{"id":323,"date":"2015-12-15T22:39:52","date_gmt":"2015-12-15T21:39:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=323"},"modified":"2015-12-15T22:41:17","modified_gmt":"2015-12-15T21:41:17","slug":"eine-be-reicha-rung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/15\/eine-be-reicha-rung\/","title":{"rendered":"Eine Be-&#8222;Reicha&#8220;-rung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\">Antoine Reicha (1770 Prag-1836 Paris)<br \/>\nBl\u00e4ser-Quintette<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Thalia Ensemble<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">CKD 471 Linn Records<br \/>\n6 91062 04712 8<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Ulrich8.jpg\" rel=\"attachment wp-att-324\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-324 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Ulrich8-296x300.jpg\" alt=\"Ulrich8\" width=\"296\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Ulrich8-296x300.jpg 296w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Ulrich8.jpg 585w\" sizes=\"(max-width: 296px) 100vw, 296px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gewiss ist die Gattung des Streichquartetts oder des Klaviertrios mit Streichern den Bl\u00e4ser-Ensembles weit voraus an Literatur und Bedeutung in der Musikgeschichte, aber was w\u00e4re das klassische Orchester ohne seine Holzbl\u00e4ser oder seine H\u00f6rner?\u00a0 Schon lange vor den reinen Bl\u00e4serquintetten, wie sie auf der vorliegenden CD zu h\u00f6ren sind, war die sogenannte Harmoniemusik, gerne unter freiem Himmel gegeben und dort, ohne akustischen Rahmen, weit geeigneter als Streicher, allseits beliebt.\u00a0 Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gewann dann die Besetzung mit\u00a0 Fl\u00f6te, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott zunehmend an Bedeutung, auch durch die Kompositionen des b\u00f6hmischen Musikers und Komponisten Anton Reicha, der vor allem in Paris lebte und arbeitete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aus seiner Feder stammen die vorliegenden St\u00fccke op. 88 und 100. \u00dcber 20 Quintette f\u00fcr diese Besetzung schrieb Reicha, der als unorthodoxer Fugenpapst renommierte Zeitgenosse Beethovens, j\u00fcnger als Haydn und Mozart und durchaus auch von diesen beeinflusst. Reicha, der ein vorz\u00fcglicher Fl\u00f6tist war, wirkte auch P\u00e4dagoge und seine Schriften waren \u2013 wie seine Kompositionen \u2013 \u00fcber ganz Europa verbreitet, was auch seinen emsigen Verlegern zu verdanken war. Unter ihnen war Simrock wohl der bedeutendste, \u00fcbrigens selbst ein Hornist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir h\u00f6ren mit den Musikerinnen und Musikern des Thalia Ensembles eine spannende und abwechslungsreiche Auff\u00fchrung beider Quintette. Reicha schreibt sehr genaue Vortragsbezeichnungen, die hier auch sehr gewissenhaft befolgt werden. Das leider nur auf Englisch vorliegende Booklet gibt auch Aufschluss \u00fcber die instrumentalen Schwierigkeiten, besonders, wenn es um die Ausf\u00fchrung auf den \u201enormalen\u201c modernen Instrumenten geht, bei denen die Klangbalance viel schwieriger zu erreichen ist als auf den \u201ehistorischen\u201c. Und das ist einer der echten Vorz\u00fcge dieser CD, dass sowohl Klang als auch weitgehend Tempo und Phrasierung sich dem Stand der Forschung und Erkenntnis zur damaligen Musizier-Praxis so weit als m\u00f6glich ann\u00e4hern. Das erweitert das Vergn\u00fcgen am H\u00f6ren dieser Musik des Anton Reicha, die im damaligen Paris einen regelrechten \u201eBoom\u201c ausl\u00f6ste. Reicha versteht es in diesen Quintetten den jeweiligen Instrumenten gem\u00e4\u00df ihrer Eigenart und M\u00f6glichkeiten sozusagen die Melodien und damit nat\u00fcrlich auch die Harmonien\u00a0 \u201eauf den Leib zu schneidern\u201c. Oft stellt er die h\u00f6chsten Register der Fl\u00f6te den tiefsten Lagen im Fagott gegen\u00fcber. Nat\u00fcrlich sind die Melodien von der Klassik beeinflusst, aber die h\u00e4ufige Verwendung auch h\u00f6chster oder tiefster Lagen, sowie die Einbeziehung der Chromatik in den Melodien, oder Tonartenwechsel innerhalb eines Satzes weisen durchaus dar\u00fcber hinaus in den Beginn der romantischen Tonsprache eines Car Maria von Webers zum Beispiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Quintette sind klassisch viers\u00e4tzig, eine Ausnahme bildet nur das sehr sch\u00f6ne Adagio \u201epour le cor anglais\u201c in d-moll, wo eben statt der Oboe ihre tiefere Variante, das Englischhorn, seine Farbe dazu gibt. In jedem St\u00fcck weist Reicha den verschiedenen Instrumenten neben melodischen Anteilen auch begleitende Funktion zu, und das Staunen, dass das (damals) ventillose Horn diese Aufgabe bestens erf\u00fcllt, ist nicht gering. Im gro\u00dfen Ganzen ist es ein Genuss, der Farbigkeit dieses Ensembles zu lauschen., das 2013 Gewinner eines Wettbewerbs in York war. Wenn ich mir nicht ab und an etwas mehr Gelassenheit und Ruhe in einzelnen S\u00e4tzen gew\u00fcnscht h\u00e4tte, aber das ist eine Crux, die fast allen wohlausgebildeten Musikerinnen und Musikern eignet: Sie k\u00f6nnen sich nur schwer in das Zeit- bzw. Lebensgef\u00fchl der damaligen Zeit hineinversetzen, in der bald darauf die ersten Eisenbahnen mit ihren anfangs 8 km\/h f\u00fcr medizinische Warnungen vor Herzinfarkten und anderen Gebresten sorgten, die bei solcher Geschwindigkeit unweigerlich eintr\u00e4ten\u2026 Sie hatten eben weder Fernsehen noch Internet, weder Auto oderFahrrad noch Telefon oder Handy, und ein galoppierendes Pferd mit seinen maximal 36 km\/h war das H\u00f6chste an Geschwindigkeit und das auch nur maximal zwanzig Minuten lang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Abgesehen von dieser \u2013 unserer schnelllebigen Zeit geschuldeten \u2013 Manier ist diese CD eine wahre Be-&#8222;Reicha&#8220;-rung der Musikwelt und zeigt wieder einmal die vorz\u00fcgliche Aufgabe, die der Tontr\u00e4ger haben kann und hat, wenn wir ihn intelligent zu nutzen verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Ulrich Hermann, Dezember 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antoine Reicha (1770 Prag-1836 Paris) Bl\u00e4ser-Quintette Thalia Ensemble CKD 471 Linn Records 6 91062 04712 8 Gewiss ist die Gattung des Streichquartetts oder des Klaviertrios mit Streichern den Bl\u00e4ser-Ensembles weit voraus an Literatur und Bedeutung in der Musikgeschichte, aber was w\u00e4re das klassische Orchester ohne seine Holzbl\u00e4ser oder seine H\u00f6rner?\u00a0 Schon lange vor den reinen &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/12\/15\/eine-be-reicha-rung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Eine Be-&#8222;Reicha&#8220;-rung<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[320,135,321],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/323"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=323"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/323\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":327,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/323\/revisions\/327"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}