{"id":2352,"date":"2018-05-06T12:43:31","date_gmt":"2018-05-06T10:43:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2352"},"modified":"2018-05-06T12:43:31","modified_gmt":"2018-05-06T10:43:31","slug":"die-oscars-zeitgenoessischer-musik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/05\/06\/die-oscars-zeitgenoessischer-musik\/","title":{"rendered":"Die Oscars zeitgen\u00f6ssischer Musik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Am 3. Mai werden die allj\u00e4hrlichen Musik- und F\u00f6rderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung im Herkulessaal M\u00fcnchen verliehen. Die F\u00f6rderpreise gehen dieses Jahr an Clara Iannotta, Oriol Saladrigues und Timothy McCormack, den Hauptpreis erh\u00e4lt Beat Furrer. Jeder der Komponisten bekommt einen Portraitfilm von Johannes List, Furrer zudem eine Laudatio von Thomas Macho. Das Klangforum Wien spielt unter Leitung des Hauptpreistr\u00e4gers Werke aller vier.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ernst von Siemens Musikpreis ist die bedeutendste Auszeichnung f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Komponisten und Musiker, die sich neuer Klangkunst verschrieben haben. Die Verleihung ist jedes Jahr ein wahrer Festakt und H\u00f6hepunkt f\u00fcr die Ernst von Siemens Musikstiftung, die j\u00e4hrlich \u00fcber 100 Projekte f\u00f6rdert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die drei F\u00f6rderpreise gehen an junge, aufstrebende Komponisten, denen es erm\u00f6glicht werden soll, sich eine Zeit lang ohne Geldsorgen ihrer sch\u00f6pferischen Arbeit zu widmen. Den ersten der auf 35.000 Euro dotierten Komponistenpreise verdient sich die aus Italien stammende Komponistin Clara Iannotta: Ihr Werk \u201etroglodyte angels clank by\u201c von 2015 macht gro\u00dfen Eindruck. Es ist konzipiert f\u00fcr 13 verst\u00e4rkte Instrumente und Objekte. Langsam sch\u00e4lt sich der Klang aus anf\u00e4nglichem Raspeln und Knattern, bis hohe Frequenzen die \u00dcberhand gewinnen und beinahe tinnitushaft im Ohr verankert bleiben. Iannottas Musik ist nicht zum H\u00f6ren gedacht, sondern zum Erleben; und eben dies geschieht, wenn die verst\u00e4rkten Frequenzen kontinuierlich aneinanderreiben, wobei sie ganz eigenartige Gef\u00fchle und Stimmungen wachrufen. Oriol Saladrigues geht naturwissenschaftlich an die Musik heran, wei\u00df um die unumg\u00e4ngliche Imperfektion eines jeden k\u00fcnstlerischen Schaffens und kalkuliert diese genau mit ein. Ihn besch\u00e4ftigt das g\u00e4ngige Topos, Zeit und Raum zu verbinden, zu verschieben und neuartig darzustellen, was auch sein heute uraufgef\u00fchrtes Werk \u201etempo sospeso\u201c pr\u00e4gt. Ein Schmunzeln geht durch das Prinzregententheater, als der Portraitfilm von Timothy McCormack gezeigt wird, der ihn als sympathischen und offenen Klangforscher darstellt, der von einem Hornisten die abstrusesten Effekte abverlangt. Weder T\u00f6ne, noch Rhythmen g\u00e4be es in seiner Musik, sprach der Komponist, Kl\u00e4nge entstehen f\u00fcr ihn durch Kr\u00e4fte, die geb\u00fcndelt und geleitet werden, und nicht durch gezielten Einsatz von Instrumenten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Saladrigues und McCormack bleiben mir musikalisch nur wenig pr\u00e4sent, ihr Eindruck verwischt schnell; Iannotta ist es, die mich fesselt und deren eigenartige Tonwelt mich gefangen h\u00e4lt. Es l\u00e4sst sich schwer sagen, ob die Durchdringung und Wucht ihrer Aussage auch in \u00dcbertragungen oder Aufnahmen wirksam sind, doch live ergreift sie die Aufmerksamkeit und besticht in jeder Sekunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1992 wurde Beat Furrer ebenfalls mit dem F\u00f6rderpreis ausgezeichnet, nun kehrt er als Hauptpreistr\u00e4ger zur\u00fcck. Er entschied sich dazu, seine \u201eCanti della tenebra\u201c nach Gedichten von Dino Campana f\u00fcr Mezzosopran und Ensemble aufzuf\u00fchren, womit die Wahl auf ein echtes \u201eM\u00fcnchner\u201c Werk fiel, das am 7. Februar 2014 in der Muffathalle das Licht der Welt erblickte. Damals schon begeisterte mich der starke Bezug zwischen Text und Musik, die Verbindung zwischen dem italienischen Futuristen, der seine letzten Jahre in Irrenanstalten verbrachte, und der Klangwelt des \u00f6sterreichisch-schweizerischen Komponisten der Gegenwart. Auch wenn die f\u00fcnf Lieder urspr\u00fcnglich f\u00fcr Gesang und Klavier konzipiert waren, schreien sie doch nach gr\u00f6\u00dferer Besetzung: Mit dem gro\u00dfen Ensemble klingen sie beinahe symphonisch. Beat Furrer hat kein Verlangen danach, modern oder futuristisch zu sein, er bleibt er selbst und kreuzt seine verschiedenen Einfl\u00fcsse zu einer pers\u00f6nlichen Musik, die einzigartig und unverkennbar ist. Hautnah erleben wir den Aufbau und die Gestaltung von Motiven, die sich durch die einzelnen Lieder ziehen und immer wieder auftauchen \u2013 der Komponist bezieht den H\u00f6rer mit ein. Musik und Text verschmelzen zu einer Einheit, Tanja Ariane Baumgartner f\u00fcgt sich in das Geflecht der Instrumentalstimmen ein, ohne dass eine der Seiten \u00fcberwiegen w\u00fcrde. Die Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr den diesj\u00e4hrigen Komponisten-Hauptpreis lagen hoch, ist schlie\u00dflich der letzte Preistr\u00e4ger Per N\u00f8rg\u00e5rd einer der bedeutendsten und \u00fcberragenden Symphoniker unserer Zeit: Doch d\u00fcrfte Beat Furrer eine gute Wahl und ein w\u00fcrdiger Nachfolger sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Mai 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. Mai werden die allj\u00e4hrlichen Musik- und F\u00f6rderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung im Herkulessaal M\u00fcnchen verliehen. Die F\u00f6rderpreise gehen dieses Jahr an Clara Iannotta, Oriol Saladrigues und Timothy McCormack, den Hauptpreis erh\u00e4lt Beat Furrer. Jeder der Komponisten bekommt einen Portraitfilm von Johannes List, Furrer zudem eine Laudatio von Thomas Macho. 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