{"id":241,"date":"2015-11-21T13:52:53","date_gmt":"2015-11-21T12:52:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=241"},"modified":"2015-12-03T11:24:56","modified_gmt":"2015-12-03T10:24:56","slug":"musikalische-transzendenz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/11\/21\/musikalische-transzendenz\/","title":{"rendered":"Musikalische Transzendenz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das TenHagen Quartett spielt Schwarz-Schilling, Beethoven, Bach und Lilburn<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In der Marienkirche B\u00fcdingen \u00fcberraschte am Freitagabend in einem Sonderkonzert das TenHagen Quartett aus K\u00f6ln mit einem so ungew\u00f6hnlichen wie anspruchsvollen Programm als Streichquartett h\u00f6chsten Karats.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Altstadt im hessischen B\u00fcdingen z\u00e4hlt zu den sch\u00f6nsten mittelalterlichen Kulturdenkm\u00e4lern Deutschlands, und mit der gotischen Marienkirche beherbergt sie einen Konzertraum von erlesener Akustik und au\u00dfergew\u00f6hnlich erhabener Sch\u00f6nheit. Nat\u00fcrlich ist so ein hoher Kirchenraum nicht ohne T\u00fccken, wenn im schnellen Tempo manches Detail in tieferen Registern erst dann ans Ohr dringt, wenn bereits der n\u00e4chste hohe Ton erklingt. Da \u00fcberwiegend getragene St\u00fccke vorgetragen wurden, waren jedoch die auratischen Vorteile der Akustik weit mehr zu genie\u00dfen als manche kleine Undeutlichkeit durch \u00dcberlappen des Nachhalls st\u00f6ren konnte. Und die vier Musiker verstanden es, spontan damit umzugehen und extremste Durchsichtigkeit und Deutlichkeit walten zu lassen.<br \/>\nEin solches Quartettspiel h\u00f6rt man heute eigentlich nirgends. Die Musik wird mit einer logischen Verst\u00e4ndlichkeit erfasst, die an legend\u00e4re Vorbilder wie das Busch Quartett oder das Budapest Quartet denken l\u00e4sst. Und dann ist da eine Innigkeit und organische Entfaltung des Tonsatzes, die niemals auch nur die Gefahr trockener Gelehrtheit entstehen l\u00e4sst. Das TenHagen Quartett besteht aus vier Geschwistern, die in der Reihenfolge ihres Alters vor uns sitzen: Primaria Kathrin ten Hagen, die bereits als Solistin am Beginn einer vielversprechenden Karriere steht (sie hat eine exzellente Aufnahme des sehr herausfordernden Violinkonzerts von Anders Eliasson vorgelegt); Leonie ten Hagen als h\u00f6chst engagierte, energische und zugleich vor allem im Lyrischen aufbl\u00fchende zweite Geige; Borge ten Hagen als gem\u00fctsm\u00e4\u00dfiger Ruhepol der Formation, ein umsichtig, auf Balance des Gesamten bedachter Bratschist, der manchmal akustikbedingt ein wenig im Nachteil war; und der Cellist Malte ten Hagen, ein feines Beispiel an Ernsthaftigkeit, Akkuratesse und Tonsch\u00f6nheit bietend, und vor allem fast durchweg mit der seltenen Gabe ausgestattet, zwar deutlich vernehmbar seine Funktion wahrzunehmen, jedoch nicht aufgrund der gr\u00f6\u00dferen Klangmacht seines Instruments die anderen Stimmen zu verdecken \u2013 auch dann nicht, wenn es so richtig zu Sache geht!<br \/>\nMochte man bei den drei Kontrapunkten (Nr. 1, 10 und der unvollendete letzte) und dem Schlusschoral aus Bachs Kunst der Fuge noch W\u00fcnsche offen haben bez\u00fcglich der durchgehenden bezwingenden Entwicklung der Gedanken im so unglaublich komplexen vielstimmigen Satz, so ist doch zu sagen, dass dies zum Schwersten geh\u00f6rt, was die abendl\u00e4ndische Musik aufzubieten hat, und dass diese Auff\u00fchrung qualitativ weit \u00fcber dem agierte, was wir sonst auch von sehr prominenten Ensembles zu h\u00f6ren bekommen. Und wie der Abbruch des unvollendeten Kontrapunkts gestaltet wurde, lie\u00df einem geradezu den Atem stocken: kein Ausblenden der Dynamik, sondern ein Abrei\u00dfen inmitten einer soeben noch unaufhaltsam scheinenden Entwicklung, als n\u00e4hme der Tod dem Komponisten den Stift aus der Hand. Wenn die Musiker weiter an dieser Musik arbeiten, k\u00f6nnte ihnen gelingen, diese St\u00fccke in nicht allzu ferner Zeit exemplarisch auf Weltniveau vorzustellen, und ihr Beispiel w\u00fcrde Schule machen.