{"id":3174,"date":"2019-04-16T09:56:22","date_gmt":"2019-04-16T07:56:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3174"},"modified":"2019-04-16T22:28:49","modified_gmt":"2019-04-16T20:28:49","slug":"licht-und-schatten-bei-widmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/04\/16\/licht-und-schatten-bei-widmann\/","title":{"rendered":"Licht und Schatten bei Widmann"},"content":{"rendered":"\n<p>Wergo WER 7369 2; EAN: 4010228736922<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/N0096.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3175\" width=\"289\" height=\"286\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/N0096.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/N0096-300x297.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>WERGO hat mit \u201ePolyphone Schatten\u201c und dem \u201eDritten Labyrinth\u201c zwei im Abstand von zw\u00f6lf Jahren entstandene Orchesterwerke des M\u00fcnchners J\u00f6rg Widmann in exemplarischen Aufnahmen herausgebracht. Im ersten St\u00fcck \u00fcbernehmen der Komponist an der Klarinette und der Bratscher Christophe Desjardins die Solopartien. Sarah Wegener ist die Sopranistin des \u201eDritten Labyrinths\u201c. Die Leitung des WDR Sinfonieorchesters liegt in den H\u00e4nden von Heinz Holliger bzw. Emilio Pom\u00e1rico. &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em> <\/em>J\u00f6rg Widmann hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten sowohl als Klarinettist von Weltrang wie als Komponist einen Namen gemacht. Seine F\u00e4higkeiten als Dirigent darf man noch anzweifeln (<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/10\/08\/joerg-widmann-als-multitalent\">siehe Kritik <\/a>des Musica viva Konzerts vom 29.9.2017, in dem u.a. das <em>Dritte Labyrinth <\/em>erklang). Auf der vorliegenden CD dirigieren zum Gl\u00fcck zwei erfahrene Experten, die in Widmanns Partituren noch das kleinste Detail h\u00f6rbar machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide hier eingespielten St\u00fccke geh\u00f6ren jeweils einem Zyklus an: <em>Polyphone Schatten <\/em>von 2001 ist Teil II der <em>Lichtstudie<\/em>; und hier werden Kl\u00e4nge in der Tat wie Skulpturen behandelt, die unter verschiedenen Perspektiven und Beleuchtungen letztlich nicht greifbare Charaktere herausbilden. Das St\u00fcck wirkt trotz der gro\u00dfen Orchesterbesetzung \u2013 allerdings ohne Oboen, Fagotte und Violinen \u2013 durchgehend kammermusikalisch und die beiden Solisten gl\u00e4nzen mit faszinierend virtuoser Mikrotonalit\u00e4t, spannend und unheimlich zugleich. Heinz Holliger umw\u00f6lkt dies mit gro\u00dfer Sensibilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Dritte Labyrinth<\/em> (2013\/14) geh\u00f6rt mit fast 47 Minuten zu Widmanns umfangreichsten Instrumentalkompositionen \u2013 und es weist L\u00e4ngen auf, die von der Substanz her kaum gerechtfertigt erscheinen. Die vom Zuschauerraum aus schlie\u00dflich aufs Podium \u201ewandelnde\u201c Sopranistin bringt sich mit Textfragmenten aus Nietzsches <em>Klage der Ariadne <\/em>sowie Jorge Louis Borges <em>Das Haus der Asterion<\/em> in das allzu sehr von Ger\u00e4uschhaftem \u2013  wenngleich hochdifferenziert \u2013  dominierte Klangbild der Partitur ein. <em>Sarah Wegener<\/em> setzt die chim\u00e4renhaften Facetten stimmlich mutig um, bleibt dennoch emotional \u00e4u\u00dferst blass. Das Werk insgesamt stellt aber nicht nur eine imagin\u00e4re Mann-Frau-Beziehung dar, sondern auf einer weiteren Metaebene das Labyrinth, das J\u00f6rg Widmann w\u00e4hrend jedes Kompositionsprozesses zu durchschreiten hat. Zu Recht verglich er die sich durch marginalste Entscheidungen neu er\u00f6ffnenden Wege mit dem Film <em>Lola rennt<\/em>. Diesen Aspekt unterschl\u00e4gt der ansonsten h\u00f6chst informative Booklettext von Pia Steigerwald.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Emilio Pom\u00e0rico<\/em> und sowie der sensationell\nguten Tontechnik des WDR gelingt hier eine musterg\u00fcltige Darbietung, die die\nunvorstellbare Dichte an verschiedensten, oft ungew\u00f6hnlichen Spielanweisungen\nernst nimmt und \u00fcber Strecken auch kontrastreich in einen gewisserma\u00dfen musiktheatralischen\nKontext zu stellen wei\u00df. Dennoch entsteht hier, und das ist bei Widmann ja\ngeradezu Programm, keinerlei Teleologie. Der H\u00f6rer bekommt niemals auch nur\neine Ahnung davon, wie es an der n\u00e4chsten \u201eEcke\u201c weitergehen k\u00f6nnte \u2013 was leider\nschnell erm\u00fcdend wirkt. Davon einmal abgesehen verdient diese CD eine\neindeutige Empfehlung, gerade weil Widmanns Detailf\u00fclle im Konzertsaal allein\nakustisch kaum so pr\u00e4zise zu erfassen sein d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, April 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wergo WER 7369 2; EAN: 4010228736922 WERGO hat mit \u201ePolyphone Schatten\u201c und dem \u201eDritten Labyrinth\u201c zwei im Abstand von zw\u00f6lf Jahren entstandene Orchesterwerke des M\u00fcnchners J\u00f6rg Widmann in exemplarischen Aufnahmen herausgebracht. Im ersten St\u00fcck \u00fcbernehmen der Komponist an der Klarinette und der Bratscher Christophe Desjardins die Solopartien. 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