{"id":2936,"date":"2018-11-18T21:14:39","date_gmt":"2018-11-18T20:14:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2936"},"modified":"2018-11-18T21:14:39","modified_gmt":"2018-11-18T20:14:39","slug":"neue-horizonte-erleben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/11\/18\/neue-horizonte-erleben\/","title":{"rendered":"Neue Horizonte erleben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Chor des Bayerischen Rundfunks l\u00e4dt gemeinsam mit dem M\u00fcnchner Kammerorchester und dem Dirigenten Yuval Weinberg ein, neue musikalische Horizonte zu erkunden. Im M\u00fcnchner Prinzregententheater geben sie am 17. November 2018 ein Konzert mit zeitgen\u00f6ssischer Chormusik, bei welchem mitrei\u00dfende Entdeckungen auf uns warten: Den Anfang macht Bj\u00f8rn Andor Drage mit seinem \u201eKlag-Lied\u201c f\u00fcr Soli (Priska Eser, Jutta Neumann, Bernhard Schneider, Christof Hartkopf), Sprechchor, gemischten Chor und Streicher nach einer &#8211; zuvor erklingenden &#8211; Vorlage von Dietrich Buxtehude. Danach h\u00f6ren wir \u201eAd genua\u201c von Anna Thorvaldsd\u00f3ttir f\u00fcr Sopran-Solo (Anna-Maria Palii), gemischten Chor und Streicher, \u201eNuits, adieux\u201c aus der Feder von Kaija Saariaho f\u00fcr gemischten Chor mit vier Solisten (Sonja Philippin, Ruth Volpert, Q-Won Han, Matthias Ettmayr) und \u201eNocturne (Richter)\u201c von Thierry Machuel f\u00fcr gemischten Chor a cappella op. 7. Nach der Pause gibt es noch Werke von zwei Klassikern des 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhunderts: Zum einen Krzysztof Penderecki, von dem \u201eDomine, quid multiplicati\u201c f\u00fcr gemischten Chor a cappella (Andrew Lepri Meyer, Tenor-Solo), \u201eCherubinischer Lobgesang\u201c f\u00fcr gemischten Chor a cappella und die \u201eSerenade\u201c f\u00fcr Streichorchester erklingen; und zum anderen Arvo P\u00e4rt, dessen \u201eBerliner Messe\u201c f\u00fcr Chor und Streichorchester aufgef\u00fchrt wird.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Programm ist durchaus gewagt f\u00fcr ein Abonnementkonzert, und doch d\u00fcrfte es viele der H\u00f6rer positiv \u00fcberrascht und begeistert haben. Kaum jemand aus dem Publikum d\u00fcrfte die Komponisten der ersten Programmh\u00e4lfte gekannt oder sogar Musik von ihnen geh\u00f6rt haben: \u201eHorizonte\u201c lautet deshalb auch das Motto des Konzerts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Beginn des Programms steht direkt eine Urauff\u00fchrung, \u201eKlag-Lied\u201c aus der Feder eines norwegischen Komponisten, von dem bislang kaum Musik \u00fcber die Landesgrenzen drang: Bj\u00f8rn Andor Drage. Als Komponist begibt er sich auf die Suche nach einem eigenen und unverwechselbaren Stil, der oft auf Modellen der Barockzeit basiert, welche allerdings nur fragmentarisch Gebrauch finden und zu neuen Formen modelliert werden. Laut Drage liegt eine gesamte Welt in der Zw\u00f6lftonreihe, alle Kontraste und Extreme lassen sich aus ihrer Ganzheit ableiten. So nimmt die Dodekaphonie auch zentralen Stellenwert im Schaffen Drages ein, wobei sie nicht zwingend im \u201eatonalen\u201c, durch die Zweite Wiener Schule konnotierten Gewand erscheinen muss, sondern auch tonale oder ebenso g\u00e4nzlich neuartige Stile annehmen kann. Drage braucht keine \u00fcbermodernen Effekte, um originell zu sein, er bedient sich bekannten Idiomen, um damit eigenes zu schaffen. Das \u201eKlag-Lied\u201c entstand 2004 nach dem Tod seiner Mutter, urspr\u00fcnglich als a cappella-St\u00fcck, wobei er sich auf das gleichnamige Werk Buxtehudes BuxWV 76 bezieht \u2013 diesen veranlasste der Tod seines Vaters zur Komposition des Trauerliedes. Drage begeistert sich f\u00fcr die Musik der Barockzeit mit ihrem stetigen rhythmischen Trieb und f\u00fchlt sich zu dem f\u00fcr seine Zeit expressionistisch-fortschrittlichen Buxtehude hingezogen, dessen Gesp\u00fcr f\u00fcr Dissonanz ihn anreizt. Die sich auff\u00e4chernden kontrapunktischen Bewegungen des Originals extremisierte Drage alleine durch seine Aufteilung der Musiker: Den Chor spaltete er in vier Solisten, einen vierstimmigen Sprechchor und (singenden) gemischten Chor auf, wobei der Text in f\u00fcnf Sprachen erklingt. In der 2015 entstanden, heute uraufgef\u00fchrten Fassung teilte er zudem die neu hinzugekommenen Streicher mehrfach und