{"id":2922,"date":"2018-11-09T09:09:21","date_gmt":"2018-11-09T08:09:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2922"},"modified":"2018-11-14T09:09:03","modified_gmt":"2018-11-14T08:09:03","slug":"jakub-hrusa-erobert-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/11\/09\/jakub-hrusa-erobert-muenchen\/","title":{"rendered":"Jakub Hr\u016f\u0161a erobert M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In drei Konzerten innerhalb von drei Tagen dirigierte der Tscheche Jakub Hr\u016f\u0161a, seit 2 Jahren Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der M\u00fcnchner Philharmonie am Gasteig in Josef Suks Asrael-Symphonie. Das Orchester, das \u2013 wie alle Kenner wissen \u2013 zu den besten der Welt z\u00e4hlt und in den so griffigen wie kindischen und irref\u00fchrenden Rating-Rankings als \u201est\u00e4rkste deutsche Kraft neben den Berliner Philharmonikern\u201c gilt, spielt nat\u00fcrlich stets so, dass es seinem Ruf gerecht werden m\u00f6chte (dies gilt keineswegs im gleichen Ma\u00dfe f\u00fcr alle sogenannten Spitzenorchester), doch wer sich immer noch in der Sicherheit w\u00e4hnt, je prominenter der Dirigent sei, desto besser spiele das Orchester, befindet sich fern der Realit\u00e4t, und das schon lange. Klar, das BR-Symphonieorchester unter seinem Chef Mariss Jansons oder unter Riccardo Muti, Herbert Blomstedt, Bernard Haitink oder auch, warum nicht, Simon Rattle ist ein gl\u00e4nzender Klangk\u00f6rper, doch die gro\u00dfartigsten Konzerte der letzten Jahre spielte man unter der Leitung des im Fr\u00fchjahr 2017 verstorbenen Ji\u0159\u00ed B\u011blohl\u00e1vek, einst Sch\u00fcler Sergiu Celibidaches, musikalischer Erbe der gro\u00dfen b\u00f6hmischen Tradition V\u00e1clav Talichs und Josef Vlachs, und zuletzt Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie, unter dem die M\u00fcnchner Werke wie Bohuslav Martin\u016fs 6. Symphonie oder Leos Jan\u00e1\u010deks \u201aTaras Bulba\u2018 in einmaliger Qualit\u00e4t zu h\u00f6ren bekamen. Leider hat man auch bei der Direktion des Bayerischen Rundfunks nie verstanden, dass B\u011blohl\u00e1vek in der Musik Mozarts oder Beethovens ein ebenso gro\u00dfer Meister war, und so d\u00fcrfte bei vielen H\u00f6rern der Eindruck zur\u00fcckgeblieben sein, dass er eben letztlich ein gro\u00dfer Dirigent des heimatlichen tschechischen Repertoires gewesen sei und vielleicht auch nichts weiter als das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun also das Deb\u00fct seines einstigen Meistersch\u00fclers Jakub Hr\u016f\u0161a am Pult des BR-Symphonieorchesters, nat\u00fcrlich \u2013 die meisten Programmplaner der klassischen Musik sind nach wie vor reaktion\u00e4re Nationalisten \u2013 mit einem ausschlie\u00dflich tschechischen Programm \u2013 wobei nach diesem Konzert auch dem letzten wachen H\u00f6rer klar sein sollte, dass Hr\u016f\u0161a sich niemals auf den Spezialistenstatus wird einengen lassen. Vor der Pause das Violinkonzert von Dvor\u030ca\u0301k, gespielt vom neuen Superstar der amerikanischen Geigerszene, Augustin Hadelich. Perfekteres Geigenspiel ist tats\u00e4chlich kaum vorstellbar, makellos brillant und klanglich kultiviert bis ins kleinste Detail. Dabei hilft nat\u00fcrlich auch, dass Hr\u016f\u0161a es genau versteht, die instrumentatorischen Klippen, wo das teils auch nach der gro\u00dfen Revision immer noch sehr massiv gesetzte Orchester zumeist den Solisten fast unvermeidlich zudeckt, wach und ohne unmusikalisch abrupten Aufhebens zu umschiffen und dem Solisten einen Teppich auszulegen, wie er sonst mit solcher empathischen Sorgfalt und feinnuancierten Pr\u00e4zision nicht gewoben wird. Dass Hadelich bei allem \u00fcberragenden K\u00f6nnen seinen Dvor\u030ca\u0301k ohne besondere stilistische Vertiefung abliefert, mit keinem sp\u00fcrbaren Unterschied etwa zu seinem Mendelssohn oder Sibelius, also musikalisch glatt poliert bleibt, f\u00e4llt ob seiner stupenden Virtuosit\u00e4t den wenigsten auf, und auch die Zugabe ist bei Orchester und Publikum ein ganz hei\u00dfer Erfolg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause dann \u201aAsrael\u2018, die zweite Symphonie von Dvor\u030ca\u0301ks im gleichen Jahr 1874 wie Sch\u00f6nberg, Ives, Franz Schmidt und Gustav Holst geborenem Schwiegersohn Josef Suk: ein grandios tragisches Meisterwerk, auf einer H\u00f6he mit den besten Werken seiner ber\u00fchmteren Zeitgenossen Gustav Mahler, Richard Strauss, Sergej Rachmaninoff, Max Reger oder Karol Szymanowski, dessen Name \u201aAsrael\u2018 dem Totenengel des Islam