{"id":271,"date":"2015-12-01T11:05:49","date_gmt":"2015-12-01T10:05:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=271"},"modified":"2015-12-01T11:07:35","modified_gmt":"2015-12-01T10:07:35","slug":"mit-wort-und-ton","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/01\/mit-wort-und-ton\/","title":{"rendered":"Mit Wort und Ton"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/00131-e1448964447502.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-274\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/00131-e1448964447502-231x300.jpg\" alt=\"0013\" width=\"231\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/00131-e1448964447502-231x300.jpg 231w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/00131-e1448964447502-790x1024.jpg 790w\" sizes=\"(max-width: 231px) 100vw, 231px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die junge italienische Pianistin Ottavia Maria Maceratini spielt am 28. November 2015 im B\u00fcrgerhaus Eching ein Klavierrezital, welches aufhorchen l\u00e4sst. Sie beginnt mit der hochvirtuosen Fantasie C-Dur Op. 17 von Robert Schumann und l\u00e4sst die erste Ballade in g-Moll Op. 23 von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin folgen. Nach der Pause gibt sie eine weitere Fantasie in C-Dur, n\u00e4mlich die &#8222;Wanderer-Fantasie&#8220; Op. 15, D 760, von Franz Schubert, und der Kreis schlie\u00dft sich mit &#8222;Les cloches de Gen\u00e8ve&#8220; und &#8222;La Vall\u00e9e d&#8217;Obermann&#8220; aus &#8222;Les Ann\u00e9es de P\u00e9lerinage&#8220; von Franz Liszt, dem die Schumann-Fantasie gewidmet ist.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die Suche nach einer neuen Art des H\u00f6rens&#8220; nimmt sich Ottavia Maria Maceratini zur Aufgabe, wie sie in ihrem kurzen, sehr inspirierenden Vorwort zu ihrem Rezital im Echinger B\u00fcrgerhaus verlautbart. Auf diesem Weg will sie experimentieren und Neues ausprobieren. So macht sie es auch an diesem Abend, wo sie neben der Musik auch die B\u00fchnenatmosph\u00e4re stimmig ausgestaltet: Nach hinten ist die B\u00fchne mit schwarzen Vorh\u00e4ngen ausgekleidet und das Licht im gesamten Saal ist extrem heruntergedimmt, daf\u00fcr leuchtet oberhalb des Fl\u00fcgels f\u00fcr jedes St\u00fcck ein neues Zitat aus dem Mund des jeweiligen Komponisten auf, welches sie sorgf\u00e4ltig daf\u00fcr ausgew\u00e4hlt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Programm macht staunen, gleich zu Beginn fesselt eines der ganz gro\u00dfen Werke von Robert Schumann, seine Fantasie C-Dur Op. 17. Zwischen 1836 und 1838 komponiert, z\u00e4hlt die dreis\u00e4tzige Fantasie zu den bekanntesten Werken Schumanns und verlangt neben h\u00f6chster Virtuosit\u00e4t auch ein genauestes Verst\u00e4ndnis des musikalischen Verlaufs und ein gewisses untergr\u00fcndiges Gesp\u00fcr f\u00fcr die Musik Beethovens, die er mehrfach zitiert. Ottavia Maria Maceratini beweist eine unglaublich gute Kenntnis aller einzelnen Stimmen in dieser Fantasie, die jede zum Leben erweckt wird und deren keine zur blo\u00dfen Begleitfloskel degradiert ist &#8211; besonders anschaulich l\u00e4sst sich dies im Intermezzo &#8222;Im Legendenton&#8220; des Kopfsatzes erkennen, welches mit einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Stimmpolyphonie in vollkommen unterschiedlichen Spielweisen aufwartet. Die Pianistin besitzt einen \u00e4u\u00dferst feinf\u00fchligen, gesanglichen Ton und l\u00e4sst ihre Kantilenen in h\u00f6chsten Sph\u00e4ren schweben, ist aber auch ebenso in der Lage, machtvoll in die