{"id":2671,"date":"2018-07-17T15:39:13","date_gmt":"2018-07-17T13:39:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2671"},"modified":"2018-07-17T15:39:13","modified_gmt":"2018-07-17T13:39:13","slug":"alpenmusik-im-hohen-norden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/07\/17\/alpenmusik-im-hohen-norden\/","title":{"rendered":"Alpenmusik im hohen Norden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Die Norddeutsche Orchesterakademie feierte unter der Leitung von Kiril Stankow den Abschluss ihrer ersten Proben- und Konzertphase mit einem Konzert im gro\u00dfen Saal der Hamburger Elbphilharmonie am Sonntag, den 8. Juli 2018, um 20:00 Uhr. Hierbei spielten die Musiker der Akademie das Konzert f\u00fcr Violine und Orchester op. 35 von Erich Wolfgang Korngold sowie die Alpensinfonie op. 64 von Richard Strauss. Solist an der Violine war Zsolt-Tiham\u00e9r Visontay.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wessen Traum w\u00e4re es nicht, in der sogenannten \u201eSahneschnitte\u201c Hamburgs, n\u00e4mlich der Elbphilharmonie, ein Konzert zu erleben oder gar selbst zu geben. Dieser Traum erf\u00fcllte sich nun am vergangenen Sonntag f\u00fcr 140 Musikerinnen und Musiker aus aller Welt, eine bunte Mischung aus Laien, Studenten und Profis zwischen 18 und 74 Jahren. Nach einem ersten Auftritt am Tag zuvor in Neubrandenburg brachten sie hier ihr allererstes Projekt kr\u00f6nend zu Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Dazu suchten sich die Musiker ein wirkungsvolles Programm aus: Die gewaltige Alpensinfonie von Richard Strauss steht neben dem mittlerweile bekannt gewordenen Violinkonzert Erich Wolfgang Korngolds, den Strauss nicht zu Unrecht als ein \u201efr\u00fchreifes Genie\u201c bezeichnete. Man sollte sich aber h\u00fcten zu denken, jene zwei (in ihrer Geschichte h\u00e4ufig untersch\u00e4tzten) Werke seien nur zu rein \u00e4u\u00dferlichen Zwecken gew\u00e4hlt worden, denn es steckt viel mehr Herzblut dahinter, als es beim H\u00f6ren des Programms den Anschein haben k\u00f6nnte. Sowohl die intensive musikalische Vorbereitung als auch das Management und nicht zuletzt der Abend selbst belegten das Engagement dieses Projektes, das in Hamburg seinen Abschluss gefunden. Von ebenso viel Hingabe zeugt das hintergr\u00fcndig und phantasievoll gestaltete und geschriebene Programmheft, ohne dabei den Laien zu \u00fcber- und den Kundigen zu unterfordern. Es enth\u00e4lt einen kurzen, aber pr\u00e4gnanten Einblick in die Entstehung des Violinkonzerts, wenngleich vernachl\u00e4ssigt wird, dass der zur Zeit des Nationalsozialismus aus Europa verbannte Jude Korngold seine k\u00fcnstlerische Erf\u00fcllung mit diesem Konzert wiederfand. Auch besticht es u.a. durch ein Interview mit dem Dirigenten Kiril Stankow, einem Absolventen der Musikhochschule Weimar, worin dieser sein k\u00fcnstlerisches Credo offenbart: \u201eWir tauchen ein und geben uns der Suche hin.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Ein sehr treffendes Motto f\u00fcr diesen gelungenen Abend; schon w\u00e4hrend der ersten Kl\u00e4nge bannten die Instrumentalistn die Aufmerksamkeit auf ihr Forschen und Entdecken in der Musik: Der erste Satz des Konzerts, <em>Moderato nobile<\/em>, klang bis in die letzte Nuance durchdacht und schillerte regelrecht, Stankow und die Musiker betonten den rhapsodischen Charakter des Konzertes frei. Dass dieses Werk bei aller Virtuosit\u00e4t und allem Filmmusikanklang dennoch lyrisch und anspruchsvoll sei, wie Ulrike Timm in ihrem Heftbeitrag schrieb, zeigt allein der junge Geiger Zsolt-Tiham\u00e9r Visontay. Dieser verstand es, die meisten Feinheiten seines Parts sch\u00f6n und