{"id":2834,"date":"2018-10-04T11:08:54","date_gmt":"2018-10-04T09:08:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2834"},"modified":"2018-10-04T11:08:54","modified_gmt":"2018-10-04T09:08:54","slug":"bach-als-purer-klangfetischismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/10\/04\/bach-als-purer-klangfetischismus\/","title":{"rendered":"Bach als purer Klangfetischismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">RCA Red Seal; Best.-Nr.: 19075836952; EAN: 1 9075836952 5<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2835\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Der Schweizer Sebastian Bohren hat voriges Jahr in der sch\u00f6nen Klosterbibliothek Polling s\u00e4mtliche Sonaten &amp; Partiten f\u00fcr Violine solo bei RCA aufgenommen. Die erste CD-Ver\u00f6ffentlichung widmet sich BWV 1004-1006.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Werke f\u00fcr ein unbegleitetes Melodieinstrument galten im Barock \u2013 wegen des notwendigen Verzichts auf den \u00fcblichen Generalbass \u2013 als eine K\u00f6nigsdisziplin f\u00fcr Komponisten. Nur wenige haben sich \u00fcberhaupt daran gewagt, und es verwundert nicht, dass damit dann auch nur unbestrittene Gr\u00f6\u00dfen wie Bach oder Telemann Erfolg hatten. \u00dcber den historischen Wert der insgesamt sechs Solo-Violinsonaten bzw. Partiten von Johann Sebastian Bach braucht man keine weiteren Worte zu verlieren; sie gelten v\u00f6llig zu Recht bis heute als eine der anspruchsvollsten Messlatten, denen sich ein Geiger stellen kann. Nun also auch der 30-j\u00e4hrige Schweizer Sebastian Bohren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zun\u00e4chst einmal d\u00fcrfte jeder Zuh\u00f6rer sich vom generell angeschlagenen Tonfall dieser Darbietung einfangen lassen. Derma\u00dfen rund, wohlklingend und sonor hat man selten eine einzelne Violine geh\u00f6rt, was noch zus\u00e4tzlich durch eine optimale aufnahmetechnische Umsetzung der wunderbaren Akustik der Pollinger Klosterbibliothek unterstrichen wird. Auch die dynamische Bandbreite und Differenzierung sind vortrefflich: Obwohl Bohren den gro\u00dfen Ton favorisiert, gelingen ihm faszinierende Echoeffekte und auch die versteckte Mehrstimmigkeit wird so gut dargestellt. Allerdings kommen schnell Zweifel, ob dem Violinisten sein durchaus erfolgreiches Bem\u00fchen um reinen Sch\u00f6nklang dann nicht unfreiwillig zum Selbstzweck ger\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nimmt man die beiden anspruchsvollsten, auch l\u00e4ngsten S\u00e4tze der drei hier pr\u00e4sentierten Werke, die ber\u00fchmte <em>Ciaccona<\/em> der d-Moll-Partita BWV 1004 sowie die gef\u00fcrchtete Fuge der Sonate C-Dur BWV 1005, so wird dem Klangideal zu vieles geopfert \u2013 vor allem ad\u00e4quate Tempi. Gerade die C-Dur-Fuge wird derartig z\u00e4h, dass der gro\u00dfe formale Bogen, den Bach hier spannt, v\u00f6llig verloren geht, das zu seiner Zeit sicher gewagte St\u00fcck in Einzelmomente zerf\u00e4llt, die dann in der Summe nur langweilen k\u00f6nnen. Man darf vermuten, dass Bohren hier jegliche rhythmische Unsch\u00e4rfe, die in rascherem Tempo selbst ganz gro\u00dfen Geigern wie Gidon Kremer oder Christian Tetzlaff bei den mit einem modernen Bogen nur durch Arpeggieren realisierbaren Akkorden zu attestieren ist, unbedingt vermeiden wollte. Der Preis daf\u00fcr erscheint mir bei Weitem zu hoch. Die Chaconne beginnt Bohren in durchaus vertretbarem Tempo, aber bereits das Thema wird durch das zu starke Betonen etwa der \u201eEins\u201c in Takt 5 in seinem Fluss gest\u00f6rt, und \u00c4hnliches zieht sich tendenziell durch alle Variationen. Dass die Wiederkehr des Themas in Vierteln und die ganze folgende Passage mit ihren m\u00e4chtigen Akkorden ein dramatisches Ausrufezeichen setzen muss, wozu der Maggiore-Abschnitt danach psychologisch als Gegensatz fungiert, wird von Bohren v\u00f6llig ignoriert. Die Stelle ist ja m\u00f6glicherweise bereits ein Vorbild f\u00fcr den vergleichbaren Prozess in Beethovens Hammerklaviersonaten-Fuge. Dadurch bekommt Bachs geniale Chaconne in ihrem Gesamtplan zu wenig Spannung \u2013 die gewaltige Form tr\u00e4gt so nicht. Der H\u00f6rer lebt st\u00e4ndig gewisserma\u00dfen von der Hand in den Mund, bei den langsamen S\u00e4tzen der drei Werke gef\u00e4hrlich nah am Verhungern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die schnelleren Tanzs\u00e4tze k\u00f6nnen eher \u00fcberzeugen, bilden eine breite Palette an Charakteren ab \u2013 von elegisch \u00fcber relaxed bis kaprizi\u00f6s. Das klingt wie alles immer sehr sch\u00f6n; aber auch hier neigt Sebastian Bohren h\u00e4ufig zum \u00dcberbetonen fast jeder Eins, was l\u00e4ngere Phrasen verhindert bzw. kurzatmig macht. Julia Fischer etwa, die den Zyklus 2005 \u2013 damals noch einiges j\u00fcnger als der Schweizer \u2013 herausbrachte (Pentatone), konnte das schon wesentlich besser. Auch ihrer Aufnahme k\u00f6nnte man ein St\u00fcck Selbstverliebtheit in den hervorgebrachten Klang unterstellen. Die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge bleiben aber gewahrt, gleichzeitig ist ihre Gestaltung vielschichtiger. Dass Bohren als Vorbilder Nathan Milstein und Hansheinz Schneeberger nennt, wird wohl jeder Geiger unterschreiben k\u00f6nnen. Bei deren Bach-Interpretationen, auch mit oft ruhigen Tempi, gelang allerdings souver\u00e4n die Vermittlung der Architektur dieser St\u00fccke, oft sogar einer gewissen Teleologie der gesamten Satzfolge. Davon ist Bohren noch meilenweit entfernt \u2013 ebenso von der gro\u00dfartigen, beinahe dem\u00fctigen Distanziertheit der Neuaufnahme von Christian Tetzlaff (Ondine 2017). Manchmal sollte man sich vielleicht lieber noch etwas gedulden, bevor man nach den Sternen greift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, Oktober 2018]<\/strong><\/p>\n<pre><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044.jpg\"><strong><img class=\"alignnone size-medium wp-image-2835\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0044.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>\u00a0\u00a0 Bestellen bei jpc<\/strong><\/a><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>RCA Red Seal; Best.-Nr.: 19075836952; EAN: 1 9075836952 5 Der Schweizer Sebastian Bohren hat voriges Jahr in der sch\u00f6nen Klosterbibliothek Polling s\u00e4mtliche Sonaten &amp; Partiten f\u00fcr Violine solo bei RCA aufgenommen. 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