{"id":3066,"date":"2019-02-21T22:50:15","date_gmt":"2019-02-21T21:50:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3066"},"modified":"2019-02-22T13:22:12","modified_gmt":"2019-02-22T12:22:12","slug":"rueckwaertsgewandte-weibliche-symphonik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/02\/21\/rueckwaertsgewandte-weibliche-symphonik\/","title":{"rendered":"R\u00fcckw\u00e4rtsgewandte weibliche Symphonik"},"content":{"rendered":"\n<p>Chandos CHAN 20078;\nEAN: 095115207826<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/N0079-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3067\" width=\"321\" height=\"321\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/N0079-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/N0079-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/N0079-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/N0079-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/N0079.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 321px) 100vw, 321px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>\u00c4u\u00dferst liebevoll und sorgf\u00e4ltig erarbeitete sich das BBC Orchester aus Cardiff die beiden besten Symphonien der Dirigentin und Komponistin Ruth Gipps (1921-1999), die zeitlebens nicht nur dem Strom des Modernismus entgegenschwamm, sondern als Frau auch mit der m\u00e4nnlichen \u00dcbermacht in den Musikinstitutionen Gro\u00dfbritanniens zu k\u00e4mpfen hatte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ruth Gipps ist \u2013 verglichen etwa mit der irischst\u00e4mmigen Kollegin <em>Elizabeth Maconchy <\/em>oder der schottischen Opernkomponistin <em>Thea Musgrave <\/em>\u2013 au\u00dferhalb Gro\u00dfbritanniens nahezu unbekannt geblieben. Als pianistisches Wunderkind geltend (mit elf spielte sie Saint-Sa\u00ebns&#8216; g-Moll-Konzert), begann sie schon als Siebenj\u00e4hrige mit dem Komponieren, studierte dann vor allem bei Gordon Jacob und Ralph Vaughan Williams. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs spielte sie Oboe im City of Birmingham Symphony Orchestra und machte sich auch fr\u00fch als Dirigentin einen Namen, wobei sie stets darauf bestand, auf den Konzertplakaten abgebildet zu werden, was damals v\u00f6llig un\u00fcblich war. Verletzungsbedingt musste Gipps sp\u00e4ter das Konzertieren als Pianistin aufgeben, verlegte sich ganz aufs Dirigieren, promovierte als Musikwissenschaftlerin und war lange Jahre eine gefragte Musikdozentin.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits das erste nennenswerte Orchesterwerk, die knappe symphonische Dichtung <em>Knight in Armour <\/em>(nach Rembrandts \u201eMann in R\u00fcstung\u201c), wurde 1942 von Sir Henry Wood in der <em>Last Night of the Proms <\/em>aufgef\u00fchrt \u2013 ein Tribut an die Kriegsereignisse etwa im Stil Sibelius\u2018. Ruth Gipps\u2018 gesamtes musikalisches Schaffen blieb konservativ; sie selbst sah sich in der Nachfolge von Vaughan Williams, Bliss und Walton. Ihre teilweise aggressiv vorgetragene anti-modernistische Haltung und ihre unverhohlene Homophobie machten es ihr in den 60er- und 70er-Jahren zudem bei einigen Entscheidungstr\u00e4gern des britischen Musiklebens nicht gerade leicht. Gipps\u2018 2. Symphonie von 1945 ist eins\u00e4tzig, die reiche Melodik erinnert in ihrer Modalit\u00e4t sehr an altenglische Volkslieder \u2013 dass sie der zeitgen\u00f6ssischen Kritik als modern galt, erscheint dem heutigen H\u00f6rer geradezu unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nungew\u00f6hnlich schmerzliches Statement gibt die 4. Symphonie von 1972 ab. Bereits\ndie Sekundreibungen in den Fl\u00f6ten gleich zu Beginn signalisieren, dass man sich\nhier auf schwankendem Boden bewegt; die Instrumentation ist meisterhaft\natmosph\u00e4risch, die Harmonik farbig, aber d\u00fcster. Im zweiten Satz dominieren\nSoloinstrumente \u2013 etwa Englischhorn \u2013 das thematische Material. Das rhythmisch irregul\u00e4re\nScherzo \u00fcberrascht durch 4 H\u00f6rner in der ungew\u00f6hnlichen Stimmung As, D, Fis,\nund B. Das Finale, wie der Kopfsatz ein Sonaten-Rondo, ist voller\nStimmungsschwankungen, f\u00fchrt aber letztlich konsequent zu einem kraftvoll affirmativen\nSchluss. Das ist handwerklich alles wirklich \u00e4u\u00dferst gekonnt gemacht, aber eine\npers\u00f6nliche Sprache wie etwa bei Walton oder Rubbra \u2013 wenn wir schon mal bei\nverkappten Sp\u00e4tromantikern bleiben \u2013 l\u00e4sst sich kaum ausmachen. Angesichts\ndessen, was gleichzeitig von Maxwell Davies oder Birtwistle geschrieben wurde,\nist Ruth Gipps\u2018 Musik tats\u00e4chlich v\u00f6llig r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das dies trotzdem unbestreitbare Qualit\u00e4ten hat, zeigt die Neuaufnahme des <em>BBC National Orchestra of Wales<\/em> unter <em>Rumon Gamba. <\/em>Klanglich wird hier jedes sch\u00f6ne Detail sauber herausgearbeitet, die oftmals verschlungenen emotionalen B\u00f6gen erscheinen hingegen stellenweise ein wenig unvermittelt, was bei v\u00f6llig unvertrautem musikalischem Material kaum verwundert. Vielleicht folgt der Dirigent hier auch etwas naiv einfach der Partitur, aber dennoch gelingt ihm ein v\u00f6llig organischer, musikalischer Fluss mit \u00fcberzeugend gew\u00e4hlten Tempi. Mir gef\u00e4llt die Aufnahme \u00fcberdies durch ihre aufnahmetechnische Frische und nat\u00fcrliche Dynamik. Der unbefangene H\u00f6rer mag dieser Entdeckung also zustimmen \u2013 zudem ist es an der Zeit, weiblichen Komponisten zumindest auf Tontr\u00e4gern einen angemessenen Raum zu bieten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, Februar 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chandos CHAN 20078; EAN: 095115207826 \u00c4u\u00dferst liebevoll und sorgf\u00e4ltig erarbeitete sich das BBC Orchester aus Cardiff die beiden besten Symphonien der Dirigentin und Komponistin Ruth Gipps (1921-1999), die zeitlebens nicht nur dem Strom des Modernismus entgegenschwamm, sondern als Frau auch mit der m\u00e4nnlichen \u00dcbermacht in den Musikinstitutionen Gro\u00dfbritanniens zu k\u00e4mpfen hatte. 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