{"id":3215,"date":"2019-05-07T08:18:15","date_gmt":"2019-05-07T06:18:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3215"},"modified":"2024-04-19T16:16:25","modified_gmt":"2024-04-19T14:16:25","slug":"fassliche-bildhaftigkeit-und-entwaffnende-ironie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/05\/07\/fassliche-bildhaftigkeit-und-entwaffnende-ironie\/","title":{"rendered":"Fassliche Bildhaftigkeit und entwaffnende Ironie"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0104-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3216\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0104-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0104-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0104-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0104.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> \u00a9 Astrid Ackermann <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Als Dirigent \u2013 auch eigener Werke \u2013 quasi Dauergast bei der M\u00fcnchner musica viva, widmete sich das Konzert am 3. Mai 2019 ausschlie\u00dflich drei Kompositionen des gro\u00dfen ungarischen Musikers Peter E\u00f6tv\u00f6s (*1944), alle neueren Datums: \u201eThe Gliding oft the Eagle in the Skies\u201c, \u201eAlle vittime senza nome\u201c, und das vor drei Jahren bei den Salzburger Festspielen aus der Taufe gehobene \u201eHalleluja \u2013 Oratorium balbulum\u201c nach einem genial-ironischen Text des 2016 verstorbenen Dichters P\u00e9ter Esterh\u00e1zy. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man nach dem ersten Konzert sucht, das <em>Peter E\u00f6tv\u00f6s<\/em> f\u00fcr die M\u00fcnchner musica viva dirigiert hat, muss man lange zur\u00fcckgehen: Am 7. April 1989 leitete der begnadete Interpret nicht nur Neuer Musik das BR Symphonieorchester mit Werken von Birtwistle, B. A. Zimmermann und Lachenmann. Seitdem ist E\u00f6tv\u00f6s mit sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit in M\u00fcnchen zu sehen und zu h\u00f6ren. Viele unvergessliche Momente sind darunter: Man denke nur an Stockhausen oder die Urauff\u00fchrung von Lachenmanns <em>My Melodies <\/em>erst vor einem knappen Jahr. Es spricht f\u00fcr die Konzertreihe, dass Peter E\u00f6tv\u00f6s als \u2013 damals noch nicht international arrivierter \u2013 Komponist sogar schon 1980 mit einem St\u00fcck f\u00fcr Schlagzeug und Orgel auf dem Programm stand. Nun, kurz nach seinem 75. Geburtstag, wurde es mal Zeit, seiner Musik einen kompletten Abend zu widmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter der Leitung des Komponisten spielt das BR-Symphonieorchester zun\u00e4chst <em>The Gliding oft the Eagle in the Skies<\/em>, ein Auftragswerk des Baskischen Nationalorchesters (UA: 2012), das E\u00f6tv\u00f6s sp\u00e4ter nochmals \u00fcberarbeitet hat. Zu dem titelgebenden Bild wurde der Komponist durch baskische Folklore inspiriert, die auch rein musikalisch in das gut zehnmin\u00fctige St\u00fcck eingeht, ohne jedoch w\u00f6rtlich zitiert oder imitiert zu werden \u2013 nat\u00fcrlich fallen sofort die vorne platzierten Caj\u00f3nes oder die absichtsvoll gegeneinander verstimmten Harfen auf. Die Bildhaftigkeit von E\u00f6tv\u00f6s aktueller Musiksprache zielt aber weniger auf direkte Mimesis als darauf, unmittelbar verst\u00e4ndlich Gef\u00fchlszust\u00e4nde zu vermitteln \u2013 hier das von Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wesentlich umfangreicher und von tiefem Ernst getragen dann das 2016 entstandene, dreis\u00e4tzige <em>Alle vittime senza nome<\/em>, f\u00fcr gleich vier der bedeutendsten italienischen Orchester. Darin wird die Fl\u00fcchtlingstrag\u00f6die im Mittelmeer thematisiert, allerdings nicht als \u201eRequiem\u201c, sondern vielleicht eher durch \u201ePortr\u00e4ts\u201c individueller Gesichter der Opfer, ihrer Erwartungen, Hoffnungen und \u00c4ngste. Aber auch die Sch\u00f6nheit und Gewalt des Meeres bildet als Folie stets den Hintergrund \u2013 freilich weniger plakativ, als man es von Maxwell Davies oder Dallapiccolas Oper <em>Ulisse<\/em> her kennt. Auf das anscheinend gerade von deutschen Ohren hierbei wom\u00f6glich erwartete Pathos verzichtet E\u00f6tv\u00f6s dagegen v\u00f6llig. Er hat es auch nicht n\u00f6tig, Neues um jeden Preis zu bringen; seine Orchestersprache ist hoch genug entwickelt, um jeglichen Inhalt zu transportieren. Die dirigiertechnische Pr\u00e4zision und Intensit\u00e4t, mit der E\u00f6tv\u00f6s das Orchester zu h\u00f6chster klanglicher Differenzierung bringt, bei der aber jedem Detail auch eine Sinnhaftigkeit zukommt, ist wie immer absolut beeindruckend und das Publikum bereits vor der Pause wirklich begeistert.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil dann das gro\u00dfformatige <em>Halleluja \u2013 Oratorium balbulum<\/em>, ein aberwitziges St\u00fcck, in dem ein stotternder Prophet \u2013 Vorbild: Notker Balbulus von St. Gallen \u2013 und ein etwas besoffener Engel (v\u00f6llig pr\u00e4sent und stimmlich ausgezeichnet: <em>Eric Stoklo\u00dfa<\/em> und Iris <em>Vermillion<\/em>) ein Zeitbild von heute erschaffen, in dem eben keine Vorhersagen mehr m\u00f6glich sind. Bereits beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs oder 9\/11, die als Stationen herangezogen werden, war das so. Daran kann auch der st\u00e4ndig musikalische Halleluja-Zitate \u2013 von Monteverdi bis Gospel und als H\u00f6hepunkt, sich \u00fcberlagernd, Mozart mit Bruckner \u2013 singende Chor nichts \u00e4ndern. Ein Narrator (gro\u00dfartig desillusioniert: <em>Matthias Brandt<\/em>) f\u00fchrt \u2013 etwas zuviel als Selbsterkl\u00e4rb\u00e4r \u2013 durch das Geschehen. Obwohl es tats\u00e4chlich um existentielle Fragen geht, ist der Text von P\u00e9ter Esterh\u00e1zy von sp\u00f6ttischster Ironie, manchmal bewusst an der Grenze zum Flachwitz (<em>\u201eDie Fleischbr\u00fche der Kultur ist ganz d\u00fcnn\u2026\u201c<\/em>) \u2013 wohl typisch ungarischer Humor eines gro\u00dfen Europ\u00e4ers. Die Musik ist stilistisch entsprechend vielseitig, voller musikhistorischer Anspielungen, spr\u00fcht nur so von Ideen, aber trifft wiederum immer klar auf den Punkt. Das ist keine verschrobene Avantgarde, sondern richtet sich durchaus und unmissverst\u00e4ndlich an ein \u201egro\u00dfes\u201c Publikum. Der Herkulessaal, die Ausf\u00fchrenden eingeschlossen, hat jedenfalls seinen Spa\u00df, auch wenn davon manchmal etwas im Halse stecken bleibt. Peter E\u00f6tv\u00f6s liefert einen echten Grund zum Feiern und der Schlussapplaus ist dann demonstrativ euphorisch. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 5.5.2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Dirigent \u2013 auch eigener Werke \u2013 quasi Dauergast bei der M\u00fcnchner musica viva, widmete sich das Konzert am 3. 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