{"id":2953,"date":"2018-12-01T09:06:09","date_gmt":"2018-12-01T08:06:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2953"},"modified":"2018-12-03T13:39:28","modified_gmt":"2018-12-03T12:39:28","slug":"johannes-apokalypse-eines-umweltaktivisten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/12\/01\/johannes-apokalypse-eines-umweltaktivisten\/","title":{"rendered":"Johannes-Apokalypse eines Umweltaktivisten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Urauff\u00fchrung der Endfassung der \u201aApokalypse\u2018 von Carl von Feilitzsch<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 11. November 2018 fand im M\u00fcnchner Herkulessaal der Residenz die Urauff\u00fchrung der revidierten Fassung von 1972 von Carl von Feilitzschs Jazz-Kantate \u201aApokalypse\u2018 statt. Der in M\u00fcnchen geborene Feilitzsch (1901-81) war ab Ende der 1920er Jahre ein reger Theater-, Opern- und Filmkomponist, und nach dem Zweiten Weltkrieg machte er zudem zusehends auch als Umweltaktivist von sich reden, dem der S\u00fcdosten M\u00fcnchens mit zu verdanken hat, dass der Hofoldinger Forst nicht in einen Gro\u00dfflughafen verwandelt wurde. Feilitzsch hatte zun\u00e4chst mit Strauss\u2019 Jugendfreund Ludwig Thuille und dann vor allem mit Hermann Wolfgang von Waltershausen an der M\u00fcnchner Akademie der Tonkunst Komposition studiert und wurde dann sehr stark von den sozialen Bewegungen der Weimarer Republik gepr\u00e4gt. So ist sein Tonfall denn auch offenkundig in \u00dcbereinstimmung mit einer massenkompatiblen Musik, wie sie um 1930 auch von Hanns Eisler, Carl Orff und vielen anderen verfolgt wurde. Zu gerne w\u00fcrde man da doch auch einmal seine Karl-Kraus-Oper \u201aDie rote Fackel\u2018 von 1928 h\u00f6ren!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Dritten Reich verlor Feilitzsch die Protektion seiner F\u00f6rderer, pflegte Kontakt zum Widerstand, wurde in den Russland-Feldzug eingezogen und nach Kriegsende bei der Entnazifizierung komplett entlastet. Nach dem Krieg entstanden mehrere Opern und er arbeitete intensiv u. a. mit Erich K\u00e4stner zusammen. Das damals entstandene, satirische St\u00fcck \u201aHurra, wir sterben\u2018 k\u00f6nnte auch f\u00fcr eine Wiederbelebung interessant sein. Nach dem Kriege komponierte er auch seine \u201aApokalypse\u2018. Sie ging zun\u00e4chst 1949 im Bayerischen Rundfunk \u00fcber den \u00c4ther und wurde 1951 im zerst\u00f6rten Brunnenhoftheater der Residenz szenisch uraufgef\u00fchrt. Klaus Kalchschmid bezeichnete sie nun im Programmhefttext der Neuauff\u00fchrung als \u201aAnti-Oratorium\u2018.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nat\u00fcrlich interessant und w\u00e4re bemerkenswert zu erw\u00e4hnen, dass Feilitzsch mit dieser Thematik in die Fu\u00dfstapfen seines Lehrers Waltershausen trat, dessen 1924 komponierte \u201aApokalyptische Symphonie\u2018 c-moll op. 20 seinerzeit gro\u00dfes Aufsehen erregt hatte. Feilitzsch jedenfalls unternahm nun eine klein besetzte, mit Sprechern und S\u00e4ngern ausgestattete Vertonung der geheimen Offenbarung des lange nach Jesus\u2019 Tod geborenen Apostels Johannes und reiht sich damit ein in eine Phalanx von bedeutenden Kompositionen, unter welchen au\u00dfer dem ber\u00fchmten, vor dem Krieg entstandenen &#8218;Buch mit sieben Siegeln: von Franz Schmidt vor allem die kurz nach Feilitzschs Werk vollendete 4. Symphonie \u201aJohannes\u2019 Offenbarung\u2018 (1940) des gro\u00dfen schwedischen Meisters Hilding Rosenberg herausragt. Doch hatte Feilitzsch nichts Symphonisches\u2018 im Sinne, sondern eher das Gegenteil, eine Collage unterschiedlicher Stile, die auch nicht auf ein durchgehendes musikalisches Kontinuum abzielt, sondern Zeitungsausschnitten gleich zum H\u00f6rer spricht. Es ist eine teils durchaus ambitionierte, teils auch lakonisch kunsthandwerkliche Arbeit im Kreuzfeuer zwischen damals, nach der Hitler- Zeit, \u00fcberaus anregend empfundener Musik der Schwarzen Amerikas, als der nach wie vor rassistisch ins Abseits Gestellten, die freilich wie keine anderen die Identit\u00e4t einer urbanen Kultur verk\u00f6rpern: also des Jazz und seiner Verwandten aus Blues, Slow-Fox, Boogie-Woogie, und karibischen Einschl\u00e4gen (Rumba, wie so unvergleichlich wenige Jahre zuvor von Morton Gould in seiner Latin-American Symphonette