{"id":3019,"date":"2019-01-17T10:35:36","date_gmt":"2019-01-17T09:35:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3019"},"modified":"2019-01-17T10:35:38","modified_gmt":"2019-01-17T09:35:38","slug":"widerborstige-etueden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/01\/17\/widerborstige-etueden\/","title":{"rendered":"Widerborstige Et\u00fcden"},"content":{"rendered":"\n<p>TYX Art, TXA 18100; EAN: 4 250702 801009<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/N0071.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3020\" width=\"304\" height=\"304\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/N0071.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/N0071-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/N0071-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 304px) 100vw, 304px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Debussy,\nSzymanowski; Julian Riem (Klavier)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir h\u00f6ren den Pianisten Julian Riem mit einer Et\u00fcden-CD: Er spielt die\nDouze \u00c9tudes 1er Livre von Claude Debussy sowie die \u00c9tudes op. 33 von Karol\nSzymanowski.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin die\nGattung der Et\u00fcde von ihrem rein p\u00e4dagogischen Zweck befreit und sie\nkonzertreif gemacht hat, bl\u00fchten die \u00dcbungsst\u00fccke (oder fr\u00fcher \u201eHandst\u00fccke\u201c\ngenannt) auf und zahllose Meister nahmen sich ihrer an. Die meisten blieben\ndabei, eine technische H\u00fcrde auszukosten und sie dem Pianisten das gesamte\nSt\u00fcck \u00fcber in immer anderen Formen und Variationen abzuverlangen. Andere\nsuchten neue Wege: So schrieb beispielsweise Brahms ein Et\u00fcdenwerk in\nVariationsform, die Paganini-Variationen \u00fcber dessen ber\u00fchmte Caprice Nr.24, Schumann\nschrieb \u201eSymphonische Et\u00fcden\u201c ebenfalls mit Variationscharakter, und\nRachmaninoff nannte seine Et\u00fcden Etudes Tableaux, also Et\u00fcdenbilder: Besonders\nim op. 33 gelang ihm dadurch eine Symbiose aus pianistischen H\u00fcrdenl\u00e4ufen und\nhinrei\u00dfenden Klangwelten voller Farbe und Magie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Jahr, nachdem Rachmaninoff\nseine Et\u00fcden fertigstellt hatte, widmete sich Claude Debussy dem Genre \u2013 und\npr\u00e4sentiert uns g\u00e4nzlich andere Dimensionen von Klang und Technik. Die\ninsgesamt 24 Et\u00fcden in zwei B\u00e4nden sind vielleicht Debussys eigenartigstes\nKlavierwerk und zeigen doch seine ganze Meisterschaft. Sie bilden einen harten\nGegenpol zu den drei Jahren zuvor vollendeten Pr\u00e9ludes. Debussy widmet jede\nseiner Et\u00fcden einem Ausgangsmaterial, einem Intervall oder einer bekannten\nFinger\u00fcbung, Ornamenten oder Kl\u00e4ngen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Jahr sp\u00e4ter setzte\nsich Karol Szymanowski mit dem Genre der Et\u00fcde auseinander und schuf zw\u00f6lf\nnicht weniger eigenwillige und teils gar widerborstige Werke, die zu einer\nEinheit zusammengeh\u00f6ren und mit \u201eattacca\u201c untrennbar miteinander verbunden\nsind. Szymanowski experimentierte in ihnen mit der freien Atonalit\u00e4t, die zu\ndem Zeitpunkt recht neu f\u00fcr ihn war, und bildete komplexe Polyphonien. F\u00fcr\nH\u00f6rer wie Spieler gestaltet es sich schwierig, die dichten Strukturen zu\ndurchdringen \u2013 als einzig wahre logische Konsequenz sah Szymanowski von langen\nFormen ab und beschr\u00e4nkte sich in allen Et\u00fcden auf eine L\u00e4nge von maximal zwei\nMinuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Julian Riem machte er sich zur\nAufgabe, einen Zugang zu diesen beiden verqueren Werken zu finden und, nicht\nzuletzt, zu vermitteln. Dies gelingt auf erstaunliche Weise, vor allem Debussys\nEt\u00fcdenzyklus ist mir nun wesentlich zug\u00e4nglicher als vor dem H\u00f6ren dieser CD.\nBei Debussy verzichtet Riem auf virtuose Zurschaustellung und degradiert die\ntechnischen Anforderungen zum Randph\u00e4nomen, konzentriert sich daf\u00fcr auf die\nharmonische Struktur und die feine Klang- und Sinnlichkeit der St\u00fccke. Die\nAkkorde t\u00f6nen warm, voll und exakt, die einzelnen Intervalle wirken ausgewogen.\nRasche Passagen verbindet Riem zu sich aufb\u00e4umenden Tonwellen, die frei und\nzwanglos auf den H\u00f6rer niederkommen. Besonders keck kostet Riem die Dissonanzen\naus, die Erwartungen unterminieren und das Gef\u00fcge der Tonalit\u00e4t langsam l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Szymanowski erklingt\npathetischer, wilder und losgel\u00f6ster. Riem versucht nicht, die einzelnen\nStimmen der Polyphonie zu hierarchisieren, er genie\u00dft den Dissenz der einzelnen\nLinien. Der Anschlag bleibt selbst im Get\u00f6se weich und durchl\u00e4ssig, Riem\nphrasiert dabei sogar die kleinsten Melodiefetzen und verleiht ihnen logische\nGeschlossenheit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Januar 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TYX Art, TXA 18100; EAN: 4 250702 801009 Debussy, Szymanowski; Julian Riem (Klavier) Wir h\u00f6ren den Pianisten Julian Riem mit einer Et\u00fcden-CD: Er spielt die Douze \u00c9tudes 1er Livre von Claude Debussy sowie die \u00c9tudes op. 33 von Karol Szymanowski. 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