{"id":2557,"date":"2018-06-11T18:15:34","date_gmt":"2018-06-11T16:15:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2557"},"modified":"2018-06-24T09:16:10","modified_gmt":"2018-06-24T07:16:10","slug":"ein-triumph-fuer-helmut-lachenmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/06\/11\/ein-triumph-fuer-helmut-lachenmann\/","title":{"rendered":"Ein Triumph f\u00fcr Helmut Lachenmann"},"content":{"rendered":"<p><strong>Musica Viva: Herkulessaal, M\u00fcnchen; Helmut Lachenmann; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Peter E\u00f6tv\u00f6s (Leitung), Pierre-Laurent Aimard (Klavier)<\/strong><\/p>\n<pre><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Probenfoto-Lachenmann.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-2558\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Probenfoto-Lachenmann.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"334\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Probenfoto-Lachenmann.jpg 1000w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Probenfoto-Lachenmann-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Probenfoto-Lachenmann-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a>Helmut Lachenmann und Peter E\u00f6tv\u00f6s (Foto von: Astrid Ackermann)<\/pre>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Auch Anfang Juni 2018 bietet die musica viva wieder drei Konzerte. Heute (9.6.) noch das Stifterkonzert mit dem Chamber Orchestra of Europe, gestern und vorgestern zweimal \u2013 was ziemlich ungew\u00f6hnlich ist \u2013 ein ausschlie\u00dflich Werken Helmut Lachenmanns (* 1935) gewidmetes Programm im Herkulessaal, darunter die Urauff\u00fchrung der 36-min\u00fctigen Musik f\u00fcr acht H\u00f6rner und Orchester \u201eMy Melodies\u201c. Letztere wurde zu einem Triumph f\u00fcr den Komponisten. Ich besuchte die zweite Auff\u00fchrung am Freitag, dem 8.6.2018.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Helmut Lachenmann galt ja \u00fcber Jahrzehnte als ein Komponist, der v\u00f6llig non-konformistisch f\u00fcr eine <em>\u00c4sthetik der Verweigerung <\/em>stand. Nicht nur erwartete er von seinem Publikum ein offenes Ohr f\u00fcr g\u00e4nzlich neuartige Kl\u00e4nge \u2013 an sich noch kein Alleinstellungsmerkmal. Vielmehr liefen auch derart viele sichtbare Aktionen der ausf\u00fchrenden Musiker h\u00f6rbar gewisserma\u00dfen \u201eins Leere\u201c, was schon ungemein provozieren konnte, aber den Blick des H\u00f6rers auf sich selbst als oft nur Konsumierenden frei legte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Orchesterkonzert im Herkulessaal beginnt mit einem Werk f\u00fcr Klavier solo, der halbst\u00fcndigen <em>Serynade <\/em>von 1997\/98, Lachenmanns Frau Yukiko Sugawara gewidmet. Pierre-Laurent Aimard spielt auf seinem eigens mitgebrachten Fl\u00fcgel mit bewundernswerter Genauigkeit und Hingabe dieses Kaleidoskop ausgefeiltester (Nach-)kl\u00e4nge. Denn nicht die zahlreichen, oft gro\u00dffl\u00e4chigen Cluster spielen hier die Hauptrolle, vielmehr die \u2013 mit meist vorher stumm niedergedr\u00fcckten Tonkombinationen initiierten \u2013 durch pr\u00e4ziseste Pedalisierung erzwungenen Resonanzen, die dann, quasi im Raum schwebend, \u00fcbrig bleiben. Man hatte sich mit Einverst\u00e4ndnis des Komponisten f\u00fcr eine f\u00fcr mein Empfinden etwas zu offensichtliche Verst\u00e4rkung entschieden, um dies alles in dem gro\u00dfen Saal h\u00f6rbar zu machen. Faszinierend, welch unerwartete Welten sich hier trotz weitestgehend \u201akonventioneller\u2018 Bedienung des Instruments (ja, es gibt ein paar einzelne, pr\u00e4parierte T\u00f6ne) sich hier auftun. Das St\u00fcck zerf\u00e4llt allerdings im Verlauf zunehmend in Einzelereignisse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danach kommt ein recht kurzes, daf\u00fcr umso kurzweiligeres und bissiges St\u00fcck, <em>Marche fatale<\/em> in der Fassung f\u00fcr gro\u00dfes