{"id":233,"date":"2015-11-17T17:00:51","date_gmt":"2015-11-17T16:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=233"},"modified":"2015-11-19T00:47:50","modified_gmt":"2015-11-18T23:47:50","slug":"die-kinder-schostakowitschs-kehren-wieder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/11\/17\/die-kinder-schostakowitschs-kehren-wieder\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich 2a] Die Kinder Schostakowitschs kehren wieder"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Am 11. November spielt das Landesjugendorchester Baden-W\u00fcrttemberg unter Leitung von Johannes Klumpp im Mozartsaal der Donauhallen in Donaueschingen. Neben dem Tango aus der Suite zur Filmmusik &#8222;Agonie&#8220; von Alfred Schnittke und Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Rokoko-Variationen A-Dur Op. 33 f\u00fcr Violoncello und Orchester in der heute gebr\u00e4uchlichen Umstellung und Bearbeitung von Wilhelm Fitzenhagen mit dem Solisten Jakob Spahn steht auch die herausfordernde und zutiefst ernste zehnte Symphonie in e-Moll Op. 93 von Dmitri Schostakowitsch auf dem Programm.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Landesjugendorchester Baden-W\u00fcrttemberg hat sich viel vorgenommen f\u00fcr den Abend des 11. November in Donaueschingen. Ein so langes und schwieriges Konzertprogramm mit Schostakowitschs grandioser Symphonie Nr. 10 als H\u00f6hepunkt ist der H\u00f6rer normalerweise ausschlie\u00dflich von einem gro\u00dfen und etablierten Klangk\u00f6rper aus Berufsmusikern gewohnt, nicht aber von einem Jugendorchester, auch wenn ihm ein so blendender Ruf vorauseilt wie in diesem Falle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Beginn des Abends macht Alfred Schnittkes Tango aus der Suite zur Filmmusik &#8222;Agonie&#8220;, ein zarter und in feiner Manier zur\u00fcckhaltender Tanz, der dennoch in eine gewisse Wildheit und in \u00dcberschwang ger\u00e4t, der sowohl mit Melancholie als auch mit innerlichem Dr\u00e4ngen durchsetzt das einpr\u00e4gsame Thema in verschiedenstem Licht erstrahlen l\u00e4sst. Besonders markant nat\u00fcrlich Beginn und Schluss durch die engelsgleiche und fernab erscheinende Celesta, die nach ihren ersten Eins\u00e4tzen in Tschaikowskys Nussknacker-Suite sowie bei Bart\u00f3k, Chausson oder Strauss relativ bald vor allem in der Filmmusik Verwendung fand und heute jedem durch &#8222;Hedwig&#8217;s Theme&#8220; aus der Musik zu Harry Potter von John Williams gel\u00e4ufig ist. Unter Klumpp erh\u00e4lt der Tango einen angenehmen Schwung und verf\u00e4llt zu keiner Zeit in \u00dcberhitzung auch in den lauten Passagen, sondern h\u00e4lt sich stets ein wenig zur\u00fcck und beh\u00e4lt so die von Schnittke vorgegebene Wirkung in der gewollten Passivit\u00e4t, die leicht verlorengehen kann. Der Dirigent Johannes Klumpp sch\u00e4tzt seine Musiker gut ein und wei\u00df genau, welch ein Risiko er ihnen zutrauen kann &#8211; und geht dieses ein, indem er direkt zum Erscheinen des Tangorhythmus&#8216; in eben diesem dirigiert, anstatt die sicherere Variante eines geraden Taktschlags zu w\u00e4hlen. Der Plan geht auf und ermutigt das gesamte Landesjugendorchester zu einer pr\u00e4gnant klingenden und rhythmisch fesselnden Wiedergabe. Durch kleine Soloeinw\u00fcrfe kristallisieren sich schnell einige besondere Talente aus dem Orchester heraus. Es ist nicht zu erwarten, dass alle jungen Musiker bereits einen sauber auspolierten und abgewogenen Klang haben, doch