher Gesang. Herrlich musiziert auch der Kopfsatz mit seiner untergr\u00fcndig stets vorhandenen Rubato-Geschmeidigkeit, die sich dann immer wieder in offenkundigen Tempoverwandlungen niederschl\u00e4gt. Hier zeigt sich auch seltene dirigentische Meisterschaft, alles in freiem Wechselbezug bis in die feinste Detailgestaltung durchzuformen und ohne Rigidit\u00e4t synchron zu halten und den Rhythmus zu \u201eatmen\u201c, und das Orchester geht mit wie ein zusammenh\u00e4ngendes Wesen. Nicht weniger charakteristisch wurde die Bizarrerie des Scherzos erfasst. Das Schlusslied sang Mireia Pint\u00f3. Wohl auch hier, in der ganzen Mahler-Symphonie, kaum ein H\u00f6rer, der nicht tief ergriffen war von der Poesie und dem Drama dieser innerlich so zerrissenen Musik, die den Bogen so gerne \u00fcberspannt, deren gro\u00dfe Herausforderung darin besteht, das Episodische zum Zusammenhang zu b\u00fcndeln, indem sie eben nicht auf Sicherheit getrimmt, nicht unpoetisch strikt gestrafft wird, aber auch nicht wie so oft tr\u00e4nenr\u00fchrig zerflie\u00dft, sondern unsentimental ausgekostet wird in allen Fasern ihres vielschichtigen Daseins. Jordi Mora erwies sich hier einmal als einer der feinsten, vornehmsten und bewusstesten Meister seiner in grunds\u00e4tzlichen Fragen so uneinigen Zunft. Dazu muss man kein Star sein, und das w\u00e4re auch das Letzte, was er w\u00fcnscht. Besonders hervorzuheben aus dem exzellent einstudierten und mit verfeinerter Leidenschaft musizierenden Orchester ist der exzellente Konzertmeister Joel Bardolet, der ebenso an der Spitze unserer besten Orchester sitzen k\u00f6nnte. Eines der besten Konzerte der letzten Jahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Annabelle Leskov, April 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bruckner Akademie-Orchester unter Jordi Mora spielt im Herkulessaal der M\u00fcnchner Residenz Felix Mendelssohn Bartholdys \u201aRuy Blas\u2019-Ouvert\u00fcre, Beethovens 3. Klavierkonzert und Gustav Mahlers 4. Symphonie. Solistin ist Ottavia Maria Maceratini. 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