{"id":2933,"date":"2018-11-16T15:26:01","date_gmt":"2018-11-16T14:26:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2933"},"modified":"2018-11-16T15:26:01","modified_gmt":"2018-11-16T14:26:01","slug":"wissenschaftlich-unverstaendlich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/11\/16\/wissenschaftlich-unverstaendlich\/","title":{"rendered":"Wissenschaftlich-unverst\u00e4ndlich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Analecta Musicologica. Klangkultur und musikalische Interpretation. Italienische Dirigenten im 20. Jahrhundert; Peter Niederm\u00fcller (Herausgeber), David Patmore, Gesa zur Nieden, J\u00fcrg Stenzl, Antonio Rostagno, Martin Elste, Hartmut Hein, Angela Ida De Benedictis, Vincenzina Ottomano<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2934 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/N0058.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"311\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/N0058.jpg 940w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/N0058-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/N0058-768x1162.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/N0058-677x1024.jpg 677w\" sizes=\"(max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Um Interpretationsforschung italienische Dirigenten dreht es sich in \u201eAnalecta Musicologica. Klangkultur und musikalische Interpretation. Italienische Dirigenten im 20. Jahrhundert\u201c. Herausgegeben wurde die Beitragssammlung von Peter Niederm\u00fcller in Folge eines Studientags in Rom; die Referate stammen von David Patmore, Gesa zur Nieden, J\u00fcrg Stenzl, Antonio Rostagno, Martin Elste, Hartmut Hein, Angela Ida De Benedictis und Vincenzina Ottomano.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Interesse steigt, nicht alleine den Notentext zu ergr\u00fcnden, sondern dar\u00fcber hinaus auch die Realisation durch die Musiker; doch das Feld der Interpretationsforschung geh\u00f6rt zu den schwierigsten der Musikwissenschaft. Das Problem liegt auf der Hand: Die Geschm\u00e4cker und Vorstellungen von musikalischer Darbietung gehen auseinander, entsprechend kompliziert gestaltet es sich, m\u00f6glichst objektive Ma\u00dfst\u00e4be zu finden. Wie n\u00e4hert man sich also diesem Feld an? Die simpelste L\u00f6sung ist zugleich die unergiebigste und am h\u00e4ufigsten anzutreffende: Die Autoren erforschen konkret messbare Aspekte der musikalischen Darbietung wie Dauer von St\u00fccken oder Abschnitten sowie Tempowechsel. Als Leser erf\u00e4hrt man hierbei nichts dar\u00fcber, wie der Musiker an die Musik herangeht oder auf welche Details er Wert legt, kennt lediglich bezugslose Zeitangaben. Ebenso erweisen sich fixe Kategorisierungen als beliebte Vereinfachungen, um einen ausgereiften Personalstil auf weniger als drei W\u00f6rter zu reduzieren und eine Basis zum Vergleichen oder Konfrontieren unterschiedlicher Musiker zu schaffen. Als einziger Autor der vorliegenden Referatsammlung bem\u00fcht sich der Herausgeber Peter Niederm\u00fcller, \u00fcber messbare Zahlen und Kategorien hinauszugehen und etwas auszusagen \u00fcber Giuseppe Sinopoli und seine Mahler-Darbietung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sonst k\u00f6nnte man sich dem Feld der Interpretationsforschung ann\u00e4hern? Der Weg f\u00fchrt unumg\u00e4nglich \u00fcber das aktive und kritische H\u00f6ren. Es gilt zu versuchen, eine Darbietung so genau wie m\u00f6glich zu beschreiben, Details der Umsetzung herauszuarbeiten; um nur einige der m\u00f6glichen Aspekte zu nennen: Dynamik, Artikulation, fomale Gestaltung, Bezug der einzelnen Instrumente zueinander. Nat\u00fcrlich wird dabei immer ein minimaler Bestandteil an Subjektivit\u00e4t hineinkommen, aber findet sich dieser nicht sogar bei den objektivsten Faktenauswertungen alleine durch die Art der Formulierung? Und auch diejenigen Musiker, die sich voll in den Dienst der Werke stellen, m\u00fcssen in ihrer Darbietung subjektive Entscheidungen treffen \u2013 eben davon lebt die Musik und gibt uns einen Ausgangspunkt f\u00fcr Interpretationsforschung. Sich hinter tr\u00fcgerischer Objektivit\u00e4t zu verbergen, bringt keinen Gewinn bei der Untersuchung von pers\u00f6nlichen Darbietungen: Die L\u00f6sung liegt auf einem schmalen Grad zwischen den beiden Polen, dort, wo man vielleicht nicht unbedingt seine ureigene Ansicht vertritt, aber noch immer Mensch mit Wahrnehmung und Gef\u00fchl bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die meisten Autoren dieses Buches nichts auszusagen haben, zeigt nicht nur das Herumreiten auf bedeutungsarmen Fakten, sondern auch das Verstecken hinter hochtrabenden Formulierungen und ellenlangen Schachtels\u00e4tzen. Der Leser wird bewusst geblendet durch unverst\u00e4ndliche Schreibart: W\u00fcrden die Autoren pr\u00e4gnant und nachvollziehbar schreiben, so w\u00fcrde man schnell erkennen, wie wenig Aussage in den Artikeln steckt. Doch eine Schlacht an unn\u00f6tigen Fremd- und Fachw\u00f6rtern verschleiert das Verst\u00e4ndnis ebenso wie kaum entwirrbare Satzkonstrukte, R\u00fcckbez\u00fcge und \u00fcberlange Fu\u00dfnoten. Es klingt alles sch\u00f6n kompliziert und \u201ewissenschaftlich\u201c; aber ich will beim Lesen etwas \u00fcber das Thema erfahren, und nicht bestaunen, wie wunderbar schw\u00fclstig die Autoren schreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inhaltlich \u00fcberzeugen konnte mich der Artikel \u201eCetra-Soria\u201c von Martin Elste \u00fcber die Geschichte eines italienisch-amerikanischen Erfolgslabels, das zugleich eine wichtige Rolle f\u00fcr italienisches Opernrepertoire spielte. Auch aus Peter Niederm\u00fcllers Artikel \u00fcber Sinopolis Mahler-Interpretation lie\u00dfen sich interessante Aspekte entnehmen. Der einzige, der auch einmal die unbekannten Dirigenten behandelt, ist David Patmore \u00fcber Coppola, Molajoli und Sabajno; die restlichen Artikel drehen sich haupts\u00e4chlich um Toscanini, dar\u00fcber hinaus jeweils einer um Sinopoli und Abbado.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, November 2018]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Analecta Musicologica. Klangkultur und musikalische Interpretation. Italienische Dirigenten im 20. Jahrhundert; Peter Niederm\u00fcller (Herausgeber), David Patmore, Gesa zur Nieden, J\u00fcrg Stenzl, Antonio Rostagno, Martin Elste, Hartmut Hein, Angela Ida De Benedictis, Vincenzina Ottomano Um Interpretationsforschung italienische Dirigenten dreht es sich in \u201eAnalecta Musicologica. 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