schuf so ein zutiefst komplexes und dichtes Gewebe aus Stimme, Sprache, T\u00f6nen und Kl\u00e4ngen. Dabei beweist Drage enormes Gef\u00fchl f\u00fcr formale Gestaltung: Wellenartig expandiert das Geschehen von zartem Fl\u00fcstern bis hin zu einem Aufschrei gegen den Tod und kehrt wieder zu seiner Ausgangsstimmung zur\u00fcck. Immer wieder schwingen Fragmente der barocken Klangwelt mit, doch schon treibt die Musik hinfort und l\u00e4sst die Ankl\u00e4nge wie ein schwaches Echo vergangener Zeiten erscheinen. Ersch\u00fcttert bleibt der H\u00f6rer zur\u00fcck; die kurzen Momente der Hoffnung in der Musik negiert Drage und am Schluss t\u00f6nt noch der mehrsprachige \u201eSchmerz\u201c nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso \u00fcberw\u00e4ltigend geht der Abend weiter mit einer zweiten musikalischen \u00dcberraschung, der isl\u00e4ndischen Komponistin Anna Thorvaldsd\u00f3ttir. \u201eAd genua\u201c (Auf die Knie) bezieht sich wie auch Drages Werk auf Buxtehude, allerdings auf den gleichnamigen zweiten Satz des Oratoriums \u201eMembra Jusu nostri\u201c, welches einzelne K\u00f6rperteile des Gesalbten besingt. Mit der Einleitung durch die B\u00e4sse und Celli zieht uns Thorvaldsd\u00f3ttir tief hinab, nur um uns mit dem Einsatz des Solo-Soprans wieder zum Licht zu f\u00fchren. Meditativ, spirituell und naturverwurzelt schwebt die Musik auf sanften Dissonanzen durch immer neu aufgespannte Klangsph\u00e4ren, treibt ohne Nachdruck, aber zielgerichtet auf den Wendepunkt zu, wo der Fall auf die Knie nicht mehr das Ersuchen nach Vergebung darstellt, sonders das Huldigen der ewigen Musik. Hinrei\u00dfend zart und schlicht singt Anna-Maria Palii das Sopran-Solo, luzide Sch\u00f6nheit schmeichelt der Fragilit\u00e4t dieser Musik zwischen Licht und Schatten. Der Chor des Bayerischen Rundfunks und das M\u00fcnchner Kammerorchester r\u00fccken die beiden unbekannten Komponisten genau ins rechte Licht, gehen auf deren Klangvorstellungen ein und erf\u00fcllen sie mit Farbe und Ausdruck. Yuval Weinberg bewegt sich so sicher und frei in der Musik, als h\u00e4tte er sich seit Jahren genau diesen Werken hingegeben. Meisterlich ersp\u00fcrt er die Pausen, l\u00e4sst sie nicht als blo\u00dfe L\u00fccken im Raum stehen, sondern ergr\u00fcndet ihren Zweck in der Struktur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach zwei derart beeindruckenden Werken l\u00e4sst sich \u00fcber das n\u00e4chste hinwegsehen: \u201eNuits, adieux\u201c von Kaija Saariaho. Auch dieses Chorst\u00fcck bearbeitet Trauer, jedoch nicht auf eine direkt auf den H\u00f6rer wirksame Weise, sondern auf eine intellektuell erdenkbare. Saariaho zerfasert die Worte des Chors in einzelne Laute, wobei sie Ger\u00e4usche imitiert, die sie in der ersten Fassung mit Elektronik erreichte. Man kann sich verschiedene Stadien des Abschieds bis hin zu einer Vers\u00f6hnung in diese Musik denken, aber wirklich h\u00f6ren tut man nichts davon. Manche Abschnitte wirken so skurril, dass man sich ein Lachen direkt unterdr\u00fccken muss: Ist dies gewollt in einem St\u00fcck, das Trauer behandelt? Wenn der ganze Chor wild hechelt, zischt, st\u00f6hnt und kurzzeitig aufschreit, f\u00e4llt es schwer, die Ernsthaftigkeit der Thematik nachzuvollziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thierry Machuels \u201eNocturne (Richter)\u201c weist eine ungew\u00f6hnliche Entstehungsgeschichte auf, denn die Musik entstand vor dem Text. Urspr\u00fcnglich schrieb Machuel das Chorwerk nach einem \u201eber\u00fchmten Dichter des 20. Jahrhunderts\u201c, doch nach der Urauff\u00fchrung verweigerten die Erben unerwarteterweise die Rechte am Text \u2013 so beauftragte Machuel Beno\u00eet Richter, Worte f\u00fcr seine Komposition zu finden, die mit der Musik und deren Wirkung zusammen funktionieren; dies war der einzige Weg, die Partitur zu retten. Das Werk zaubert manch einen interessanten Klang hervor, findet Wendungen, die aufhorchen lassen \u2013 und doch flie\u00dft die Musik insgesamt etwas blass daher; sie bannt den H\u00f6rer nicht, gleitet scheinbar ohne Ziel dahin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause folgen hochkar\u00e4tige Werke von zwei Gr\u00f6\u00dfen der letzten Jahrzehnte, die ineinander verschr\u00e4nkt wurden. Zu Beginn h\u00f6ren wir zwei a cappella-Werke von