{"id":3023,"date":"2019-01-20T09:48:03","date_gmt":"2019-01-20T08:48:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3023"},"modified":"2019-02-03T10:29:20","modified_gmt":"2019-02-03T09:29:20","slug":"vom-sprengen-des-gartens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/01\/20\/vom-sprengen-des-gartens\/","title":{"rendered":"Vom Sprengen des Gartens\ufeff"},"content":{"rendered":"\n<p>NEOS 11809; EAN: 4 260063 118098<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/N0072.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3024\" width=\"303\" height=\"274\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/N0072.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/N0072-300x271.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 303px) 100vw, 303px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Katrin Frauchiger und Katharina Weber spielen zeitgen\u00f6ssische Lieder sowie Vokalwerke aus der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Von J\u00fcrg Wyttenbach h\u00f6ren wir 8 Duettini f\u00fcr Frauenstimme und Klavier nach Gedichten von Issa und Kurt Marti sowie Drei kurze Gebete an die japanische G\u00f6ttin der Barmherzigkeit Kannon Bosatsu f\u00fcr Frauenstimme und Klavier \u2013 beide Werke wurden den darbietenden K\u00fcnstlerinnen gewidmet. Die Sopranistin Katrin Frauchiger steuert selbst zwei Lieder mit Prolog f\u00fcr diese Aufnahme bei, die aus ihrem Zyklus \u201e\u2026und die Nacht ist pailletten\u00fcbers\u00e4t\u201c auf Gedichte von Meret Oppenheim entnahm und bearbeitete. Auch von der Pianistin Katharina Weber erklingt Musik, sieben von neun Lieder aus \u201eZwischenland\u201c auf Gedichte von Martin Merz. Die zweite H\u00e4lfte der Aufnahme bilden ausgew\u00e4hlte Lieder aus dem \u201eHollywood Songbook\u201c von Hanns Eisler und die Sieben fr\u00fchen Lieder aus der Feder Alban Bergs.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der heutigen \u201emodernen\u201c Musik,\ndie oft so abstrakt und komplex ist, dass der H\u00f6rer schnell den Halt in ihr\nverliert, steht das Klavierlied da wie ein Fels in der Brandung: Der Text gibt\nuns den n\u00f6tigen Griff und die auf 88 Tasten beschr\u00e4nkte Begleitung k\u00f6nnen wir\ngut in den Kontext der Vokallinien setzen. Sofern der Komponist darauf Wert\nlegt, dass der Text verstanden werden soll, muss er eine gewisse Klarheit\nanstreben, die beim einmaligen H\u00f6ren schon durchdrungen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Beitrag der\nvorliegenden CD stammt von J\u00fcrg Wyttenbach, der die Herausforderungen des\nKlavierliedes durch enorme Reduktion l\u00f6st \u2013 die die Titel bereits verk\u00fcnden.\nAnders als in den meisten seiner Werke fokussiert sich der Komponist in den\n2014 f\u00fcr Frauchiger und Weber geschriebenen Duettini und kurzen Gebeten nicht\nauf ausladende Geste und Chromatik, sondern auch einzelne Klangereignisse im\nKlavier, die durch die Sopranstimme zusammengehalten werden. Die hieraus\nresultierenden Vokalst\u00fccke unterliegen keinem festen System, sondern sind\ninstinktiv auf Klang und Gef\u00fchl ausgelegt. In die Duettini integriert\nWyttenbach zudem Klangeffekte, die das Klavier nicht mit Fingern auf den\nTasten, sondern nur mit Hilfsmitteln und auf den Saiten realisieren kann. (Mich\nh\u00e4tte sehr interessiert, wie diese zustande gebracht werden, leider gibt der\nrecht boulevardm\u00e4\u00dfig geschriebene Begleittext keinen Aufschluss dar\u00fcber.)<\/p>\n\n\n\n<p>Katrin Frauchiger basiert ihren Zyklus \u201e\u2026und die Nacht ist pailletten\u00fcbers\u00e4t\u201c auf nur schwer durchdringbare Texte von Meret Oppenheim.\u00a0 Entsprecht schwierig gestaltet es sich f\u00fcr den H\u00f6rer auch, gerade das zweite Lied \u201eAm Anfang ist das Ende\u201c textlich nachzuvollziehen, was sich auch auf die Wahrnehmung der Musik auswirkt. Frauchiger findet ansprechende Zusammenkl\u00e4nge und zaubert flie\u00dfende Melodien; nur ein umfassender Bogen fehlt mir, der das gesamte Lied umspannt und zu einer Einheit formt.<\/p>\n\n\n\n<p>Spannend gestalten sich die\nBeitr\u00e4ge von Katharina Weber aus ihrem Zyklus \u201eZwischenland\u201c. Die Pianistin\nisoliert die Klavierstimme von der Sopranstimme, um so einen Kontrapunkt zu\nschaffen und zwei Gef\u00fchlswelten parallel ablaufen zu lassen. W\u00e4hrend der Sopran\nauf dem Text schwebt, sorgt das Klavier f\u00fcr einen Groove: scharfe Akzente und\naufreibende Dissonanzen halten die Aufmerksamkeit durchgehend oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Hollywood Songbook von\nHanns Eisler w\u00e4hlten die Musikerinnen acht Lieder aus, welche die stilistische\nVielfalt und die Extremit\u00e4t der Entstehungszeit dieser Exilliteratur\nverdeutlichen. Freie Tonalit\u00e4t und Dodekaphonie treffen auf amerikanisches\nFlair, Blues und Unterhaltungsmusik.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenngleich Fr\u00fchwerke, sind f\u00fcr\nmich die Sieben fr\u00fchen Lieder Alban Bergs nicht weniger Meisterwerke, die zu\nRecht bis heute einen festen Platz im Liedrepertoire einnehmen. Sie wurden noch\nvor Bergs gro\u00dfem Einstieg in die Komponistenwelt durch die \u00fcberw\u00e4ltigende\nKlaviersonate op. 1 geschrieben. In den Liedern greift Berg vorhandene\nkompositorische Idiome auf, setzt sie aber bereits auf ganz eigene Weise um.<\/p>\n\n\n\n<p>Katharina Weber und Katrin Frauchiger beweisen sich als gewandte und vielseitige Musikerinnen, denen sowohl der minuti\u00f6s reduzierte Stil als auch das Ausladende, Pathetische liegt. Voll entfalten k\u00f6nnen sie sich nat\u00fcrlich in erster Linie bei Eislers \u201eAn eine Stadt\u201c und bei Bergs Liedern; diese erlauben es ihnen, gro\u00dfe Linien vorzutragen und ihre K\u00fcnste der Phrasierung zu pr\u00e4sentieren. Weber besticht auch in ihren eigenen Liedern als Impulsgeberin \u2013 worauf Frauchiger kongenial eingeht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Januar 2019] <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NEOS 11809; EAN: 4 260063 118098 Katrin Frauchiger und Katharina Weber spielen zeitgen\u00f6ssische Lieder sowie Vokalwerke aus der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. 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