{"id":3014,"date":"2019-01-14T00:39:47","date_gmt":"2019-01-13T23:39:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3014"},"modified":"2019-01-14T14:25:10","modified_gmt":"2019-01-14T13:25:10","slug":"habe-mut-dich-deines-verstandes-zu-bedienen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/01\/14\/habe-mut-dich-deines-verstandes-zu-bedienen\/","title":{"rendered":"Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Sopranistin Charlotte Sch\u00e4fer hat mit dem Orchester \u201eConcerto con Anima\u201c unter Leitung von Michael Preiser Arien aus der Feder verschiedener bekannter, aber auch unbekannter Komponisten aufgenommen, die alle auf dem Libretto zur Oper Demofoonte basieren. Dieser Text von Pietro Metastasio kann als literarisches Manifest f\u00fcr ein neues Menschenbild der Aufkl\u00e4rung betrachtet werden. Entsprechend gro\u00df war die zeitgen\u00f6ssische Ausstrahlung: Der Text wurde von fast 80 (!) Komponisten vertont. Solche gewaltigen Dimensionen entfachten den idealistischen Forschergeist der S\u00e4ngerin Charlotte Sch\u00e4fer, ebenso den der Musikwissenschaftlerin Christine Lauter. Letztere hat viele Monate in internationalen Bibliotheken zugebracht und zahllose bis dahin verborgene Sch\u00e4tze f\u00fcr die Musikwelt zug\u00e4nglich gemacht. F\u00fcr die finale Auswahl der St\u00fccke, die dann als Weltersteinspielungen auf dieser neuen CD vereint wurden,&nbsp; entschied schlie\u00dflich das Bauchgef\u00fchl. Ein gro\u00dfer Verdienst kommt auch Michael Preiser zu, der die ausgew\u00e4hlten Arien schlie\u00dflich in heutige Notenschrift \u00fcbertragen hat. Charlotte Sch\u00e4fer wird hier interviewt von Stefan Pieper:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sehen Sie eine CD-Produktion\nauch in Zeiten stagnierender Tontr\u00e4ger-Abs\u00e4tze noch als T\u00fcroffner f\u00fcr die\neigene Karriere?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das kann ich unbedingt best\u00e4tigen. Schon durch mein erstes CD-Album ging eine neue Welt f\u00fcr mich auf. Ich wurde pl\u00f6tzlich ganz anders wahrgenommen und es ergaben sich neue Kontakte. Die Zusammenarbeit mit anderen Spezialisten f\u00fcr Alte Musik wurde intensiver und h\u00e4ufiger; Ich bin in den Rundfunk gekommen und so ging es weiter. Es ist ein Traum: Die Leute schalten das Radio ein und h\u00f6ren Dich dort.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was f\u00fcr ein k\u00fcnstlerisches\nAnliegen stand am Ursprung dieses Projekts?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich versp\u00fcre eine gro\u00dfe\nSehnsucht nach dem Sinn in meiner Kunst und mir ist es wichtig, in erster Linie\nals Interpretin wahrgenommen zu werden. Es geht mir eben nicht nur darum, als\nS\u00e4ngerin oder S\u00e4nger auf der B\u00fchne die eigenen Gef\u00fchle auszuleben. Das sei\njedem geg\u00f6nnt. Aber mein Anliegen reicht \u00fcber den eigenen Adrenalinkick weit\nhinaus. Ich bin \u00fcberzeugt, dass die Komponisten von Demofoonte dieses Musik\ngeschrieben haben, um den Zuh\u00f6rern eine Botschaft zu vermitteln. N\u00e4mlich: Habe\nMut, Dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben ja in einer\nregelrechten Grundlagenforschung neue Quellen erschlossen. Wie kam der Prozess\nin Gang?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Besch\u00e4ftigung mit Mozarts Konzertarie \u201eNon curo l`affetto\u201c weckte das zu Grunde liegende Opernlibretto Demofoonte meine Neugier. Ich erfuhr, dass nicht nur Mozart, sondern gesch\u00e4tzt circa 80 weitere Komponisten immer wieder den Demofoonte-Stoff vertont haben. Mir wurde klar, dass diese Oper wahnsinnig beliebt gewesen sein muss. Also wollte ich mehr herausfinden und so habe ich mich zwei Kollegen anvertraut, n\u00e4mlich der Musikwissenschaftlerin Christine Lauter und dem Dirigenten Michael Preiser. Christine Lauter hat hier die Quellenrecherche \u00fcbernommen und Michael Preiser die musikalische Leitung und Edition.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide haben eine unvorstellbare Forschungsarbeit geleistet. Sie machen ihren Beruf, weil sie etwas damit sagen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon der erste Stapel, den Christine entdeckt hat, war voller Goldsch\u00e4tze. Schlie\u00dflich hat sie in verschiedenen Bibliotheken in Europa und Amerika 60 Vertonungen aufgest\u00f6bert. Wir gehen inzwischen davon aus, dass diese Oper insgesamt 79 Mal komplett vertont worden ist. Das ist der Wahnsinn \u2013 stellen Sie sich vor, so viele Komponisten h\u00e4tten damals die Hochzeit des Figaro vertont! Da muss den Leuten ein Thema wirklich unter den N\u00e4geln gebrannt haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Kernaussage wird hier\ntransportiert ?