{"id":2894,"date":"2018-10-31T14:07:00","date_gmt":"2018-10-31T13:07:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2894"},"modified":"2018-11-14T09:09:44","modified_gmt":"2018-11-14T08:09:44","slug":"sinnlicher-hoellentrip","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/10\/31\/sinnlicher-hoellentrip\/","title":{"rendered":"Sinnlicher H\u00f6llentrip"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bart\u00f3ks \u201eHerzog Blaubart\u201c traf auf Sch\u00f6nbergs \u201eErwartung<\/strong>\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da B\u00e9la Bart\u00f3ks Einakter \u201eHerzog Blaubarts Burg\u201c aus dem Jahr 1918 einen kompletten Abend zeitlich nur unzureichend ausf\u00fcllt, ist auf den meisten B\u00fchnen die Kombination mit einem anderen k\u00fcrzeren St\u00fcck Standard. Auch das Essener NOW-Festival setzte auf dieses bew\u00e4hrte Konzept zum Beginn des allj\u00e4hrlichen zweiw\u00f6chigen Konzertmarathons im Ruhrgebiet \u2013 und brachte mit Arnold Sch\u00f6nberg und dessen atonalem Monodram \u201eErwartung\u201c eine weitere Lichtgestalt der fr\u00fchen Moderne ins Spiel.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Burg ist finster und r\u00e4tselhaft. Warum weinen die Mauern? Was verbirgt sich hinter den geschlossenen T\u00fcren? Was wird sich noch alles in den versteckten Winkeln der Seele von Herzog Blaubart, diesem r\u00e4tselhaften Mann und Gebieter verbergen? Wie sehr ist diese Burg doch ein Stein gewordenes Psychogramm der menschlichen Seele! Und mittendrin wirft die Liebe mehr Fragen auf, als das Antworten geliefert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um all dies sinnlich erfahrbar zu machen, stand im Alfried-Krupp-Saal viel souver\u00e4nes Potenzial zur Verf\u00fcgung: Vertretungsweise eingesprungen f\u00fcr den verhinderten Dirigenten Henrik Nanasi war der aus Wien stammende Gastdirigent Friedemann Layer. Und der leistete auf Anhieb genau das richtige, um die fantastischen M\u00f6glichkeiten des Essener Orchesters mit kontrollierter Intuition aufzusp\u00fcren und all dies schlie\u00dflich in eine berstende Spannung hinein zu steigern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00fcstere Quartenmotive vor allem der Celli wollen auf Anhieb sagen, dass hier eine Innenwelt im Aufruhr ist. Das Darsteller-Paar lebt einen psychoanalytisch besetzen Geschlechterkonflikt mit ganzer Intensit\u00e4t. Die Niederl\u00e4nderin Deidre Angenent fordert als in dieser halbszenischen Auff\u00fchrung als Judith, die neue Frau des Herzogs, mit flexiblem Mezzopran und einer authentisch wirkenden K\u00f6rpersprache ihren r\u00e4tselhaften Geliebten heraus. Dieser m\u00f6ge alle T\u00fcren seines d\u00fcsteren Hauses, aber eben auch seiner Seele \u00f6ffnen und alle, auch die letzten, m\u00f6glicherweise verst\u00f6renden Geheimnisse offenbaren. Herzog Blaubart selbst wird von dem Amerikaner Andrew Schroeder, Bariton verk\u00f6rpert &#8211; der wiederum dieser Rolle betont menschliche Z\u00fcge verleiht \u2013 ein angenehmer Zug, wo andere Blaubart-Intepreten diese Rolle gerne etwas zu vorauseiland d\u00e4monisieren. Blaubart gibt schlie\u00dflich nach und gibt den Blick frei auf\u00a0 Waffenkammern, Tr\u00e4nenseen, imagin\u00e4re Sch\u00e4tze \u2013 und stellt schlie\u00dflich die ganzen verflossenen Gespielinnen im eigenen Lustimperium zur Schau. Die ganze imagin\u00e4re Kraft der bildgewaltigen Story wird in diesem Moment allein durch die Macht der Musik und die Pr\u00e4senz der Darsteller hautnah erfahrbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So, wie Bart\u00f3ks Blaubart-Partitur durchaus noch nicht den wirklich radikalen