{"id":2853,"date":"2018-10-11T10:47:15","date_gmt":"2018-10-11T08:47:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2853"},"modified":"2018-10-11T10:47:46","modified_gmt":"2018-10-11T08:47:46","slug":"zehn-laender-ein-meer-25-jahre-ein-festival","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/10\/11\/zehn-laender-ein-meer-25-jahre-ein-festival\/","title":{"rendered":"Zehn L\u00e4nder \u2013 ein Meer. 25 Jahre \u2013 ein Festival"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Der Wegfall des eisernen Vorhangs schaffte die Voraussetzungen: Seit 25 Jahren vereint das Usedomer Musikfestival die Kultur(en) aus dem ganzen Ostseeraum. Vor zehn Jahren gr\u00fcndete der geb\u00fcrtige Estl\u00e4nder Kristjan J\u00e4rvi im Rahmen dieses Festivals sein Baltic Sea Philharmonic, das ebenfalls seine k\u00fcnstlerische Energie aus der Tatsache eines gemeinsamen Meeres sch\u00f6pft. Das alles sind aktuell Gr\u00fcnde genug zum Feiern und Weitermachen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel lie\u00df es sich nicht nehmen, diesj\u00e4hrigen Festivaler\u00f6ffnung nach Peenem\u00fcnde anzureisen &#8211; und sie appellierte in ihrer Laudatio an Toleranz und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach Peenem\u00fcnde reist man gerne mal mit einer falschen Erwartungshaltung: Jener Ort auf Deutschlands \u00f6stlichster Insel Usedom ist alles andere als ein lauschiges Hafenst\u00e4dtchen \u2013 eigentlich gibt es dort nur ein erstarrtes Fabrikareal mit einem kolossalen Kraftwerk im Zentrum. Die Geschichte dieses Ortes ist eine unsch\u00f6ne: Hier haben die Nazis an ihren sogenannten \u201eWunderwaffen\u201c gearbeitet, vor allem an der ber\u00fcchtigten V2, einer Massenvernichtungswaffe. Was andererseits wieder der Weltraumtechnologie den Weg bereitet hat.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0045.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2854 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0045-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"433\" height=\"325\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0045-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0045-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0045-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 433px) 100vw, 433px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eIch m\u00f6chte einer solchen Vergangenheit die Energien von heute entgegensetzen\u201c, formulierte\u00a0 Kristjan J\u00e4rvi im Gespr\u00e4ch seinen eigenen Anspruch an den Er\u00f6ffnungsabend. Seit 10 Jahren ist J\u00e4rvis Baltic Sea Philharmonic st\u00e4ndiger Bestandteil dieses Festivals, ist in bestem Sinne \u201eerwachsen\u201c geworden.\u00a0 Aber er solle auch nicht zu erwachsen werden, wie J\u00e4rvi dezidiert klarstellt: \u201eMeine eigenen Kinder vermitteln mir, dass Erwachsenwerden doch meist gar nicht so gut tut\u201c. Die Konsequenz: Eine gewisse k\u00fcnstlerische Verr\u00fcckheit ist beim Baltic Sea Philharmonic Programm. Die aktuelle Devise lautet: Weg mit den Notenst\u00e4ndern!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was bei einer Auff\u00fchrung von Strawinskys Feuervogel Premiere hatte, wurde beim\u00a0 Er\u00f6ffnungskonzert in Peenem\u00fcnde mit Jean Sibelius Konzertsuite \u201eDer Sturm\u201c konsequent weiter entwickelt. Charismatisch angestachelt, freudig entfesselt, meist auch von einer festen Sitzposition auf dem Podium losgel\u00f6st, bringen die jungen Musikerinnen und Musiker dieses (durchaus sibelius-untypische!) Kaleidoskop aus nordischer Melancholie, aber eben auch viel t\u00e4nzerischer Emphase kontrastreich und impulsiv zum Leuchten. Das H\u00f6rerlebnis wirkt ver\u00e4ndert durch dieses auswendige \u2013 und damit auch optisch\u00a0 nregende &#8211;\u00a0 musikantische Spiel. Zwar tritt das\u00a0 detailverliebt-analytische etwas zur\u00fcck, daf\u00fcr w\u00e4chst die atmende, singende Dimension. Einmal so in Fahrt, setzt das Baltic Sea Philharmonic noch eins drauf, um das Publikum zum Ausrasten zu bringen \u2013 und zwar in Imants Kalnins \u201eRock Symphony\u201c. Dieses St\u00fcck ist so, wie es hei\u00dft. Seine Auff\u00fchrung riss in Peenem\u00fcnde riss einmal mehr den sinfonischen Klangk\u00f6rper aus der bildungsb\u00fcrgerlichen Schublade raus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch