{"id":295,"date":"2015-12-08T10:11:55","date_gmt":"2015-12-08T09:11:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=295"},"modified":"2015-12-08T10:11:55","modified_gmt":"2015-12-08T09:11:55","slug":"rezensionen-im-vergleich-3c-ueber-das-unergruendliche-leben-von-jean-sibelius","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/08\/rezensionen-im-vergleich-3c-ueber-das-unergruendliche-leben-von-jean-sibelius\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich 3c] \u00dcber das unergr\u00fcndliche Leben von Jean Sibelius"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">ISBN: 978-3-89487-941-9 (Henschel), 978-3-7618-2371-2 (B\u00e4renreiter)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die zweite Buchpublikation von Volker Tarnow f\u00fchrt den Leser zu Finnlands bekanntestem Komponisten Jean Sibelius. Auf 288 Seiten erl\u00e4utert der Autor f\u00fcr Henschel B\u00e4renreiter das lange und vielseitige Leben des Nationalkomponisten, gibt Einblicke in dessen Werk und verschafft einen \u00dcberblick \u00fcber das aktuelle Zeitgeschehen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/IMG_2023.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-291\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/IMG_2023-187x300.jpg\" alt=\"IMG_2023\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/IMG_2023-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/IMG_2023-639x1024.jpg 639w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifelsohne geh\u00f6rt Jean Sibelius zu den besonders unergr\u00fcndlichen Komponistengenies sowohl des sp\u00e4ten 19. als auch des 20. Jahrhunderts. Das lange Leben des Komponisten, vom 8. Dezember 1865, vor exakt 150 Jahren, bis zu seinem Tod am 20. September 1957, ist uns bis heute in vielerlei Hinsicht ein gro\u00dfes R\u00e4tsel voller Unklarheiten und Spekulationen. Wie beginnt die musikalische Laufbahn von Johan Julius Christian Sibelius, der sp\u00e4ter nur noch Jean oder Janne genannt wird, bis er pl\u00f6tzlich seinen monumentalen Kullervo ans Licht der Welt bringt? Wieso verwirft er diesen Koloss direkt wieder und l\u00e4sst ihn bis nach seinem Lebensende in Vergessenheit geraten? Welch einen starken Wandel vollzieht seine Musik und markiert ist jede der sieben Symphonien einen von Grund auf vollkommen neuen Stil? Wieso vernichtet er schlie\u00dflich seine achte Symphonie und warum ver\u00f6ffentlicht er Jahrzehnte lang nicht ein einziges weiteres Werk? Diesen Fragen \u00fcber das gewaltige Schaffen des Nationalhelden und vielen weiteren um unter anderem Leben, Gewohnheiten, Familie, \u00c4ngste oder Zw\u00e4nge widmet sich Volker Tarnow in seiner neu erschienenen Biografie &#8222;Sibelius&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tarnow gliedert sein Buch in neun Kapitel, die f\u00fcr ihn die verschiedenen Lebensabschnitte charakterisieren mit den Titeln &#8222;Das klassische Niemandsland&#8220;, &#8222;Aus dem wird was&#8220;, &#8222;Karelische Tr\u00e4ume&#8220;, &#8222;Freiheit f\u00fcr Finnland!&#8220;, &#8222;Sinfonie des S\u00fcdens&#8220;, &#8222;Innere Stimmen&#8220;, &#8222;Thors Hammer&#8220;, &#8222;Die Schatten werden l\u00e4nger&#8220; und &#8222;Beredtes Schweigen&#8220;. Auch wenn diese Einteilung nicht direkt auf sein kompositorisches Schaffen abgestimmt erscheint, ergibt sich hier doch eine gewisse Stringenz und Sinnhaftigkeit dieser Ordnung, die sein Leben von fr\u00fchester Kindheit unter Einbezug seiner famili\u00e4ren Geschichte bis zu der langen Schaffenshemmung zum Ende seines Lebens umfasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Volker Tarnow schreibt in einem \u00e4u\u00dferst fl\u00fcssig lesbaren Stil, seine Wortwahl ist fein abgestimmt und von hohem feuilletonistischen Wert, wird dabei zu keiner Zeit unverst\u00e4ndlich oder \u00fcberm\u00e4\u00dfig elit\u00e4r. In dieser Schreibart, die seine langj\u00e4hrige Erfahrung im Bereich des Musikjournalismus widerspiegelt, ist immer wieder Platz f\u00fcr gut angebrachten Charme und Humor, so dass der Leser ein um\u2019s andre Mal ins Schmunzeln ger\u00e4t angesichts der trefflichen Formulierung. An vielen Stellen gelingen sprunghafte \u00dcberg\u00e4nge von einem Thema zu einem anderen, wo dies als Erl\u00e4uterung f\u00fcr Folgendes von N\u00f6ten ist, ohne dass diese Spr\u00fcnge sonderlich auffallen, womit eine gute Durchg\u00e4ngigkeit des Leseflusses gewahrt wird trotz wechselhaft beschrittenen Stoffgebiets.