{"id":3120,"date":"2019-03-18T08:04:06","date_gmt":"2019-03-18T07:04:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3120"},"modified":"2021-12-29T15:19:54","modified_gmt":"2021-12-29T14:19:54","slug":"stockhausen-wie-durchs-vergroesserungsglas","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/03\/18\/stockhausen-wie-durchs-vergroesserungsglas\/","title":{"rendered":"Stockhausen wie durchs Vergr\u00f6\u00dferungsglas"},"content":{"rendered":"\n<p>Wergo WER 7341 2 (2CD); EAN: 4010228734126<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/N0085-1024x1014.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3121\" width=\"326\" height=\"323\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/N0085-1024x1014.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/N0085-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/N0085-300x297.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/N0085-768x760.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/N0085.jpg 1429w\" sizes=\"(max-width: 326px) 100vw, 326px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die M\u00fcnchner Pianistin Sabine Liebner hat beim Bayerischen Rundfunk zwischen 2015 und 2018 Karlheinz Stockhausens \u201eKlavierst\u00fccke I-XI\u201c als Studioaufnahmen eingespielt. Eine den Notentext bis dato unerreicht ernst nehmende Darbietung, die jedoch teilweise auch Fragen aufwirft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedeutung von Stockhausens Klavierst\u00fccken I-XI \u2013 entstanden zwischen 1952-61 \u2013 f\u00fcr die Geschichte der Klaviermusik d\u00fcrfte unstrittig sein, unabh\u00e4ngig davon, ob man mit dieser Musik als H\u00f6rer viel anfangen kann oder auch nicht. Dieser Zyklus spiegelt quasi einen \u00dcberblick \u00fcber die gesamte serielle Epoche \u2013 die damit strenggenommen kaum ein halbes Jahrzehnt umfasste (1961 wurden die St\u00fccke VI, IX und X lediglich geringf\u00fcgig revidiert). Von den kurzen, unter \u201eNr. 2\u201c \u00a0zusammengefassten <em>Klavierst\u00fccken I-IV<\/em>, die einem auf die Spitze getriebenen, seriellen Pointillismus huldigen, \u00fcber die St\u00fccke V-X (\u201eNr. 4\u201c), die mit Permutationstechniken auf der Basis webernscher <em>magischer Quadrate <\/em>operieren und in den St\u00fccken VI und X zu ausgedehnten Formen f\u00fchren, bis hin zum bereits 1956 entstandenen <em>Klavierst\u00fcck XI <\/em>(\u201eNr. 7\u201c), das \u00fcber Zufallsentscheidungen des Interpreten ein sich nie wiederholendes Erscheinungsbild generiert, ist es dennoch ein weiter Weg. Dies schl\u00e4gt sich auch in Spieltechnik (Cluster in <em>Klavierst\u00fcck X<\/em>) und Notation nieder. Die viel sp\u00e4teren Klavierst\u00fccke XII-XIX entstammen Stockhausens Opernzyklus <em>Licht<\/em> und beruhen auf g\u00e4nzlich anderen Intentionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nder ma\u00dfstabsetzenden ersten Schallplatten-Gesamtaufnahme durch <em>Aloys Kontarsky<\/em> (1967) haben sich nur\nwenige Pianisten an den kompletten, horrend schwierigen Zyklus (I-XI) gewagt,\ndarunter <em>Bernhard Wambach<\/em> und \u2013\nleider unertr\u00e4glich akademisch und leblos \u2013 der gro\u00dfe <em>Herbert Henck<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man zun\u00e4chst Sabine Liebners Spiel von \u201eNr. 2\u201c, erstaunt sofort, wie pr\u00e4zise sie neben den geradezu absurd irrationalen rhythmischen Schichtungen, feinste dynamische Unterschiede realisiert. \u201eNuancen\u201c w\u00e4re hier der v\u00f6llig falsche Begriff, da sich schon in den St\u00fccken I-IV auch die Dynamik seriell ableitet, also auf Zahlen, nicht etwa Ausdruckswerten beruht. Doch gerade durch die Dynamik entsteht auch so etwas wie Expressivit\u00e4t, zumindest musikalische Spannung, die Liebner mit immer kultiviertem Anschlag durchaus h\u00f6rbar macht. Da steckt harte Arbeit dahinter, meilenweit entfernt von der befremdlichen, geradezu expressionistischen Lesart durch <em>Vanessa Benelli Mosell<\/em> (Decca 2015), die eine wilde Subjektivit\u00e4t an den Tag legt, die dieser Musik eher unangemessen scheint und dann m\u00f6glicherweise vor allem der Selbstdarstellung dient.