zuvor, diesmal allerdings mit Noten, wurde demonstriert, dass zeitgen\u00f6ssische Musik eben nicht im abstrakten Elfenbeinturm stattfinden braucht, sondern auch bewegen, mitrei\u00dfen, emotionale Berge versetzen kann. Minimalistische Texturen mit t\u00e4nzerischen, fast balkanesken Farben aufzuladen, ist Sache des polnischen Komponisten Wojciec Kilar und seines St\u00fcckes Orawa. Ein ebenenfall noch sehr junges, mittlerweile vielgefragtes Werk will gem\u00e4\u00df dem Credo von Kristjan J\u00e4rvi, in Musik die elementaren Kr\u00e4fte der Natur wieder beleben: In diesem Fall ist es Geldiminas Gelgotas 2016 uraufger\u00fchrte Komposition \u201eMountains, Waters, Freedom\u201c. Auch hier entsteht elektrisierende Spannung aus repetitiven Strukturen. Voll treibender Sogkraft gepaart mit gro\u00dfer, anspielungsreicher Klangsinnlichkeit. Nicht \u201ezu erwachsen\u201c im Umgang mit Kompositionen zu werden hei\u00dft auch, einschl\u00e4gige Meisterwerke f\u00fcr vorhandene Potenziale passend zu machen, um Wirkungen zu maximieren. Hier waren es vor allem die elektrisierenden Violinarpeggien der Norwegerin Mari Samielson, welche P\u00e4rts meditative Texturen ganz neu aufleuchten lie\u00dfen. Cineastischer, sonniger, w\u00e4rmer, leuchtender setzte das Orchester J\u00e4rvis eigene Komposition \u201eAurora\u201c in Szene, machte damit den einstigen Schauplatz der Kriegsproduktion zu einem Ort der W\u00e4rme und Menschlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Meer soll nichts trennendes sein beim Usedomer Musikfestival, welches \u2013 von der \u00f6stlichsten deutschen Ostseeinsel ausgehend &#8211;\u00a0 bewusst Interpreten, Komponisten und Ensembles aus allen zehn Anrainernationen vereint. Thomas Hummel und sein Partner Jan Brachmann sind ein eingespieltes Team, um mit diesem Festival die Region kulturell zu beleben und dabei \u00fcberregionale, ja internationale Anziehungskraft zu generieren. Die Aufbruchstimmung nach Grenz\u00f6ffnung und Wiedervereinigung war \u00fcber aus fruchtbar, um hier etwas nachhaltiges entstehen zu lassen. Dass auch in Amerika und anderswo der Name Usedom einen Klang hat, daf\u00fcr sorgt etwa\u00a0 Kurt Masur, der schon in der Gr\u00fcndungsphase als Schirmherr und F\u00f6rderer gewonnen werden konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn an solch geschichts- und schicksalstr\u00e4chtigen Spielst\u00e4tten wie der ehemaligen \u201eHeeresversuchsanstalt\u201c musiziert wird, liegen politische Botschaften nah. In dieser Hinsicht hat in Peenem\u00fcnde so manch symboltr\u00e4chtige Auff\u00fchrung Musikgeschichte geschrieben \u2013\u00a0 allen voran ein Konzert mit Benjamin Brittens \u201eWar Requiem\u201c durch den russischen \u201eJahrhundert-Musiker\u201c Mstilav Rostropovich unter Beteiligung eines Chores aus Coventry. Bekanntlich gab es in dieser britischen Stadt besonders viele Zivilopfer durch deutsche Bombenangriffe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kultur- und Naturerlebnis geh\u00f6ren w\u00e4hrend der zwei Festivalwochen auf Usedom, aber auch auf der polnischen Nachbarinsel Wollin, untrennbar zusammen. Die Spielorte sind weit \u00fcber die Landschaft verstreut, die ohnehin eine wunderbare Abgeschiedenheit jenseits aller Gro\u00dfstadthektik atmet. Einen Tag nach dem Er\u00f6ffnungskonzert gab es in einem kleinen Kirchlein im Dorf Liepe ein spektakul\u00e4res Gastspiel: Die 27j\u00e4hrige Chinesin Hanzhi Wang definiert auf einem Akkordeon dessen spielerische und dynamische M\u00f6glichkeiten ganz neu. Wie sie Bachs c-Moll-Partita auf diesem Instrument atmen l\u00e4sst, das l\u00e4sst so manchen Organisten alt aussehen. Und dann liefert sie eine mutig-zupackende Interpretation von Sofia Gubaidulinas \u201eDe Profudis\u201c. Hier kommen sich das unmittelbare, ger\u00e4uschhafte Klangereignis und eine spirituelle melodische Zartheit fast be\u00e4ngstigend nah!<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0046.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2855 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0046-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"447\" height=\"335\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0046-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0046-768x577.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/N0046-1024x769.