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Libretto ist von einem gro\u00dfen Dichter der Zeit. Pietro Metastasio war ein gro\u00dfer Aufkl\u00e4rer. Oberfl\u00e4chlich geht es um eine komplizierte Verwechslungsgeschichte: um ein Paar, das nicht standesgem\u00e4\u00df ist. Die Braut kommt aus der b\u00fcrgerlichen Schicht und darf eigentlich den Prinz nicht heiraten. Beide sollen sogar f\u00fcr diese \u201everbotene\u201c Liebesverbindung zum Tode verurteilt werden. Es kommen aber zwei Figuren von au\u00dfen dazu, welche das ganze Dilemma mitbekommen und f\u00fcr die beiden Liebenden Partei ergreifen. Deutlich wird, dass die beiden Liebenden hier doch unschuldig sind; und es wird versucht, sie zu befreien. Jeder kommt hier in einen Konflikt mit dem herrschenden Gesetz. Letztlich entscheiden sich alle Beteiligten f\u00fcr ihr Herz. Das Paar wird deshalb schlie\u00dflich begnadigt. In all dem steckt ein flammender Appell f\u00fcr Freiheit und Menschenrechte. Hier treten mutige Menschen aus ihrer Untertanenrolle heraus und riskieren etwas, damit es andere, menschlichere Wege gibt. Das ist ein faszinierender Aspekt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie unterstreichen Ihr\nidealistisches Anliegen im Booklet mit einem pers\u00f6nlichen Appell an die\nMenschenw\u00fcrde. Was kann so ein Stoff dem heutigen Publikum vermitteln?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundaussage transportiert einen ber\u00fchmten Appell: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Man kann so viel bewegen, wenn sich jeder Einzelne darauf besinnt, sich etwas zu sagen traut, was er als falsch empfindet: und daf\u00fcr auch einsteht. Gleich eine ganze Reihe von Charakteren steht in dieser Oper f\u00fcr dieses Menschenbild.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es ist heute schon wieder von\neiner post- oder antiaufkl\u00e4rerischen Zeit zu lesen. Populistische Herrscher\nkommen an die Macht, weil sich immer mehr Menschen davon verabschieden, ihren\nVerstand zu nutzen und sich manipulieren und g\u00e4ngeln lassen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Manipulierbarkeit durch reale und behauptete Macht ist erschreckend. Menschen h\u00f6ren sich allen m\u00f6glichen Quatsch an und hinterfragen diesen nicht. Dabei w\u00e4re genau dies dringend notwendig, damit Gesellschaften wirklich frei bleiben. Ich kann als K\u00fcnstlerin einen gewissen Beitrag leisten daf\u00fcr, so dass ein aufgeweckter H\u00f6rer diese Botschaft dann unter seinen Mitmenschen weiter streut. Diese Hoffnung ist mit ein Grund, warum ich diesen Beruf mache.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Viele Musiker, aber auch\nVeranstalter und Labels trauen sich gar nicht, neues Repertoire zu erschlie\u00dfen\nund damit Horizonte zu erweitern. Hat Sie dieser Schritt \u00dcberwindung gekostet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne viele Kollegen, die\nsagen pauschal, \u201eRandrepertoire\u201c mache ich nicht. Ich finde das sehr schade.\nNat\u00fcrlich kostet es Mut, eine neue Interpretation zu behaupten. Die\nsoundsovielte Aufnahme der \u201eK\u00f6nigin der Nacht\u201c zu ver\u00f6ffentlichen und sich hier\nnur an einer bereits hochgelobten Referenzaufnahme zu orientieren, ist\nsicherlich der Weg des geringeren Widerstandes. Neues, unbekanntes Repertoires\nf\u00fchrt einen auf Anhieb auf einen ganz anderen Weg. Man wird dadurch zwar\nangreifbarer, versp\u00fcrt aber sofort eine viel gr\u00f6\u00dfere Freiheit. Es entwickelt\nsich ein unmittelbares Gef\u00fchl f\u00fcr die Musik, wenn es nur die Prim\u00e4rquelle des Notentextes\ngibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde es toll, mich einem St\u00fcck nur mit dem unmittelbaren Instinkt zu n\u00e4hern. Umso mehr f\u00e4ngt die Musik dann an, zu leben und selbstst\u00e4ndig zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erz\u00e4hlen Sie mir von der\nZusammenarbeit mit dem Orchester!