{"id":2988,"date":"2018-12-20T23:03:27","date_gmt":"2018-12-20T22:03:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2988"},"modified":"2018-12-20T23:03:29","modified_gmt":"2018-12-20T22:03:29","slug":"franz-schubert-wuerde-ich-am-liebsten-troesten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/12\/20\/franz-schubert-wuerde-ich-am-liebsten-troesten\/","title":{"rendered":"\u201eFranz Schubert w\u00fcrde ich am liebsten tr\u00f6sten\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch mit der Pianistin Natalia Ehwald<\/p>\n<p><em>Eine junge Frau sitzt im Caf\u00e9, hat Notenbl\u00e4tter vor sich auf dem Tisch liegen. Im Hintergrund sitzen Robert Schumann und Franz Schubert am Nebentisch. Ob Natalia Ehwald mit den beiden Herren aus dem 19. Jahrhundert ins Gespr\u00e4ch kommen wird? Fragen hat sie genug. Humorvoll bringt das Booklet-Foto auf der CD den Vorgang einer k\u00fcnstlerischen Ann\u00e4herung an zwei Giganten der Musikgeschichte auf den Punkt. Das klingende Resultat l\u00e4sst sich in Schuberts sp\u00e4ter Sonate A-Dur, D 959 sowie in Schumanns Humoreske opus 20 eindr\u00fccklich erfahren.<\/em><br \/>\n<em>Stefan Pieper sprach mit Natalia Ehwald \u00fcber emotionale und intellektuelle Zug\u00e4nge zur Musik.<\/em><\/p>\n<p><strong>Erz\u00e4hlen Sie mir \u00fcber die Vorgeschichte zu diesem Projekt. Sie haben sich ja schon fr\u00fch auf diese beiden Komponisten besch\u00e4ftigt?<\/strong><\/p>\n<p>Robert Schumanns Klaviermusik war schon fr\u00fch in meinem Repertoire, ich habe sie von Anfang an gespielt, er hat ja wunderbare Musik f\u00fcr Kinder geschrieben. Schubert kam viel sp\u00e4ter dazu. Fr\u00fcher habe ich seine Musik nicht wirklich verstanden, vor allem, was sich alles unter der scheinbar heiteren Oberfl\u00e4che verbirgt. Als junger Mensch h\u00f6rt man das einfach noch nicht richtig.<br \/>\nHeute habe ich gerade bei diesen beiden Komponisten das Gef\u00fchl, dass ihre Musik ganz unmittelbar zu mir spricht und ich dies meinem Publikum nahebringen kann.<\/p>\n<p><strong>Die aktuelle Aufnahme ist ja bereits die zweite CD zu diesem Thema. Welche pers\u00f6nliche Weiterentwicklung sehen Sie hier?<\/strong><\/p>\n<p>Der Prozess der Aufnahme war beim zweiten Mal weniger stressig. Ich wusste eher, wie ich meine Kr\u00e4fte einteile, so dass auch bis zum letzten Tag noch produktive Energie vorhanden ist. Der Umgang mit dem Tonmeister war lockerer und souver\u00e4ner. Wie das Ergebnis letzendlich ist und ob es da eine Weiterentwicklung gibt, das k\u00f6nnen die H\u00f6rer besser beurteilen.<\/p>\n<p><strong>Bevorzugen Sie beim Aufnehmen die Detailarbeit oder m\u00f6gen Sie in einem Bogen runterspielen?<\/strong><\/p>\n<p>Erst einmal spiele ich nat\u00fcrlich den Satz im Ganzen, vielleicht auch noch ein zweites Mal. Dann schauen wir gemeinsam mit dem Tonmeister: was braucht man noch im Detail? Aber da ist noch ein anderer Aspekt: Am besten w\u00e4re es wohl &#8211; zumindest phasenweise &#8211; noch Publikum einzuladen, so dass man vielleicht einen halben Tag lang mit Zuh\u00f6rern im Raum spielt. In einer Konzertsituation passiert einfach noch viel mehr, als wenn man nur f\u00fcrs Mikro spielt.