{"id":2996,"date":"2019-01-02T09:47:30","date_gmt":"2019-01-02T08:47:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2996"},"modified":"2019-01-02T09:47:32","modified_gmt":"2019-01-02T08:47:32","slug":"meditative-gloeckchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/01\/02\/meditative-gloeckchen\/","title":{"rendered":"Meditative Gl\u00f6ckchen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Violinwerke von Arvo P\u00e4rt stehen auf dem Programm dieser CD. Gemeinsam\nmit dem Estnischen Nationalsymphonieorchester unter Paavo J\u00e4rvi spielt die\nViolinistin Viktoria Mullova Fratres (1991) ein, ebenso \u201eDarf ich \u2026\u201c f\u00fcr\nVioline, R\u00f6hrenglocken und Streicher (1995\/1999), die Passacaglia (2003) und\ndas Doppelkonzert Tabula Rasa (1977), wozu sie sich den Geiger Florian Donderer\nmit ans Boot holt. Zum Schluss h\u00f6ren wir noch \u201eSpiegel im Spiegel\u201c f\u00fcr Violine\nund Klavier, letzteres gespielt von Liam Dunachie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heute z\u00e4hlt Arvo P\u00e4rt zu den\nbeliebtesten und meistgespielten Komponisten der Gegenwart. Seine Musik fesselt\nden H\u00f6rer durch ihren meditativen und zutiefst spirituellen Fluss, in dem man\nsich schwerelos treiben lassen kann. Die Popularit\u00e4t P\u00e4rts ist zu einem guten\nSt\u00fcck dem lettischen Geiger Guido Kremer zu verdanken, der sich fr\u00fch die die\nMusik des Esten einsetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der 70er-Jahre erforschte\nP\u00e4rt die mittelalterliche Kirchenmusik und fand heraus, dass es ausreiche, wenn\nnur eine einzige Note sch\u00f6n gespielt werde. Die Magie der Einfachheit\nbezauberte P\u00e4rt und er begann, die simpelsten Strukturen wie Dreikl\u00e4nge oder\nbesondere Tonalit\u00e4ten durchzuexerzieren. Die einzelnen Noten oder\nKlangereignisse erschienen P\u00e4rt dabei wie Glocken, weshalb er den neuen Stil\nals Tintinnabuli-Stil bezeichnete. Die ersten Werke, die er Ende des Jahrzehnts\nin diesem Stil schrieb, strapazieren die Schlichtheit und Linearit\u00e4t noch bis\nan die Grenzen \u2013 oder sogar dar\u00fcber hinaus. Eine entsprechende Gradwanderung\nstellt es f\u00fcr die Musiker dar, die hier zu h\u00f6renden Werke \u201eSpiegel im Spiegel\u201c\nund \u201eTabula rasa\u201c auszuf\u00fcllen. Es verlangt ungeheure Dichte des Spiels,\nBewusstsein \u00fcber jede noch so kleine Nuance und Schattierung. Das Estnische\nNationalsymphonieorchester unter Paavo J\u00e4rvi und Viktoria Mullova k\u00f6nnen die\nSpannung in Tabula rasa f\u00fcr lange Zeit halten, den ersten Satz bringen sie in\neine nachvollziehbare Form und auch beim zwanzigmin\u00fctigen \u201eSilentium\u201c, dem\nzweiten Satz, bleibt der H\u00f6rer lange Zeit gebannt. Doch ganz \u00fcberbr\u00fccken k\u00f6nnen\nsie die Strecke nicht bis zum Schlusston, nach etwa drei Viertel verebbt die\nmitziehende Energie allm\u00e4hlich. Da \u201eSpiegel im Spiegel\u201c im direkten Anschluss\nsteht, f\u00e4llt es dem H\u00f6rer schwer, sich noch einmal auf solch eine\ninnig-meditative Reise einzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundidee des\nTintinnabuli-Stils behielt Arvo P\u00e4rt bis heute bei, wenngleich er den Stil\nweiterentwickelte. Die Minimalisierung auf das Allereinfachste reichte nicht\naus, auf Dauer den H\u00f6rer zu bannen; aus diesem Grund musste P\u00e4rt neue Wege\nfinden, um einmal aufgespannte Klangr\u00e4ume nicht wieder einbrechen zu lassen.\nP\u00e4rt blieb dabei, seine Musik gem\u00e4chlich schweben zu lassen und ihr einen\nspirituellen Duktus zu verleihen; doch er \u00e4nderte die darin erscheinenden\nPh\u00e4nomene. Er weitete den Ambitus aus und fragmentierte die Motive, die nun wie\nkleine Sterne in der Klanglandschaft aufleuchten. Tiefe R\u00f6hrenglocken,\ndurchdringende Holzbl\u00f6cke und strahlende Spitzent\u00f6ne geben ein breites Spektrum\nan simplen, aber wirkungsvollen Effekten, welche \u00fcber einem gleichf\u00f6rmigen\nBordun zum Tragen kommen. Ein Glanzst\u00fcck dieses erweiterten Stils h\u00f6ren wir mit\n\u201eFratres\u201c. Auch in der Passacaglia und \u201eDarf ich \u2026\u201c bleibt das Prinzip\nun\u00fcberh\u00f6rbar, wenngleich es noch mehr ausgeweitet wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Musik macht es Viktoria\nMullova leichter, sich zu entfalten, aber auch von ihrer Seite sp\u00fcrt man\ngr\u00f6\u00dfere Hingabe zu den sp\u00e4teren Werken P\u00e4rts. Fratres bl\u00fcht auf als d\u00fcsteres\nSeelengem\u00e4lde, Mullova und das Estnische Nationalorchester unter J\u00e4rvi\nverschmelzen zu einer Einheit, die bis zum letzten Ton hin forttr\u00e4gt. Besondere\nMagie entfalten auch die beiden kleineren St\u00fccke \u201eDarf ich \u2026\u201c und\n\u201ePassacaglia\u201c, denen die Musiker unz\u00e4hlige Feinheiten abringen und doch in\ndieser unendlichen Ruhe bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schade finde ich, warum auf dem Cover nur P\u00e4rt, Mullova und J\u00e4rvi genannt werden. Warum verschweigt man uns das Estnische Nationalorchester, den Geiger Florian Donderer und den Pianisten Liam Dunachie? Ohne die beiden Solisten und das Orchester h\u00e4tte Mullova das Programm niemals so stimmig darbieten k\u00f6nnen. Und es ist keine Ausnahme, auf ihrer Prokofieff-CD verriet man uns nicht einmal ihren Geigenpartner Tedi Papavrami (<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/10\/14\/musikalischer-geigenherbst\/\">Rezension auf The New Listener<\/a>), der nun wirklich ein Name ist, den man auf ein Cover drucken sollte. <\/p>\n\n\n\n<p>[Oliver Fraenzke, Dezember 2018]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Violinwerke von Arvo P\u00e4rt stehen auf dem Programm dieser CD. 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