{"id":2975,"date":"2018-12-17T09:11:02","date_gmt":"2018-12-17T08:11:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2975"},"modified":"2021-11-21T19:36:59","modified_gmt":"2021-11-21T18:36:59","slug":"ein-abend-fuer-bernd-alois-zimmermann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/12\/17\/ein-abend-fuer-bernd-alois-zimmermann\/","title":{"rendered":"Ein Abend f\u00fcr Bernd Alois Zimmermann"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Musica_viva_20181214_Dialoge.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-2980\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Musica_viva_20181214_Dialoge-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"604\" height=\"402\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Musica_viva_20181214_Dialoge-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Musica_viva_20181214_Dialoge-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Musica_viva_20181214_Dialoge-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Musica_viva_20181214_Dialoge.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 604px) 100vw, 604px\" \/><\/a><br \/>\n<em><strong>Foto: \u00a9Astrid Ackermann<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Zum ausklingenden Zentenarium von Bernd Alois Zimmermann widmete die musica viva ihm am 14.12.2018 gleich zwei aufeinanderfolgende Konzerte. Nach dem Sinfoniekonzert, wo neben Zimmermanns \u201eSinfonie in einem Satz\u201c und den \u201eDialogen\u201c noch das Violinkonzert von John Adams erklang, brachte das fabelhafte GrauSchumacher Piano Duo in einem Late Night Konzert noch Zimmermanns \u201eMonologe\u201c sowie zwei Transkriptionen Debussyscher Orchesterwerke zu Geh\u00f6r.<\/em><\/p>\n<p>Vor allem Bernd Alois Zimmermanns (1918-1970) <em>Requiem f\u00fcr einen jungen Dichter<\/em> sowie das mittlerweile vielgespielte Orchesterst\u00fcck <em>Photoptosis<\/em> hinterlie\u00dfen bei mir als Jugendlicher einen tiefen Eindruck, der \u2013 nicht gerade selbstverst\u00e4ndlich bei \u201eNeuer Musik\u201c \u2013 immer noch unver\u00e4ndert Bestand hat. Erst viel sp\u00e4ter lernte ich auch das Fr\u00fchwerk Zimmermanns zu sch\u00e4tzen, zu dem man die Erstfassung der <em>Sinfonie in einem Satz<\/em> (1951) sicherlich als einen H\u00f6hepunkt z\u00e4hlen darf. Diese basiert zwar auf einer Zw\u00f6lftonreihe, ist aber vom sich da schon etablierenden totalen Serialismus bei Boulez oder Stockhausen weit entfernt, noch ganz den expressionistischen Qualit\u00e4ten der Zweiten Wiener Schule verpflichtet. Die Erstfassung verwendet im Unterschied zur sp\u00e4teren Version vor allem die Orgel, die hier geradezu bildhaft wie das Schicksal oder ein ungreifbares \u00dcber-Ich dreinschl\u00e4gt und die Integrit\u00e4t des Orchesterklanges zu sprengen droht. <em>Brad Lubman<\/em> ist im gesamten Programm ein Dirigent, dessen Zeichengebung \u00e4u\u00dferst umsichtig (Eins\u00e4tze!) und hochpr\u00e4zise ist, was die hier umzusetzende rhythmische Komplexit\u00e4t angeht. Bei der Dynamik \u2013 und das best\u00e4tigt leider meinen Eindruck seiner bisherigen M\u00fcnchner Auftritte \u2013 bleibt er, m\u00f6glicherweise auch durch seine im Ambitus zu ausladende Schlagtechnik ohne Taktstock, ziemlich