{"id":3096,"date":"2019-03-07T10:03:13","date_gmt":"2019-03-07T09:03:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3096"},"modified":"2019-03-09T09:46:34","modified_gmt":"2019-03-09T08:46:34","slug":"brahms-war-ein-kontrollfreak","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/03\/07\/brahms-war-ein-kontrollfreak\/","title":{"rendered":"\u201eBrahms war ein Kontrollfreak!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Zhen Chen sprach mit Stefan Pieper \u00fcber die Kunst, einen intensiven durchg\u00e4ngigen Bogen herzustellen, aber auch \u00fcber die imagin\u00e4re Linie, jenseits derer sich ein respektvoller Interpret mit dem Willen des Komponisten auseinandersetzt. Anlass ist die neue CD mit Johannes Brahms drei Sonaten f\u00fcr Klavier und Violine, die f\u00fcr Zhen Chen zugegebenerma\u00dfen der Ann\u00e4herung an einen Giganten gleichkommt. <\/em> <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/N0081.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3084\" width=\"339\" height=\"339\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/N0081.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/N0081-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/N0081-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 339px) 100vw, 339px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Zusammen mit der Violinistin Elmira Darvarova kam es zu einer neuen Art der Darbietung, die vor allem den ungefilterten Blickwinkel favorisiert. Zur\u00fcck zum Notentext, zur\u00fcck zu dem, was Brahms mit seinen Kompositionen sagen will jenseits aller aufgesetzten Manierismen und exaltierten Rubati; das war das selbst auferlegte Gebot! <\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die drei Sonaten von Johannes Brahms\nfangen eine ganz andere Stimmung ein, als jene, wie ich mir Ihre\nLebenswirklichkeit im dynamischen, schnell getakteten New York\nvorstelle. Spielt dieser Kontrast eine besondere Rolle f\u00fcr Sie?\nWelche Haltung haben Sie als junger in New York lebender Musiker in\nBezug auf Johannes Brahms?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir \u00fcber Brahms reden, ist das\neine sehr ernsthafte Sache. Unsere Haltung wollen wir letztlich mit\nder Covergestaltung der CD  unterstreichen: Unsere Herangehensweise\nist klassisch, ja in gewisser Hinsicht sogar altmodisch. Aber daf\u00fcr\nsehr nat\u00fcrlich und ehrlich. Eben so, wie wir beide uns auf dem\nCoverfoto pr\u00e4sentieren. Das dr\u00fcckt schon aus, wie wir Brahms\nspielen wollen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Ideale verfolgen Sie bei der Darbietung? <\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen die Musik flie\u00dfen lassen. In den letzten Jahren haben wir vor allem an diesem Musizierideal gearbeitet. Wir haben daf\u00fcr viele Aufnahmen geh\u00f6rt, aber kaum eine ging in jene Richtung, die wir verfolgen wollten. Jeder spielt Brahms. Viele Aufnahmen klingen sehr dunkel und sind voller Schwere. Warum spielen das alle Leute so? Vermutlich produziert dies jene landl\u00e4ufige Meinung, dass Brahms ja naturgem\u00e4\u00df langweilig, oder lang-atmig und voller Schwere ist. Dieser Eindruck liegt wirklich an zu vielen Spielern, die bei diesen St\u00fccken die Zeitma\u00dfe zu sehr ausdehnen. Wenn ich mir aber die Noten ganz vorurteilsfrei ansehe, sehe ich keine Anweisungen, die darauf hindeuten. Deswegen suchen wir unseren eigenen Weg. Die Musik soll wieder nat\u00fcrlich und flie\u00dfend sein. Ich glaube, es gibt keine Aufnahme wie unsere aktuelle. Wir haben ganz bewusst die Tempi gestrafft. Unser erster Satz ist gerade mal 9 Minuten kurz. Bei vielen andere Interpretationen l\u00e4uft es auf fast 11 Minuten hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht falsch verstehen: Ich m\u00f6chte nicht bevormunden. Ich bin noch sehr jung und respektiere die Erfahrung anderer. Aber