Tasten zu langen und ein markersch\u00fctterndes Fortissimo hervorzubringen. Dieses wirkt zu keiner Zeit geschlagen oder gewaltt\u00e4tig akzentuiert, sondern folgt viel eher einer nat\u00fcrlichen Energie\u00fcbertragung aus dem K\u00f6rper, was Maceratini wohl ihrem intensiven Training von asiatischen Kampfsportarten zu verdanken hat, wo genau diese Weiterleitung der Kraft aus dem K\u00f6rperzentrum oberste Priorit\u00e4t besitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dem folgenden Werk, der Ballade Nr. 1 g-Moll Op. 23 von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin, hatte ich bereits h\u00e4ufiger das gro\u00dfe Gl\u00fcck, es mit der dieser Musikerin h\u00f6ren zu d\u00fcrfen. Auch spielte sie es dieses Jahr in Bild und Ton ein und lie\u00df es auf YouTube erscheinen, womit sie geradezu einen absoluten Ma\u00dfstab setzte. Nun hat die Darbietung dieses Meisterwerks direkt noch einmal an musikalischer Substanz gewonnen, es wirkt als komplette Einheit in flie\u00dfender Stringenz ohne einen Moment des Spannungsabfalls. Noch nie habe ich die donnernden Schlussl\u00e4ufe so schreiend wild und gleichzeitig so niederschmetternd erlebt wie jetzt, so fokussiert dr\u00e4ngten sie auf ihren Abschluss hin (ein Gestus von vergleichbar starker Wirkung findet sich auch noch in der Et\u00fcde Op. 33 Nr. 8 von Sergej Rachmaninoff, die ebenfalls in g-Moll steht). Deutlich wahrnehmbar sind auch die Walzerankl\u00e4nge, die immer wieder durchbrechen und in so vielen Darbietungen komplett verlorengehen. Obwohl Ottavia Maria Maceratini vermutlich erheblich mit dem schwerf\u00e4lligen Instrument zu k\u00e4mpfen hatte, waren keine Einschr\u00e4nkungen zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich nach der Pause erklang ein weiterer Gigant der Musikgeschichte, Franz Schuberts so beliebte wie gef\u00fcrchtete &#8222;Wanderer-Fantasie&#8220; Op. 15, D 760. Es wirkt, als w\u00e4re sie nicht aus Schuberts Zeit, so fortschrittlich modern erscheint die Gestaltung und Fortspinnung des Materials. Die Themen und Motive l\u00e4sst Ottavia Maria Maceratini auch inmitten des dichtesten Notenbildes noch hervorgl\u00e4nzen und gestaltet alles in feinster Manier aus, die virtuosesten L\u00e4ufe und Figuren kommen perlend brillant und ohne den geringsten Hauch einer vernehmbaren Anstrengung, und stetig bleibt der gro\u00dfe Zusammenhang durch diese Gesamtform in mehreren Teilen hindurch gewahrt. Zwar m\u00f6chte sich auch hier der Fl\u00fcgel wieder wehren gegen das Donnern der m\u00e4chtigen Akkordpassagen, doch wird er geb\u00e4ndigt und das Maximum an nur erdenklichen Klangfarben herausgezaubert. Nach dem Konzert er\u00f6ffnet mir die Solistin, sie \u00fcbe bereits seit einem Jahr an diesem gro\u00dfen Werk, doch sei ihr Weg damit noch lange nicht an einem Ende &#8211; auch wenn der heutige Abend nur eine Zwischenstation auf diesem Weg ist, so liegt auf jeden Fall ein gr\u00f6\u00dferer Weg bereits hinter ihr, als ihn die meisten Pianisten jemals beschreiten werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Werke des gro\u00dfen Klaviervirtuosen Franz Liszt, des Paganini auf dem Klavier, bilden den letzten Teil des Klavierrezitals. Die Nocturne &#8222;Les choches de Gen\u00e8ve&#8220; ist ebenso wie die Wanderer-Fanzasie komplett der Zeit voraus und wirkt eher wie ein Werk des franz\u00f6sischen Impressionismus. &#8222;La Vall\u00e9e d&#8217;Obermann&#8220;, ebenfalls aus Les Ann\u00e9es de P\u00e9lerinage (Die Pilgerjahre), einem dreib\u00e4ndigen Werkzyklus bestehend aus 26 