{"id":3206,"date":"2019-05-02T11:46:51","date_gmt":"2019-05-02T09:46:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3206"},"modified":"2019-05-02T11:46:52","modified_gmt":"2019-05-02T09:46:52","slug":"drei-russen-und-das-cello","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/05\/02\/drei-russen-und-das-cello\/","title":{"rendered":"Drei Russen und das Cello"},"content":{"rendered":"\n<p>Hyperion, CDA68239; EAN: 0 34571 28239 8<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0102.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3207\" width=\"315\" height=\"315\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0102.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0102-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0102-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 315px) 100vw, 315px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Steven Isserlis und Olli Mustonen spielen Cellowerke von Dmitri\nSchostakowitsch, Sergei Prokofieff und Dmitri Kabalewski. Von Schostakowitsch\nh\u00f6ren wir die Cellosonate d-Moll op. 40 sowie das Moderato f\u00fcr Cello und\nKlavier, aus der Feder Prokofieffs erklingt die Ballade C-Dur op. 15 und sein\nArrangement des Adagios \u201eCinderella und der Prinz\u201c op. 97bis, von Kabalewski\nspielen die Musiker die Cellosonate B-Dur op. 71 und das Rondo in Gedenken an\nProkofieff op. 79.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Komponisten Dmitri\nSchostakowitsch, Sergei Prokofieff und Dmitri Kabalewski waren nicht blo\u00df Zeitgenossen,\nes herrschte reger Austausch zwischen ihnen \u2013 eine Zeit lang wohnten sie\ngemeinsam mit anderen Tonsetzern im gleichen Haus. Sie alle durchlebten unter\nStalins Herrschaft den selben Schrecken und alle drei wurden des Formalismus\u2018\nangeklagt, was sie \u00fcber Nacht zu personae non gratae machte. Ihr Empfinden\njedoch dr\u00fcckten die drei je g\u00e4nzlich verschieden aus, schrieben je in ganz unterschiedlichen\nund eigenen Stilen, ohne dass ein Einfluss der jeweils anderen sp\u00fcrbar w\u00e4re\n(vielleicht abgesehen von Kabalewskis Rondo in Gedenken an Prokofieff, doch\nselbst in diesem wirkt der Widmungstr\u00e4ger lediglich als Randerscheinung).<\/p>\n\n\n\n<p>Von den aufgenommenen Werken\nsetzte sich vor allem die gro\u00df angelegte Cellosonate Schostakowitschs durch,\ndie durch den erz\u00e4hlerischen Gestus und die geschickte Handhabung der Form den\nH\u00f6rer gleich in ihren Bann zieht. Anders erging es der fr\u00fchen C-Dur-Ballade\nProkofieffs, von der der Komponist nicht ganz zu Unrecht sagte, das Publikum\nw\u00fcrde sie beim erstmaligen H\u00f6ren nicht verstehen. Selbst war Prokofieff allerdings\n\u00fcberzeugt von dem Werk (dessen Hauptthema er einem Kindheitswerk entlieh,\nwelches er mit 11 skizzierte) und setzte sie regelm\u00e4\u00dfig auf seine Programme.\nEbenso im Schatten weilt Kabalewskis Cellosonate, was nicht auf das Werk\nzur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann, sondern eher auf die politische Unbeliebtheit des\nKomponisten, der sich zun\u00e4chst dem Regime beugte und so die Kritik seiner\nKollegen auf sich zog, und sp\u00e4ter nach den Formalismusvorw\u00fcrfen gegen ihn doch\nseine Kollegen verteidigte, was wiederum vom Regime verspottet wurde. Heute\nkennt man Kabalewski vor allem als Komponist kleiner Kinderst\u00fccke voller\nLebendigkeit, Witz und kecken Ideen vor allem harmonischer Art. Seine\nsymphonischen Werke (unter anderem 4 Symphonien und 7 Solokonzerte!) sowie\nseine gr\u00f6\u00dfer angelegte Musik wird beinahe \u00fcberhaupt nicht aufgef\u00fchrt. Die reife\nCellosonate hebt sich von den anderen Titeln dieser CD wie allgemein aus dem\nCellorepertoire ab durch ihre gro\u00dfartige und vor allem genuine Behandlung des\nCellos, dessen St\u00e4rken ausgekostet werden; die Musik schmeichelt dem Klang des\nCellos und vermeidet bewusst solche Passagen, die auf dem Instrument kratzig\noder quietschig klingen, wie sie die meisten Komponisten unbeirrt einsetzten.\nAbgerundet wird das Programm laut Steven Isserlis mit drei \u201eHobelsp\u00e4nen\u201c aus\nder Werkstatt der Meister, von denen besonders Prokofieffs Eigenarrangement des\nAdagios aus Cinderella hinrei\u00dfenden Charme besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalisch divergieren Steven\nIsserlis und Olli Mustonen deutlich: Isserlis nimmt seine Cellopartien hochexpressiv\nund dramatisch, w\u00e4hrend Mustonen vorwiegend n\u00fcchtern bleibt, seinen Anschlag\npr\u00e4gnant h\u00e4lt. Beide Musiker brillieren durch Pr\u00e4zision und technische\nMeisterschaft, wirkliche Durchdringung des musikalischen Inhalts sp\u00fcre ich\njedoch keine, weshalb gerade die l\u00e4ngeren S\u00e4tze schnell br\u00f6ckeln und den H\u00f6rer\nauf der Strecke lassen. \u00dcberzeugen k\u00f6nnen entsprechend die raschen, technisch\nanspruchsvollen S\u00e4tze bei Schostakowitsch und Kabalewski, die auch ohne\ntieferes Verst\u00e4ndnis ihre Wirkung nicht verfehlen; weniger begeistert daf\u00fcr die\nProkofieff-Ballade und der Kopfsatz von Schostakowitschs Sonate. Klangmagie\nentfalten die Musiker im Adagio aus Cinderella und auch das Moderato f\u00fcr Cello\nund Klavier von Schostakowitsch lockt durch ansprechende Schlichtheit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, April 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hyperion, CDA68239; EAN: 0 34571 28239 8 Steven Isserlis und Olli Mustonen spielen Cellowerke von Dmitri Schostakowitsch, Sergei Prokofieff und Dmitri Kabalewski. 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