ausdrucksvoll zu musizieren und agierte mit dem Orchester absolut ebenb\u00fcrtig. Dass viele Kritiker und Kollegen Korngold diesen Ausflug in die vermeintliche Trivialit\u00e4t der leichten Muse nicht verziehen, mochte seiner Zeit geschuldet sein, ist im heutigen Stilpluralismus allerdings unverst\u00e4ndlich. Vor allem an diesem Abend, wo s\u00e4mtliche Mitwirkende und der Solist das Konzert mit allem Bewusstsein, in den Tempi nie \u00fcberhetzt und dezent in s\u00e4mtlicher Dynamik ert\u00f6nen lie\u00dfen. Lediglich einige Spitzent\u00f6ne gerieten Visontay bei genauem Hinh\u00f6ren nicht ganz sauber, \u00fcberartikulierte er manch wenige T\u00f6ne durch \u00fcberdeutliches Vibrato. Dies alles sind jedoch Lappalien, die den Gesamteindruck des Konzertes in keiner Weise tr\u00fcbten, was auch der Applaus zwischen den einzelnen S\u00e4tzen verriet. Der Schluss des ersten Satzes gelang den Musikern eindrucksvoll, allein die makabren Glissandi der Streicher am Ende klangen keineswegs vulg\u00e4r. Der zweite Satz, die <em>Romance<\/em>, war ein einziges Idyll, so hauchzart spielten alle miteinander. Und das Finale <em>Allegro assai vivace <\/em>mit dem ber\u00fchmten Zitat aus <em>The Prince and the Pauper<\/em> \u00fcberw\u00e4ltigte. Nirgendwo klang es \u00fcberhetzt, daf\u00fcr h\u00f6rte man die Spielfreude von vorne bis hinten durch. Selbst in den noch so heroischen Stellen klang der Schlusssatz keineswegs plakativ, sondern durchdacht und zugleich lebendig, nicht zuletzt dank solch unscheinbarer Details wie der leisen Glockenschl\u00e4ge, die hier fein herausklangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Ohne Zweifel wussten alle die tats\u00e4chlich einzigartige Akustik der Elbphilharmonie zu nutzen. Allerdings klang das durchsichtig instrumentierte Konzert in dieser Atmosph\u00e4re etwas \u201ezu perfekt\u201c: Zwar brillierte der Klang lupenrein und makellos, jedoch fehlten gewisse Ecken und Kanten des spontanen Musizierens, so dass ein leicht steriler Beigeschmack blieb. Aber auch dies sei nur am Rande erw\u00e4hnt und war sp\u00e4testens bei der Alpensinfonie schnell vergessen: Zwar wirkte deren Beginn, die <em>Nacht<\/em>, nach dem wunderbar fahlen Fagottsol, etwas zu direkt in den Posaunen, die den motivisch zentralen Choral noch etwas mystischer h\u00e4tten gestalten k\u00f6nnen; aber sp\u00e4testens beim Sonnenaufgang wurde die Darbietung dieses Werkes zu einer Offenbarung. Ab jetzt entfaltete sich die komplette Norddeutsche Orchesterakademie mit hinrei\u00dfender Energie und tauchte zusammen mit Kiril Stankow in die \u00fcppigen Farben dieses Werks ein. Es war, als erf\u00fclle sich der philosophische Anspruch der Selbstreinigung und -erh\u00f6hung, den der Nietzsche-Kenner Richard Strauss mit seiner Sinfonie hegte (wie Sebastian Handke im Programmheftbeitrag es ausf\u00fchrte).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Jedes Instrument lie\u00df sich mitrei\u00dfen, selbst die filigranen Harfen waren im vollen Klangk\u00f6rper gut zu h\u00f6ren. Mehr noch, die Musiker lie\u00dfen sich an kaum einer Stelle zu blo\u00dfer Vordergr\u00fcndigkeit verleiten, sondern gestalteten die Sinfonie \u201eerz\u00e4hlerisch\u201c, sie bildeten klare und eigenst\u00e4ndige Abschnitte, die zugleich h\u00f6chst organisch wirkten und einen wunderbaren Kontrast zwischen lyrischen und rauschhaften Passagen schufen. Dazu bei trug ohne Zweifel der manchmal etwas unklare, aber weitestgehend doch pr\u00e4zise F\u00fchrungsstil Stankows, der auf fl\u00fcssige bis rasche Tempi setzte und auf \u00fcberzeugende Pr\u00e4gnanz, wobei er auf unn\u00f6tige Monumentalit\u00e4t zu verzichten wusste. Sogar die in den