man muss das St\u00fcck als Ganzes sehen, als St\u00fcck f\u00fcr Klavier und Violine. Wenn Du zu viele Rubato einbaust, zerschneidest Du sehr schnell alles und es entstehen keine B\u00f6gen mehr dabei. Klar, dass sich das Publikum dann verzettelt. Wir beabsichtigen mit unserer Herangehensweise andere Wirkungen. Nach einem Konzert in Seattle kam eine Zuh\u00f6rerin in den Backstagebereich und wollte wissen, warum sie diese Musik so anders, so neu erlebt hat bei uns. Ich bin sehr gl\u00fccklich \u00fcber so ein Feedback. Fazit: Brahms ist eben nicht langatmig und auch alles andere als langweilig. Es kommt eben auf die Art zu spielen an. Wir spielen nicht einfach nur schneller. Aber wir \u00fcbertreiben die Rubatos nicht und verzetteln uns darin nicht.  <\/p>\n\n\n\n<p><strong>War dies ein langer Weg? <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2010 habe ich die erste Sonate\ngespielt. Es war erstmal unglaublich schwer. Ich blieb manchmal\nmittendrin stecken. Nicht wegen der Technik, sondern wegen des\nmentalen Spannungsbogens. Wenn man wirklich diese weitgespannten\nLinien konsequent ausgestaltet, fordert dies immens. Ich bin so oft\nan meine Grenzen gesto\u00dfen dabei. Ich habe dann auch die Sonaten Nr.\n2 und Sonate Nr. 3 erarbeitet. Das Verst\u00e4ndnis wuchs immens und\ndaraus auch verschiedene Wege, sie zu spielen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welchen Gewinn bringt es, sich mit\ndem Urtext auseinanderzusetzen? <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir entnehmen\nalles vom Originaltext. Allein das gibt schon ein Gef\u00fchl f\u00fcr das\nrichtige Tempo. In dieser Hinsicht liegen viele Interpretationen\nmeiner Meinung nach falsch. Das hat einen Verlust des Storytellings\nzur Folge. Dadurch verspielen viele Interpreten die Chance, wirkliche\nEmotion zu zeigen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Bedingungen mussten im Duo\nerf\u00fcllt sein f\u00fcr diese Herausforderung? <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Mit meiner Partnerin auf der Violine besteht eine hervorragende gemeinsame Basis. Elmira Darvarova ist eine sehr leidenschaftliche Spielerin mit extrem viel Energie. Sie hat einen viel gr\u00f6\u00dferen Erfahrungshorizont, allein, weil sie \u00e4lter ist als ich. Ich habe mir viel von ihr abgeschaut &#8211; vor allem, wenn es um das n\u00f6tige Selbstbewusstsein geht, um ein solches Werk darzustellen. Ich gewinne auf jeden Fall immer mehr pers\u00f6nliche und k\u00fcnstlerische St\u00e4rke durch diese Verbindung. Wenn Elmira spielt, erz\u00e4hlt dies immer eine Geschichte.    <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung\nbei diesen Sonaten?  <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht darum, die Intensit\u00e4t zu\nsteigern. Du kannst wirklich in einen harten Widerstreit mit der\nMelodie eintreten. Und es sind ja auch zwei Instrumente, die bei\naller Symbiose auch einen intensiven Widerstreit pflegen. Um diese\nDramatik geht es \u2013 und sie geht sehr schnell verloren, wenn die\nBalance nicht mehr stimmt. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind sehr fasziniert davon, die\nDinge von Grund auf zu erforschen. Diskutieren Sie beide solche\nProzesse kontrovers oder ergibt sich alles von selbst aus dem Spiel\nheraus? <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir reden viel, vor und w\u00e4hrend der\nProben. Elmira und ich reflektieren und testen verschiedene\nSpielweisen aus. Es klingt daher auch immer wieder anders. Es gibt\naber ein Leitprinzip: Wir versuchen, uns in die Art und Weise hinein\nzu versetzen, wie Johannes Brahms es gesehen und gefordert hat. Aber\nwir wollen auch eigene Gef\u00fchle zeigen. Nach jedem Spiel lesen wir\nnochmal den Notentext und reflektieren, was wir vernachl\u00e4ssigt\nhaben. Wir n\u00e4hern uns dadurch immer mehr an dem Zustand an, wie\nBrahms ihn eingefordert hat. Es ist sehr viel vorgegeben in den\nNoten, immens viele Vortragsbezeichnungen. Fast k\u00f6nnte man meinen,\ndass Brahms ein echter Kontrollfreak war (lacht!). \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wo bleibt der Raum f\u00fcr\neigenst\u00e4ndigen Ausdruck? <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00e4ume f\u00fcr eigene\ninterpretatorische Freir\u00e4ume sind von Brahms sehr eng gesteckt.