{"id":2643,"date":"2018-07-03T21:40:18","date_gmt":"2018-07-03T19:40:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2643"},"modified":"2018-07-03T21:40:18","modified_gmt":"2018-07-03T19:40:18","slug":"magische-floetenklaenge-an-der-mosel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/07\/03\/magische-floetenklaenge-an-der-mosel\/","title":{"rendered":"Magische Fl\u00f6tenkl\u00e4nge an der Mosel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Das Theater Trier brachte DIE ZAUBERFL\u00d6TE von Wolfgang Amadeus Mozart, in einer Inszenierung von Heinz-Lukas Kindermann am 28. Juni 2018 zum vorletzten Mal zur Auff\u00fchrung. Das Philharmonische Orchester der Stadt Trier wirkt ebenso mit wie die Statisterie (einstudiert von Christian Niegl) und der Opernchor und Extrachor des Theater Trier unter Leitung von Generalmusikdirektor Victor Puhl. Die B\u00fchne machte Heinz Hauser, Carola Vollath war f\u00fcr Kost\u00fcme verantwortlich, die Choreographie stammte von Darwin Jos\u00e9 Diaz Carrero und Robert Przybyl. Die Rollen waren folgenderma\u00dfen besetzt: Sarastro: Irakli Atanelishvili, Tamino: James Elliot, Papageno: Bonko Karadjov, K\u00f6nigin der Nacht: Frauke Burg, Pamina, deren Tochter: Eva Maria Amann, Monostatos: Fritz Spengler, Erste Dame: Evelyn Czesla, Zweite Dame: Sotiria Giannoudi, Dritte Dame: Silvia Lefringhausen, Sprecher: Franz Grundheber, Erster Priester: Carsten Emmerich, Zweiter Priester: Fernando Gelaf, Erster Knabe: Tobias Stephanus, Zweiter Knabe: H\u00e9loise Neuberg, Dritter Knabe: Miao Yan Law, Altes Weib (Papagena): Helena Steiner, Erster geharnischter Mann: Gor Arsenyan, Zweiter geharnischter Mann: L\u00e1szl\u00f3 Luk\u00e1cs.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Zauberfl\u00f6te in heutigen Zeiten zu inszenieren, erscheint auf den ersten Blick wie ein aussichtsloses Unterfangen. Auch nach \u00fcber 200 Jahren erfreut sich das letzte B\u00fchnenwerk Mozarts ungebrochener Beliebtheit, was es schwierig macht, eine originelle und erfrischende Inszenierung auf die Beine zu stellen. Nichts desto weniger unternahm das Theater Trier zum Abschluss seiner Saison 2017\/18 genau diesen Versuch. Heraus kam eine gleicherma\u00dfen interessante, ja kluge, und durchaus phantasievolle Adaption jener Oper, die der ehemalige Intendant des Theaters dieser Stadt, Heinz-Lukas Kindermann, hervorbrachte. Dieser Regisseur, immerhin schon \u00fcber achtzig Jahre alt, hat nicht nur die Antikenfestspiele Triers ins Leben gerufen, sondern wirkt dar\u00fcber hinaus (wie sich aus dem informativen, aber nicht \u00fcberladenen Programmheft entnehmen l\u00e4sst) regelm\u00e4\u00dfig in Wien, unter anderem als Pr\u00e4sident des \u00f6sterreich-bayerischen Forums, das sich f\u00fcr die Bewahrung ber\u00fchmter Opernb\u00fcsten und Fresken einsetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Was geschah nun in der Trierer Zauberfl\u00f6te? Statt konservativem Pomp oder minimalistisch-\u201emoderner\u201c Kargheit kam hier ein reflektiertes und stellenweise auch schillerndes Szenario zum Vorschein, das die Phantasie der Kinder anregt und Erwachsene zum Nachdenken einl\u00e4dt. Das B\u00fchnenbild ziert vor allem ein gro\u00dfdimensionierter Spiegel, der nicht nur verschiedenste Effekte erzielte (in Verkn\u00fcpfung mit \u00fcbriger B\u00fchnentechnik), sondern auch eine symbolische Hintergr\u00fcndigkeit evoziert, gleichsam, als solle sich jeder einzelne Charakter dieses Singspiels immer wieder reflektieren. Auch andere Facetten der Inszenierung fallen positiv auf: Bei der Arie \u201eWie stark ist nicht dein Zauberton\u201c war es seit Schikaneders Zeiten zumeist \u00fcblich, Menschen in allerlei Tierkost\u00fcmen tanzen zu lassen. Kindermann jedoch projiziert stattdessen leuchtende Augenpaare in den Hintergrund, was der recht heiteren Arie eine dunklere, unheimlichere Str\u00f6mung verleiht und angenehm kitschfrei wirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Reflektiert, ja eigenwillig, wirken denn auch die Kost\u00fcme: Zwar bekommt man den Eindruck, als h\u00e4tte sich Carola Vollath haupts\u00e4chlich an Kleidungen des sp\u00e4tviktorianischen England orientiert. Das allein w\u00e4re aber zu kurz gedacht. Nahezu