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann man die Neuaufnahme Liebners auch bei den St\u00fccken V, VII-IX und XI \u2013 von dem uns die Pianistin zum Gl\u00fcck gleich zwei faszinierende Versionen anbietet \u2013 ganz klar mit den Begriffen Kultiviertheit und Sorgfalt charakterisieren. Auch die Tontechnik des Bayerischen Rundfunks leistet hier Gro\u00dfartiges und Wolfgang Ratherts Booklettext ist ausgezeichnet. Die Interpretation der beiden l\u00e4ngsten Werke, VI und X, wirkt dann aber mehr als irritierend, nicht nur durch die demonstrative Langsamkeit (40 bzw. knapp 45 Minuten) \u2013 David Tudor brauchte f\u00fcr <em>Klavierst\u00fcck X<\/em> einmal nur 17 Minuten, \u00c4hnliches gilt f\u00fcr <em>Klavierst\u00fcck VI.<\/em> Hier notiert Stockhausen in der Tat die relative <em>Ver\u00e4nderung<\/em> des Tempos minuti\u00f6s grafisch auf einem eigenen System, allerdings ohne ein Grund- bzw. Anfangstempo festzulegen. So gesehen ist Liebners Tempowahl zumindest eine erlaubte. Dennoch zerf\u00e4llt das St\u00fcck leider in Einzelmomente, die zwar alle wie unter dem Vergr\u00f6\u00dferungsglas in sch\u00f6nster Deutlichkeit pr\u00e4sentiert werden, deren gro\u00dfer Zusammenhang jedoch verlorengeht. Noch \u00e4rgerlicher erweist sich das im ber\u00fchmten <em>Klavierst\u00fcck X<\/em>, bei der durch die Slow Motion auch noch der Faktor Virtuosit\u00e4t (absichtlich?) zerst\u00f6rt wird, womit <em>Maurizio Pollini<\/em> \u2013 ich durfte das mal live erleben \u2013 hier immer gegl\u00e4nzt hat. Vor allem die l\u00e4ngeren Pausen geraten Frau Liebner endlos; die Musik versinkt jedes Mal im Nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht\nmuss man diese Darbietung aber aus einem anderen Grund dennoch sehr ernst nehmen:\nSabine Liebner hat sich ja besonders durch ihre nachhaltige Besch\u00e4ftigung mit\nder <em>New York School <\/em>(Cage, Feldman, Brown,\nWolf\u2026) einen Namen gemacht. Mir scheint, dass sie gerade die Musik der Klavierst\u00fccke\n<em>VI <\/em>und <em>X <\/em>genau aus dieser Erfahrung heraus versucht, durch die\namerikanische Brille zu sehen. Sieht man einmal von Tudors \u2013 oder Rzewskis \u2013 eher\nflotter Spielweise ab: Wie haben obige <em>Komponisten<\/em>\nStockhausens Notentext innerlich gelesen? Liebner bringt uns hier dessen Musik aus\neiner Perspektive, die gewisserma\u00dfen einmal \u00fcber den gro\u00dfen Teich und wieder\nzur\u00fcck gegangen ist \u2013 und alles ver\u00e4ndert. Auch das ist mutig und legitim, wenn\nich mich auch nach mehrmaligem H\u00f6ren mit ihrem Konzept nicht wirklich anfreunden\nkonnte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, M\u00e4rz 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wergo WER 7341 2 (2CD); EAN: 4010228734126 Die M\u00fcnchner Pianistin Sabine Liebner hat beim Bayerischen Rundfunk zwischen 2015 und 2018 Karlheinz Stockhausens \u201eKlavierst\u00fccke I-XI\u201c als Studioaufnahmen eingespielt. Eine den Notentext bis dato unerreicht ernst nehmende Darbietung, die jedoch teilweise auch Fragen aufwirft. 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