\nTrotzdem m\u00f6chten wir in diesem Rahmen individuelle Farbe bekennen\nund ein subjektives Verst\u00e4ndnis unserer Musik zeigen. Aber es geht\nes vor allem immer darum, was Brahms wirklich wollte. Dann darfst Du\nnicht zu viel auftragen an pers\u00f6nlichen Extravaganzen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Also ist es ein Dialog zwischen\nIhren Emotionen von heute und dem Personalstil von Johannes Brahms? <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>So kann man es\nnennen. Ich habe einiges \u00fcber die biografischen Hintergr\u00fcnde von\nBrahms gelesen. So etwas muss man wissen. Meine eigene Rolle ist hier\ndie eines Geschichtenerz\u00e4hlers. Aber es geht nicht um meine\nGeschichte, sondern um die, die der Komponist geschrieben hat. Der\nKomponist ist ein Mensch und ich auch. Ich respektiere den\nKomponisten. Es bleibt eine imagin\u00e4re Grenze, die ich als\nverantwortungsvoller Interpret nicht \u00fcberschreiten kann. Ich muss\ndem Komponisten folgen. Klar, ich kann rubato machen, es ist\nschlie\u00dflich ein romantisches St\u00fcck. Aber es muss kontrollierbar\nbleiben. Ich darf die Linie, die der Komponist gelegt hat, nicht\nzerst\u00f6ren. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind beide in recht vielseitigen\nmusikalischen Disziplinen unterwegs. Sie komponieren selber Musik f\u00fcr\ndie Gegenwart und besch\u00e4ftigen sich mit klassischer chinesischer\nMusik. Elmira ist auch im Jazz und anderen heutigen Musikgenres\nzuhause. Wie wird Ihre Brahms-Interpretation durch solche Erfahrungen\nbereichert? Andersherum: Wie sehr befl\u00fcgelt die Auseinandersetzung\nmit Brahms Ihre freien Bet\u00e4tigungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine sehr\ninteressante Frage. Ich begann 2015 mit dem Komponieren und hatte bis\ndahin auch Brahms sehr gr\u00fcndlich studiert. Daraus ging ein tiefes\nVerst\u00e4ndnis f\u00fcr kompliziertere Strukturen hervor \u2013 und die halfen\nwieder meinem Feeling, um eigene St\u00fccke zu kreieren. Brahms ist ein\nMeister, der immer haushoch \u00fcber meinem Versuchen rangieren wird.\nAber ich lerne eine Menge aus solchen Meisterwerken. Etwa, wie ich\nmit Harmonien Emotionen erzeuge, wie man eine lange Linien aufbauen\nkann und es dadurch nicht l\u00e4nger beliebig ist. Ich lerne so viel. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sehr f\u00fchlen Sie sich von New\nYork inspiriert? <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>In New York\nbekommt man so viele Impulse: Diese Stadt markiert die Vereinten\nNationen wie in einem Mikrokosmos. Alle Farben, Kulturen,\nTraditionen, s\u00e4mtliche Arten zu leben und zu feiern sind hier auf\nengem Raum versammelt. Du h\u00f6rst afrikanische Musik oder Kl\u00e4nge aus\nIndien. Diese Metropole macht offen, sensibel, hellh\u00f6rig und wach.\nEs ist eine gute Stadt f\u00fcr Musiker. Der Ideale Ort, um lebendig zu\nsein. Man lernt Menschen kennen und Menschen finden Dich, dass sich\nimmer wieder neue  Chancen und M\u00f6glichkeiten ergeben. Ich bin sehr\ngl\u00fccklich, hier leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zhen Chen sprach mit Stefan Pieper \u00fcber die Kunst, einen intensiven durchg\u00e4ngigen Bogen herzustellen, aber auch \u00fcber die imagin\u00e4re Linie, jenseits derer sich ein respektvoller Interpret mit dem Willen des Komponisten auseinandersetzt. 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