um die Welt geschickt) \u2013 und des liturgischen Gesangs der katholischen Kirche. Der Charakter der Musik ist durchweg rituell und nicht symphonisch entwickelnd, und am sch\u00f6nsten gelungen ist zweifellos der ruhige Blues um die Stadt Babylon mit einem einschmeichelnden Saxophon-Solo in der Baritonlage, das von Markus Maier herausragend feinf\u00fchlig und flexibel dargeboten wurde. Neben zwei Sprechern, einem rezitierenden Kontratenor, einem Tenor und einem Bariton sowie Chor verwendet die Apokalypse ein fast g\u00e4nzlich streicherloses Ensemble, das aus 2 Klarinetten, 2 Saxophonen, 3 Trompeten, 2 Posaunen, Fagott, 2 Kontrab\u00e4ssen und 3 Schlagzeugern besteht, und dieses darf \u2013 neben dem ausgezeichnet elegant und m\u00fchelos koordinierenden Grazer Dirigenten Patrick Hahn (geb. 1995), der bereits 2016 in der M\u00fcnchner Jesuitenkirche St. Michael Feilitzschs Messe in Es von 1967 zur Urauff\u00fchrung gebracht hat \u2013 als insgesamt exzellenteste Abteilung der Auff\u00fchrenden gelten. Diese Musiker sind allesamt mit dem Orchester der Klangverwaltung des unl\u00e4ngst verstorbenen Milliard\u00e4rs und Dirigenten Enoch zu Guttenberg affiliiert, und kein Wunder, das Konzert ist ja auch dem Gedenken Guttenbergs gewidmet. Denn Guttenberg war der prominenteste Sch\u00fcler Feilitzschs, und damit Enkelsch\u00fcler von Walterhausen und Thuille, und Urenkelsch\u00fcler von Rheinberger und des Bruckner-Sch\u00fclers Pembaur. H\u00e4tte er nur etwas mehr von deren Erbe weitergetragen \u2013 doch es war eben nicht Guttenberg, der sich rechtzeitig f\u00fcr das Schaffen seines Lehrers Carl von Feilitzsch einsetzte, sondern der junge Hahn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die S\u00e4nger \u2013 darunter Staatsoper-Bariton Christian Rieger \u2013 und Sprecher leisten bei dieser durchs dramatische Lichtspiel szenisch angehauchten konzertanten Auff\u00fchrung auch Ansprechendes, und der Chor ist sehr engagiert. Dies war ein \u00e4u\u00dferst wertvolles Projekt von einer Art, von welcher man dem reaktion\u00e4ren M\u00fcnchen mit seiner mieterh\u00f6hungsfreundlichen \u201aSozialpolitik\u2018 weit mehr w\u00fcnschen m\u00f6chte. Der Herkulessaal war sehr gut besucht, die Menschen danach in rege Gespr\u00e4che \u00fcber die Bedeutung des soeben Geh\u00f6rten verwickelt. Sogar der Chef von Forbes Classical war extra aus Wien angereist. Gezeigt wurde au\u00dferdem der von Feilitzschs \u201aApokalypse\u2018 angeregte abstrakte Kunstfilm gleichen Namens von Gisbert Hinke (1920-98), der bei der Biennale di Venezia 1956 ausgezeichnet wurde und bildm\u00e4chtig die menschliche Ignoranz gegen\u00fcber der Umwelt anprangert, wie dies auch die gro\u00dfen italienischen Regisseure Pasolini und Antonioni taten. Au\u00dferdem stellte sich die Stiftung \u201aPlant-for-the-Planet\u2018 vor, mit einer mutig vorgetragenen Rede des Jugendlichen Benedikt Eder, und so wird nicht nur der Umweltaktivist Feilitzsch geehrt, sondern seine Vision fortgesponnen f\u00fcr ein Gemeinwohl, das im Profittreiben der heutigen Welt fast keine Chance mehr hat und meist lediglich den M\u00e4chtigen als Feigenblatt dient, um in ihrer Gier nicht so leicht erkennbar zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob die Feilitz\u2019sche Apokalypse\u2018 nun auch als Tontr\u00e4ger erscheint? Das w\u00e4re, angesichts des bereits betriebenen Aufwands, durchaus sinnvoll. Feilitzsch war zwar, nach dem Eindruck dieses Werkes mit seinen rituellen L\u00e4ngen und dem oftmals monotonen Skandieren zu urteilen, kein herausragender, aber doch gleichwohl ein mit seinem gesamtkunstwerklichen Wollen interessanter Komponist, f\u00fcr den sich \u2013 wie f\u00fcr einige andre Vergessene \u2013 eine so reiche Stadt wie M\u00fcnchen in ihrem beh\u00e4bigen \u00dcberfluss durchaus etwas mehr interessieren d\u00fcrfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Christoph Schl\u00fcren, November 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Urauff\u00fchrung der Endfassung der \u201aApokalypse\u2018 von Carl von Feilitzsch Am 11. November 2018 fand im M\u00fcnchner Herkulessaal der Residenz die Urauff\u00fchrung der revidierten Fassung von 1972 von Carl von Feilitzschs Jazz-Kantate \u201aApokalypse\u2018 statt. 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