erstaunlich viele k\u00f6nnen bereits eben damit \u00fcberzeugen. Besonders der Konzertmeister der ersten H\u00e4lfte, Johannes Ascher, bewies ungeheuere Musikalit\u00e4t trotz jungen Alters: Die Ritenuti in seinen kurzen Soloeinw\u00fcrfen waren derart innerlich gef\u00fchlt und organisch wieder in das Originaltempo zur\u00fcckf\u00fchrend, wie es teils namhaften Konzertsolisten nicht so bewusst gelingt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rokoko-Variationen A-Dur Op. 33 f\u00fcr Violoncello und Orchester versetzen den H\u00f6rer zur\u00fcck in das 18. Jahrhundert, wenn nat\u00fcrlich auch mit einem vollkommen romantischen Neuanstrich von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Auch an diesem Abend wird die Version von Wilhelm Fitzenhagen gespielt, dem ansonsten vollkommen vergessenen Cellisten und langj\u00e4hrigen Freund von Tschaikowsky, der ebenfalls recht beeindruckende Musik geschaffen hat, die durchaus eine Renaissance verdient! Fitzenhagen bearbeitete das circa zwanzigmin\u00fctige Bravourst\u00fcck ein wenig und stellte insbesondere die Variationsreihenfolge um; in dieser Version verbreitete er es und sorgte damit bis heute daf\u00fcr, dass fast ausschlie\u00dflich diese Bearbeitung gespielt wird &#8211; auch wenn das fast nie in den Programmen und \u00fcblicherweise auch nicht einmal in den Noten ausgewiesen wird. Als Solist des Abends agiert Jakob Spahn, der unter anderem durch den Sonderpreis der Alice Rosner Foundation beim Internationalen ARD-Wettbewerb 2010 in M\u00fcnchen f\u00fcr Aufsehen sorgte. Spahn vermag vom ersten Strich an einen vollkommen eigenen Ton auf seinem Cello zu erzeugen, der recht rau und vollt\u00f6nend klingt und eine sanfte W\u00e4rme ohne \u00fcberm\u00e4\u00dfig glatten Klang schafft. Das virtuose Meisterwerk gelingt ihm ohne technische Probleme, bis hin in die h\u00f6chsten Lagen steigt er mit sauberen T\u00f6nen auf und bew\u00e4ltigt alle halsbrecherischen L\u00e4ufe mit einem unbek\u00fcmmerten L\u00e4cheln im Gesicht. Auch auf musikalischer Ebene beweist Spahn gro\u00dfes K\u00f6nnen und kann den Melodiebogen als gro\u00dfes Ganzes erfassen und gliedern. Unverkennbar sieht man ihm die \u00fcberschw\u00e4ngliche Spielfreude an und h\u00f6rt sie auch, in leicht beschwingtem Tonfall tanzen seine Themen und kommen offensichtlich aus ganzem Herzen. Doch wie bei fast allen Cellisten (und sonstigen Streichern auch) f\u00e4llt bei Jakob Spahn eine durchgehende Ingebrauchname des Vibrato auf, das standardisiert bei jedem Ton eintritt, der eine gewisse L\u00e4nge besitzt. Selbstverst\u00e4ndlich hilft ein gutes Vibrato zu einem belebten Klang und hat eine anregende Wirkung, aber der Effekt kippt nach und nach ins Gegenteil, wenn er mechanisch \u00fcberm\u00e4\u00dfig zum Einsatz kommt. Als Zugabe gibt es noch einmal das Finale der Variationen, diesmal noch geschwinder und mit noch mehr Elan, (wenn auch entsprechend mit einigen kleinen, jedoch verzeihlichen Fehlgriffen mehr), so dass Spahn nun auch die letzten mitrei\u00dft bis in die fulminanten und ausgedehnten Schlusstakte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause erklingt schlie\u00dflich das Werk, worauf vermutlich sowohl die Musiker als auch das Publikum an gespanntesten gewartet haben, die zehnte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch in e-Moll Op. 93. Dieser gewaltige symphonische Koloss mit \u00fcber f\u00fcnfzig Minuten L\u00e4nge ist auf k\u00f6rperlicher wie