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es steckt eine enorme Recherchearbeit in dieser Biografie, was schnell ins Auge f\u00e4llt. Nicht nur, dass Volker Tarnow eine ungeheure Menge an Informationen \u00fcber das Leben und Wirken von Jean Sibelius in seine Biografie packen konnte, sondern auch \u00fcber alles drum herum. Politische Entwicklung, Verbindungen zu etlichen anderen K\u00fcnstlern seiner Zeit und interessante Hintergrundinformationen finden ebenso ihren Platz. Besonders eingegangen wird unter anderem auf die Geschichte Finnlands, dessen Erlangung der Unabh\u00e4ngigkeit und die Kriege, die Sibelius miterleben musste. Von des Meisters Gewohnheiten interessiert sich Volker Tarnow vor allem f\u00fcr seinen gehobenen Lebensstil, der besonders in Form von Alkohol und Zigarren einen roten Faden durch die gesamte Schaffenszeit des Komponisten zieht, sowie seinen ewigen Drang zum Reisen und die damit verbundene Vernachl\u00e4ssigung seiner famili\u00e4ren Pflichten. Besonders spannend f\u00fcr den Leser ist, dass Tarnow neben den gro\u00dfen Hauptwerken auch auf die vielen eher unbekannten St\u00fccke von Jean Sibelius eingeht, die normalerweise nicht im Konzertsaal zu h\u00f6ren sind, besonders auch auf die fr\u00fchen Werke aus Studienzeiten. Somit ergibt sich ein erz\u00e4hlerisches Kontinuum in der Frage um den Stil Sibelius&#8216;, was anhand der gro\u00dfen Werke alleine unm\u00f6glich darzustellen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine inhaltliche Schw\u00e4che der Biografie sind hingegen die Erkl\u00e4rungen musiktheoretischer Grundlagen: Der Autor scheint nicht davon auszugehen, dass der Leser Begriffe wie &#8222;Sonatenhauptsatz&#8220; oder &#8222;Sinfonie&#8220; kennt und versucht, diese m\u00f6glichst ohne Voraussetzung irgendwelchen Grundwissens zu beschreiben. Doch diese Erl\u00e4uterungen misslingen teils ph\u00e4nomenal, weder darf der Eingeweihte hier komplette Richtigkeit der genannten Regelf\u00e4lle erwarten, noch sind sie f\u00fcr einen Unwissenden wirklich verst\u00e4ndlich. Der Sinn dieser teils seitenlangen Definitionen ist h\u00f6chst fragw\u00fcrdig, denn diese schr\u00e4nken ganz nebenbei auch die Zielgruppe erheblich ein: Eine Biografie, die so minuti\u00f6s auf Details eingeht und solche geballte Informationsh\u00e4ufung liefert, wird \u00fcblicherweise von Musikinteressierten mit Vorwissen gelesen, denen musikalische Grundbegriffe bereits gel\u00e4ufig sind, die jedenfalls eine Einf\u00fchrung in allgemeine Musiklehre nicht lesen wollen. Diejenigen, die eine solche brauchen w\u00fcrden, werden mit konventionellen Er\u00f6rterungen ohne Blick auf die dahinterliegenden Prinzipien abgespeist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein zweiter Punkt, der bedauerlicherweise immer wieder die Freude an der Ausf\u00fchrlichkeit und Wortgewandtheit zu tr\u00fcben vermag, ist die Tendenz, andere Komponisten aus seinem n\u00e4heren und ferneren Umfeld st\u00e4ndig mit Sibelius zu vergleichen. W\u00e4hrend Sibelius immer wieder in alle Himmel gelobt und stets mit Superlativen ger\u00fchmt wird, ergeht es vielen anderen herausragenden Musikern hier recht schlecht und sie werden entweder klischee\u00fcberladen in eine Schublade mit Aufschriften wie &#8222;komponiert nur in Mundart&#8220; gesteckt oder als unwichtige &#8222;Helferleinchen&#8220; des gro\u00dfen Finnen abgestempelt. In einer sachlichen Biografie haben solche Rangordnungsaufstellungen (selbstverst\u00e4ndlich mit dem titelgebenden Komponisten als alle \u00fcbertrumpfende Lichtgestalt) eigentlich nichts verloren und lassen das ein oder andere Mal am Willen zur Objektivit\u00e4t erheblich zweifeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungeachtet dieser beiden unerquicklichen, da unn\u00f6tigen und nicht zweckdienlichen M\u00e4ngel liegt hier eine wirklich hervorragende Biographie vor, die einen tiefen und engagiert pers\u00f6nlichen Zugang zu Jean Sibelius vermittelt. Viel bisher komplett unbeachtetes Wissenswertes floss in Volker Tarnows Werk ein und gibt umfassend und breit gef\u00e4chert sowohl einen gro\u00dfen \u00dcberblick als auch minuti\u00f6se Detailauskunft \u00fcber den gro\u00dfen Finnen. Viele ungekl\u00e4rte Fragen erhalten einen plausiblen L\u00f6sungsansatz, woran Forschung in Zukunft sicherlich gewinnbringend ankn\u00fcpfen kann. Das letzte Wort zu solch einem Menschen und Komponisten kann wohl nie gesprochen werden, doch anl\u00e4sslich des Jubil\u00e4ums sind hier viele Dinge niedergeschrieben, die auch eingefleischte Sibelius-Kenner noch mit einigem Wissen \u00fcber diesen grandiosen Menschen bereichern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Dezember 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ISBN: 978-3-89487-941-9 (Henschel), 978-3-7618-2371-2 (B\u00e4renreiter) Die zweite Buchpublikation von Volker Tarnow f\u00fchrt den Leser zu Finnlands bekanntestem Komponisten Jean Sibelius. Auf 288 Seiten erl\u00e4utert der Autor f\u00fcr Henschel B\u00e4renreiter das lange und vielseitige Leben des Nationalkomponisten, gibt Einblicke in dessen Werk und verschafft einen \u00dcberblick \u00fcber das aktuelle Zeitgeschehen. 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