{"id":3007,"date":"2019-01-09T10:15:44","date_gmt":"2019-01-09T09:15:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3007"},"modified":"2019-01-14T00:44:29","modified_gmt":"2019-01-13T23:44:29","slug":"wir-sind-ehrliche-suchende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/01\/09\/wir-sind-ehrliche-suchende\/","title":{"rendered":"\u201eWir sind ehrliche Suchende\u201c\ufeff"},"content":{"rendered":"\n<p>[<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/01\/06\/3003\/\">zur CD-Rezension<\/a>]<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Den Namen w\u00e4hlte das Stefan-Zweig-Trio ganz bewusst aus einer Seelenverwandtschaft zu diesem Wiener Autoren mit seiner tiefen Liebe zur Musik gepaart mit einem sensiblen Blick auf die Zeitumst\u00e4nde. Die Pianistin Sibila Konstantinova, Geiger Kei Shirai sowie Tristan Cornut am Violoncello teilen auf jeden Fall einen tiefen k\u00fcnstlerischen Idealismus mit ihrem Namenspatron. In diesem Sinne unterzogen sie Erich Wolfgang Korngolds bemerkenswertes Trio aus dem Jahr 1910 einem betont \u201eehrlichen\u201c Ausforschungsprozess \u2013 und auch Zemlinskys Trio, komponiert 1901, zeugt auf der neuen CD des Stefan-Zweig-Trios von der Ber\u00fchrung des \u201eFin de Siecle\u201c durch ein neues, modernes Zeitalter.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit Stefan Pieper sprach die Pianistin Sibila\nKonstantinova \u00fcber die aktuelle k\u00fcnstlerische \u201eForschungsreise\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erz\u00e4hlen Sie etwas von der Vorgeschichte zu diesem\nProjekt!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich entstand der Wunsch, Korngolds Trio zu spielen,\nweil es leider viel zu selten aufgef\u00fchrt wird. Wir haben es mittlerweile schon\nin Konzerten gespielt und es kam wirklich gut beim Publikum an. Das Trio kann\nschon eine neue Erfahrung sein, wenn man noch nicht so viel Musik aus dieser\nZeit geh\u00f6rt hat. Zemlinskys Trio mit dem wir diese neue Aufnahme komplettieren,\nist dagegen deutlich sp\u00e4tromantischer gef\u00e4rbt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben sehr stark die emotionalen Ambivalenzen\nherausgearbeitet. War dies von Anfang an das Anliegen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind vom Typ her nicht die Leute, die irgendwas zum\nProvozieren heraussuchen. Effekthascherei interessiert daher nicht. Wir wollen\naber m\u00f6glichst viel lebendig machen, was in der Musik steckt. Wir haben vor\nallem in Korngolds Trio so viele Stimmen und Stimmungen gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Details haben Sie besonders fasziniert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da gibt es eine Menge! Dieses Werk ist unglaublich reif und kompliziert. Korngold hat das genial gemacht in so einem fr\u00fchen Alter. Dass dies von einem 12 bis 13-j\u00e4hrigen Kind geschrieben wurde, sprengt jede Vorstellung. Manchmal ist es wie in einem Lied, dann geht es wieder sehr \u00fcberm\u00fctig zur Sache. Es gibt \u00e4u\u00dferst raffinierte Wechsel zwischen verschiedenen Taktarten, vor allem im vierten Satz. Viel Humor gibt es auch und manchmal f\u00fchlt man sich in eine typische Wiener \u201eHeurigen-Stimmung\u201c hinein versetzt. Manche Momente sind reine Oper, wo die Streicher richtig singen und das Klavier mit riesigen Akkorden begleiten. Und auch die Vortragsbezeichnungen in diesem St\u00fcck zeigen, wie sehr Korngold wusste, was er will, wenn er Angaben wie \u201eedel\u201c oder \u201esprechend\u201c setzt. Es gibt vieles, das sehr gut zusammen funktioniert. Ich finde das unglaublich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erstaunliche ist, man kann den sp\u00e4teren reifen Korngold\nin diesem Werk schon h\u00f6ren. Im langsamen Satz ist auch schon diese typische\nFilmmusik-Intonation drin, zum Beispiel am Ende des dritten Satzes.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Korngold hat auf jeden Fall sehr viel Optimismus in\nseiner Musik. Wie haben Sie das empfunden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik dieses jungen Menschen ist voll von positiven Aussagen, Anregungen und Impulsen. Das spr\u00fcht vor so viel Lebenslust. Diese Musik spiegelt einen jungen Menschen wieder, der mit ge\u00f6ffneten Augen in die Zukunft schaut. Man kann es in der Musik erkennen, die meist sehr positiv gef\u00e4rbt ist. Selbst der elegische zweite Satz ist frei von Tragik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben jedem Satz eine spezifische Farbe gegeben, so dass man sich immer tiefer in einen Kosmos der Gegens\u00e4tze hineinh\u00f6ren kann. Jeder Satz markiert ein Bild f\u00fcr sich.