{"id":3209,"date":"2019-05-05T17:33:31","date_gmt":"2019-05-05T15:33:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3209"},"modified":"2019-05-05T17:33:33","modified_gmt":"2019-05-05T15:33:33","slug":"ringen-um-die-musik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/05\/05\/ringen-um-die-musik\/","title":{"rendered":"Ringen um die Musik"},"content":{"rendered":"\n<p>Genuin classics, GEN 19656; EAN: 4 260036 256567<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0103.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3210\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0103.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0103-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Liv Migdal spielt\nWerke f\u00fcr Violine solo. Das Programm beginnt mit der Violinsonate Nr. 3 in\nC-Dur BWV 1005 von Johann Sebastian Bach; dieser folgt die Sonate in G op. 44\nvon Paul Ben-Haim, wonach B\u00e9la Bart\u00f3ks Sonate f\u00fcr Violine Solo Sz 117 (BB 124)\ndie CD beschlie\u00dft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick scheinen diese drei Werke nichts\nmiteinander zu tun zu haben: Bach lebte in etwa 200 Jahre vor Bart\u00f3k und\nBen-Haim, jene beiden trennte eine gewaltige Distanz von Amerika bis nach\nPal\u00e4stina. Und doch sind sie eng miteinander verbunden, zusammengehalten vom\nGeiger Yehudi Menuhin. Bart\u00f3k war hingerissen von Menuhins Darbietung der\nBach\u2019schen C-Dur-Violinsonate (und der seiner eigenen ersten Sonate f\u00fcr Geige\nund Klavier); und als dieser ihn sp\u00e4ter bei einem pers\u00f6nlichen Kennenlernen\nnach einem Werk f\u00fcr Geige solo fragte, orientierte er sich formal an den Gattungsbeitr\u00e4gen\nvon Bach. Formal lehnte Bart\u00f3k sich an der C-Dur-Sonate an: inklusive einer\nFuge, einer darauffolgenden langsamen Melodie und einem raschen Schlusssatz.\nDie Idee des Kopfsatzes \u201eTempo di ciaccona\u201c entnahm er der ber\u00fchmten Chaconne aus\nder d-Moll-Partita. Eben diese Bart\u00f3k\u2019sche Sonate spielte Menuhin in Tel Aviv\nund beauftragte den anwesenden Komponisten Paul Ben-Haim nach dem Konzert mit\neinem eigenen Gattungsbeitrag. Die Urauff\u00fchrung des Resultats fand wie acht\nJahre zuvor auch die Premiere von Bart\u00f3ks Solosonate in der Carnegie-Hall\nstatt, nur zwei Monate nach Fertigstellung. Alle drei der geh\u00f6rten Werke sind\nerf\u00fcllt von Schmerz und Verarbeitung, bilden eine Art innere Zuflucht: Bach\nhatte vor Vollendung seiner sechs Violinsoli seine Frau verloren, Bart\u00f3k war\nnach Amerika emigriert und litt neben finanziellen Schwierigkeiten an seiner\nfortschreitenden Leuk\u00e4mie; und auch Ben-Haim war im zweiten Weltkrieg aus\nDeutschland geflohen, was bis in diese Sonate fortwirkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine enorme Offenheit der Musik gegen\u00fcber charakterisiert\ndas Spiel von Liv Migdal, sie taucht ein in die Noten und ringt mit den daraus\nhervorgehenden Effekten. Dabei schont sie sich nicht, durchleidet die\nmusikalischen Erlebnisse an sich selbst und strahlt das in ihrem Spiel aus, was\nsie in diesem Kampf wahrgenommen und gewonnen hat. Anstelle theoretischer\nReflexion treten bei Liv Migdal tiefe Empfindungen, was sie als wahre und\ngelebte Musikerin auszeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Musik Bachs entdeckt Migdal eine durchgehende\nZartheit, die sie feinf\u00fchlig aus der Musik hervorholt. Besonderes Augenmerk\nlegt sie auf die Polyphonie und die sich oft in mehrere Stimmen auff\u00e4chernde\nMelodielinie. Die einzelnen Stimmzweige setzt die Geigerin durch kleine Rubati\nvoneinander ab, wobei sie aufmerksam darauf achtet, diese nicht zur Manier\nwerden zu lassen. Das Largo nimmt sie wie auch die Melodia aus Bart\u00f3ks Sonate\nin vorw\u00e4rtsgehendem Tempo. Diese passen zu den technischen Gegebenheiten der CD\nund vermeiden somit ein Schleppen der Ruhepole, die im Konzertsaal auch\ndeutlich langsamer noch ihre volle Wirkung entfalten w\u00fcrden. In Bart\u00f3ks\nViolinsonate fokussiert Liv Migdal die enormen Kontraste, um den H\u00f6rer \u00fcber\ndiese f\u00fcr eine Sologeige erstaunlich lange Strecke von 27 Minuten zu tragen.\nDer erste Satz bildet einen in sich abgeschlossenen Kosmos, dem eine brachiale\nFuge folgt, welcher Migdal in entsprechend aggressiver, vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngender,\njedoch nie z\u00fcgelloser Weise begegnet. Die Melodia entfaltet ihre volle\nKlangmagie und bringt die Zeit zum Stillstehen. Gespenstisch begegnet uns der\nBeginn des Finales, worauf sich eine tr\u00fcgerische Ausgelassenheit auftut, welche\nBart\u00f3k beinahe gezwungen erscheinen l\u00e4sst \u2013 besonders hier wird Liv Migdals\nRingen um die Noten deutlich bemerkbar und zahlt sich aus! Die Geigerin setzt\nsich schon lange f\u00fcr die kaum bekannte Musik von Paul Ben-Haim ein (geboren als\nPaul Frankenburger, doch nach seiner Emigration umbenannt in Ben-Haim, \u201eSohn\ndes Heinrich\u201c) und diese Zuneigung zu seiner Musik wird in jedem Ton sp\u00fcrbar.\nHier holt Migdal die feinsten und z\u00e4rtlichsten T\u00f6ne hervor, umgarnt jede der\nhinrei\u00dfenden Melodien und verschmilzt die westlich-europ\u00e4ische mit der\norientalischen Klangwelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Mai\n2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Genuin classics, GEN 19656; EAN: 4 260036 256567 Liv Migdal spielt Werke f\u00fcr Violine solo. 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