jede Szene ist gekennzeichnet durch einen detailgenauen Wechsel der Kost\u00fcme, welche den Fortgang der Handlung nachempfinden. Tr\u00e4gt etwa Tamino zu Beginn der Oper noch ein schlichtes Streifenhemd mit einer Latzhose dazu, so zeichnet der edle wei\u00dfe Umhang am Ende den Helden aus, der seine Pr\u00fcfungen nun endg\u00fcltig bestanden hat. Auch die Choreographie der beiden T\u00e4nzer Darwin Jos\u00e9 Diaz Carrero und Robert Przybyl hatten ihre besondere Note. Sparsam eingesetzt, sorgten deren Bewegungsmuster f\u00fcr kr\u00e4ftig-eigenst\u00e4ndige Akzente, mal f\u00fcr ein Schmunzeln, mal f\u00fcr Nachdenklichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">An M\u00fchen und Kosten wurde nicht gegeizt, was f\u00fcr ein vergleichsweise kleines Theater wie das von Trier doch beachtlich ist. Auch musikalisch und schauspielerisch merkte man nahezu jedem Mitwirkenden seine Freude an, was vielleicht auch der Tatsache zu verdanken ist, dass es sich hierbei um die letzte Produktion unter der Stabf\u00fchrung von Generalmusikdirektor Victor Puhl handelt. So erklang etwa die Ouvert\u00fcre unter seinem Dirigat sehr z\u00fcgig und schwungvoll. Einzelne Instrumente leuchteten hier besonders hervor, so etwa die Fl\u00f6ten oder die Oboen, und glichen ein paar wenige L\u00e4ufe im Seitenthema aus, die \u00fcbereilt vor\u00fcberhuschten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In der ersten Nummer sind es dann die drei Damen Evelyn Czesla, Sotiria Giannoudi und Silvia Lefringhausen, welche stimmlich gut miteinander verschmolzen und auch sichtlich ihre Freude daran hatten, als personifizierte Vamps aus dem Variet\u00e9 verf\u00fchrerisch aufzutreten. Heimlicher Star des Abends war Bonko Karadjov, der m\u00fchelos die meisten Lacher der Zuschauer f\u00fcr sich zu gewinnen verstand. Sei es in der ber\u00fchmten \u201eVogelf\u00e4nger\u201c-Arie, die als kleine \u00dcberraschung einen alternativen Text von Michael Ende enth\u00e4lt, sei es aber auch in \u201eBei M\u00e4nnern, welche Liebe f\u00fchlen\u201c, in der seine robuste und kantige Stimme auch lyrisch wurde und sehr sch\u00f6n mit seiner Partnerin Eva Maria Amann harmonierte. Seinen kom\u00f6diantischen H\u00f6hepunkt jedoch fand Karadjov in \u201eEin M\u00e4dchen oder Weibchen\u201c, was er zu einer wahren Farce umgestaltete. So schnappte sich der S\u00e4nger keck den Taktierstab von Monsieur Puhl und bot seine eigene Version dieser heutzutage etwas bieder erscheinenden Arie, was dann selbstbewusst l\u00e4cherlich und sympathisch wirkte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nicht zu vergessen sei sein Kompagnon James Elliot als Tamino. Hatte dieser anfangs noch seine Schwierigkeiten, so war dies sp\u00e4testens bei der \u201eBildnisarie\u201c vergessen: Hier zeigte sich sein lyrisch-einf\u00fchlsamer und zugleich energischer Tenor englischer Schule. \u00dcberhaupt wuchs er den Abend stets \u00fcber sich hinaus, auch schauspielerisch, und erwies sich als zuverl\u00e4ssiger und musikalischer Partner gerade in Ensemblenummern. Am eindrucksvollsten zeigte sich dies im langen Dialog mit dem Sprecher der Eingeweihten, wo Mozart ein begleitetes Rezitativ komponierte. Hier konnte das Theater einen prominenten Gast und geb\u00fcrtigen Trierer an jenem Donnerstag begr\u00fc\u00dfen: Franz Grundheber, der hier trotz seines hohen Alters einen starken und einpr\u00e4gsamen Auftritt hinlegt. Als ungew\u00f6hnlich und jenseits vieler g\u00e4ngiger Darstellungsmuster erwies sich die K\u00f6nigin der Nacht, Frauke Burg. So erschien ihr erster Auftritt in \u201eOh zittre nicht\u201c nur anfangs als \u201egrandios\u201c. In Wahrheit wirkte sie wie eine fremde Macht, nicht von dieser Welt, ein Eindruck, den Burg durch ihre fluoreszierend-helle Stimme und ihre sichere F\u00fchrung unterstrich. Schade nur, dass nicht nur an dieser Stelle das B\u00fchnenbild einen erheblichen Haken offenbarte: So wirkungsvoll der Spiegel optisch war, so problematisch erwies er sich f\u00fcr viele S\u00e4nger, die dahinter agierten, was sich auf die Textverst\u00e4ndlichkeit auswirkte. Wie gut, dass dann die H\u00f6llenarie auf dem vorderen B\u00fchnenteil stattfand: Hier offenbarte Frauke Burg eine ganz