Bart\u00f3k offenbart, sondern gerne auch mit Spurenelementen von Richard Strauss und Debussy sowie nat\u00fcrlich mit osteurop\u00e4ischen Volksmusik-Elementen kokettiert, so reagiert in Arnold Sch\u00f6nbergs eins\u00e4tzigem Monodrama \u201eErwartung\u201c viel sp\u00e4tromantisch-sinfonisches Kolorit mit einer radikalen, unmittelbar auf den Ausdrucksmoment bezogenen, atonalen Klangsprache. Einmal durch den furiosen Bartok vor der Pause in Fahrt kommen, l\u00e4sst das Orchester auch hier s\u00e4mtliche M\u00f6glichkeiten einer ausdrucksintensiven \u00dcberw\u00e4ltigung vom Stapel und dies weiterhin in kluger, den weitgespannten Bogen ber\u00fccksichtigenden Dosierung. Und das dient nach der Pause vor allem einem Zweck &#8211; n\u00e4mlich der Ausnahme-Sopranistin Angela Denoke, Sopran alles zu geben, was diese zur Entfaltung ihres stimmgewaltigen, mimisch eindringlichen, dramatischen Potenzials braucht. Denoke ist &#8211; man braucht es nicht zu erw\u00e4hnen, wer sie zum Beispiel als Walk\u00fcre kennt &#8211; auf Anhieb bestens in ihrem Element, um hier in ihrer schlicht und einfach als \u201eeine Frau\u201c betitelten Rolle, einen Sehnsuchts-H\u00f6llentrip zu zelebrieren, der keinen Stein auf dem anderen l\u00e4sst. Welche Energien dieser Gesang auft\u00fcrmt, dabei detailscharf s\u00e4mtliche Nuancen ausgeleuchtet und dies auch in akrobatischen Intervallspr\u00fcngen bebende H\u00f6hepunkte erf\u00e4hrt, das wirkt in Essen schlichtweg atemberaubend! Was in Marie Pappenheims metaphernges\u00e4ttigtem Libretto passiert und was Sch\u00f6nbergs Partitur mit so viel unheimlichen, bitters\u00fc\u00dfen Emotionen aufl\u00e4dt, bringt im Kopf unmittelbar einen d\u00fcsteren Film Noire in Fahrt: Die weibliche Hauptperson, alleine gelassen, verliebt, durchdrungen von verlangender Begierde, aber auch zerfressen von Verlust\u00e4ngsten, irrt durch einen dunklen Wald. Auch die K\u00fchle des Mondlichts verspricht hier keine Zuflucht mehr. Schlie\u00dflich findet sich der Geliebte, im Gespr\u00fcpp liegend, tot. Ermordet. Es geht hier nicht um das Warum! Ein expressionistisches Sujet wie dieses zeigt sich konsequent darin, nicht \u00fcber das unmittelbar Zust\u00e4ndliche hinaus zu gehen. Wenn all dies dann noch durch Angela Denokas Bravourauftritt und dieses hochmotivierte Essener Orchester geadelt werden, wirkt alles nur noch faszinierend unentrinnbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mittlerweile schon ein ganzes Jahrhundert alt, funktionieren diese grenzensprengenden Meisterwerke auch heute absolut zuverl\u00e4ssig, um ein aufnahmebereites Publikum in ungeahnte, elementare Zust\u00e4nde zu katapultieren. Daher war dieses Opern-Doppelpack auch ein w\u00fcrdiger Auftakt f\u00fcr ein Festival, das sich\u00a0 in seinem Kerngesch\u00e4ft vor allem der Neuen Musik widmet. Bis zum 4.11. sind beim Essener NOW-Festival noch zahlreiche Konzerte, Urauff\u00fchrungen und Percormances zu erleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Stefan Pieper, Oktober 2018]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Infos\u00a0 unter:<br \/>\n<\/strong><em><strong>https:\/\/www.theater-essen.de\/spielplan\/a-z\/programmvorstellung-festival-now-2018-82202\/<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bart\u00f3ks \u201eHerzog Blaubart\u201c traf auf Sch\u00f6nbergs \u201eErwartung\u201c Da B\u00e9la Bart\u00f3ks Einakter \u201eHerzog Blaubarts Burg\u201c aus dem Jahr 1918 einen kompletten Abend zeitlich nur unzureichend ausf\u00fcllt, ist auf den meisten B\u00fchnen die Kombination mit einem anderen k\u00fcrzeren St\u00fcck Standard. 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