{"id":3062,"date":"2019-02-19T22:20:25","date_gmt":"2019-02-19T21:20:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3062"},"modified":"2019-02-19T22:20:26","modified_gmt":"2019-02-19T21:20:26","slug":"enttaeuschende-etueden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/02\/19\/enttaeuschende-etueden\/","title":{"rendered":"Entt\u00e4uschende Et\u00fcden"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos, 8.573981; EAN: 7 47313 39817 1<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/N0078.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3063\" width=\"283\" height=\"281\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/N0078.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/N0078-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/N0078-300x298.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Boris Giltburg spielt die 12 \u00c9tudes d\u2019ex\u00e9cution transcendante von Franz Liszt, zudem finden sich auf der CD die Konzertparaphrase \u00fcber Rigoletto (Verdi) und La leggierezza aus den 3 \u00c9tudes de concert, beide vom selben Komponisten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die bisherigen CDs von Boris Giltburg schufen bei mir ein\ngemischtes Bild von einem \u00e4u\u00dferst f\u00e4higen Pianisten mit enormer Technik und\ndurchaus Aussagekraft, der sich jedoch oftmals zu wenig M\u00fche gibt, die Werke\nauch musikalisch zu ergr\u00fcnden. Manches, was ihm besonders am Herzen liegt,\nerklingt in hinrei\u00dfender Ausf\u00fchrung, alles andere jedoch stellt in erster Linie\ndie Virtuosit\u00e4t zur Schau. Mit seiner neuesten Ver\u00f6ffentlichung entt\u00e4uscht\nGiltburg jedoch vollkommen und spricht Liszts transzendentalen Et\u00fcden einen\nGro\u00dfteil ihrer Musikalit\u00e4t ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies beginnt schon beim kurzen, aber kecken Preludio,\nwelches Giltburg durch willk\u00fcrliche Rubati deformiert, die sich \u2013 wie sich\nherausstellt \u2013 durch den ganzen Zyklus ziehen sollen. Lautere Dynamik scheint\nf\u00fcr den Pianisten automatisch auch schnellere Tempi zu bedeuten und leise\nPassagen werden bisweilen langsamer; diese \u201eGesetzm\u00e4\u00dfigkeit\u201c wird normalerweise\njedem Laien in den ersten Jahren des Klavierunterrichts ausgetrieben. Auch\nTaktschwerpunkte geben Anlass genug f\u00fcr Giltburg, sie durch kleine Tenuti\nl\u00e4nger zu halten, wodurch die Musik plump und hinkend erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Mazeppa schockiert etwas weiteres, das sich auch in\nanderen Et\u00fcden wie der Vision, in Ricordanza oder Harmonies du soir fortsetzt:\nIn den herrlichen Umspielungen und Paraphrasierungen der Themen geht die\nMelodie verloren; Giltburg fokussiert sich alleinig auf die Zurschaustellung\nder virtuos-schwierigen Begleitungen. Der gesamte Formale Aufbau der Et\u00fcden\nleidet darunter. In Vision stellt sich der Tastenl\u00f6we sogar gegen die\neindeutige Anweisung von Liszt, denn als dieser f\u00fcr sein tiefes pochendes Motiv\nauf G \u201emarcatissimo\u201c vorschreibt, h\u00f6ren wir das Motiv \u00fcberhaupt nicht durch,\nsondern werden von raschen L\u00e4ufen der rechten Hand geblendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine akzeptable Aufnahme liefert Giltburg lediglich von der\nnamenloser Nr. 10 und von Chasse-neige, die tats\u00e4chlich ihre Leichtigkeit mit\ngleichzeitiger Rastlosigkeit vermittelt, welche sie so ausmacht. Dazu spielt\nbei beiden Et\u00fcden, das Giltburg die Pedalisierung meisterlich fein gestaltet\nund auf das N\u00f6tigste reduziert, um vollen Klang bei Klarheit der Linie zu\nerm\u00f6glichen. Feux Follets begehren zu schnell auf, um das Gespenstische und Irrlichthafte\nauszustrahlen, und selbst La leggierezza t\u00f6nt zu mechanisch, um dem Titel\ngerecht zu werden. Bei den beiden ruhigen Et\u00fcden Paysage und Harmonies du soir\nvermisse ich die Ruhe und Gelassenheit, die schier unendliche Weite der\nKlangfl\u00e4chen sowie die Schlichtheit der Weisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein so gefragter Pianist wie Boris Giltburg sollte sich mehr\nM\u00fche geben, nicht nur, wenn er solch einen Meilenstein der Klavierliteratur wie\nLiszts Transzendentale Et\u00fcden aufnimmt. Ich verstehe, dass er gewisserma\u00dfen im\nZwang steht, viel zu konzertieren und ebenso viel aufzunehmen, um dadurch im\nFokus der Presse und \u00d6ffentlichkeit zu bleiben; aber zu viel Repertoire hei\u00dft\nauch, sich nicht voll auf ein Projekt konzentrieren zu k\u00f6nnen, weil f\u00fcnf\nweitere bereits ins Haus stehen \u2013 und genau das wurde meiner Einsch\u00e4tzung nach\ndieser Einspielung zum Verh\u00e4ngnis. Denn Giltburg k\u00f6nnte, wenn er wollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nJanuar 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, 8.573981; EAN: 7 47313 39817 1 Boris Giltburg spielt die 12 \u00c9tudes d\u2019ex\u00e9cution transcendante von Franz Liszt, zudem finden sich auf der CD die Konzertparaphrase \u00fcber Rigoletto (Verdi) und La leggierezza aus den 3 \u00c9tudes de concert, beide vom selben Komponisten. 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