Orchester. Der erste H\u00f6reindruck, es handele sich um eine allzu effektvolle, geradezu vordergr\u00fcndige Marschadaption mit einigen bekannten Zitaten, t\u00e4uscht. Diese Collage stellt vielmehr den Marsch an sich als eine irgendwie faschistoide \u201eHandlung\u201c dar. Mit Verfremdungen innerhalb der erwartbaren periodischen Struktur, einer lustvoll \u00fcberzeichneten Instrumentation (Celesta!) mit Betonung bestimmter Formanten und einer Augmentation ins Riesenhafte, die im Halse stecken bleibt, wird der Marsch als selbstbetr\u00fcgerische Huldigung an jedwedes Herrschaftssystem derart l\u00e4cherlich gemacht, dass sich der Rezipient ernsthaft die Frage stellen muss, was das in einem Konzertrahmen \u00fcberhaupt zu suchen hat. Dass dies ohne erhobenen Zeigefinger mit rein musikalischen Mitteln geschieht, ist wieder typisch f\u00fcr Lachenmanns Kunst der <em>Nicht-Musik<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause dann das lang erwartete St\u00fcck f\u00fcr acht Soloh\u00f6rner und Orchester. Tats\u00e4chlich ist <em>My Melodies<\/em> ein Konzertst\u00fcck, indem die acht wunderbaren Solisten des BR-Symphonieorchesters inklusive einer Stipendiatin \u2013 kurzfristig bestens von <em>Hildegard Sch\u00f6n<\/em> einstudiert \u2013 zwar zwischendurch immer mal f\u00fcr etliche Takte pausieren, aber als Ensemble wie ein <em>Apparat <\/em>(Lachenmann) sprechen und alles auszukosten scheinen, was \u00fcberhaupt auf dem Horn m\u00f6glich ist. Auch das \u00fcbrige, gro\u00dfbesetzte Orchester (allein 8 Schlagzeuger) nutzt ein gigantisches Spektrum klanglicher M\u00f6glichkeiten. Und das einzige Moment an Verweigerungshaltung besteht hier wohl in Lachenmanns Anspruch, sich nicht auf seinem reichen Erfahrungsschatz auszuruhen, sondern offenkundig st\u00e4ndig Neues, Ungewohntes zu erfinden und das Publikum unentwegt wach zu halten. Hier gibt es Witziges, Skurriles, einen \u201egro\u00dfen Atem\u201c (ganz w\u00f6rtlich zu nehmen), T\u00e4nzerisches, aber auch tiefenpsychologisch gro\u00dfartige Ausdeutungen und blendend orchestral umgesetzte Gesten \u2013 so etwa der f\u00fcr meine Ohren dann trotz aller Opulenz im Hornensemble \u201ever\u00e4ngstigte\u201c Schluss. H\u00f6chstes Lob nat\u00fcrlich auch an den wie immer souver\u00e4n und entspannt agierenden Dirigenten <em>Peter E\u00f6tv\u00f6s<\/em>, unter dessen H\u00e4nden sich die Musiker so sicher wie in Abrahams Scho\u00df f\u00fchlen d\u00fcrfen. Die 36 Minuten vergehen wie im Fluge, Publikum wie Darbietende geben sich gerne Lachenmanns versprochenem Wechselbad hin, Langeweile existiert f\u00fcr keine Sekunde. <em>My Melodies<\/em> ist schlicht gro\u00dfartig und wird ja auch von anderen bedeutenden Klangk\u00f6rpern gespielt werden. Man sollte dem Komponisten hier nicht vorschnell eine gewisse Altersmilde unterstellen: Da ist noch so viel Biss drin! R\u00fchrend, wie Lachenmann am Schluss am liebsten das gesamte Orchester in den Arm nehmen m\u00f6chte, echte Begeisterung beim Publikum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0<strong>[Martin Blaumeiser, Juni 2018]<\/strong><\/p>\n<pre><a href=\"https:\/\/partner.jpc.de\/go.cgi?pid=116&amp;wmid=cc&amp;cpid=1&amp;target=https:\/\/www.jpc.de\/s\/helmut+lachenmann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><img src=\"https:\/\/media1.jpc.de\/image\/w440\/front\/0\/4260063114243.jpg\" width=\"100\" \/>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Helmut Lachenmann bei jpc<\/strong><\/a><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musica Viva: Herkulessaal, M\u00fcnchen; Helmut Lachenmann; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Peter E\u00f6tv\u00f6s (Leitung), Pierre-Laurent Aimard (Klavier) Helmut Lachenmann und Peter E\u00f6tv\u00f6s (Foto von: Astrid Ackermann) Auch Anfang Juni 2018 bietet die musica viva wieder drei Konzerte. 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