{"id":3166,"date":"2019-04-11T11:55:08","date_gmt":"2019-04-11T09:55:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3166"},"modified":"2019-04-11T11:55:10","modified_gmt":"2019-04-11T09:55:10","slug":"die-zeit-der-nacht-der-zauber-ist-vorbei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/04\/11\/die-zeit-der-nacht-der-zauber-ist-vorbei\/","title":{"rendered":"\u201eDie Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbei\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Aribert Reimanns \u201eMedea\u201c wird im Aalto-Theater zum modernen Psychodrama<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Musikalische Leitung: <\/strong>Robert Jindra, <strong>Inszenierung: <\/strong>Kay Link. <strong>B\u00fchne,\nKost\u00fcme, Video:<\/strong><br \/>\nFrank Albert. <strong>Choreographische Mitarbeit:&nbsp;\n<\/strong>Julia Schalitz. <strong>Dramaturgie: <\/strong>Christian Schr\u00f6der<\/p>\n\n\n\n<p> <strong>Solisten:<\/strong><br \/><strong>Medea: <\/strong>Claudia Barainsky. <strong>Gora, ihre Amme: <\/strong>Marie-Helen Jo\u00ebl. <strong>Jason:<\/strong><br \/> Sebastian Noack. <strong>Kreon, K\u00f6nig von Korinth: <\/strong>Rainer Maria R\u00f6hr. <strong>Kreusa, seine Tochter: <\/strong>Liliana de Sousa. <strong>Ein Herold: <\/strong>Hagen Matzeit<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auff\u00fchrung am Samstag, 6.April 2019, Aalto-Theater Essen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/N0094-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3167\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/N0094-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/N0094-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/N0094-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> Foto \u00a9 Karl Forster<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Die antike Welt ist in Kay Links Inszenierung von Aribert Reimanns Oper\n\u201eMedea\u201c zu einem neumodischen Luxusbau erstarrt, der irgendwo in einer\n\u201egentrifizierten\u201c Metropole von heute stehen k\u00f6nnte. Die Figur der Medea, jene\numstrittene Kinderm\u00f6rderin wird hier zur Getriebenen, die an den kalten\nEgoismen ihrer Mitwelt verzweifelt. Bestimmt das Sein das Bewusstsein? Im\nEssener Aalto-Theater wird Reimanns im Jahr 2010 an der Wiener Staatsoper\nuraufgef\u00fchrte moderne Oper zur beklemmenden Parabel \u00fcber das Ende von\nBeziehungen \u2013 das Publikum feierte die \u00fcberragende musikalische und\ndarstellerische Leistung mit viel Enthusiasmus.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem die Anforderungen an Claudia Barainsky als \u201eMedea\u201c sind\nextrem. Ein gro\u00dfer Teil der zweieinhalb Stunden mutet wie ein Monolog an, was\nf\u00fcr die herausragende Sopranistin schon Tour de Force genug ist. Reimann\nkomponiert streng von der Gesangslinie aus: Jede Seelenregung hat bis in die\nletzte Nuance seine Entsprechung in den melismatischen Gesanglinien, die aber\nzugleich eine riesige Menge Text transportieren. Ebenso gefordert ist das\nOrchester, sich st\u00e4ndig weit von den Pfaden gewohnter Auff\u00fchrungsroutine zu\nentfernen, um diesen dramatischen Prozess mit einem Geflecht aus Spaltkl\u00e4ngen,\nMikrointervallen, ger\u00e4uschhaften Passagen und dramatischen Ausbr\u00fcchen zu\n\u00fcberh\u00f6hen &#8211; eine spektakul\u00e4re Gro\u00dftat also auch vom Orchester unter Leitung\ndes&nbsp; neuen Ersten Kapellmeisters Robert\nJindra!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Story spielt in der Antike. Ihr Konflikt passt aber in heute\ngesellschaftliche Wirklichkeit, in der egoistische K\u00e4lte eher zu &#8211; als abnimmt.\nDie K\u00f6nigstochter Medea hat sich in verh\u00e4ngnisvolle Dinge hineinrei\u00dfen lassen.\nSie wird zur Komplizin des griechischen Prinzen Jason\n(schneidend expressiv verk\u00f6rpert durch Sebastian Noack), der das sagenumwobene\ngoldene Vlies aus Kolchis raubt. Medea isoliert sich sozial durch diese\nHandlung. Sie, Jason und die beiden gemeinsamen Kinder fl\u00fcchten und versuchen,\nin Korinth als Asylsuchende unterzukommen. Der soziale Zusammenhalt, den eine\nsolche Krisensituation braucht, erweist sich als br\u00fcchig: Jason serviert Medea\nwegen einer anderen, n\u00e4mlich der korinthischen Prinzessin Kreusa (glamourr\u00f6s\nund exaltiert: Liliana de Sousa) eiskalt ab. Die Gef\u00fchlsk\u00e4lte geht noch weiter:\nEr will ihr fortan auch die gemeinsamen Kinder vorenthalten. Sie bleibt\nals Entt\u00e4uschte, Verletzte \u00fcbrig, dem Kontrollverlust nah.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia Barainsky zeigt sich in all diesen aus den Fugen geratenen\nSeelenzust\u00e4nden als \u00fcber alle Grenzen erhabenes Energieb\u00fcndel, was es auch\nbraucht, um dem ganzen Psycho-H\u00f6llentrip der Hauptfigur gerecht zu werden. Die\nKost\u00fcmwahl ist n\u00fcchtern, aber symboltr\u00e4chtig: Medea immer in knallrot &#8211; als\nSchuldige, Getriebene, Verurteilte! Rot als Vorweggnahme der finalen Bluttat?<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt zur finalen Katastrophe, wenn schlie\u00dflich Flammen \u00fcber eine\nProjektionswand z\u00fcngeln, der Orchesterapparat immer schneindendere\nGer\u00e4uschwelten, immer aberwitzigere Spaltkl\u00e4nge erzeugt und schlie\u00dflich Medea\nals Getriebene zum Racheengel wird, welche die Nebenbuhlerin und schlie\u00dflich\nihre Kinder mordet. Die&nbsp; Tat bleibt\nunges\u00fchnt und es gibt kein Moralisieren am Schluss. Fast existenzphilosophisch\nmuten die letzten Worte an, welche Medea singt:&nbsp;\n\u201eDer Traum ist aus, aber die Nacht dauert noch an\u201c .<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Stefan Pieper, April 2019]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Auff\u00fchrungen: 16.4 \/ 17.4 \/ 10.5<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aribert Reimanns \u201eMedea\u201c wird im Aalto-Theater zum modernen Psychodrama Musikalische Leitung: Robert Jindra, Inszenierung: Kay Link. B\u00fchne, Kost\u00fcme, Video: Frank Albert. 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