<\/p>\n<p><strong>Sie haben eine sehr charmante Booklet-Gestaltung. Sie sitzen in einem Cafe und am Nebentisch sitzen Franz Schubert und Robert Schumann. Wor\u00fcber w\u00fcrden Sie mit den beiden gerne reden?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde ihnen nat\u00fcrlich meine grenzenlose Verehrung aussprechen und f\u00fcr so viel gro\u00dfartige Musik danken. Und nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich Fragen zu ihren musikalischen Ansichten, bei Schumann speziell zu seinen Tempo-Vorstellungen. Schubert w\u00fcrde ich erstmal tr\u00f6sten wollen. Seine Musik ist so tieftraurig, dass man Mitleid bekommt.<\/p>\n<p><strong>H\u00e4tten sich die beiden \u00fcberhaupt untereinander verstanden, was meinen Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Schumann war ein gro\u00dfer Bewunderer von Schubert. Er soll f\u00fcrchterlich geweint haben, als Schubert gestorben ist. Aber man weiss ja, dass sich gro\u00dfe Genies oft nicht besonders gut verstanden haben.<\/p>\n<p><strong>Sie haben die Gef\u00fchlstiefe und Tragik von grundauf erfasst. Manchmal so tief, dass die Stellen in Dur sogar tragischer als die Moll-Passagen wirken, was vermutlich nur bei Schubert so funktioniert.<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich ist Schuberts Musik fast nirgendwo wirklich heiter \u2013 und wenn, dann nur, um kurzfristig aus der Misere zu erl\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Was gibt diese Musik den Menschen heute?<\/strong><\/p>\n<p>Ich merke immer wieder, dass Schuberts Musik die Menschen im Tiefsten anr\u00fchrt. Die Sehns\u00fcchte und N\u00f6te der Menschen sind ja in jeder Zeit \u00e4hnlich, und wenn es Komponisten verstehen, mit ihrer Musik den Zuh\u00f6rer zu bewegen und ber\u00fchren, dann ist ihre Musik f\u00fcr jede Zeit relevant, ganz gleich, wann sie geschrieben wurde.<\/p>\n<p><strong>Wie verhalten sich emotionale und intellektuell technische Aspekte bei der Erarbeitung?<\/strong><\/p>\n<p>Das Wichtigste ist, sich ausreichend Zeit zu nehmen \u2013 vom ersten Lesen des Notentextes, dessen Analyse, dem H\u00f6ren von Aufnahmen. Es gibt Phasen, in denen die Arbeit an den Details oder technischen Herausforderungen \u00fcberwiegt, dann wieder kommt der gr\u00f6\u00dfere Bogen ins Visier. Bei all dem baut sich auf die Dauer ein immer tieferes, pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis zum Werk auf. Wenn dies erst einmal vorhanden ist, kann ich im Konzert oder bei der Aufnahme alle Arbeitsschritte vergessen und im besten Fall einfach musizieren, ohne nachzudenken.<\/p>\n<p><strong>Sie haben relativ sp\u00e4t mit dem Aufnehmen von CDs angefangen.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich war damals einfach der passende Zeitpunkt, diese Werke verlangten nach einer intensiven und langj\u00e4hrigen Ann\u00e4herung, bevor ich das Gef\u00fchl hatte, sie einspielen zu wollen. Fr\u00fch oder sp\u00e4t spielt da f\u00fcr mich keine Rolle.<\/p>\n<p><strong>Beschreiben Sie mal kurz Ihren Werdegang!