<br \/>\nEs folgte die extrem d\u00fcster klingende Fassung des Komponisten f\u00fcr Streichtrio von Reinhard Schwarz-Schillings letztem, 1985 komponiertem Werk, der knappen, konzis konzentrierten Studie \u00fcber B-A-C-H, ein geradezu beklemmendes Bekenntnis zu einer Tradition, das gegen die Epoche des Klangeffekts um seiner selbst willen gerichtet ist und sich darin eine alle \u00c4u\u00dferlichkeit abweisende Welt geschaffen hat. Von Leonie, Borge und Malte ten Hagen wurde dieses kompromisslose kurze St\u00fcck, das keine technischen Anspr\u00fcche stellt und nur aus der Energie der Intervalle und ungesch\u00f6nten Dissonanzen lebt, mit bohrend fokussierter Strenge vorgetragen, aber auch mit einer tiefgr\u00fcndigen Sch\u00f6nheit, die suggestiv fesselte.<br \/>\nDanach geschah etwas, das sich mit Worten nicht beschreiben l\u00e4sst. Das Adagio aus Beethovens zweitem Rassumovsky-Quartett op. 59 Nr. 2, in welchem sich auch Permutationen des B-A-C-H aufsp\u00fcren lassen, gelang in einer Vollendung, wie ich es noch nie geh\u00f6rt habe. Die Zeit blieb stehen in einem breiten Tempo, das niemals auch nur den Anflug von Statik vermittelte, sondern mit einer verfeinerten, subtilst abschattierten und noblen sanglichen Emphase vorgetragen wurde, dass sich alle herrlichen Details zu einem unwiderstehlichen Ganzen f\u00fcgten. Die H\u00f6rer folgten den Musikern in eine entr\u00fcckte Welt, die eben nicht Flucht aus der Realit\u00e4t ist, sondern den Menschen an sein Innerstes f\u00fchrt. Es war ein Akt purer Transzendenz. Vielleicht, so meinten manche in der Pause, haben wir ja hier an einer Initiation teilgenommen, die uns das stilpr\u00e4gende Beethoven-Quartett einer wahrhaft vielversprechenden Zukunft entdecken lie\u00df (noch haben die TenHagens keine offizielle Aufnahme gemacht, aber sie sind ja auch noch jung, und man kann nur staunen, welche Reife und selbstlose Hingabe an die Musik sie bereits jetzt auszeichnen, woran die Kurse beim legend\u00e4ren Altmeister Eberhard Feltz gewiss einigen Anteil haben).<br \/>\nNach der Pause spielten Leonie und Borge ten Hagen zun\u00e4chst die Canzonetta No. 1 vom gro\u00dfen Neuseel\u00e4nder Douglas Lilburn, dessen hundertster Geburtstag am 2. November gefeiert wurde. Hier war es nun die vollendete Schlichtheit des Gesangs der zweiten Geige, begleitet von durchgehenden Pizzicato-Arpeggien der Bratsche, die die H\u00f6rer nach dem Beethoven-Himmel in einen neuseel\u00e4ndischen Himmel (man kann es kaum anders beschreiben\u2026) mitnahmen \u2013 von einer tiefen, anr\u00fchrenden und eben nicht sentimentalen Verinnerlichung des Ausdrucks getragen, und dabei leicht wie ein sanfter Windhauch, der zwischendurch etwas kr\u00e4ftiger wird und dann in die Stille m\u00fcndet. Danach spielte Kathrin ten Hagen die Chaconne von Johann Sebastian Bach \u2013 w\u00fcrdig einer gro\u00dfen Geigerin, die keinen Vergleich zu scheuen braucht. Von manchen Traditionen und \u00fcberlieferten Konzepten kann sie sich mit der Zeit noch befreien, doch hat sie alles Zeug, um zu einer \u00fcberragenden Gestalt heranzureifen, und m\u00f6ge ihre Charakterst\u00e4rke ihr helfen, mit der Bewunderung, die ihr Spiel ausl\u00f6st, auf nat\u00fcrlichste und davon nicht zu beeindruckende Weise umzugehen.