{"id":3087,"date":"2019-03-04T08:32:48","date_gmt":"2019-03-04T07:32:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3087"},"modified":"2019-03-04T08:33:32","modified_gmt":"2019-03-04T07:33:32","slug":"vom-staub-zu-den-schwaenen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/03\/04\/vom-staub-zu-den-schwaenen\/","title":{"rendered":"Vom Staub zu den Schw\u00e4nen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/TNL_Philharmonie-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-631\" width=\"401\" height=\"301\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/TNL_Philharmonie-1-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/TNL_Philharmonie-1-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/TNL_Philharmonie-1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 401px) 100vw, 401px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em>Unter John Storg\u00e5rds spielen die M\u00fcnchner Philharmoniker am 27. und 28. Februar sowie am 1. M\u00e4rz 2019 Orchesterwerke aus dem Norden. F\u00fcr The New Listener besuche ich das Konzert am 28. und h\u00f6re dort die beiden Suiten aus Peer Gynt op. 46 und op. 55 von Edvard Grieg, das Violinkonzert op. 33 von Carl Nielsen mit der Solistin Baiba Skride sowie die Symphonie Nr. 5 Es-Dur op. 82 von Jean Sibelius. <\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Als\nGastdirigent und Violinsolist mit dem M\u00fcnchner Kammerorchester\nmachte sich John Storg\u00e5rds bereits einen\nNamen hier in M\u00fcnchen. Nun dirigiert er die M\u00fcnchner Philharmoniker\nmit einem rein nordischen Programm. Zu Beginn beider Konzerth\u00e4lften\nerklingt je eine der Suiten aus Peer Gynt von Edvard Grieg, die zum\ngr\u00f6\u00dften Teil mit viel Liebe zum Detail erarbeitet wurden. John\nStorg\u00e5rds setzt die je vier St\u00fccke nicht\nlose nebeneinander, sondern schafft einen dramaturgischen Bogen, der\nin der ersten Suite deutlich zwischen den voll orchestrierten\nRands\u00e4tzen und den rein mit Streichern besetzten Mittels\u00e4tzen\nkontrastiert, in der zweiten Suite immer weiter kulminiert bis zum\nfulminanten Sturm, wonach die Musik zu Solveigs Sang verebbt.\nAusgerechnet das rein f\u00fcr Streichorchester gesetzte St\u00fcck \u00c5ses\nD\u00f8d stellt den einzigen Tiefpunkt der Auff\u00fchrung dar: Es\nfehlen dynamische Kontraste und ein facettenreiches Pianissimo, zudem\nist der Streicherklang zu weich und friedvoll. Hier w\u00fcnsche ich mir\ndieses ur-nordischen Timbre der Streicher her, wie es Juha Kangas mit\nseinem Ostrobothnian Chamber Orchestra perfektioniert hat und das\nauch Storg\u00e5rds den Streichern des Lapland\nChamber Orchestras entlockt; in Ermangelung dessen bei den\nPhilharmonikern zieht John Storg\u00e5rds das\nTempo an und versucht dadurch, die unpassende Reinheit des Klangs zu\n\u00fcberspielen. \u00dcberzeugen k\u00f6nnen daf\u00fcr die Kontraste in Bruderovet\nund die kontinuierliche Steigerung in I Dovregubbens Hall. Mitrei\u00dfend\ngestaltet sich auch der bildhaft dargebotene Sturm von Peer Gynts\nHjemfart, auch wenn bedauernswerterweise das letzte Aufbegehren der\nHolzbl\u00e4ser etwas untergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\ngro\u00df angelegte Violinkonzert von Carl Nielsen gilt nach wie vor als\nRarit\u00e4t in den gro\u00dfen Hallen, obgleich einige prominente\nViolinisten sich f\u00fcr dieses St\u00fcck eingesetzt haben. Das St\u00fcck\nbesticht durch seine eigenwillige Form, die gleichsam sperrig wie\nauch faszinierend ist. Bei diesem Virtuosenkonzert steht das\nOrchester im Hintergrund, wird zum Impulsgeber degradiert und erh\u00e4lt\nkaum eine themengebende Funktion, ist allgemein selten ohne die\nSolovioline zu h\u00f6ren. Den Solisten jagt Nielsen daf\u00fcr durch f\u00fcnf\nkadenzartige Abschnitte, ihm \u00fcberl\u00e4sst der Komponist auch die\nmeisten Themen und deren reiche Verarbeitungen und Variationen. Trotz\nzahlreicher Ornamentik und Figurationen gehen die Themen ins Ohr und\nder H\u00f6rer kann die allm\u00e4hliche Transformation der Keimzellen gut\nmitverfolgen. Baiba Skride meistert den hoch anspruchsvollen Solopart\nscheinbar m\u00fchelos, obgleich sie in den kurzen\nOrchesterzwischenspielen doch froh um die Pause scheint: was wir aber\nnur sehen und nicht h\u00f6ren! Selbst in den wildesten Passagen verliert\nSkride nicht den thematischen (und auch nicht den harmonischen)\n\u00dcberbau aus dem Auge, wodurch sie den H\u00f6rer im Mitverfolgen der\nMusik unterst\u00fctzt. Das Orchester ordnet sich ihr unter und h\u00e4lt\nseine Mittel zur\u00fcck, um sie nicht zu \u00fcbert\u00f6nen, greift dennoch\nihre Impulse gekonnt auf und setzt sie um. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zum\nAbschluss erklingt die grandiose Symphonie Nr. 5 von Jean Sibelius,\ndie durch ihr \u201eSchwanen-Thema\u201c einen festen Platz in den\nKonzertprogrammen gefunden hat. Hier wurde besonders intensiv\ngeprobt, wie man schnell erkennt: Die Keimzellen flie\u00dfen ineinander\n\u00fcber, man kann dem Thema f\u00f6rmlich beim Entstehen zuh\u00f6ren und auch\nsein Zerfasern aktiv miterleben. John Storg\u00e5rds\nf\u00fcrchtet sich nicht vor den teils grellen Dissonanzen in dieser\nSymphonie, die von anderen Dirigenten nach M\u00f6glichkeit entsch\u00e4rft\nwerden: nein, heute erhalten sie besonderen Nachdruck und verleihen\nder Symphonie sogar erst ihre besondere W\u00fcrze. Ohne \u00fcberm\u00e4\u00dfige\nEffekthascherei h\u00e4lt Storg\u00e5rds selbst den\nMittelsatz formal zusammen und f\u00fchrt das Orchester unbeschwert\nhin\u00fcber in das Finale, welches durch extreme Kontraste und die zwei\nunvergesslichen Themen sowie ihr Ineinander-\u00dcbergehen \u00fcberragt. Die\nSonne scheint aufzugehen, wenn sich das Schwanen-Thema langsam aus\nder H\u00fclle der energischen Streichermotive sch\u00e4lt und die Musik in\nungeahnte H\u00f6hen transzendiert: Vom Staub zu den Schw\u00e4nen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nKalevala-Tag, dem Tag der finnischen Kultur, dieses Monumentalwerk\nhier in M\u00fcnchen zu erleben und dar\u00fcber hinaus in solch einer\nausgekl\u00fcgelten und inspirierten Darbietung der M\u00fcnchner\nPhilharmoniker unter John Storg\u00e5rds, das\nhat etwas Erhebendes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, M\u00e4rz 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter John Storg\u00e5rds spielen die M\u00fcnchner Philharmoniker am 27. und 28. Februar sowie am 1. M\u00e4rz 2019 Orchesterwerke aus dem Norden. 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