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Musik kann nur \u00fcberzeugen, wenn sie f\u00fcr die K\u00fcnstler\n\u00fcberzeugend klingt. Alles ist immer ein Versuch und vielleicht hat man beim\nn\u00e4chsten Takt etwas anderes gefunden. Es ist immer vom pers\u00f6nlichen Empfinden\nabh\u00e4ngig: Wenn wir am n\u00e4chsten Tag etwas anderes empfinden, kommt auch was\nneues in der Interpretation heraus. Eine gelungene Interpretation ist immer das\nErgebnis unseres ehrlichen Suchens.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Verbindungslinien zwischen Korngold und Zemlinsky\nhaben Sie entdeckt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollten Musik aus der Zeit von Stefan Zweig, unserem\nNamenspatron, aufnehmen. Vom Zeitkontext her befand er sich mit einem Fu\u00df im\n19. Jahrhundert und mit dem anderen im 20. Jahrhundert. Zemlinsky und Korngold\nblicken gewisserma\u00dfen zur\u00fcck, aber auch in die Zukunft. Bei Zemlinsky passiert\nalles viel subtiler, zum Beispiel in diesen unglaublichen Harmonien im zweiten\nSatz. Das ist nicht mehr Brahms. Zemlinsky war \u00fcbrigens auch Lehrer von\nKorngold. Beide St\u00fccke wurden in Wien und in der N\u00e4he von Wien komponiert. Und\ntrotzdem ist diese Musik so unterschiedlich und daher so spannend. Es war\nwirklich eine goldene Zeit!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gibt es bestimmte literarische Aussagen von Stefan Zweig,\ndie eine besondere Bedeutung f\u00fcr Sie haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Stefan Zweig ist eine Symbolfigur f\u00fcr diese goldene Zeit in\nWien. Sein musikalischer Sprachstil spricht uns sehr an. Zweig war von Musik\nbegeistert, war mit Mahler befreundet und hat ein Libretto f\u00fcr Richard Strauss\ngeschrieben. Er war ein Sammler von Manuskripten und einfach ein gro\u00dfer\nMusikliebhaber. Das hat uns bei dem Namen inspiriert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Er ist schlie\u00dflich nach Brasilien emigriert und hat sich\ndas Leben genommen \u2013 vermutlich aus Verzweiflung, was in Europa passiert ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, leider. Und viel zu fr\u00fch. Denn kurz nach seinem Tode ist\nder Krieg zum Gl\u00fcck zuende gegangen und die Welt hat \u00fcberlebt. Zwar war es\nnicht mehr die Welt eines Stefan Zweig, aber eine neue Welt. Schade, dass er\nnicht weitergelebt hat, um das sehen zu k\u00f6nnen! Zum Gl\u00fcck wissen wir heute,\ndass es in der Welt doch wieder besser geworden ist, als er vermutet hatte.\nStefan Zweig war auf jeden Fall ein sehr sensibler Mensch.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Man muss stets wachsam sein, dass die Dinge in der Welt\nvon heute nicht wieder schlechter werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das stimmt allerdings. Leider.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zum Schluss noch eine ganz philosophische Frage. Was kann\neinem so eine Musik in heutiger Zeit geben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein Zufall, dass Musik der st\u00e4ndige Begleiter der Menschen ab der fr\u00fchesten Zeit war und sie wird Menschen bis zum Ende der Menschheit begleiten. Sie kann tr\u00f6sten und ermutigen und vor allem: Sie kann Menschen verbinden und vereinen. Gerade in heutiger Zeit, wo oft versucht wird, Menschen und Gesellschaften zu spalten. Sie ist ein tolles Kommunikationsmittel. Die Musikst\u00fccke, die wir gerade erarbeitet haben, bringen so viele gegens\u00e4tzliche Elemente zusammen, bis schlie\u00dflich am Ende wieder eine harmonische Einheit heraus kommt. Die Idee, aus gro\u00dfer Diversit\u00e4t etwas Ganzheitliches zu formen, ist doch eine ganz wichtige heute. Wer sich auf solche Abenteuer mit Musik einl\u00e4sst, kann eine neue, bessere Vision von sich selbst bekommen. Vorausgesetzt, dass ihn die Musik ber\u00fchrt hat. Deswegen versuchen alle K\u00fcnstler, Menschen zu ber\u00fchren und deswegen machen wir das auch. Wenn dies gelingt, kann das wie pure Magie sein. <br \/><\/p>\n\n\n\n<p><br \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[zur CD-Rezension] Den Namen w\u00e4hlte das Stefan-Zweig-Trio ganz bewusst aus einer Seelenverwandtschaft zu diesem Wiener Autoren mit seiner tiefen Liebe zur Musik gepaart mit einem sensiblen Blick auf die Zeitumst\u00e4nde. 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