geistiger Ebene zutiefst anspruchsvoll und ersch\u00fctternd. Manch gro\u00dfes A-Orchester m\u00fcht sich teils mit der dichten Stimmvielfalt, den zerr\u00fcttenden Themen und dem schreckensgeladenen Ausdruck dieses symphonischen Werks h\u00f6rbar ab, welches Schostakowitsch 1953 kurz nach dem Tod seines Unterdr\u00fcckers Josef Stalin (der genau am gleichen Tag wie Prokofieff, am 5. M\u00e4rz, verstarb) begann. \u00dcblicherweise wird die Symphonie als Schlussstrich unter die Terrorherrschaft angesehen, wobei Stalin als Thema auftreten und auch die Zeit an sich verbildlicht werden soll, in die sich Schostakowitsch in Form seiner Initialen D-Es-C-H hineingraviert hat. In wie weit dies alles zutrifft, ist nicht sicher, doch ist zweifelsohne das Grauen komponiert, was bei guter Darbietung den H\u00f6rer fesseln muss und teilhaben l\u00e4sst anhand des unmittelbaren musikalischen Geschehens. Gerade f\u00fcr die j\u00fcngeren Musiker muss es eine gigantische Herausforderung sein, sich in diese Schwerm\u00fctigkeit und Reflexionen aus furchtbaren Zeiten hineinzuversetzen, sie zu f\u00fchlen und darzustellen &#8211; und all dies bei einer technisch f\u00fcr alle Beteiligten nicht zu untersch\u00e4tzenden Aufgabe. Diese Anforderungen werden, besonders im Hinblick darauf, dass hier ein Jugendorchester spielt, \u00fcberraschend umfassend erf\u00fcllt. Zwar k\u00f6nnen die jungen Musiker trotz mitrei\u00dfender Leitung durch Johannes Klumpp die Symphonie auch nicht v\u00f6llig frei von statisch gleichf\u00f6rmig wirkenden Passagen halten und auch nicht jede wesentliche Stimme tritt vernehmbar in den Vordergrund, doch gestalten sie ihre Phrasen allesamt erstaunlich vielseitig aus und entlocken der Musik detaillierte Farbnuancen. Der viel beanspruchte Bl\u00e4serapparat brilliert auch in verzwickten Passagen und gerade das Holz zeichnet sich durch eine frappierende Makellosigkeit aus. So erreicht es das monstr\u00f6se Werk, den Zuh\u00f6rer durchgehend in seinem Bann zu halten und ihn von der ersten dunklen Sekunde bis in die finale auskomponierte Apotheose unwiderstehlich mitzuzerren in alle erdenklichen Bereiche menschlicher Emotion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Dirigierpult steht Johannes Klumpp, selber zur j\u00fcngeren Dirigentengeneration geh\u00f6rend, und bietet all der divergierenden Stimmvielfalt Zusammenhalt. So einen Dirigenten braucht es f\u00fcr solch ein interessiertes und begeisterungsf\u00e4higes Orchester! Denn genau das zeichnet Klumpp aus, er rei\u00dft mit und begeistert. Er legt keinen besonderen Wert auf eine optisch ausgefeilte Dirigiertechnik, sondern auf seine Wirkung in zentraler Position als Vermittler gleicherma\u00dfen von Musik und Enthusiasmus. So stachelt er sein Jugendorchester stets zur H\u00f6chstleistung und auch zur energetisch packenden Melodief\u00fchrung an, damit auch wirklich das frische Musizieren im Vordergrund steht und nicht etwa die Mechanik des Technischen. Und so hat es sich zweifelsohne gelohnt, die lange Anreise aus M\u00fcnchen auf sich zu nehmen, um dieses beeindruckende und in vielerlei Hinsicht ausnehmend gelungene Konzert miterleben zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, November 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. November spielt das Landesjugendorchester Baden-W\u00fcrttemberg unter Leitung von Johannes Klumpp im Mozartsaal der Donauhallen in Donaueschingen. 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