{"id":3213,"date":"2019-05-07T08:13:07","date_gmt":"2019-05-07T06:13:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3213"},"modified":"2023-05-23T23:29:22","modified_gmt":"2023-05-23T21:29:22","slug":"simon-rattles-wechselbad-der-gefuehle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/05\/07\/simon-rattles-wechselbad-der-gefuehle\/","title":{"rendered":"Simon Rattles Wechselbad der Gef\u00fchle"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/StefanieLoos_SL20190502b0791_klein-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3224\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/StefanieLoos_SL20190502b0791_klein-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/StefanieLoos_SL20190502b0791_klein-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/StefanieLoos_SL20190502b0791_klein-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/StefanieLoos_SL20190502b0791_klein.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>(c) Stefanie Loos<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Wie schon in den\nletzten drei Jahren blieb auch das M\u00fcnchner r\u00e4sonanz Stifterkonzert 2019 seinem\nKonzept treu, nicht allerneueste Kompositionen vorzustellen \u2013 daran herrscht ja\nin der Hauptreihe der musica viva kein Mangel \u2013, sondern solche Werke, die in\nden vergangenen Jahrzehnten einen Status quasi \u201evon Bedeutung\u201c erlangt haben\nund in M\u00fcnchen bislang nicht oder selten zu h\u00f6ren waren. Zum ersten Mal unter\nseinem neuen Chefdirigenten Sir Simon Rattle war am 2.5.2019 das London Symphony\nOrchestra in der Philharmonie zu Gast \u2013 nicht zuletzt kam man damit der\nerwartungsgem\u00e4\u00df hohen Kartennachfrage entgegen. Das Programm widmete sich drei\nKomponisten, f\u00fcr deren Werk sich Rattle von Beginn seiner Karriere an immer\nbegeistern konnte: Mark-Anthony Turnage (*1960), Harrison Birtwistle (*1934)\nund John Adams (*1947).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann ja \u00fcber die Akustik der Philharmonie im Gasteig denken, was man will. Dass zumindest einige Gastdirigenten damit \u00fcberhaupt nicht zurechtkommen konnten, ist hingegen eine Tatsache. \u00dcber die Jahre haben sich f\u00fcr mich einige Lieblingspl\u00e4tze herauskristallisiert, von denen ich mir jedenfalls einbilde, dort ein einigerma\u00dfen durchsichtiges und \u201egerechtes\u201c Klangbild serviert zu bekommen. Meine Karte f\u00fcr Donnerstag f\u00fchrt mich allerdings just in einen Block, den ich bislang zum <em>no go <\/em>erkl\u00e4rt h\u00e4tte. Und obwohl <em>Sir Simon <\/em>die Philharmonie lange gemieden hat, scheint er in diesem vom M\u00fcnchner Publikum hei\u00dferwarteten Konzert keinerlei Probleme mit dem Raum zu haben. In der Pause machen allerdings auch einige Leute ihrem \u00c4rger Luft, die sich mit der \u2013 verglichen mit den M\u00fcnchner Philharmonikern \u2013 g\u00e4nzlich anderen Aufstellung keineswegs anfreunden m\u00f6chten und glauben, nur die Kontrab\u00e4sse zu h\u00f6ren, deren Pulte sich bei Rattle direkt rechts entlang des Podiums reihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalisch ist das Konzert dann ein wirkliches Highlight. Simon Rattle scheint es zu genie\u00dfen, gleich drei h\u00f6chst anspruchsvolle Werke von noch lebenden Komponisten pr\u00e4sentieren zu d\u00fcrfen, die ihm offensichtlich sehr ans Herz gewachsen sind. Der j\u00fcngste, der Brite <em>Mark-Anthony Turnage<\/em>, dessen internationaler Durchbruch u.a. dem Erfolg seiner Kammeroper <em>Greek<\/em> bei der ersten M\u00fcnchner Biennale 1988 zu verdanken ist, war unmittelbar danach vier Jahre lang Composer in Association beim City of Birmingham Symphony Orchestra \u2013 mit Rattle als Chefdirigent. Dort lernte er, auch mit einem gro\u00dfen Orchesterapparat virtuos umzugehen. Die urspr\u00fcngliche Version von <em>Dispelling the Fears<\/em> als Schlussnummer des gro\u00dfen Zyklus <em>Blood on the Floor<\/em> f\u00fcr Jazz Quartett und Ensemble steht allerdings deutlich klarer f\u00fcr Turnage-typische klangliche Eigenheiten als die dann doch etwas k\u00fcnstlich aufgebl\u00e4hte Konzertfassung f\u00fcr zwei Trompeten und volles Symphonieorchester (1994-95). Die beiden Solisten <em>Philip Cobb<\/em> und <em>G\u00e1bor Tark\u00f6vi<\/em> bew\u00e4ltigen ihre bis zum halbwegs vers\u00f6hnlichen Schluss antagonistisch angelegten Partien grandios, besonders das Spiel mit \u2013 scheinbar \u2013 unterschiedlichen Distanzen; wo\u2019s jazzig wird, ist das wirklich ber\u00fchrend und erinnert an B. A. Zimmermanns Trompetenkonzert <em>Nobody knows de trouble I see<\/em>. Insgesamt ist aber schon dieses Werk eher ein Nachtst\u00fcck, d\u00fcster wie ein Film Noir, dessen unberechenbarer Untergrund jenseits von Gut und B\u00f6se von Rattle faszinierend zelebriert wird. Jeder noch so kleine Effekt \u201esitzt\u201c punktgenau und evoziert eine Klangwelt voller Empathie. