{"id":2925,"date":"2018-11-14T09:00:54","date_gmt":"2018-11-14T08:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2925"},"modified":"2018-11-14T09:08:43","modified_gmt":"2018-11-14T08:08:43","slug":"bach-and-baltic-kremerata-baltica-und-die-organistin-iveta-akpalna-in-der-essener-philharmonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/11\/14\/bach-and-baltic-kremerata-baltica-und-die-organistin-iveta-akpalna-in-der-essener-philharmonie\/","title":{"rendered":"Bach and Baltic: Kremerata Baltica und die Organistin Iveta Akpalna in der Essener Philharmonie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was f\u00fcr ein begnadetes Streicherorchester, was f\u00fcr erfrischend \u201eunverbrauchte\u201c Kompositionen und was f\u00fcr eine sp\u00fcrbare Leidenschaft bei der Umsetzung! Die Kremerata Baltica, jenes von Gidon Kremer gegr\u00fcndete Streichorchester traf in der Essener Philharmobue auf Iveta Akpalna, die zurzeit als Titularorganistin an der Elbphilharmonie ist.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die fabelbaften Streicherinnen und Streicher der Kremerata Baltica zu aufregenden musikalischen Abenteuern aufbrechen, sind eigenst\u00e4ndige K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeiten am Werk, denen bei aller Individualit\u00e4t vor allem \u201edas gro\u00dfe Ganze\u201c eine Herzensangelegenheit ist. Ein weiteres Kapital dieses im Jahr\u00a0 1997 gegr\u00fcndeten Orchesters ist die aufgeweckte Zusammenarbeit mit den Gegenwartskomponisten ihrer Heimatl\u00e4nder &#8211; etwa Estland, Litauen und Lettland. Das machte bei einem \u00fcberw\u00e4ltigenden Auftritt in der Essener Philharmonie vor allem eines klar: In den Kompositionen von Petris Vasks, Lepo Sumera oder Eriks Esenvalds sind engagierte Modernit\u00e4t und unmittelbar mitrei\u00dfende Emotion kein Widerspruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf ihrer aktuellen Tournee \u201eBach and Baltic\u201c fungiert die \u201eewige\u201c Tonsprache Johann Sebastian Bachs als Bindeglied &#8211;\u00a0 und auch hier ist der unkonventionelle Blickwinkel Programm. Der sich auch dann auszahlt, wenn das Orchester die Orgelvirtuosin Iveta Akpalna, zurzeit Titularorganistin an der Elbphilharmonie in den Mittelpunkt r\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf konzentriertem H\u00f6chstlevel geht es in der Essener Philharmonie ohne Anlaufzeit sofort in die Vollen: Peteris Vasks Sinfonie \u201eBalsis\u201c f\u00fcr Streichinstrumente kommt aus der Stille, verweigert sich dann immer radikaler jedem esoterisch anmutenden Weltflucht-Idyll. Mit subtiler Emphase tragen die Streicher schillernde, von Glissandi durchkreuzte Farbteppiche auf. Ein anderer, bedrohlich schroffer Gestus steigert sich schlie\u00dflich in best\u00fcrzende Wucht hinein. Hier ist nicht l\u00e4nger der in sich ruhende Naturmystiker Peteris Vasks sp\u00fcrbar, dem es um nordische Sch\u00f6nheitsideale geht. Die unmittelbar fordernde Klangsprache dieser Komposition aus dem Jahr 1990 mutet vielmehr an wie ein Aufschrei in eine unstete Gegenwart hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach so viel explosiver Wucht zu Anfang, f\u00fchrt Bachs d-Moll-Konzert zieht eine andere, fast m\u00e4rchenhafte, zeitlose Welt hinein. Was nicht nur an der extravaganten B\u00fchnenpr\u00e4senz von Iveta Akpalna liegt, die in silbrig-gl\u00e4nzendem Kleide hinter dem Spieltisch der m\u00e4chtigen Kuhn-Orgel zur einf\u00fchlsamen Kammermusikenpartnerin mutiert. Impulsiv, befl\u00fcgelnd, leichtf\u00fc\u00dfig verweben sich Bachs Figurationen mit dem reichen Streicher-Farbenspktrum der Kremerata Baltica.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter nimmt ein weiteres \u201eBach-Projekt\u201c wie kein anders eine erstaunliche Perspektive ein: Bach, Busoni, Gidon Kremer und letztlich das ganze Orchester vernetzten sich in der respektgebietenden d-Moll Chaconne zum Gesamtgef\u00fcge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Einspielung aus dem Off bringt zugleich den Meister und Gr\u00fcnder, also Gidon Kremer selbst ins Spiel. Dieser muss sich der ungeheuren, polyphonen Materialf\u00fclle der Chaconne bewusst gewesen sein, die Bach in diesem Solowerk einem einzelnen Spieler aufb\u00fcrdet. Gidon Kremers Orchesterbearbeitung \u201ebefreite\u201c den komplexen polyphonen Reichtum dieser Komposition aus seiner \u201eeinsamen\u201c Rolle. Hier nun orchestral aufgef\u00e4chert, gab dies in Essen der begl\u00fcckenden Spiellust der Kremarata Baltica Nahrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lepo Sumera stammt aus Estland, seine \u201eSinfonie der Zusammenkl\u00e4nge\u201c ist das neut\u00f6nerischste Werk des Abends. Lustvoll b\u00fcndelt das Spiel der Streicher und eines Perkussionisten viel dunkle Emotion, l\u00e4sst eintauchen in einen klangsinnlichen Ozean aus Clustern, Dissonanzreibungen und stoischen Schlagwerk-Impulsen. Einmal mehr zeigte sich das Weltklasse-Niveau der Kremerata Baltica, wie plastisch hier alle Raumdimensionen von N\u00e4he und Ferne ausgelotet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Finale dieses atemberaubenden Abends f\u00fchrte schlie\u00dflich scheinbare Gegenpole wie in einer Art Synthese zusammen. Eriks Esenvals bringt in seinem dreis\u00e4tzigen Orgelkonzert die Ideomatik von Bachs ber\u00fchmter d-Moll Toccata auf verschlungene Abwege. Und diese bekr\u00e4ftigten mit einem pathetisch-emotionalen Farbenspektrum, aufbrausenden Orgeltutti-Kl\u00e4ngen eine durchaus typische melodi\u00f6s-melancholische Tonsprache, wie sie f\u00fcr viele baltische Komponisten zum Markenzeichen geworden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Stefan Pieper, November 2018]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein begnadetes Streicherorchester, was f\u00fcr erfrischend \u201eunverbrauchte\u201c Kompositionen und was f\u00fcr eine sp\u00fcrbare Leidenschaft bei der Umsetzung! Die Kremerata Baltica, jenes von Gidon Kremer gegr\u00fcndete Streichorchester traf in der Essener Philharmobue auf Iveta Akpalna, die zurzeit als Titularorganistin an der Elbphilharmonie ist. 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