{"id":3163,"date":"2019-04-09T07:45:29","date_gmt":"2019-04-09T05:45:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3163"},"modified":"2019-04-11T11:55:54","modified_gmt":"2019-04-11T09:55:54","slug":"vom-unbekannten-bis-zur-symphonie-classique","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/04\/09\/vom-unbekannten-bis-zur-symphonie-classique\/","title":{"rendered":"Vom Unbekannten bis zur \u201eSymphonie Classique\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><em>\u201eSymphonie Classique\u201c\nbetitelt das Orchester der Akademie St. Blasius ihr erstes Abokonzert des\nJahres am 7. April 2019 im Haus der Musik Innsbruck. Auf dem Programm steht \u201eOrakel\u201c\nf\u00fcr Streichorchester von G\u00fcnter Zobl, das Konzert f\u00fcr Klavier und\nStreicherorchester op. 136 von Alfred Schnittke mit dem Solisten Michael\nSch\u00f6ch, Alexander von Zemlinskys \u201eWaldgespr\u00e4ch\u201c mit der Sopranistin Susanne\nLangbein sowie Joseph Haydns Symphonie D-Dur Hob. I:104, die \u201e7. Londoner\u201c.\nGeleitet wird das Orchester von Karlheinz Siessl.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Werke aus vier Jahrhunderten umfasst das Programm des\nOrchesters der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl. Die Musiker haben\nes sich zur Aufgabe gemacht, aufgeschlossenen H\u00f6rern auch unbekannte Musik\nn\u00e4herzubringen und lebende Komponisten aus Tirol zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Er\u00f6ffnet wird das Programm vom f\u00fcnfs\u00e4tzigen\nStreichorchesterst\u00fcck Orakel von G\u00fcnter Zobl. Der Komponist erforscht das\nSuchen und das Ambivalent-R\u00e4tselhafte, wozu er herbe Kontraste und\nunterschiedliche Techniken verwendet. Rhythmisch aufreibende Passagen wechseln sich\nmit weittragenden Melodien ab. Im Pr\u00e4ludium tauchen moderne Streichertechniken\nauf, die eine surreale Atmosph\u00e4re schaffen, in welche die folgenden zwei S\u00e4tze\nwie Tr\u00e4ume hineintreten; gro\u00dfe Linien und ein sonor reibender Streicherklang \u2013\nder recht nordisch wirkt \u2013 \u00f6ffnen den Raum. Es folgt ein rascher Basso\nostinato, mit dem die hohen Streicher spielen und hinrei\u00dfende Ideen pr\u00e4sentieren.\nUnd schlie\u00dflich f\u00fchrt ein ruhiger Satz die Musik zu einem Ende, wenngleich sie\nnicht wirklich abschlie\u00dft, sondern auch in der Stille noch sucht, anstatt\ngefunden zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Alfred Schnittkes zweites Klavierkonzert op. 136 ist ein\nMeisterst\u00fcck der Polystilistik, das trotz unterschiedlichster Einfl\u00fcsse und\nstreng durchdachten Aufbaus doch rein musikalischer Erfindungsgabe entspringt.\nUngek\u00fcnstelt und intuitiv passen sich die Fragmente und Melodiesplitter\nzusammen und das Werk gibt als Gesamtheit Sinn. Die Streicher bestechen durch\nhoch expressiven Klang, Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Vielseitigkeit und durch ihre ausgesprochen\nschnellen Wechsel zwischen den unterschiedlichen musikalischen Welten. Michael\nSch\u00f6ch dagegen steht da wie ein Felsen in der Brandung: Alles um ihn herum\nexplodiert vor Ausdruck und Innigkeit, w\u00e4hrend er davon unbeeindruckt n\u00fcchtern,\nfokussiert und geb\u00e4ndigt bleibt. Als Zugabe des Solisten gibt es noch Haydn,\nder durch \u00fcberhaspeltes Tempo seine Konturen und sogar die Gestalt seines\nHauptthemas verliert \u2013 hier war wohl die Freude nach dem siegreich bestrittenen\nKlavierkonzert \u00fcbergro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik Zemlinskys steht nach wie vor im Schatten von\nMahler, von Strauss und sp\u00e4ter auch von Sch\u00f6nberg, dabei birgt sie so viel\nEigenes! Die Orchestration Zemlinskys \u00e4hnelt zwar durchaus derjenigen seiner\ngenannten Kollegen, unterscheidet sich aber doch durch eine gewisse tr\u00e4umerische\nNote (nicht blo\u00df im Traumg\u00f6rge) und einen zarten Schleier, der gezielt manche\nKonturen verwischt. Im \u201eWaldgespr\u00e4ch\u201c f\u00fcgt er dem Streichorchester noch zwei\nH\u00f6rner und Harfe hinzu, Eichendorffs Text vertraut er einem opernhaften Sopran\nan. Die Harfe sorgt f\u00fcr den Schleier, w\u00e4hrend die H\u00f6rner den Text in zwei\nSinngruppen gliedert: Das Sch\u00f6ne, Heroische inklusive dem Jagdaspekt gegen das\nD\u00fcstere, Gespenstische und Suchende der Hexensph\u00e4re. Wir erleben nun ganz\nandere Klangwelten des Orchesters der Akademie St. Blasius unter Karlheinz\nSiessl, sensibel auf die Empfindsamkeit des St\u00fccks eingehend, ertasten die\nMusiker die beiden Sinngruppen und erf\u00fcllen sie jeweils mit Leben. Susanne\nLangbein pr\u00e4sentiert eine facettenreiche und ausdrucksstarke Stimme, die sich\nvon beinahe rezitierten m\u00fchelos bis in durchdringend kr\u00e4ftige Passagen\naufschwingen kann und genau so leichtf\u00fc\u00dfig wieder hinabsteigt. Der Text bleibt\nzwar nicht durchgehend verst\u00e4ndlich (was bei Zemlinsky eh eine Kunst f\u00fcr sich\nist), daf\u00fcr findet die Solistin unz\u00e4hlige Farben und Schattierungen der Stimme,\ndie sie in einen schl\u00fcssigen Kontext bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss des Programms h\u00f6ren wir noch die versprochene\n\u201eSymphony Classique\u201c, wenngleich nicht wie vielleicht erwartet die so betitelte\nErste von Prokofieff, sondern eine wirklich der \u201aklassischen\u2018 Epochen entstammende:\nHaydns letzte Symphonie, die Nr. 104 mit dem sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgten Beinamen\n\u201eLondoner\u201c. Selten erlebt man dieses vielgespielte Werk derart lebendig und\nfrisch wie heute. Auch hier zeigen die Musiker ihr charakteristisches echtes\nGef\u00fchl, das unabh\u00e4ngig von Epoche oder Komponist stets f\u00fcr die Musik spricht.\nDie Musiker haben sich intensiv und auch emotional mit den Werken\nauseinandergesetzt und stellen die Musik dar, weil es ihnen ein Anliegen ist \u2013\nund das wird h\u00f6rbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nApril 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSymphonie Classique\u201c betitelt das Orchester der Akademie St. Blasius ihr erstes Abokonzert des Jahres am 7. April 2019 im Haus der Musik Innsbruck. 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