{"id":3102,"date":"2019-03-10T18:48:33","date_gmt":"2019-03-10T17:48:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3102"},"modified":"2021-11-21T19:36:27","modified_gmt":"2021-11-21T18:36:27","slug":"erfrorenes-aufgewaermtes-und-leonardo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/03\/10\/erfrorenes-aufgewaermtes-und-leonardo\/","title":{"rendered":"Erfrorenes, Aufgew\u00e4rmtes und Leonardo"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/mv_190308_0022-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3109\" \/><figcaption>Beat Furrers Klavierkonzert, Herkulessaal, 8.3.2019 &#8211; \u00a9 Astrid Ackermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Nachdem Beat\nFurrer letztes Jahr den Ernst von Siemens Musikpreis erhalten und im Rahmen der\nVerleihung ein denkw\u00fcrdiges Konzert dirigiert hatte, war das Publikum der\nmusica viva diesmal besonders gespannt auf neue St\u00fccke des in \u00d6sterreich\nbeheimateten Schweizers. Statt des in der Jahresvorschau angek\u00fcndigten \u201eNero su\nnero\u201c brachte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am 8.3.2019\nunter Peter Rundel Furrers \u201eSchnee-Szenen\u201c in der Konzertfassung zur\nUrauff\u00fchrung. Erneut erklang im Herkulessaal das 11 Jahre alte Klavierkonzert\nmit Nicolas Hodges. F\u00fcr den musikalischen H\u00f6hepunkt des Abends sorgte diesmal dann\nallerdings a cappella der Chor des Bayerischen Rundfunks unter Rupert Huber mit\n\u201eEnigma Nr. 1-7\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Den Komponisten Beat Furrer (*1954) als einen der f\u00fchrenden seiner Generation vorstellen zu m\u00fcssen, er\u00fcbrigt sich mittlerweile. Nicht erst durch den Ernst von Siemens Musikpreis 2018 \u2013 Furrer hatte bereits 1992 den F\u00f6rderpreis der Stiftung empfangen \u2013 ist sein Schaffen umfassend gew\u00fcrdigt worden. Dazu kommt noch sein unerm\u00fcdliches Engagement f\u00fcr Neue Musik als Dirigent \u2013 etwa des von ihm gegr\u00fcndeten <em>Klangforum Wien<\/em>. Erst vor knapp zwei Monaten sorgte die Urauff\u00fchrung seiner mittlerweile achten Oper <em>Violetter Schnee <\/em>(Libretto: <em>H\u00e4ndl Klaus<\/em>) an der Berliner Lindenoper f\u00fcr Furore. Das von einer Szene aus Tarkowskijs ber\u00fchmten Film <em>Solaris<\/em> sowie Pieter Bruegels Gem\u00e4lde <em>Die J\u00e4ger im Schnee<\/em> (das auch Eingang ins Berliner B\u00fchnenbild fand) inspirierte St\u00fcck handelt von unaussprechlichen, existenziellen Ver\u00e4nderungen \u2013 hier des Sonnenlichts \u2013, die die f\u00fcnf Protagonisten letztlich sprachlos machen. Die Musik jedoch hat noch etwas zu sagen, und sie tut dies in faszinierender Weise:<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Schnee-Szenen <\/em>bestehen aus einem langen Orchester-Prolog, zwei (von 30), allerdings zentralen Szenen aus dem bereits fortgeschrittenen Stadium der Oper und einem Intermezzo \u2013 ob letzteres \u00fcberhaupt gespielt wurde, fragten sich in der Pause viele Zuh\u00f6rer. Wie es Furrer in der 17-min\u00fctigen Einleitung gelingt, kontinuierliche Ver\u00e4nderungen des Lichts von Dunkelheit bis zu glei\u00dfender Helligkeit akustisch zu vermitteln, ist schon sensationell. Eigentlich bauen die Klangprozesse auf einfachen Modellen auf: In den Streichern zun\u00e4chst Skalen, sogar mit tonalen Schnittstellen, sp\u00e4ter Skordatura und Glissandi. Dagegen stehen unruhigere Bl\u00e4sereinw\u00fcrfe. Die Entwicklung des Prologs findet so konsequent statt, dass sich beim H\u00f6rer eine unglaubliche Spannung aufbaut \u2013 egal, ob die teilweise auch gegenl\u00e4ufigen Ereignisse schnell oder langsam ablaufen. In Unkenntnis der Partitur fragt man sich, welche