{"id":236,"date":"2015-11-18T23:36:14","date_gmt":"2015-11-18T22:36:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=236"},"modified":"2015-11-19T00:47:33","modified_gmt":"2015-11-18T23:47:33","slug":"junge-klaenge-am-ursprung-der-donau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/11\/18\/junge-klaenge-am-ursprung-der-donau\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich 2b] Junge Kl\u00e4nge am Ursprung der Donau"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Landesjugendorchester Baden-W\u00fcrttemberg unter der Leitung von Johannes Klumpp spielt am 11.November Werke von Schnittke, Tschaikowsky und Schostakowitsch.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit jugendlichen Orchesterklangk\u00f6rpern lassen sich gut und gerne musikalische Nachwuchsf\u00f6rderung und k\u00fcnstlerische Zukunftsgestaltung, aber auch die drei ber\u00fcchtigten Ds (Drill, Druck und Disziplin) verbinden. Letzteres ist f\u00fcr eine solide musikalische Reifung scheinbar unabdingbar. Um einen frischen und \u00fcberzeugenden Klang auf die Beine zu stellen, braucht es aber, entgegen gewisser Ansichten, die ersten beiden Ds nicht zwingend, wie das Landesjugendorchester Baden-W\u00fcrttemberg in der Mozarthalle Donaueschingen bewiesen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich d\u00fcrfte es bei den Probenphasen der jungen Musiker sicherlich auch Stress, Frustmomente und Durststrecken gegeben haben, zumal bei so einem Werk wie der 10. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch. Es ist nur allzu verst\u00e4ndlich, wenn die Kinder und Jugendlichen, wie aus informierter Quelle zu erfahren war, sich vor drei Jahren noch nicht an dieses Mammutwerk gewagt haben. Umso erstaunlicher und vielversprechender gelang das Ergebnis!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Beginn des Abends erklang der Tango aus der Suite zur Filmmusik \u201eAgonie\u201c (1974\/81) von Alfred Schnittke. Was sich wie eine kleine salonmusikalische Aufw\u00e4rm\u00fcbung anh\u00f6ren mag, haben die Musiker bezwingend ernst genommen. Mag dieser Tango auch keine extravaganten Herausforderungen bieten, so ist es doch die ausgefeilte und reizende Instrumentation Schnittkes, die an diesem Abend sehr sch\u00f6n her\u00fcberkam, vor allem in den Klarinetten. Doch auch die ersten Violinen, die sehr klangvoll, aber nie zu dick musizierten, und allen voran das Solo des Konzertmeisters der ersten H\u00e4lfte, Johannes Ascher, sind zu loben. Gerade er hat mit seinem dezenten Vibrato, seiner eleganten, durchaus sensiblen Tongebung und sachtem Artikulationsverm\u00f6gen ein Talent offenbart, welches ihm sp\u00e4ter noch einen gro\u00dfen Weg er\u00f6ffnen k\u00f6nnte. Etwas st\u00f6rend leider fiel die den Tango er\u00f6ffnende und abschlie\u00dfende Celesta auf, die in ihrer Phrasierung ziemlich mechanisch klang. Insgesamt jedoch hat das Orchester \u2013 unter dem beherzt animierenden, schlagtechnisch vielleicht noch nicht komplett ausgereiften Dirigat von Klumpp \u2013 mit Beherrschung und Neugier gespielt, seri\u00f6s, ohne den Tangocharakter zu verleugnen, sowie mit einem klaren Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zwischen Begleitung und Solo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade letzteres kam ihnen in den vielgespielten Rokoko-Variationen Op. 33 von Peter Iljitsch Tschaikowsky zugute. Auch zu diesem attraktiv solokonzertanten Werk lieferten sie eine \u00e4u\u00dferst dezente Begleitung, aber auch eine nicht zu \u00fcberh\u00f6rend facettenreich-kraftvolle Tondynamik (gerade in den energischen Passagen), welche zumal in der Variation 7 wie in der Coda traumhaft geriet. Bei einem Cellisten wie Jakob Spahn war das auch notwendig, da sich dessen Spiel als durchaus vielf\u00e4ltig und risikofreudig erwies. Allgemein zu loben bei Spahn ist die sehr reine und sichere Intonation, wobei er f\u00fcr das er\u00f6ffnende <em>Moderato semplice<\/em> noch etwas zu laut klang, im Laufe der ersten Variationen jedoch zusehends umsichtiger agierte. Der Eindruck, gelegentlich etwas zu viel zu wollen, hat sich besonders in der Variation 3 (<em>Andante sostenuto<\/em>) gezeigt. Die enormen technischen Herausforderungen der Coda schlie\u00dflich hat er sehr souver\u00e4n gemeistert, doch selbst hier d\u00fcrfte er k\u00fcnftig noch Einiges zu verfeinern wissen. An dieser Stelle muss \u00fcbrigens angemerkt werden, dass w\u00e4hrend der Wiedergabe das Fell der kleinen Trommel im Hintergrund leicht mitvibrierte, was durch vor\u00fcbergehende Entfernung des Instruments h\u00e4tte vermieden werden k\u00f6nnen. Da sich nun das Publikum \u2013 sicherlich mit den manchen Eltern, Angeh\u00f6rigen und Freunden der K\u00fcnstler \u2013 sehr begeistert zeigte von dieser Darbietung, wurde ebenjener Schlussteil als Zugabe noch einmal gegeben. Und wieder offenbarten Solist wie Orchester eine ungebremste, v\u00f6llig routinefreie Spielfreude, bei der das Ergebnis sogar noch etwas besser geriet also zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterhin kann insofern von Routine keine Spur sein, wenn man den Worten zuh\u00f6rt, die Maestro Klumpp dem gro\u00dfen sinfonischen Hauptwerk voranstellte: Angesichts des d\u00fcsteren biographischen Hintergrunds, vor dem Schostakowitsch seine Symphonie Nr. 10, Op. 93 schrieb, sei dieses Werk den Musikern und ihrem Dirigenten immer n\u00e4her gegangen, je mehr sie sich damit befassten. Wortw\u00f6rtlich, so Klumpp, bringe Schostakowitsch eine regelrechte Volksklage aufgrund der \u201eS\u00e4uberungen\u201c und des Krieges in seiner Musik zum Ausdruck &#8211; Worte, die nach den j\u00fcngsten Ereignissen in Beirut und Paris im Nachhinein sehr nachdenklich stimmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musiker jedenfalls legten sich nun intensiv ins Zeug und hatten jegliche vorerw\u00e4hnte Scheu vor der Monumentalit\u00e4t der Symphonie abgelegt, aber nicht den Respekt vor dem Werk selbst. So klang das dunkle Unisono der tiefen Streicher zu Beginn des <em>Moderato<\/em> alles andere als \u201esch\u00f6n\u201c und umso \u00fcberzeugender. Was nun jedoch am Anfang etwas zu breit erschien, gewann mit dem Hinzukommen der Violinen und Bratschen deutlich an Expressivit\u00e4t und Fluss. Wieder einmal zu loben ist die Klarinette, sobald sie mit dem ersten Seitenthema beginnt, sowie das Blech, wenn das erste Tutti erdr\u00f6hnt. Das zweite Thema, von der sonst sehr sch\u00f6n spielenden Fl\u00f6te vorgestellt, geriet fast an die Grenze zur unfreiwilligen Komik, woran sicher das vorgeschrieben gesteigerte Tempo nicht unschuldig ist. Beim gro\u00dfen H\u00f6hepunkt des Kopfsatzes, dem im Tam-Tam kulminierenden Tutti, kamen die jugendlichen Musiker an die Grenzen ihrer physischen Kr\u00e4fte. Dennoch schafften sie es, diesen circa 20 Minuten langen Satz unter einen mitvollziehbaren Spannungsbogen zu zw\u00e4ngen &#8211; was auch die rein kompositorisch sehr lange Coda betrifft. Hier bewies das Orchester seine kollektive Musikalit\u00e4t, dank dem Dirigenten