St\u00fccken, bildet den Abschluss. Das letztere ist ein mit circa 15 Minuten Spielzeit auch recht umfangreiches Werk und wird vor allem durch Akkordrepetitionen und sp\u00e4ter auch Oktavparallelen bestimmt. La Vall\u00e9e d&#8217;Obermann zu verstehen ist keine einfache Aufgabe, denn es ist sehr dicht und in einer nur schwerlich heraush\u00f6rbaren Form gestaltet. Ottavia Maria Maceratini gelingt es allerdings, f\u00fcr beide Liszt-St\u00fccke ein tiefgehendes Verst\u00e4ndnis zu entwickeln und die beiden so grundverschiedenen Konzepte dahinter zu erfassen und dem Publikum zu vermitteln. Auch wenn mir selber La Vall\u00e9e d&#8217;Obermann noch etwas sehr donnernd und \u00fcber manche Strecken recht langatmig erschien, so scheint mir das doch haupts\u00e4chlich am St\u00fcck zu liegen und nicht an der Solistin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Zugabe gibt es noch Aram Khachaturians Toccata in es-Moll von 1932. Auch dieses Bravourst\u00fcck nahm Ottavia Maria Maceratini vor l\u00e4ngerer Zeit bereits auf Video auf und es ist heute auf YouTube zu bewundern. Akzentuierte Rhythmik und st\u00e4ndige Tonrepetitionen treiben diese Toccata einem Motor gleich an, nur unterbrochen von einem konfliktrhythmenreichen kurzen Mittelteil. Das unaufgel\u00f6ste Ende auf einem stark dissonanten Akkord hinterl\u00e4sst den H\u00f6rer fragend, doch eine Antwort kann es nicht geben. Ottavia Maria Maceratini nimmt die Toccata schwungvoll und fast scherzhaft, ohne zu viel Kraft in die Motorik hineinzugeben, was ihr etwas Leichtes, fast T\u00e4nzerisches verleiht. Diese Leichtigkeit verliert sie auch zum Ende hin zu keiner Zeit und l\u00e4sst unvermittelt in die Schlussakorde hereinbrechen, die sie nicht auskostet, sondern vielmehr den H\u00f6rer verdutzt zur\u00fcckl\u00e4sst. Diese Art des Zuendekommens habe ich bei dem St\u00fcck so noch nie geh\u00f6rt und mir lange den Kopf dar\u00fcber zerbrochen, was es so einzigartig machen konnte &#8211; doch wie das St\u00fcck selber gibt auch diese Frage keine Antwort her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende ist wohl jeder H\u00f6rer im B\u00fcrgerhaus Eching im positiven Sinne \u00fcberrumpelt, ersch\u00f6pft und gl\u00fccklich \u00fcber einen so intensiven musikalischen Abend mit einer absoluten Ausnahmepianistin, die mit einer so freudigen und hellen Art an die Werke geht und immer voll dabei ist, ohne nur den Bruchteil einer Sekunde etwas anderes im Kopf zu haben als die Musik. Sie sucht einen neuen Weg des H\u00f6rens und diesen beschreitet sie auf ganz eigent\u00fcmliche, ph\u00e4nomenale Weise. In einem Alter, wo sich die meisten nur an hochvirtuosen H\u00f6chstschwierigkeiten abschinden und die Geschwindigkeit ihrer Finger pr\u00e4sentieren, ist Ottavia Maria Maceratini bereits so gereift und ihrer selbst bewusst, dass sie all das nicht n\u00f6tig hat; sie vertraut der Musik und sie vertraut ihrer Suche, die sie wohl immer weiter f\u00fchren wird in das Herz der Musik. Da bleibt nur, gespannt zu sein, mit was noch allem sie uns \u00fcberraschen wird, welche Pl\u00e4ne sie als N\u00e4chstes hat und welch einen unverwechselbar unmittelbaren Zugang sie uns noch schenken wird hinein in die wahre Musikalit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, November 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die junge italienische Pianistin Ottavia Maria Maceratini spielt am 28. November 2015 im B\u00fcrgerhaus Eching ein Klavierrezital, welches aufhorchen l\u00e4sst. 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