{"id":29,"date":"2015-08-01T15:02:08","date_gmt":"2015-08-01T13:02:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=29"},"modified":"2015-08-08T00:19:05","modified_gmt":"2015-08-07T22:19:05","slug":"masslose-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/08\/01\/masslose-freiheit\/","title":{"rendered":"Ma\u00dflose Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Atma Classique ACD2 2696, ISBN: 7 22056 26962 9<\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Grieg-001.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-30\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Grieg-001-300x291.png\" alt=\"Grieg-001\" width=\"300\" height=\"291\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Grieg-001-300x291.png 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Grieg-001-1024x994.png 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die polnisch-kanadische Pianistin Janina <\/em><em>Fialkowska mit einer Auswahl der Lyrischen St\u00fccke von Edvard Grieg.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach zahlreichen CD-Erscheinungen mit Werken von Chopin, Liszt, Mozart und Schubert wendet sich die polnisch-kanadische Pianistin Janina Fialkowska nun dem hohen Norden zu. Einige wohlvertraute Kl\u00e4nge sind zu h\u00f6ren auf ihrem neuen Album, das komplett den Lyrischen St\u00fccken von Edvard Grieg gewidmet ist und eine bunte Auswahl aus allen zehn Heften dieser ber\u00fchmten Miniaturensammlung bietet. Von den bekannten St\u00fccken sind etliche wiederzufinden, doch auch ein paar der eher vernachl\u00e4ssigten Klavierminiaturen wie <em>Salong<\/em> (Salon) oder <em>B\u00e5dnl\u00e5t<\/em> (An der Wiege) sind in der Einspielung enthalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00e4u\u00dfere Schein des sehr d\u00fcster und geheimnisvoll anmutenden Covers tr\u00fcgt, die gew\u00e4hlten St\u00fccke sind im Gro\u00dfen und Ganzen eher die freundlichen und helleren, doch wirkt das Erscheinungsbild dennoch \u00e4u\u00dferst ansprechend. Dieses allerdings nun doch eher zum Leidwesen der H\u00f6rer, die bei schlechtem Licht die Titelauswahl auf der R\u00fcckseite in schwarzer Schrift auf dunklem Untergrund tendenziell nur schwerlich zu lesen verm\u00f6gen. Der Booklettext ist oberfl\u00e4chlich und gibt lediglich stichpunktartig Auskunft \u00fcber das gewaltige Schaffensspektrum, welches in dem mehr als dreist\u00fcndigen Zyklus ausgebreitet ist. Wer sich ein wenig intensiver mit den 66 Miniaturen besch\u00e4ftigen will, dem sei als Einf\u00fchrung der Beitrag &#8222;Nordisch geh\u00f6rt: das Lyrische. Zum Charakteristikum schlechthin in Edvard Griegs Klavierschaffen&#8220; von Joachim Dorfm\u00fcller empfohlen, der 2005 im von Ulrich Tadday herausgegebenen Band &#8222;Musik-Konzepte 127. Edvard Grieg&#8220; erschienen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Janina Fialkowskas Spiel erweist sich als klangfarbenreich und im positiven Sinne naiv, was wohl die wichtigste Voraussetzung f\u00fcr eine gelungene Auff\u00fchrung von Edvard Griegs Musik darstellt. Die Musik muss ganz nat\u00fcrlich und m\u00f6glichst wenig k\u00fcnstlich wirken, fast eingebungshaft improvisatorisch und aus vollem Herzen echtes Gef\u00fchl verstr\u00f6mend. Diese Art des unmittelbaren Ausdrucks kann Fialkowska vielerorts verstr\u00f6men, nur manches wirkt zu \u00fcbertrieben und l\u00e4sst die Unverf\u00e4lschtheit kurzzeitig br\u00f6ckeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An die Angaben im Notentext h\u00e4lt sich die Pianistin kaum, gerade im Bereich der Dynamik interpretiert Janina Fialkowska nach ihrem eigenen Gutd\u00fcnken, so ist oft genug ein Piano in gleicher Dynamikstufe wie ein Forte &#8211; oder gar lauter &#8211; zu h\u00f6ren und Akzente werden passagenweise vollst\u00e4ndig vergessen. Dies ist sehr bedauerlich, wenn man bedenkt, wie gro\u00df das Lautst\u00e4rkenspektrum Janina Fialkowskas ist, das von aufbrausendem Donnern frei von jedem gef\u00fchllosen Schlagen bis hin zum dezentesten Hauchen reicht, doch bei zahlreichen Gelegenheiten bei Weitem nicht voll ausgesch\u00f6pft wird. Ebenfalls fragw\u00fcrdig frei agiert Fialkowska mit dem Tempo: Nicht nur, dass manche Tempoangaben alles andere als ernst genommen werden und interne Tempowechsel viel zu extrem kontrastierend verstanden sind, sondern auch in den Melodielinien selber spielt die Pianistin ungehalten mit der Geschwindigkeit. Phrasenenden werden gerne um ein bis zwei Schl\u00e4ge l\u00e4nger und spontane kurze Notenwerte brechen sofort haltlos abrupt nach vorne aus. Betrachtet man die historischen Aufnahmen von Edvard Grieg, der einige St\u00fccke selbst einspielte (unter anderem den hier auch