undifferenziert, recht pauschal und verl\u00e4sst sich auf das, was seine hervorragenden Musiker diesbez\u00fcglich in den Proben mit ihm erarbeitet haben m\u00f6gen. So bleibt er aber auch im Ausdruck \u00fcber weite Strecken blass: Kantables vor dem wieder desolaten Schluss der Symphonie f\u00e4llt beinahe unter den Tisch, die gerade in dieser Version \u00fcberdeutlichen Schroffheiten erklingen eher nivelliert, obwohl der militaristische Schrecken klar die Oberhand beh\u00e4lt. Trotzdem gelingt dem BR Symphonieorchester hier ein \u00fcberzeugendes Pl\u00e4doyer f\u00fcr dieses immer noch untersch\u00e4tzte Werk Zimmermanns.<\/p>\n<p>In den <em>Dialogen<\/em> f\u00fcr zwei Klaviere und Orchester (1960\/65) ist der Komponist schon ganz in seiner pers\u00f6nlichen Welt einer pluralistischen Raum\/Zeit-Auffassung bei auf seriellen Prozessen fu\u00dfender Materialentfaltung angekommen. Auch hier verpasst man einmal mehr \u2013 schiebt man es wieder auf die Unzul\u00e4nglichkeiten des Herkulessaals? \u2013 Zimmermanns intendierte, g\u00e4nzlich durchmischte Sitzordnung des Orchesters umzusetzen. Ich habe die Dialoge vor etlichen Jahren einmal unter Gary Bertini in der K\u00f6lner Philharmonie mit der in der Partitur empfohlenen Aufstellung geh\u00f6rt; nicht nur der Klang, auch die Kommunikation innerhalb des Orchesters gewann dadurch ganz wesentlich. Wie das <em>Klavierduo Grau\/Schumacher<\/em> dieses schon spieltechnisch an der Grenze des Realisierbaren stehende Konzert auch noch <em>auswendig<\/em> spielt und sich dabei \u00fcber Blickkontakt perfekt synchronisiert, ist schon ein kleines Wunder. Das St\u00fcck, das nicht nur durch die eingeflochtenen Zitate bereits ein Vorbote der Postmoderne ist, wird hier insgesamt selten sch\u00f6n umgesetzt und die Solisten erhalten verdienten, langanhaltenden Applaus.<\/p>\n<p>Eine ganz andere Welt er\u00f6ffnet sich dem Zuh\u00f6rer nach der Pause mit John Adams\u2018 <em>Violinkonzert<\/em> von 1993. Nur vordergr\u00fcndig bedient sich Adams minimalistischer Techniken, der Solopart ist hochvirtuos, in der Gesamtanlage auch wirklich attraktiv. Der Kopfsatz hat dann aber doch L\u00e4ngen, wirkt ein wenig eint\u00f6nig und bietet keinerlei Raum f\u00fcr Agogik. Die zentrale Chaconne \u00fcberzeugt mit sch\u00f6nem Streicherklang, der allerdings durch sehr k\u00fcnstlich wirkende Synthesizer-Kl\u00e4nge erweitert und gleichzeitig denaturiert wird. Es gibt einen flie\u00dfenden Mittelteil und durch das Horn viel W\u00e4rme zum Ende des Satzes hin. Das Finale, <em>Toccare<\/em> betitelt, beginnt erwartungsgem\u00e4\u00df wie ein Perpetuum mobile, ist aber insgesamt abwechslungsreicher als die vorangegangenen S\u00e4tze. <em>Ilya Gringolts<\/em> ist mir bereits in seinen Kammermusikaufnahmen \u2013 etwa mit dem von ihm gegr\u00fcndeten Streichquartett \u2013 als ein Geiger aufgefallen, der empathischen Zugriff und Klangsch\u00f6nheit mit einer Intonationssicherheit verbindet, die selbst unter Spitzenvirtuosen ihresgleichen sucht. Nat\u00fcrlich bleibt er ausdrucksm\u00e4\u00dfig hier im Spinnennetz der Adamsschen Pattern ein wenig gefangen und bringt dennoch so viel Leidenschaft her\u00fcber, dass der Beifall am Schluss dieses Konzerts fast frenetisch wird. Adams schafft es immer wieder, mit eigentlich d\u00fcrftiger Substanz ein f\u00fcr den H\u00f6rer nachvollziehbares, begeisterndes Konzerterlebnis herzustellen.