<\/strong><\/p>\n<p>Mein Vater ist Dirigent, meine Mutter Musikwissenschaftlerin. Sie hat meinen Klavierunterricht begleitet und daf\u00fcr gesorgt, dass ich gute Lehrer hatte in den Jahren, in denen man die H\u00e4nde formt und das Geh\u00f6r schult, wof\u00fcr ich ihr sehr dankbar bin. Sp\u00e4ter am Gymnasium f\u00fchlte ich mich unverstanden von meinen Klassenkameraden, weil ich st\u00e4ndig am Klavier sa\u00df und mich mit klassischer Musik besch\u00e4ftigte, deshalb entschied ich mich, auf eine Musik-Spezialschule zu wechseln. Dabei wollte ich fr\u00fcher in erster Linie Schauspielerin werden, das Theater hat mich damals sehr fasziniert. Dass ich doch Musikerin werde, war dann wohl klar, als ich mit 16 bei einem Meisterkurs meinen k\u00fcnftigen Lehrer Erik Tawaststjerna kennen gelernt habe. Ich bin dann nach Helsinki gegangen, um bei ihm an der Sibelius-Akademie zu studieren.<\/p>\n<p><strong>Warum gerade Finnland?<\/strong><\/p>\n<p>Letztlich ist die Hochschule und deren Standort egal. Es geht immer darum, bei einem bestimmten Lehrer zu studieren. Auch als ich nach Deutschland zur\u00fcck kam, suchte ich nur nach dem passenden Professor, den ich letztendlich in Evgeni Koroliov fand.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist ein Leben im Ausland immer eine wichtige Erfahrung f\u00fcr einen K\u00fcnstler, um eine andere Kultur kennen zu lernen und den Horizont zu erweitern. Nach vier Jahren wollte ich aber zur\u00fcck nach Hause. Zur Zeit lebe ich mit meiner Familie in Berlin und bin sehr gl\u00fccklich hier. Das war schon immer ein Ort, an den ich wollte. Das Leben ist hier sehr unkompliziert.<\/p>\n<p><strong>Was kann man, sollte man machen, damit sich mehr junge Menschen f\u00fcr klassische Musik begeistern?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz wichtig ist ein guter, kreativer und inspirierender Musikunterricht. Mein 7-j\u00e4hriger Sohn hat in der Schule nur eine Stunde Musik in der Woche, warum nicht zwei oder drei? Mein j\u00fcngerer Sohn ist im Musikkindergarten, der von Daniel Barenboim gegr\u00fcndet wurde. Die meisten Kinder, die in diesen Kindergarten kommen, machen sp\u00e4ter weiter mit der Musik. Sie erfahren dort, dass Musik zum Leben und zum Alltag einfach dazugeh\u00f6rt, und es wird immer viel gesungen.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Ihrer Meinung nach L\u00e4nder, von denen sich Deutschland eine Scheibe abschneiden k\u00f6nnte, was die Neugier junger Menschen auf klassische Musik betrifft?<\/strong><\/p>\n<p>Da f\u00e4llt mir auf Anhieb Asien ein! Dort gibt es eine unglaubliche Neugier auf die europ\u00e4ische Kultur, und eigentlich w\u00fcrde man sich w\u00fcnschen, dass wir Europ\u00e4er auf ihre Kultur ebenso neugierig w\u00e4ren.<br \/>\nIn China hat mich besonders beeindruckt, wie viele Kinder Klavier lernen, wirklich gro\u00dfartig. Lang Lang hat das mit beeinflusst und es ist sicherlich auch sein Verdienst, dass sich dort so viele Menschen f\u00fcr klassische Musik begeistern.<\/p>\n<p><strong>Ich danke Ihnen sehr f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch mit der Pianistin Natalia Ehwald Eine junge Frau sitzt im Caf\u00e9, hat Notenbl\u00e4tter vor sich auf dem Tisch liegen. Im Hintergrund sitzen Robert Schumann und Franz Schubert am Nebentisch. Ob Natalia Ehwald mit den beiden Herren aus dem 19. Jahrhundert ins Gespr\u00e4ch kommen wird? Fragen hat sie genug. 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