entlehnt ist und dessen Musik den stilistischen \u00dcbergang Suks zu seinem reifen Schaffen bezeichnet. Suk schrieb die ersten drei S\u00e4tzen 1905 im Gedenken an Anton\u00edn Dvor\u030ca\u0301k. Dann starb seine Frau Otilka, die Tochter des geliebten Lehrers, und Suk verfiel in eine tiefe Depression, aus welcher er sich im folgenden Jahr mit den letzten beiden S\u00e4tzen heraus arbeitete. Dieses circa 70 Minuten dauernde Opus 27 bildet den gigantischen Auftakt zu jener au\u00dferhalb seiner b\u00f6hmischen Heimat so untersch\u00e4tzten Serie weiterer gro\u00dfartiger Orchestersch\u00f6pfungen wie dem \u201aSommerm\u00e4rchen\u2018, \u201aLebensreifen\u2018 und seinem finalen, kaum je zu h\u00f6renden \u201aEpilog\u2018. Jakub Hr\u016f\u0161a gestaltet den \u201aAsrael\u2018 mit einer umfassenden Meisterschaft, wie ich ihn nie geh\u00f6rt habe (wobei zu erw\u00e4hnen ist, dass wir vom gro\u00dfen Talich nur eine klanglich unzul\u00e4ngliche Aufnahme kennen und ich B\u011blohl\u00e1vek nie live damit geh\u00f6rt habe). Davon unabh\u00e4ngig, war dies das insgesamt beste Dirigat, das die M\u00fcnchner seit langer Zeit erleben durften. Hr\u016f\u0161a hat eigentlich alles, was einen ganz gro\u00dfen Dirigenten ausmacht, und das ist eben weit mehr als Begabung und Ausstrahlung, das ist mindestens ebenso profundeste Musikalit\u00e4t, die sich neben einer virtuosen Musizierf\u00e4higkeit und gestischen Klarheit und Flexibilit\u00e4t vor allem in der Korrelationsf\u00e4higkeit auch \u00fcber sehr weite Strecken im teils sehr komplexen Tonsatz offenbart, und es ist unbedingter Charakter und eine f\u00fcr sein Alter ganz erstaunliche Reife. Er hat es \u00fcberhaupt nicht n\u00f6tig, wie die meisten seiner heute so gehypten Kollegen da mit Nachdruck zu agieren, wo es ohnehin laut und fast immer unstrukturiert zu laut ist (auch deshalb m\u00f6chte ich ihn jetzt bald so gerne mit Beethoven h\u00f6ren), es ist immer balanciert, kultiviert, voller Poesie und Feinsinn, und dabei zugleich immer im Fluss, nie buchstabiert, und mit einem melodischen Schwung und so gar nicht mechanisch einrastenden rhythmischen Drive, dass die Musik stets \u00fcberbordend von Leben ist. Ganz besonders fantastisch gelingt das gro\u00dfe Scherzo. Aber \u00fcberall ist Hr\u016f\u0161a souver\u00e4ner Meister der Situation, und das ganz Besondere dabei ist, dass man eben nicht das Gef\u00fchl hat, er oktroyiere kraft seiner klaren und im Gro\u00dfen wie im Kleinsten ausgepr\u00e4gten Vorstellung seinen Willen auf, sondern hier geht es kontinuierlich um ein gemeinsames Erleben, das die individuellen T\u00f6nungen und auch \u00dcberraschungen gro\u00dfz\u00fcgig und dankbar einbezieht, soweit sie der zusammenh\u00e4ngenden, charakteristischen Darstellung nicht widersprechen. Hr\u016f\u0161a ist ein Dirigent voller Hingabe, der jedem Orchestermusiker das Gef\u00fchl gibt, vollwertig dabei zu sein und gebraucht zu werden, bis zu den hintersten Pulten. Dieses Programm dreimal hintereinander zu h\u00f6ren ist keine Minute zu viel, und mehr \u00fcber ein so effizientes wie kunst- und geistreiches Dirigieren voller Fantasie und jenseits eigensinniger Willk\u00fcr kann man heute nirgends lernen als bei Jakub Hr\u016f\u0161a. Das Orchester ging nicht nur willig mit. Soweit ich es sehen konnte, gab jede\u00ae alles, was in ihren resp. seinen M\u00f6glichkeiten stand. Also war dieses Konzert ein ganz gro\u00dfes Ereignis, das den Stempel des Einmaligen trug. Unwiederbringlich, und wir werden endlich einmal wieder auf h\u00f6chstem professionellen Niveau daran erinnert, warum wir eigentlich Musik machen bzw. h\u00f6ren. Es kann auch keinen Zweifel geben nach diesen Konzerten, dass viele Mitglieder des BR-Symphonieorchesters sehns\u00fcchtig und wohl auch etwas eifers\u00fcchtig nach Bamberg schielen, wo man sich den wunderbarsten Dirigenten von prominentem Rang, den unsere heutige Zeit offeriert, zumindest f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre gesichert hat. M\u00f6ge er bald wieder in M\u00fcnchen auftreten, und hoffentlich bald auch in einem besseren Saal als der erb\u00e4rmlichen Akustik der Philharmonie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Oktober 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In drei Konzerten innerhalb von drei Tagen dirigierte der Tscheche Jakub Hr\u016f\u0161a, seit 2 Jahren Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der M\u00fcnchner Philharmonie am Gasteig in Josef Suks Asrael-Symphonie. 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