faszinierenden \u201eTricks\u201c hier zur Anwendung kommen (Shepard Scale?). Jedenfalls ist schon dies eine Meisterleistung, die <em>Peter Rundel<\/em> souver\u00e4n umsetzt. Leider kommen die beiden Sopranistinnen mit der Akustik des Herkulessaals in den zwei folgenden Szenen \u00fcberhaupt nicht zurecht, dazu fehlt ihren Stimmen die Tragf\u00e4higkeit. <em>Sophia Burgos <\/em>(sie hatte vor zwei Jahren unter Currentzis Claude Viviers <em>Lonely Child<\/em> mit deutlicher Verst\u00e4rkung gesungen) kommt noch halbwegs her\u00fcber, von <em>Yeree Suh <\/em>h\u00f6rt man schon in der achten Reihe so gut wie nichts. Daran h\u00e4tte sich wohl auch kaum etwas ge\u00e4ndert, wenn Rundel das Orchester hier noch mehr zur\u00fcckgenommen h\u00e4tte \u2013 schade!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nicolas Hodges<\/em> hat Furrers <em>Klavierkonzert\n<\/em>im Rahmen des musica viva Festivals 2008 schon im Herkulessaal gespielt \u2013\ndamals mit dem WDR Sinfonieorchester K\u00f6ln unter Brad Lubman. Das Werk ist\nsicherlich einer der gelungensten Gattungsbeitr\u00e4ge des vorigen Jahrzehnts.\nErstaunlich, wie hier das Orchester als Resonanzraum des Solisten wirkt. Umgekehrt\nverfremdet das Soloklavier \u2013 eigentlich sind es zwei; ein Orchesterklavier ist\nkomplex und technisch nicht weniger anspruchsvoll mit dem Solisten verzahnt,\ndient als Klangbr\u00fccke zum \u00fcbrigen Ensemble \u2013 etwa durch stumm niedergedr\u00fcckte B\u00e4sse\ndas Spektrum einzelner Orchesterinstrumente. War bei Lubman das Konzert noch in\neinzelne Episoden zerfallen, gelingt dem ph\u00e4nomenal sicheren Hodges mit Rundel\nund einem bestens gelaunten <em>Symphonieorchester\ndes BR <\/em>auch hier eine musikalische Entwicklung aus einem Guss. Das\nOrchesterklavier h\u00e4tte allerdings streckenweise etwas lauter spielen d\u00fcrfen.\nDer Riesenbeifall ist mehr als verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer weiteren\nhalbst\u00fcndigen Umbaupause \u2013 die sind mittlerweile geradezu l\u00e4cherlich, mit ein\npaar Studenten h\u00e4tte man die B\u00fchne sicher in 10 Minuten leerr\u00e4umen k\u00f6nnen \u2013\ndurfte noch der <em>Chor des Bayerischen\nRundfunks <\/em>a cappella mit <em>Enigma Nr.\n1-7 <\/em>gl\u00e4nzen. Die vision\u00e4ren Texte von Leonardo da Vincis <em>Profezie <\/em>sind ein herrliches Beispiel\nf\u00fcr die R\u00e4tselkultur der Renaissance. Die Nummern 1-4 und 6 wurden von Beat\nFurrer f\u00fcr Jugendch\u00f6re komponiert, bewegen sich noch durchaus in einem tonal\ngef\u00e4rbten Kontext (Zentralt\u00f6ne), alles sehr sch\u00f6n anzuh\u00f6ren; Nr. 2 mit seinen\n\u00fcber Glissandi erreichten Akkordr\u00fcckungen ist etwas fad, Nr. 3 ein fast\nklassisch polyphoner Satz. Nummer 7 und die sehr umfangreiche Nr. 5 sind dann\neindeutig f\u00fcr Profis, doppelch\u00f6rig mit bis zu 32 Stimmen, die von\nMundger\u00e4uschen \u00fcber Sprechen bis zum Singen in Extremlagen alles abverlangen,\nwas die menschliche Stimme so hergibt. <em>Rupert\nHuber<\/em> leitet den Chor mit Taktstock, erreicht maximale Pr\u00e4zision und eine\nrestlos \u00fcberzeugende klangliche und dynamische Differenzierung. Der Chor bleibt\nheute Sieger nach Punkten \u2013 frenetischer Applaus zum Schluss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, M\u00e4rz 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem Beat Furrer letztes Jahr den Ernst von Siemens Musikpreis erhalten und im Rahmen der Verleihung ein denkw\u00fcrdiges Konzert dirigiert hatte, war das Publikum der musica viva diesmal besonders gespannt auf neue St\u00fccke des in \u00d6sterreich beheimateten Schweizers. 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