meisten Darbietungen plump dahingeschmetterte Stelle der zw\u00f6lf H\u00f6rner im Hintergrund wirkte plastisch und durchdacht, so dass man sich wirklich wie auf der Jagd f\u00fchlt. \u00dcberhaupt sind die Blechbl\u00e4ser, insbesondere die Trompeten, besonders hervorzuheben. Mitrei\u00dfender H\u00f6hepunkt war schlie\u00dflich der Abschnitt <em>Gewitter und Abschnitt<\/em>, wo allein das Schlagwerk den Eindruck erweckte, der Blitz schl\u00fcge \u00fcber einem ein. Selbst hier vermochte Stankow das Orchester genau zu artikulieren. Die Donnermaschine ging jedoch in ihrem einzigen Einsatz etwas unter durch die \u00fcberlaute Orgel, die der Organist ansonsten gut zu registrieren wusste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Es f\u00e4llt nicht leicht, ann\u00e4hernd kritische Details aus jenem Abend herauszufiltern, so liebevoll wurde das Werk wiedergegeben, was umso mehr erstaunt, wenn man bedenkt, dass die Musiker kaum mehr als eine Woche Zeit zum Proben f\u00fcr diese beiden Kolosse hatten. Freilich gab es manches, was etwas ausgefeilter oder vertieft h\u00e4tte sein k\u00f6nnen: So klingt der <em>Sonnenuntergang<\/em> doch zu geschwind und gleiches gilt auch f\u00fcr den Ausklang, dessen andachtsvoller Charakter dadurch auf der Strecke blieb, wobei andererseits gerade dieses Finale weniger sentimental wirkte. Zumal soll die Melodik laut Partitur \u201emit sanfter Extase\u201c gespielt werden, ein Merkmal, das Stankow hervorhob. \u00dcberhaupt k\u00f6nnen jene Kleinigkeiten diese Leistung der Norddeutschen Orchesterakademie, die sich mit der manch eines gro\u00dfen Orchesters vergleichen l\u00e4sst, kaum minimieren. Es blieb ein gelungener Abend, an den man gerne zur\u00fcckdenkt. H\u00f6chst \u00e4rgerlich nur, dass nach dem leisen Schlussakkord direkt jemand aus dem Publikum hineinplatzen musste, anstatt die vom Dirigenten gehaltene Ruhe noch zu wahren. So etwas ruiniert das Ergebnis und ist dar\u00fcber hinaus absolut unn\u00f6tig und besch\u00e4mend! Aber immerhin, der Saal tobte vor Applaus und zum Dank f\u00fcr die Ovationen des Publikums wandte sich das Orchester charmant an alle Seiten, verbeugte sich sogar. Ich w\u00fcnsche mir sehr, dass diese erfolgreiche Premiere jener Akademie keine Eintagsfliege bleibt und noch weitere so einzigartige Probenphasen und Konzerte, nicht nur in der Elbphilharmonie, m\u00f6glich sein werden!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Peter Fr\u00f6hlich, Juli 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Norddeutsche Orchesterakademie feierte unter der Leitung von Kiril Stankow den Abschluss ihrer ersten Proben- und Konzertphase mit einem Konzert im gro\u00dfen Saal der Hamburger Elbphilharmonie am Sonntag, den 8. Juli 2018, um 20:00 Uhr. Hierbei spielten die Musiker der Akademie das Konzert f\u00fcr Violine und Orchester op. 35 von Erich Wolfgang Korngold sowie die &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/07\/17\/alpenmusik-im-hohen-norden\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Alpenmusik im hohen Norden<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[2710,930,339,2709,2708,1113,2711],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2671"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2671"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2671\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2672,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2671\/revisions\/2672"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2671"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2671"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2671"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}