andere Seite: Die rachs\u00fcchtige und zugleich um ihre Macht f\u00fcrchtende K\u00f6nigin verk\u00f6rpert sie hier voll und ganz \u00fcberzeugend. Anstatt auf blo\u00dfe Bravour zu setzen, wie dies einige Koloratursopr\u00e4ne tun, verstand es Frauke Burg von Anfang bis Ende, G\u00e4nsehaut sowie einen Klang voll d\u00fcsterer Energie und eine Spannungskurve zu erzeugen, wozu ihre bewussten Rubati beitrugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Als ebenb\u00fcrtiger Gegenpol agierte Eva Maria Amman als Pamina: Mit ihrer vollen und intonationssicheren Stimme wusste sie sich auf vielf\u00e4ltige Weise in Szene zu setzen. Ihren gr\u00f6\u00dften Auftritt jedoch hatte sie in \u201eAch, ich f\u00fchls\u201c. Die todtraurige Stimmung dieser Arie \u00fcber den scheinbaren Verlust der Liebe wusste sie nicht nur einzufangen, sondern auch erlebbar zu machen. Bis in die kleinste dynamische Facette sang, rief und hauchte sie ihre T\u00f6ne voller musikalischer Inbrunst aus. Wiederum als Antipode trat ihr erster Partner des Abends, Fritz Spengler als durchtriebener Moor Monostatos auf. Hier erwies es sich als originelle Idee, statt dem \u00fcblichen Spieltenor einen Countertenor zu nehmen. Spengler versteht es, durch die helle Sopranlage seiner Stimme, der Figur eine ironische Leichtigkeit zu verpassen, hinter der Komplexe und Abgr\u00fcnde lauern. Sp\u00e4testens in seiner Arie \u201eAlles f\u00fchlt der Liebe Freunden\u201c wird das deutlich: Hier zeigte der junge Countertenor, was Monostatos eigentlich umtreibt: Er m\u00f6chte lieben und geliebt werden, was ihm seinerzeit allerdings allein wegen seiner Hautfarbe verwehrt blieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Als Sarastro bestach der georgische S\u00e4nger Irakli Atanelishvili. Zwar merkte man ihm seinen sprachlichen Akzent deutlich an, dem musikalischen Genuss tat das jedoch keinen Abbruch. Sowohl bei \u201eO Isis und Osiris\u201c als auch bei \u201eIn diesen heil\u00b4gen Hallen\u201c sang er gleicherma\u00dfen kr\u00e4ftig und sonor und mit runder Stimmf\u00fchrung, auch strahlte er trotz seines jungen Alters schon die Autorit\u00e4t aus, welche zum Charakter des Sarastro dazugeh\u00f6rt. Pr\u00e4sent, aber auch nicht allzu drollig, sind die drei Knaben auf der B\u00fchne. Auch wenn deren h\u00f6chste Stimme manchmal M\u00fche hat, hervorzutreten, so waren die Kinder doch sorgf\u00e4ltig einstudiert. Leider herrschte bei den zwei Geharnischten ein klangliches Ungleichgewicht, hier war es der tiefere der beiden, welcher sich nicht so recht durchzusetzen vermochte, obgleich ja sonst alles stimmte. Auch geriet hier die Begleitung durch das sonst so grundsolide Orchester matt, da der Fluss innerhalb der Polyphonie etwas fehlte. Umso erfreulicher dann der gro\u00dfe Schlussauftritt Papagenos, indem dann auch die junge Helena Steiner als Papagena sich stimmlich entfalten durfte und davor eine Spiellust offenbarte, die einen zum Schmunzeln bringt. Und was w\u00e4re schlie\u00dflich eine Zauberfl\u00f6te ohne Chor? Hier sorgte der verst\u00e4rkte Opernchor des Theater Trier f\u00fcr einige gro\u00dfe Auftritte sowie einen wirkungsvollen Schluss, insbesondere die M\u00e4nnerstimmen \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Fazit: Nat\u00fcrlich handelt es sich bei diesem Theater nicht um ein gro\u00dfes Opernhaus wie beispielsweise in Wien, was entsprechend bemerkbar wird, und doch haben die Trierer doch eine mehr als beachtliche, unverkrampfte und alles andere als herk\u00f6mmliche Zauberfl\u00f6te kreiert und damit anderthalb Monate lang f\u00fcr ein ausverkauftes Haus gesorgt \u2013 zu Recht, wenn man alleine die Leistungen von diesem Abend bedenkt, an dem das Publikum schon gar nicht mehr aufh\u00f6ren wollte zu applaudieren. Emmanuel Schikaneder und Mozart w\u00e4ren sicher stolz auf so viel Zuspruch gewesen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Peter Fr\u00f6hlich, Juli 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Theater Trier brachte DIE ZAUBERFL\u00d6TE von Wolfgang Amadeus Mozart, in einer Inszenierung von Heinz-Lukas Kindermann am 28. Juni 2018 zum vorletzten Mal zur Auff\u00fchrung. 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