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz klar als langsames, immerhin halbst\u00fcndiges Nocturne erweist sich Harrison Birtwistles <em>The Shadow of Night<\/em> (2001). Das St\u00fcck ist nat\u00fcrlich ungleich komplexer als Turnage, aber beim genauen Hinh\u00f6ren nicht unbedingt schwerer verst\u00e4ndlich. Man trifft, \u00e4hnlich wie in Bart\u00f3ks Nachtmusiken, auf eine Welt freier, scheinbar unkontrollierbarer Natur \u2013 auch hier mit eingestreuten Vogelrufen der Holzbl\u00e4ser \u2013, die im Sinne von Melancholie der Seele Raum f\u00fcr Selbstreflexion gibt. Dabei bezieht sich der Komponist auf Motive bei Dowland, D\u00fcrer und Chapman. Rattles Dirigat bleibt immer sehr klar, pr\u00e4zise und energisch, aber zugleich von entwaffnender Lockerheit. Der dramaturgisch logische Aufbau der Riesenpartitur mit den f\u00fcr Altmeister Birtwistle so unverkennbaren Steigerungswellen und einzelnen instrumentalen Glanzlichtern \u2013 auch wieder oft die Trompeten \u2013, wirkt minuti\u00f6s geplant und erschlie\u00dft sich musikalisch fast bruchlos. Die Homogenit\u00e4t des Streicherklangs der Londoner ist \u00fcberragend, macht das Geschehen weicher und stimmungsvoller, als man es bei den ebenso vorhandenen, \u00fcblichen H\u00e4rten Birtwistles erwarten m\u00f6chte. Dieses St\u00fcck l\u00e4sst den Rezipienten keine Sekunde los, die Anspannung geht an die Grenzen des Ertragbaren, wenn man die ganzen einmaligen, fein erarbeiteten klanglichen Finessen (Schlagzeug!) an sich heranl\u00e4sst. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass dies Teile des Publikums \u2013 in diesem Konzert sitzen nicht nur die allseits bekannten Gesichter, auf die man bei den musica viva Orchesterkonzerten im Herkulessaal trifft \u2013 \u00fcberfordert hat, die m\u00f6glicherweise nur wegen Rattle gekommen sind, zeigt sich an den leicht gelichteten Reihen nach der Pause. Schade \u2013 denn gerade jetzt wird ein St\u00fcck dargeboten, das man ohne rot zu werden als \u201eOrchesterkracher\u201c bezeichnen darf. John Adams\u2018 <em>Harmonielehre<\/em> bedient sich gnadenlos, aber auch mit unvergleichlicher Intelligenz in der Musikgeschichte. Schon hier (1985) bilden die der amerikanischen minimal music entlehnten Pattern eben doch weitaus geschickter und kunstvoller gestrickte klangliche Netze als bei Philip Glass &amp; Co. Und sie sind auch nur ein Aspekt von Adams\u2018 Musik, die nicht nur ihrem typischen <em>West-Coast<\/em>-Klang fr\u00f6nt, sondern tats\u00e4chlich eine Auseinandersetzung mit der Entwicklung der freilich immer noch tonalen Harmonik ist \u2013 bis auf das auf den Kopf gestellte Zitat aus Mahlers Zehnter. Aber auch Wagner und Debussy tauchen in diesem Klangmeer auf, indem sowohl das Adams-erfahrene LSO wie auch das Publikum vierzig Minuten lang gen\u00fcsslich baden darf. Und selbst von Sch\u00f6nberg, gegen den eigentlich der Titel polemisieren soll, hat Adams gelernt, wie man \u00e0 la <em>Gurrelieder<\/em> Bl\u00e4sergruppen homogenisiert. Auf das hochpr\u00e4zise Zusammenspiel seines Orchesters \u2013 das schnell gef\u00e4hrlich erm\u00fcden kann \u2013 darf sich Rattle fast blind verlassen; seine Klangregie ist aber schon einmalig: Absolut zwingend, wie er die manchmal langsamen und stetigen wie auch die abrupten harmonischen Farbwechsel durch hochdifferenzierte Dynamik unterf\u00fcttert, den hyperaktiven Apparat im Fortissimo bis zur Extase hochpumpt, im Mittelsatz (<em>The Amfortas Wound<\/em>) zu tiefstem Ernst und schmerzlichem Aufschrei konzentrieren kann. Diesem Sog kann sich wirklich niemand im Saal entziehen: Der Schlussapplaus ger\u00e4t zum Triumph f\u00fcr Sir Simon und sein Londoner Orchester, das sich bei diesem M\u00fcnchner Konzert anscheinend sichtlich wohl f\u00fchlt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 5.5.2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie schon in den letzten drei Jahren blieb auch das M\u00fcnchner r\u00e4sonanz Stifterkonzert 2019 seinem Konzept treu, nicht allerneueste Kompositionen vorzustellen \u2013 daran herrscht ja in der Hauptreihe der musica viva kein Mangel \u2013, sondern solche Werke, die in den vergangenen Jahrzehnten einen Status quasi \u201evon Bedeutung\u201c erlangt haben und in M\u00fcnchen bislang nicht oder &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/05\/07\/simon-rattles-wechselbad-der-gefuehle\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Simon Rattles Wechselbad der Gef\u00fchle<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[774,3075,3077,2951,1255,3076,507,468,3078,3074],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3213"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3213"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3213\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3231,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3213\/revisions\/3231"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}