{"id":2305,"date":"2018-04-14T12:29:12","date_gmt":"2018-04-14T10:29:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2305"},"modified":"2018-04-14T12:29:12","modified_gmt":"2018-04-14T10:29:12","slug":"beethoven-einmal-wirklich-klassisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/04\/14\/beethoven-einmal-wirklich-klassisch\/","title":{"rendered":"Beethoven einmal wirklich &#8222;klassisch&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nach ihrem Auftritt im KUBIZ Unterhaching am 8. Mai spielt das Bruckner Akademie Orchester unter Jordi Mora am 9. Mai im Herkulessaal der M\u00fcnchner Residenz ein Programm bestehend aus der Ruy Blas-Ouvert\u00fcre op. 95 von Mendelssohn, Beethovens Drittem Klavierkonzert c-Moll op. 37 und Mahlers Sinfonie Nr. 4 G-Dur. Solistin im Klavierkonzert ist Ottavia Maria Maceratini, die Sopranpartie im Mahler-Finale singt Mireia Pint\u00f3.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bruckner Akademie Orchester hat seit \u00fcber einem Vierteljahrhundert den weit \u00fcber M\u00fcnchen hinausragenden Ruf, als Laienorchester nicht nur auf \u00fcberragendem Niveau zu spielen, sondern altbekanntem Repertoire neue Frische und Lebendigkeit zu verleihen. Als einer der langj\u00e4hrigsten Sch\u00fcler Sergiu Celibidaches vermittelt Jordi Mora uns heute die Idee der musikalischen Ph\u00e4nomenologie, die sein Lehrer auf Grundlage seines Studiums bei Heinz Tiessen entwickelte. Ph\u00e4nomenologie ist keine Lehre, sondern die Haltung, jeden musikalischen Kontext individuell nach dessen Ph\u00e4nomenen zu erkunden und diese zum Klingen zu bringen. Das Wissen um Grundgesetze von Spannung und Entspannung aufgrund der nat\u00fcrlichen Ordnung der Obertonreihe ist Grundlage, um aus dem H\u00f6ren ein Erlebnis werden zu lassen, das die aufgeschriebene Musik mit jeder Darbietung in einmaliger Lebendigkeit erstehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ph\u00e4nomenologie wird von Mainstream-Gelehrten gerne nicht \u201ef\u00fcr voll genommen\u201c oder auch leichtfertig abgelehnt: Belegt werden kann sie schlie\u00dflich nach deren Meinung nur anhand von Tonaufnahmen als Verm\u00e4chtnis eines eines Toten, welche mit damaliger Technik nur einen Teil dessen abbilden k\u00f6nnen, was tats\u00e4chlich erklungen ist. Der Spott d\u00fcrfte dem schnell vergehen, der ein Konzert mit Jordi Mora besucht und live erlebt, wie durchschlagend die Pr\u00e4senz der Musik doch ist und wie zwingend die Werke vom allerersten zum allerletzten Ton zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erste H\u00e4lfte des Konzerts steht ganz im Zeichen des klassischen Ideals. Mendelssohns Ruy Blas-Ouvert\u00fcre und Beethovens Drittes Klavierkonzert h\u00f6ren wir meist als pomp\u00f6se Werke der aufkeimenden Romantik mit Pauken und Trompeten, hart und wirkungsvoll. Heute nicht! Jordi Mora r\u00fcckt sie beide in das Licht der sp\u00e4ten Klassik, nimmt Kraft und Lautst\u00e4rke zur\u00fcck, um transparent und fein zu bleiben. Wie strahlend doch das Blech bei Mendelssohn durchkommt mit den kleinen Crescendi und welch rhythmische Energie doch in den Geigenstimmen steckt! Beethoven sorgt ebenfalls f\u00fcr Aufsehen: Die Orchestereinleitung bleibt ungewohnt lange im Pianobereich und die kleinen Sforzati stechen nicht heraus, sondern unterstreichen subtil bestimmte Noten, wodurch die gesamte Gewalt in innig aufwallendes Brodeln verwandelt wird. Obwohl er extrem langsam dargeboten wird, besticht der Mittelsatz mit unglaublicher Kompaktheit und Griffigkeit. Der Schlusssatz ist ausgelassen, aber nicht \u00fcberm\u00fctig, erinnert in der beschwingten Darbietung eher an eine Mozart&#8217;sche Eingebung denn an die manische Besessenheit, die Beethoven so gerne zugeschrieben wird. Ottavia Maria Maceratini fesselt durch ihre Pr\u00e4senz: Wenn sie spielt, ist sie anwesend &#8222;in&#8220; der Musik. Jede Note ist ausgewogen und abgestimmt, vor allem auch diejenigen, denen meist keine Beachtung geschenkt wird. Die Unterstimmen kommen heraus und geben st\u00e4ndigen Kontrapunkt zur Melodie, wobei besondere Bedeutung den &#8222;Zwischennoten&#8220; zukommt, die nicht auf dem betonten Schlag liegen. Als Zugabe gibt es den Persian Love Song von John Foulds: Eine fragile Melodie, die auf einem Bordunbass aus repetierenden Akkorden schwebt. Diese Miniatur sollte als wahrer Schatz gew\u00fcrdigt und in die Konzertprogramme aufgenommen werden, denn in nur etwa drei Minuten \u00f6ffnet Foulds die Tore zu einer unendlichen orientalischen Welt, verstr\u00f6mt meditative Ruhe und reinen Gesang. Das St\u00fcck wird auf der nunmehr dritten Solo-CD von Maceratini, die Anfang kommenden Jahres erscheinen soll, erstmals eingespielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause bietet das Orchester noch die Vierte Symphonie Mahlers dar, welche die kleinste Besetzung aller Mahlersymphonien aufweist. Die hohe Qualit\u00e4t der ersten H\u00e4lfte bleibt bestehen, einziger Wermutstropfen ist die dauer-vibrierende Sopranistin, die sich wohl besser als Walk\u00fcre denn als Solistin eines Mahler-Liedes ausnehmen w\u00fcrde. Das Bruckner Akademie Orchester nimmt die Symphonie beinahe kammermusikalisch intim, bleibt selbst in den tosenden Passagen transparent. Das gesamte Konzert \u00fcber pr\u00e4sentiert sich dieses Orchester in hinrei\u00dfender Plastizit\u00e4t: Ober- und Unterstimmen erhalten gleichberechtigte Bedeutung, wobei jede Stimme eigenst\u00e4ndig wirkt. Resultat ist ein wahrhaft dreidimensional gestalteter Klang, der in jedem Moment r\u00e4umlich sp\u00fcrbar ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, April 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach ihrem Auftritt im KUBIZ Unterhaching am 8. Mai spielt das Bruckner Akademie Orchester unter Jordi Mora am 9. 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