{"id":278,"date":"2015-12-08T10:08:49","date_gmt":"2015-12-08T09:08:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=278"},"modified":"2015-12-08T10:08:49","modified_gmt":"2015-12-08T09:08:49","slug":"rezensionen-im-vergleich-3b-himmel-und-hoelle-mit-sibelius","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/08\/rezensionen-im-vergleich-3b-himmel-und-hoelle-mit-sibelius\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich 3b] Himmel und H\u00f6lle mit Sibelius"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">ISBN: 978-3-89487-941-9 (Henschel), 978-3-7618-2371-2 (B\u00e4renreiter)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sibelius_Biographie_Bild.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-282\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sibelius_Biographie_Bild-197x300.jpg\" alt=\"Sibelius_Biographie_Bild\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sibelius_Biographie_Bild-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sibelius_Biographie_Bild.jpg 458w\" sizes=\"(max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Der Musikkritiker und Journalist Volker Tarnow verfasste\u00a0anl\u00e4sslich des 150. Geburtstags von Jean Sibelius, stattfindend am 8. Dezember 2015, die aktuellste Biographie, erschienen beim Henschel<\/em><i>\u00a0Verlag.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eine biographische W\u00fcrdigung des wohl bedeutendsten finnischen, aber schwedisch aufgewachsenen Komponisten Jean Sibelius ist eine sehr zu begr\u00fc\u00dfende Unternehmung, allein schon angesichts der immer noch sp\u00e4rlichen Literatur und Forschung zu dieser faszinierenden Pers\u00f6nlichkeit im deutschsprachigen Raum. Umso erfreulicher ist es dann auch, wenn Volker Tarnow auch bislang un\u00fcbersetzte finnische Quellen wie beispielsweise Tagebucheintr\u00e4ge mit einbezieht. Herausgekommen sei dabei, so die Verlagsinformation, eine \u201eBiografie, die ebenso den Menschen wie den K\u00fcnstler im Fokus hat und zugleich eine ganze Epoche skizziert.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Gro\u00dfen und Ganzen betrachtet erfahren hier tats\u00e4chlich ein K\u00fcnstlerleben und dessen Zeitumst\u00e4nde eine eingehende Betrachtung, teilweise um kleinste Details und um literarisch-k\u00fcnstlerische wie historische Aspekte des damaligen Europa und Skandinaviens bereichert. Mehr noch, Tarnow versteht es, in einem Stil zu schreiben, der alles andere als trocken wirkt und den Leser in einem clever inszenierten Drama um den einzigartigen K\u00fcnstler und Menschen Sibelius mitzurei\u00dfen versteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dabei mutet es jedoch etwas befremdlich an, dass viele Stellen (vor allem zeittypische Rezensionen) mit Belegen gespickt sind, w\u00e4hrend wiederum andere Passagen es scheinbar nicht n\u00f6tig haben, nachgewiesen zu werden. Anders gesagt: Tarnow spart nicht damit, Behauptungen aufzustellen, die der nachvollziehbaren Grundlage entbehren. So lautet ein Beispiel von S. 127: \u201eDass der Gef\u00f6rderte (&#8230;) drei Monate lang in Berlin blieb und Sauern mit Persiko trank, (&#8230;) schockierte Freund Carpelan und Frau Aino doch ziemlich.\u201c Gewitzt konterkariert Tarnow dann in Bezug auf weitere Geldspenden, die Sibelius erhielt: \u201e(&#8230;) niemals davor und danach t\u00e4tigte Finnland eine bessere Investition.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">S\u00e4tze von solcher Art finden sich immer wieder, es f\u00e4ngt bereits beim Inhaltsverzeichnis der chronologisch aufgebauten Biographie an, wo romantisierende und modische Begrifflichkeiten wie \u201eKarelische Tr\u00e4ume\u201c und \u201eBeethoven-Matrix reloaded\u201c einzelne Abschnitte aus Sibelius\u2018 Leben zu versinnbildlichen scheinen. Das sind allerdings nur sprachliche Kleinigkeiten, die ins Auge fallen. Tarnow gibt sich hinter seiner plakativen Inszenierung sehr wohl alle M\u00fche, ein differenziertes Bild von Jean Sibelius zu zeichnen, was ihm zum guten Teil auch gelingt. Es wirkt sogar ziemlich sympathisch, einen im Grunde eher egomanischen Komponisten zu skizzieren, der es trotz aller Tiefen und Abst\u00fcrze im Leben am Ende zu etwas gebracht hat. Gleiches gilt f\u00fcr andere gewichtige zeitgen\u00f6ssische Kollegen Sibelius\u2019 und deren Haltung zu ihm. Ein \u00fcberraschendes Beispiel hierzu liefert Gustav Mahler, dessen Vorurteile gegen skandinavische Musik &#8211; f\u00fcr einen Weltkomponisten! \u2013 hier schonungslos pr\u00e4sentiert werden (vgl. S.160). Was dabei immer wieder unterschwellig ins Auge f\u00e4llt, ist eine recht tendenzi\u00f6se Art, die immer wieder Kopfsch\u00fctteln ausl\u00f6st. Es geht gar nicht so sehr um den h\u00e4ufig kolportierten Alkoholismus des Komponisten; der Autor m\u00f6chte, trotz aller literarischen Raffinesse und Reflexion, Sibelius doch als den einzig ganz gro\u00dfen Musiker des 20. Jahrhunderts darstellen, w\u00e4hrend alle Musiker seinerzeit, trotz aller W\u00fcrdigung, diesen Status niemals erreichen k\u00f6nnen. Warum sonst sollte Tarnow solche S\u00e4tze \u00e4u\u00dfern wie ganz am Ende auf S. 277: \u201eIrgendwann wird es sich herumsprechen, dass mit ihm die wahre Avantgarde begann, die Musik der Zukunft.