<br \/>\nWie sollte nach all dem noch der H\u00f6hepunkt des Konzerts folgen? Ja, er folgte, und man kann es nur als ein Wunder bezeichnen, denn die Musiker hatten erst einen Monat zuvor erfahren, dass sie mit dem 1932 entstanden Streichquartett in f-moll von Reinhard Schwarz-Schilling eines der kompliziertesten, herausforderndsten Werke der Quartettliteratur spielen sollten, als \u201eEinspringer\u201c! Diesen gutwilligen Bonus brauchten sie nicht, als sie das vierzigmin\u00fctige, dreis\u00e4tzige Werk, eine auf die Tomsatz-Essenz reduzierte Symphonie f\u00fcr vier Instrumente, einem Publikum nahebrachten, in dem viele Kenner und durchaus auch einige Skeptiker sa\u00dfen. Introduktion und Fuge als Kopfsatz, dann ein gro\u00dfes, am ehesten als brucknerisch zu bezeichnendes Adagio, und ein h\u00f6chst komplexes, zyklisch verbundenes Finale. Nicht ein H\u00f6rer, der diesmal nicht begriffen h\u00e4tte, dass es sich hier um ein zeitloses Meisterwerk handelt, um ein Gipfelwerk abendl\u00e4ndischer Tradition, wie eine gewaltige Zusammenfassung der Elemente Bachs, Beethovens, Bruckners und Kaminskis in einer zwar Dur-Moll-tonalen Sprache (stark molldurchtr\u00e4nkt!), jedoch in der dramatischen Expressivit\u00e4t zugleich unbestreitbar Dokument der expressionistischen Epoche mit intensiv tragischer T\u00f6nung, und mit einer archaischen Kraft und Erz\u00e4hlkunst, die manchen an eine antike Trag\u00f6die denken lie\u00df. Hier werden alle Aspekte der Quartettkunst gefordert, extreme Selbst\u00e4ndigkeit der vier Stimmen und zugleich vollkommene Verschmelzung, heroischer Ausdruck und lyrische Intimit\u00e4t, romantische Breite und Sch\u00f6nheit und pr\u00e4zise-musikantische Zuspitzung der rhythmischen Komplikationen, kollektives Rubato in eng verzahntem Kontrapunkt, kraftvoll flammende Melismatik mit fast orientalischer Eleganz, wuchtigstes Pesante und \u00fcberirdische Leichtigkeit, und \u00fcber all dem die Entwicklung der durchgehenden organischen Formung, des bezwingenden Zusammenhangs.\u00a0 Die Konzentration hielt bis zum Schluss bei Aus\u00fcbenden und Zuh\u00f6renden, schien fast noch zuzunehmen, mit zum Bersten ausgereizter Spannung an den H\u00f6hepunkten, mit Phasen meditativer Versenkung, die einige an Arvo P\u00e4rt (!) erinnerten, in unerh\u00f6rtem Wechsel vom Explosiven zum Schwerelosen, vom stringent Dr\u00e4ngenden zum momentweisen Erreichen eines Elysiums. Gro\u00dfartiger kann Quartettkunst eigentlich nicht sein, und doch bin ich sicher, dass dieses Quartett, macht es so offenen Ohrs und Gem\u00fcts weiter, uns noch ungeahnte Dimensionen des Ausdrucks und dar\u00fcber hinaus er\u00f6ffnen wird. Ein so ersch\u00fctterndes wie anr\u00fchrendes und begl\u00fcckendes Erlebnis transzendenten Musizierens.<br \/>\nNicht vergessen seien zwei Orgelwerke im ersten Teil \u2013 zu Beginn des Konzerts Bachs Fuga sopra Magnificat und (nach der B-A-C-H-Studie) Schwarz-Schillings nichts weniger als gro\u00dfartiges Pr\u00e4ludium und Fuge \u2013, die von der jungen, hochbegabten Organistin Geraldine Groenendijk in erfrischend klarer, erstaunlich innerlich erfasster Weise und mit geschmackvoll-pr\u00e4chtiger Registrierung vorgetragen wurden.<br \/>\nSo sollten unsere Konzertprogramme \u00f6fter zusammengestellt und aufgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, November 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das TenHagen Quartett spielt Schwarz-Schilling, Beethoven, Bach und Lilburn In der Marienkirche B\u00fcdingen \u00fcberraschte am Freitagabend in einem Sonderkonzert das TenHagen Quartett aus K\u00f6ln mit einem so ungew\u00f6hnlichen wie anspruchsvollen Programm als Streichquartett h\u00f6chsten Karats. 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