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die hat mich einfach nur sehr gl\u00fccklich gemacht. Jeder versuchte, sich auf seine Art zu konzentrieren und wollte sein bestes geben. Wir hatten nur eine Woche Zeit, um zu beobachten, was da entstehen kann, das stachelte zus\u00e4tzlich unsere Begeisterung an. Ich finde es ganz toll, wie das Orchester reagiert hat.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Dirigent des Orchesters\nspielte ja im musikologischen Part auch eine wichtige Rolle!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Michael Preiser hat nicht nur\ndas Orchester dirigiert, sondern er hat sich viel Zeit f\u00fcr eine intensive Auseinandersetzung\nmit den alten Handschriften genommen. Viele Autographe sind heute nicht mehr\ngut lesbar, allein, weil es viele andere Konventionen bei der Notation gab. Oft\nmusste Michael Preiser Entscheidungen treffen, wenn nicht mehr klar war, was der\nKomponist oder Kopist damals meinte. Er hat schlie\u00dflich am Computer gut lesbare\nNoten erstelltund wir hatten zugleich einen intensivst vorbereiteten\nDirigenten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dem fortschrittlichen Geist\ndes Librettos entspricht eine zukunftsweisende Neuausrichtung des musikalischen\nStils an der Schwelle vom Barock zur Fr\u00fchklassik. Welche Ideale werden bei der\nInterpretation verfolgt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Barockopern gibt es oft\nstilisierte Figuren. In der Klassik kommt aber dann immer mehr der\nHumanit\u00e4tsgedanke auf. Da ist nicht l\u00e4nger ein rigides schwarzwei\u00df in der\nMusik, also ist auch die barocke Terrassendynamik weitgehend \u00fcberwunden. Der\nfr\u00fchklassische Stil leistet sich sp\u00fcrbar flie\u00dfendere Bewegungen z.B. durch\nCrescendi. Das liefert ganz neue Mittel, die seelische Verfassung der Protagonisten\nzu beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dirigent Michael Preiser hat\nhier klare Vorstellungen bei der dynamischen Gestaltung. Das Tor zur\nFr\u00fchklassik ist bei diesen Arien auf jeden Fall weit offen. Wir haben uns daher\nf\u00fcr eine Aufnahme in 430 hz entschieden. Die Instrumente der Fr\u00fchklassik\nklingen einen Viertelton h\u00f6her als barocke Instrumente und dieser Klang hat\neine ganz eigene W\u00e4rme. Die Instrumentierung stellte eine besondere\nHerausforderung bei diesem Unternehmen dar: Eine Arie ist mit Kontraoboen\nbesetzt. Wir fanden heraus, dass es davon ganze 7 St\u00fcck in Deutschland gibt.\nAber dieses Orchester hier hat zwei davon.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind die gesanglichen\nHerausforderungen hier?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem die Koloraturen sind technisch herausfordernd. Mein Anspruch ist dabei, dass man ihren Sinn erkennt. Wenn da zum Beispiel das Wort \u201eFreude\u201c steht, singe ich es mit einem anderen Ausdruck, als wenn da etwa \u201eErstaunen\u201c steht. Je nach Ausdruck setzte ich unterschiedliche Gesangstechniken ein. Insgesamt rei\u00dft mich am meisten die Schlussarie von Guiseppe Sarti mit. Als ich sie zum ersten Mal gelesen habe, bekam ich erst mal Wasser in den Augen und sagte, ich kann das nicht. Ich dachte einfach, die Arie ist gr\u00f6\u00dfer als ich. Aber dann hat es mich gepackt und ich dachte, es ist kein Zufall, dass diese Musik und ich zusammengefunden haben. Sp\u00e4ter bei der Aufnahme hatte ich dann das Gef\u00fchl, ganz bei mir zu sein und ich war \u00fcbergl\u00fccklich. Die Schlussarie war auf jeden Fall der weiteste Weg und ich habe lange mit meinem Lehrer Jan Kobow dran gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>So bestechend diese\nSACD-Aufnahme geworden ist, so ist sie doch vor allem eine Hinf\u00fchrung zu einem\nLive-Konzerterlebnis, was ich mir jetzt sehr w\u00fcnschen w\u00fcrde. Gibt es\nPerspektiven f\u00fcr eine Auff\u00fchrung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir w\u00fcrden das ganze so gerne\nmal in einem Konzert auff\u00fchren. Ich hoffe, dass wir mittelfristig einen\ngeneigten Produzenten oder Veranstalter daf\u00fcr finden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Stefan Pieper, Januar 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sopranistin Charlotte Sch\u00e4fer hat mit dem Orchester \u201eConcerto con Anima\u201c unter Leitung von Michael Preiser Arien aus der Feder verschiedener bekannter, aber auch unbekannter Komponisten aufgenommen, die alle auf dem Libretto zur Oper Demofoonte basieren. 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