\u201c Sicherlich war Sibelius eine singul\u00e4re Erscheinung und sowohl seinerzeit als auch in der Folge einflussreicher, als es manch deutschsprachiger Musikwissenschaftler eingestehen wollte. Dennoch k\u00f6nnte man bei S\u00e4tzen wie dem eben zitierten meinen, es handle sich mehr um einen Anti-Adorno-Reflex als um ein differenziertes K\u00fcnstlerportr\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch wenn es sich hier um keine wissenschaftliche Arbeit handelt, so hat diese Biographie doch deutlich ehrgeizige intellektuelle Anspr\u00fcche. Nun werden die daraus resultierenden Erwartungen, wie man vielleicht meinen k\u00f6nnte, keineswegs regelm\u00e4\u00dfig entt\u00e4uscht. Stimmig etwa beschreibt Tarnow den inneren Identit\u00e4tskonflikt des Komponisten, was seine schwedischen und finnischen Wurzeln anbelangt, wodurch zumindest einige Charakterwiderspr\u00fcche erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Besonderen Wert legt der Autor auch auf Seismogramme wichtiger Freundschaften, die der Komponist Zeit seines Lebens pflegte, wie zum Dirigenten Robert Kajanus. Doch sind auch diese Versuche nicht g\u00e4nzlich frei von \u00dcberzeichnungen, zumal auch hier oftmals von einem Sibelius die Rede ist, der sich aller F\u00f6rderung zum Trotz als undankbarer, zugleich auch eifers\u00fcchtiger K\u00fcnstler und Freund erwies, wohingegen Kajanus offenbar von unendlicher Gutm\u00fctigkeit war (siehe etwa S. 165).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Erw\u00e4hnenswert sind auch die musikalischen Analysen seiner Symphonien sowie zahlreicher anderen Opera. Besonderes Augenmerk legt der Autor auf Gelegenheitswerke, Kammermusik sowie B\u00fchnen-Auftragswerke wie Kuolema oder die vielgespielte Karelia-Suite. Nicht zu vergessen sind die Beschreibungen seiner zahlreichen Liederzyklen, wobei Tarnow gerne das literarische Milieu der Liedtexte in Augenschein nimmt, dabei auch kompetente Einblicke in skandinavische Lyrik gibt. Sieht man auch hier von dem Eindruck, Sibelius immer wieder alleing\u00fcltig zu glorifizieren, sowie der ziemlich blumigen Wortwahl ab, so kommen doch auch f\u00fcr gestandene Sibelius-Experten einige neue Erkenntnisse ans Tageslicht. Gerade in den Beschreibungen der Symphonien verfolgt Tarnow einen roten Faden, an dem sich Sibelius\u2019 k\u00fcnstlerischer Werdegang ablesen l\u00e4sst, und liefert informatives, aber niemals langweilendes Wissen beispielsweise zur Fassungs- und Deutungsproblematik der 5. Symphonie in Es-Dur Op. 82. Gleichzeitig findet sich auch hier wieder das oben beschriebene Problem: Tarnow beh\u00e4lt seinen fantasievollen, ja kaprizi\u00f6s interpretierenden Erz\u00e4hlstil auch in den Analysen bei, wodurch bisweilen ein religi\u00f6s verbr\u00e4mter Beigeschmack entsteht (vgl. S. 227: \u201eSie [die Sinfonie Nr.5] verweist auf Kr\u00e4fte, die gr\u00f6\u00dfer sind als der Mensch, von ihm aber geahnt und ehrf\u00fcrchtig bewundert werden k\u00f6nnen.\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als Fazit ist zu vermerken, dass die vorliegende Lekt\u00fcre in ihrem Inhalt mit Bedacht zu genie\u00dfen sei. Doch ist Tarnows schillernder Beitrag zum Jubil\u00e4umsjahr im Gro\u00dfen und Ganzen lohnend und verdienstvoll und m\u00f6ge die Besch\u00e4ftigung mit Sibelius sowie dessen wissenschaftliche W\u00fcrdigung gerade auch nach dem Jubil\u00e4um noch weiter vorantreiben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Peter Fr\u00f6hlich, Dezember 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ISBN: 978-3-89487-941-9 (Henschel), 978-3-7618-2371-2 (B\u00e4renreiter) Der Musikkritiker und Journalist Volker Tarnow verfasste\u00a0anl\u00e4sslich des 150. Geburtstags von Jean Sibelius, stattfindend am 8. 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Eine biographische W\u00fcrdigung des wohl bedeutendsten finnischen, aber schwedisch aufgewachsenen Komponisten Jean Sibelius ist eine sehr zu begr\u00fc\u00dfende Unternehmung, allein schon angesichts der immer noch sp\u00e4rlichen &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/08\/rezensionen-im-vergleich-3b-himmel-und-hoelle-mit-sibelius\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">[Rezensionen im Vergleich 3b] Himmel und H\u00f6lle mit Sibelius<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[45],"tags":[274,238,221,270],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/278"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=278"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/278\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":294,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/278\/revisions\/294"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=278"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=278"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}