Penderecki, \u201eDomine, quid multiplicati sunt\u201c und \u201eCherubinischer Lobgesang\u201c; sie beide bestechen durch den Umgang mit Tonlagen, H\u00f6hen und Tiefen. Mal baut sich die Musik vom Bass her auf bis in die Sopranlage, mal bricht pl\u00f6tzlich die Basis weg; die Stimmgruppen spielen sich gegeneinander auf wie hohe Wellen, bis sie ineinander schwappen und zerfallen. Penderecki nutzt auch die Entfernung zwischen Sopran und Bass, kostet den klanglichen Abstand aus. Im Anschluss erklingt P\u00e4rts \u201eBerliner Messe\u201c, die jedoch von Pendereckis Serenade f\u00fcr Streichorchester unterbrochen wird. In der Serenade konfrontieren die Streicher den H\u00f6rer mit rauer H\u00e4rte; die am Anfang stehende Passacaglia attackiert mit unbarmherziger Wucht und rhythmischer Energie, bereits die ersten repetierten T\u00f6ne laden die Stimmung auf. Das Larghetto l\u00e4sst kurzzeitig auch gewisse Sentimentalit\u00e4t durchscheinen, die abrupt wieder zerst\u00f6rt wird. Es ist ein packendes Werk, das mit einer Serenade nur wenig zu tun zu haben scheint, aber eben dadurch Aufsehen erregt. Ich h\u00e4tte sie lediglich P\u00e4rts Messe vorangestellt oder es an den Schluss gesetzt, denn das Ohr braucht etwas Zeit, sich in die Neue Welt einzufinden und mit ihren jeweiligen Harmonien zurechtzukommen. Dies jedoch ist der einzige Mangel an dem ansonsten von vorne bis hinten perfekt durchgeplanten Programm, das von einem Werk direkt zum n\u00e4chsten f\u00fchrt, thematisch, musikalisch und\/oder inhaltlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P\u00e4rts \u201eBerliner Messe\u201c evoziert sogleich den melancholischen, tr\u00fcben Klang, den man hier mit nordischer und baltischer Musik verbindet. Jede einzelne Harmonie hat ihren festen Platz, jede Melodie f\u00fchrt folgerichtig in die n\u00e4chste, alles passt in- und zueinander in feiner Ausgewogenheit. Hinrei\u00dfend gibt sich die Streicherbegleitung, die eben nicht als Continuo durchgeht, sondern teils ganz fragmentarisch gesetzt ist und dem Chor Raum l\u00e4sst, sich eigenst\u00e4ndig zu entfalten. Inbr\u00fcnstige Religiosit\u00e4t str\u00f6mt von der Messe aus, nicht aufdringend, sondern durchdringend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gro\u00dfe Hoffnung ruht auf dem jungen Dirigenten Yuval Weinberg, der mit seinen 28 Jahren bereits ein solch inniges Musikverst\u00e4ndnis beweist und dieses ausnahmslos nachvollziehbar an den H\u00f6rer vermitteln kann. Weinberg horcht, lauscht, forscht und l\u00e4sst entstehen, pausenlos stimmt er den aufkeimenden Klang noch feiner ab und beh\u00e4lt dabei die Z\u00fcgel in der Hand. Daraus resultiert eine zutiefst pers\u00f6nliche, aber auch einheitliche Klangvorstellung, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Der Chor des Bayerischen Rundfunks und das M\u00fcnchner Kammerorchester vertrauen auf das Schaffen ihres Dirigenten und werden nicht entt\u00e4uscht, alle Musiker wirken als unzertrennbare Einheit, die wechselnden Solisten bleiben stets mit dem restlichen Ensemble verbunden und auch das Zwischenspiel zwischen Streicher und S\u00e4nger funktioniert makellos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, November 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Chor des Bayerischen Rundfunks l\u00e4dt gemeinsam mit dem M\u00fcnchner Kammerorchester und dem Dirigenten Yuval Weinberg ein, neue musikalische Horizonte zu erkunden. Im M\u00fcnchner Prinzregententheater geben sie am 17. November 2018 ein Konzert mit zeitgen\u00f6ssischer Chormusik, bei welchem mitrei\u00dfende Entdeckungen auf uns warten: Den Anfang macht Bj\u00f8rn Andor Drage mit seinem \u201eKlag-Lied\u201c f\u00fcr Soli (Priska &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/11\/18\/neue-horizonte-erleben\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Neue Horizonte erleben<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[2926,2597,2925,2928,1544,1840,2556,507,1846,506,2927,2929],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2936"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2936"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2936\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2937,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2936\/revisions\/2937"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}