vorliegenden <em>Fommerfugl<\/em>\/Schmetterling), so sticht nat\u00fcrlich umgehend ins Auge, dass auch er das freie Rubato pr\u00e4ferierte, doch sollte bei modernen Aufnahmen wenigstens eine gewisse Z\u00fcgelung weg von den willk\u00fcrlichen Erscheinungen erkennbar sein \u2013 in dem Sinne, dass das Rubato nicht von der Takteinteilung bestimmt ist, sondern sich sinnf\u00e4llig wie von selbst aus der energetischen Aufladung der Linie ergibt. Die Kombination der Dynamik- und Tempofreiheiten geht hier zudem nicht selten auf Kosten der Gesanglichkeit der Melodie, die durchaus mehr als einmal ins Stocken ger\u00e4t oder von unvermittelten Akzenten aus anderen Stimmen unterminiert wird. Besonders deutlich sind beide Aspekte direkt im zweiten St\u00fcck der CD, der <em>Folkevise<\/em> (Volksweise), einem an den Springdans (Springtanz) angelehnten Volkstanz im 3\/4-Takt. Dieser ger\u00e4t hier vollkommen untanzbar, denn schon im ersten Takt zieht das Tempo direkt an, nur um gegen Phrasenende wieder abzubremsen. Der zweite Abschnitt im Mezzoforte ist von dem Pianoteil eigentlich \u00fcberhaupt nicht zu unterscheiden, bei der Wiederholung ist gar das Mezzoforte leiser als das Piano. Auch ist etwa das einleitende <em>Allegretto<\/em> in <em>Aften p\u00e5 h\u00f6yfjellet<\/em> (Abend im Hochgebirge) keineswegs schneller als das folgende <em>Andante espressivo<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedoch sind nicht alle St\u00fccke gleicherma\u00dfen von solchen kontraproduktiven Elementen durchzogen, an vielen Passagen er\u00f6ffnen sich auch sehr reine und magisch anmutende Momente. Gerade die schnelleren Miniaturen erhalten ein wahres Rauschen in absoluter Lockerheit und Pr\u00e4zision, wie beispielsweise im <em>Bekken<\/em> (B\u00e4chlein) oder im <em>Sm\u00e5troll<\/em> (Kobold) feinsinnig und nachdr\u00fccklich unter Beweis gestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchen Aspekt meistert Fialkowska auch mit komplett unterschiedlichen Ergebnissen wie den imitierenden Umgang mit Unterstimmen, denn w\u00e4hrend sie im <em>Kanon<\/em> noch rein auf die Oberstimme fixiert ist und die gleichwertige Partnerstimme ziemlich untergeordnet darstellt, ist bei <em>Gade<\/em> ein lebendiges Wechselspiel der beiden oft kanonisch laufenden Stimmen zu h\u00f6ren. Im ber\u00fchmten <em>Trolltog<\/em> (Zug der Trolle) kann sie sich gar \u00fcberhaupt nicht zwischen den beiden Alternativen entscheiden, spielt die akzentuierten Oktaven in der linken Hand als eigenst\u00e4ndige Linie und die folgenden ebenso zu akzentuierenden Einzelt\u00f6ne der Motivwiederholung l\u00e4sst sie eher untergehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Rahmen des gesamten Zyklus\u2019, bestehend aus <em>Arietta<\/em> und <em>Efterklang<\/em> (Nachkl\u00e4nge), denen ein und dieselbe Melodie zugrunde liegt, zerf\u00e4llt bedauerlicherweise ein wenig, weil die Verwandtschaft zu sehr im Verborgenen bleibt und die Gemeinsamkeit der St\u00fccke zugunsten der Unterschiedlichkeit vom 2\/4- zum 3\/4-Takt verloren geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darstellerische H\u00f6hepunkte der CD sind neben dem oft als Herzst\u00fcck der Lyrischen St\u00fccke angesehenen <em>Bryllupsdag p\u00e5 Troldhaugen<\/em> (Hochzeitstag auf Troldhaugen) auch <em>For dine f\u00f6tter<\/em> (Zu deinen F\u00fc\u00dfen) mit seiner vielgesichtigen Darstellung der simplen Melodie, <em>Sylfide<\/em> (Sylphe) mit luftig hellem und durchsichtigem Ton, <em>Det var engang<\/em> (Es war einmal) durch die starken Kontraste sowie das folgende St\u00fcck <em>Sommeraften<\/em> (Sommerabend).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das vielseitige K\u00f6nnen von Janina Fialkowska ist keineswegs in Frage zu stellen, ganz leicht aus der Hand gesch\u00fcttelt wirken die schwierigsten der Lyrischen St\u00fccke mit dennoch erstaunlicher Ausgestaltung. Lediglich zu w\u00fcnschen w\u00e4re, sie w\u00fcrde es mit der interpretatorischen Freiheit gelegentlich nicht allzu sehr \u00fcbertreiben und mehr den Notentext beachten &#8211; die vorgeschriebenen Feinheiten hat der selbstkritische Edvard Grieg sicherlich nicht aus Versehen so in den Notentext hineingeschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Juli 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Atma Classique ACD2 2696, ISBN: 7 22056 26962 9 Die polnisch-kanadische Pianistin Janina Fialkowska mit einer Auswahl der Lyrischen St\u00fccke von Edvard Grieg. Nach zahlreichen CD-Erscheinungen mit Werken von Chopin, Liszt, Mozart und Schubert wendet sich die polnisch-kanadische Pianistin Janina Fialkowska nun dem hohen Norden zu. 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