Johannes Klumpp, der die Entwicklung mit klarem Sinn f\u00fcr Stringenz und Kontinuit\u00e4t ausgestaltete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits erw\u00e4hnte Furchtlosigkeit steigerte sich im zweiten Satz <em>Allegro<\/em> in Risikofreudigkeit. Wie auch im ersten Satz haben die Musiker unter Klumpp einige M\u00fche, bei dem Tempo des Satzes nicht zu entgleisen. Wie aber nun schon fast zu erwarten, haben sie sich auch hier wacker geschlagen, was auch f\u00fcr die Kontrab\u00e4sse gilt angesichts ihrer ber\u00fcchtigten hohen Begleitung in Daumenlage zur Satzmitte. Und auch die leisen Stellen kurz vor Ende klangen gut. Ganz am Schluss nat\u00fcrlich, wo die Darbietenden \u201ealles\u201c geben, l\u00e4sst sich zwischen drei- und vierfachem <em>forte<\/em> kein wirklicher Unterschied mehr feststellen. Umso gelungener kam der Anfang des <em>Allegretto<\/em>, der ja oftmals Gefahr l\u00e4uft, nach einem belanglosem Walzer zu klingen. Dieses Manko wei\u00df das Jugendorchester zu verhindern, indem es das Thema mit angemessener Tiefe artikuliert, ohne die Trostlosigkeit des Klangmilieus zu kaschieren. Mit entsprechend angemessener Klage stimmte die Klarinette das zentrale d-es-c-h-Motto jenes Satzes an. Das sogenannte ELVIRA-Motto hingegen gelang mehrmals hintereinander nicht so sch\u00f6n im ersten Horn &#8211; man darf annehmen, dass die Gruppe an diesem Abend wohl etwas erm\u00fcdet war von den Tourneestrapazen. Obwohl die Musiker den Satz im allgemeinen zu gestalten wussten, machte der Schluss einen etwas seelenlosen Eindruck \u2013 man erinnerte sich jedoch an die Trostlosigkeit des Satzes insgesamt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Finale bot das Orchester nochmals s\u00e4mtliche F\u00e4higkeiten auf, um einen befreienden Kehraus zu kreieren. Sehr sch\u00f6n gelang die lange Oboenkantilene im breiten, fast etwas rhapsodischen <em>Andante<\/em>, gerade vor dem Hintergrund des wiederum recht heterogenen Streicherbasses. Und mit vielen Ecken und Kanten startete der Hauptteil des Satzes, das <em>Allegro<\/em>: Die Phrasenwechsel gerade dieser abschlie\u00dfenden Achterbahnfahrt klangen sehr abrupt. Daf\u00fcr wurde das Tempo erfreulicherweise um keinen Deut zu schnell genommen, wodurch das Orchester bessere M\u00f6glichkeiten zur Ausgestaltung hat, andererseits der Spannungsbogen leicht schw\u00e4chelte \u2013 was letztlich angesichts der sonst begeistert aufgenommenen Symphonie kaum der Rede wert sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu recht, wo dieser Abend ein in jeder Hinsicht vielversprechendes Jugendorchester Baden-W\u00fcrttemberg mit einer sehr beachtlichen Leistung und einem f\u00fcr weitere gemeinsame Hochleistungen pr\u00e4destinierten Dirigenten bot. M\u00f6gen die Kinder und Jugendlichen weiterhin ihre Begeisterung am bewussten Musizieren vertiefen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Peter Fr\u00f6hlich, November 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Landesjugendorchester Baden-W\u00fcrttemberg unter der Leitung von Johannes Klumpp spielt am 11.November Werke von Schnittke, Tschaikowsky und Schostakowitsch. Mit jugendlichen Orchesterklangk\u00f6rpern lassen sich gut und gerne musikalische Nachwuchsf\u00f6rderung und k\u00fcnstlerische Zukunftsgestaltung, aber auch die drei ber\u00fcchtigten Ds (Drill, Druck und Disziplin) verbinden. Letzteres ist f\u00fcr eine solide musikalische Reifung scheinbar unabdingbar. 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