{"id":3152,"date":"2019-04-02T18:13:18","date_gmt":"2019-04-02T16:13:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3152"},"modified":"2019-04-02T20:58:24","modified_gmt":"2019-04-02T18:58:24","slug":"ein-requiem-in-bester-tradition","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/04\/02\/ein-requiem-in-bester-tradition\/","title":{"rendered":"Ein Requiem in bester Tradition"},"content":{"rendered":"\n<p>Naxos 8.559841; EAN: 6 3694398412 3<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/N0091-995x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3153\" width=\"343\" height=\"352\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Naxos hat in der vielbeachteten Serie \u201aAmerican Classics\u2018 nun das Requiem von John Harbison (geb. 1938) herausgebracht. 2001-02 nicht zuletzt unter dem Eindruck des Terrors von 9\/11 entstanden, folgt das St\u00fcck in seiner Textvertonung klar der Gattungstradition, aber im Detail ganz pers\u00f6nlichen musikalischen Ideen. Die Erstaufnahme aus Nashville unter der Leitung von Giancarlo Guerrero entstand 2017 und ist durchaus gelungen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der\namerikanische Komponist <em>John Harbison<\/em>\nwar Sch\u00fcler von Walter Piston, Roger Sessions und \u2013 in Berlin \u2013 Boris Blacher.\nEr stand immer f\u00fcr eine erweiterte, postserielle Tonalit\u00e4t, die zeigt, dass er\nneben seinen Lehrern auch viel von Strawinsky gelernt hat. Au\u00dfer mittlerweile sieben\nSymphonien hat er u.a. zahlreiche Vokalwerke mit Orchester komponiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein\n2002 vollendetes <em>Requiem<\/em> geht in\nTeilen bis 1985 zur\u00fcck; das <em>Recordare <\/em>baut\nauf dem Material des <em>Juste judex <\/em>auf,\ndas 1995 Harbisons Beitrag zum von Helmuth Rilling uraufgef\u00fchrten Gemeinschaftsprojekt\n<em>Requiem der Vers\u00f6hnung<\/em> war<em>. <\/em>Aber erst durch einen Auftrag des\nBoston Symphony Orchestra 2001 entstand schlie\u00dflich ein vollst\u00e4ndiges Requiem,\ndas ganz traditionell dem \u00fcblichen Textkanon folgt. Auch die formale Gestaltung\neinzelner Teile ist stark der Gattungsgeschichte verpflichtet \u2013 etwa, wo der\nChor bzw. die Solisten singen. Und so findet sich dann bei <em>Quam olim Abrahae<\/em> dichter Kontrapunkt, im <em>Agnus Dei <\/em>das anscheinend unverzichtbare Violinsolo etc. Dass der\nH\u00f6rer hier aber bei soviel Erwartbarem trotzdem keine Sekunde gelangweilt wird,\nliegt an Harbisons Kunst, den Text doch sehr dramatisch, ausdrucksvoll in Musik\nzu gie\u00dfen \u2013 vielleicht auch unter dem Eindruck von 9\/11. Gerade im bewussten\nVerfolgen der Tradition zeigt sich nicht nur seine handwerkliche Meisterschaft,\nsondern der ganz pers\u00f6nliche Ausdruckswille, bei dem alle Teile wiederum\ndurchaus individuelle Z\u00fcge erhalten. Hier wird also nie mit direkten Zitaten oder\nauch nur Anspielungen gearbeitet \u2013 jedes Motiv, jede melodische Figur ist ein\npers\u00f6nliches Statement, wobei es einheitsstiftende Elemente gibt. Auch gehen\ndie S\u00e4tze, anders als gemeinhin \u00fcblich, ineinander \u00fcber; lediglich nach dem <em>Lacrymosa <\/em>am Schluss der <em>Sequentia <\/em>gibt es eine kleine\nVerschnaufpause. Das relativ klein besetzte Orchester \u00fcbert\u00fcncht zudem nie den\nVokalsatz durch \u00e4u\u00dferliche Effekte. <\/p>\n\n\n\n<p>Chor\nund Orchester aus Nashville leisten Au\u00dferordentliches: Klanglich und dynamisch\nwird alles fein abgestuft, die Wirkung des Chores erinnert oft an Brittens <em>War Requiem, <\/em>im Piano geradezu mystisch.\nDer Dirigent <em>Giancarlo Guerrero<\/em>\nschafft es, \u00fcber die einzelnen Abschnitte hinaus einen gro\u00dfen Spannungsbogen\naufzubauen und zu halten. Die Solisten sind leider etwas durchwachsen:\nBew\u00e4ltigen <em>Michaela Martens <\/em>(Mezzosopran)\nund <em>Kelly Markgraf <\/em>(Bariton) ihre Aufgaben\nrecht \u00fcberzeugend, geraten <em>Jessica Rivera\n<\/em>(Sopran) und <em>Nicholas Phan <\/em>(Tenor)\nin der H\u00f6he an ihre Grenzen. Phan muss da pressen und Rivera produziert in einigen\nPassagen ein unertr\u00e4glich breites Vibrato, was den positiven Eindruck in Normallage\nerheblich schm\u00e4lert.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ist Harbison hier erneut ein tief beeindruckendes Werk gelungen, das emotional authentisch wirkt, aber auch nichts wirklich Neues hervorbringt, was einen v\u00f6llig vom Hocker rei\u00dfen k\u00f6nnte. Mangels Konkurrenz ist die Naxos-Einspielung vorerst alternativlos, musikalisch und aufnahmetechnisch aber eine ohnehin empfehlenswerte Realisation der interessanten Partitur. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, M\u00e4rz 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos 8.559841; EAN: 6 3694398412 3 Naxos hat in der vielbeachteten Serie \u201aAmerican Classics\u2018 nun das Requiem von John Harbison (geb. 1938) herausgebracht. 2001-02 nicht zuletzt unter dem Eindruck des Terrors von 9\/11 entstanden, folgt das St\u00fcck in seiner Textvertonung klar der Gattungstradition, aber im Detail ganz pers\u00f6nlichen musikalischen Ideen. 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