<\/p>\n<p>Um 22 Uhr darf dann das <em>GrauSchumacher Piano Duo<\/em> nochmals zeigen, was mit nur zwei Klavieren \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Bernd Alois Zimmermanns <em>Monologe<\/em> (1965) sind keineswegs eine Bearbeitung oder gar Transkription seiner <em>Dialoge<\/em>, sondern weitestgehend eine Neukomposition. Technisch und musikalisch sicher mit das Anspruchsvollste, was je f\u00fcr Klavierduo komponiert wurde, meistern <em>Andreas Grau<\/em> und <em>G\u00f6tz Schumacher<\/em> die Partitur (diesmal nach Noten) mit einem nun \u00fcber 25 Jahre gewachsenen Verst\u00e4ndnis auch f\u00fcrs kleinste Detail. Der Klang ger\u00e4t einfach \u00fcberw\u00e4ltigend, die dynamische Spannweite wird von fast die gesamte Klaviatur umfassenden fff-Clustern bis zum beil\u00e4ufigsten Pianissimo-Schn\u00f6rkel kongenial umgesetzt. Die \u2013 verglichen mit den <em>Dialogen<\/em> \u2013 zahlreicheren Fremdzitate (von Bachs <em>\u201eWachet auf, ruft uns die Stimme\u201c<\/em> \u00fcber Beethovens Hammerklaviersonate bis zu Debussys <em>\u201eFeux d\u2019artifice\u201c<\/em>) erscheinen sofort identifizierbar, f\u00fcgen sich ohne erhobenem Zeigefinger ganz im Sinne des Komponisten ins pluralistische Gesamtgeschehen ein. Die Cluster werden nie zum Gedresche \u2013 ein Extralob f\u00fcr die sensationelle Realisation der extrem vertrackten 64tel-Cluster im IV. Monolog (Ziffer 3). Was f\u00fcr eine bravour\u00f6se Interpretation \u2013 das gro\u00dfe Wunder dieses Abends!<\/p>\n<p>Umrahmt wird die Zimmermann-Orgie von zwei Transkriptionen Debussyscher Orchesterwerke. Die des <em>Pr\u00e9lude \u00e0 l\u2019apr\u00e8s-midi d\u2019un faune<\/em> vom Komponisten selbst erweist sich als nur halbwegs gelungener Versuch, die Klangfarben des Vorbilds aufs Klavier zu \u00fcbertragen: Die Harmonik wirkt hier lange nicht so \u00fcberzeugend wie im Original. Dagegen zeigt Ravel bei seiner pianistischen \u00dcbersetzung der <em>Trois Nocturnes<\/em>, wie vollkommen er mit Klang und Resonanzen der Instrumente umzugehen versteht: Einerseits wirkt diese Bearbeitung klavierm\u00e4\u00dfiger, technischer, wird aber auch der kompositorischen Vorlage bis in alle Einzelheiten gerecht. Die Darbietung des <em>GrauSchumacher Piano Duo<\/em> ist auch hier Weltklasse, das Publikum \u2013 da gilt mein Mitleid jetzt den vielen Zuh\u00f6rern, die schon nach dem Sinfoniekonzert den Herkulessaal verlassen haben \u2013 darf in impressionistischen Kl\u00e4ngen schwelgen, die zu einem einzigartigen Genuss werden. F\u00fcr die nun einhellige Begeisterung bedanken sich die beiden Pianisten \u2013 vierh\u00e4ndig an nur einem Steinway \u2013 mit dem letzten Satz aus Ravels <em>Ma M\u00e9re l\u2019Oye<\/em>.<\/p>\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Dezember 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Foto: \u00a9Astrid Ackermann Zum ausklingenden Zentenarium von Bernd Alois Zimmermann widmete die musica viva ihm am 14.12.2018 gleich zwei aufeinanderfolgende Konzerte. 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