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 447px) 100vw, 447px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Solche jungen Talente pr\u00e4gen nicht von ungef\u00e4hr den hohen Standard beim Usedomer Musikfestival. Kurt Masur war es, der die New Yorker \u201eYoung Concert Artists Stiftung\u201c ins Boot holte. Hier kommen die Besten aus dem Musiknachwuchs aller L\u00e4nder zusammen. Die Gr\u00fcnderin und Kuratorin der Stiftung ist Susan Wadsworth, die auch zum Publikum im Lieper Kirchlein geh\u00f6rte. Sie definierte im Gespr\u00e4ch, worum es geht: \u201eEs muss jenseits aller heutigen Perfektion das Besondere aufleben und der Funken \u00fcberspringen. Solche Qualit\u00e4ten hat jemand oder nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Entdeckungsreise f\u00fchrte weiter ins kleine Dorf Krummin &#8211; direkt am Achterwasser gelegen, einem gro\u00dfen, vor allem bei Seglern beliebten Binnengew\u00e4sser. Auch hier hatte die Young Concert Artists Stiftung f\u00fcr Weltklasse gesorgt: Denn eine solche boten die Violinistin Soobeen Lee und ihre Klavierpartnerin Dina Vainshtein. Dieses vor Selbstbewusstsein strahlende Spiel, welches sich in Beethovens Sonate G-Dur erhebt und in Eugene Ysayes \u201ePo\u00e8me Elegique\u201c ber\u00fcckende Tiefen durchmisst, welches in Bartoks Rhapsodie Nr. 1 lodernden t\u00e4nzerischen Schwung entfesselt und schlie\u00dflich in Camille Saint-Saens Sonate f\u00fcr Violine und Klavier so viele schw\u00e4rmerische Erregungsszust\u00e4nde auft\u00fcrmt \u2013 das zeugt einmal mehr von begnadeter, begl\u00fcckender Reife. Wie alt die junge Dame ist? Gerade 17 geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Usedomer Musikfestival vereint viele Schaupl\u00e4tze und Kontexte, rangiert auch gerne mal zwischen den St\u00fchlen, wenn Jazz und anderes geboten wird. Die Spielst\u00e4tten sind gleichberechtigt verteilt zwischen Usedom und der polnischen Nachbarinsel Wollin. Wer im Strandkorb im alten deutschen Kaiserbad Bansin die letzte w\u00e4rmende Herbstsonne genie\u00dft, sieht in der Ferne die Hafenkr\u00e4ne im polnischen Swinousce. Dort ragt auch das schicke, neue \u201eRadisson Blue Resort\u201c in den weiten Himmel empor, ebenfalls eine Auff\u00fchrungsst\u00e4tte beim Usedomer Musikfestival.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Seebad Heringsdorf bildet zurzeit eine Fotoausstellung die gesamte Historie des Festivals ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die gesamte Geschichte des Festivals bilanziert ein ausf\u00fchrlicher Sammelband \u2013 siehe Literaturtipp unten. Am 13. Oktober endet das 25. Usedomer Musikfestival wieder dort, wo es begonnen hat &#8211;\u00a0 n\u00e4mlich im Kraftwerk des Museums Peenem\u00fcnde: Mit dem gro\u00dfen Abschlusskonzert mit der NDR Radiophilharmonie unter Robert Trevino und dem Violinisten Sergey Dogadin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wer jetzt Reisepl\u00e4ne f\u00fcrs n\u00e4chste Jahr schmiedet, sollte sich den Zeitraum vom 21. September bis 12. Oktober 2019 vormerken f\u00fcr das 26. Usedomer Musikfestival. Hochkar\u00e4tige Gastspiele des Baltic Sea Philharmonic gibt es aber das ganze Jahr hindurch \u2013 wichtige Termine sind der 26. Juni 2019 in der Berliner Philharmonie und der 2. Juli 2019 in der Hamburger Elbphilharmonie.<\/p>\n<p><strong>[Text und Fotos: Stefan Pieper]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Infos und komplettes Programm unter<br \/>\n<\/strong><strong><a href=\"http:\/\/Www.usedomer-musikfestival.de\/\">www.usedomer-musikfestival.de<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Buchtipp:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">25 Jahre Usedomer Musikfestival,<br \/>\n10 L\u00e4nder- ein Meer, 25 Jahre \u2013 ein Festival<br \/>\nhrsg.v. F\u00f6rderverein Usedomer Musikfestival<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wegfall des eisernen Vorhangs schaffte die Voraussetzungen: Seit 25 Jahren vereint das Usedomer Musikfestival die Kultur(en) aus dem ganzen Ostseeraum. Vor zehn Jahren gr\u00fcndete der geb\u00fcrtige Estl\u00e4nder Kristjan J\u00e4rvi im Rahmen dieses Festivals sein Baltic Sea Philharmonic, das ebenfalls seine k\u00fcnstlerische Energie aus der Tatsache eines gemeinsamen Meeres sch\u00f6pft. 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