{"id":3233,"date":"2019-05-09T12:08:57","date_gmt":"2019-05-09T10:08:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3233"},"modified":"2019-05-09T12:08:59","modified_gmt":"2019-05-09T10:08:59","slug":"die-welt-um-pleyel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/05\/09\/die-welt-um-pleyel\/","title":{"rendered":"Die Welt um Pleyel"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Heute spreche ich mit der Pianistin Varvara Manukyan, die gerade ihre\nSolo-CD mit Klavierwerken von Ignaz Pleyel, John Field, Camille Pleyel und\nFr\u00e9d\u00e8ric Chopin herausgegeben hat.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>[<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/03\/15\/die-klaviermanufaktur-pleyel-und-ihr-umkreis\/\">Rezension zur CD<\/a>]<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dies war ja Ihre erste CD-Publikation, oder?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja und nein. Dazu muss ich\nvielleicht zuerst einmal erz\u00e4hlen, wie ich zur internationalen Ignaz-Pleyel-Gesellschaft\n(IPG) kam. Den Ansto\u00df gab die Geigerin Cornelia L\u00f6scher, mit der ich zusammen\nim Duo und Trio spiele. Seit \u00fcber 10 Jahren pflegt sie die Verbindung zur\nPleyel-Gesellschaft und hat bereits als Studentin viele Werke von Ignaz Pleyel\naufgef\u00fchrt. Vor circa f\u00fcnf Jahren wurde sie vom Pr\u00e4sidenten der\nPleyel-Gesellschaft, Prof. Dr. Adolf Ehrentraud, gefragt, ob sie nicht eine\nHammerklavierspielerin kenne, mit der zusammen sie alle 48 Klaviertrios von\nIgnaz Pleyel einspielen k\u00f6nne. Durch unsere lange Zusammenarbeit hat sie mich\nempfohlen und so kam es, dass ich nach Ruppersthal zum Pleyel Zentrum gefahren\nbin und den Komponisten sowie sein Umfeld f\u00fcr mich entdeckt habe \u2013 und auch\nseine Fl\u00fcgel! In Arne Kirchner fanden wir noch einen wundervollen Cellisten,\nder neben modernen auch auf alten Instrumenten spielt, und so ist das IPG\nPleyel Klaviertrio entstanden. Mit diesem Trio haben wir bereits drei CDs mit\nje drei Trios aufgenommen, von denen bislang eine publiziert wurde [Ars 38 203;\nEAN: 4260052382035].<\/p>\n\n\n\n<p>Die CD\n\u201ePiano Recital\u201c ist meine erste Solo-CD, auf der ich neben einer Klaviersonate\nvon Ignaz Pleyel auch die romantischen Nocturnes von Field, Chopin und von\nCamille Pleyel, dem Sohn von Ignaz, aufgenommen habe. F\u00fcr die Trio-CD habe ich\neinen Hammerfl\u00fcgel vom Vater aus dem Jahr 1830 verwendet, der im Geburtshaus\nPleyels steht; auf der Solo-CD h\u00f6ren Sie Kl\u00e4nge eines Camille-Pleyel-Instruments,\ndas 1838 gebaut wurde. Die Instrumente sind wirklich sehr unterschiedlich, was\nauch die CDs voneinander abhebt \u2013 zus\u00e4tzlich zur Besetzung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie kamen Sie nun dazu, f\u00fcr die Solo-CD\neinen vergleichsweise jungen Fl\u00fcgel zu spielen? Die meisten der St\u00fccke\nentstanden ja bereits vor 1838 und in der damaligen Zeit entwickelten sich die\nKlaviere derartig schnell, dass wenige Jahre gro\u00dfe klangliche Differenzen geben\nkonnten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir hatten\neinerseits nat\u00fcrlich nicht die gr\u00f6\u00dfte Auswahl, was das Instrument betrifft.\nDieses Klavier steht im Pleyel Kulturzentrum in einem extra f\u00fcr Aufnahmen eingerichteten\nSaal. Ein anderes historisches Hammerklavier in den Saal zu transportieren,\nfand ich unn\u00f6tig, weil mir dieses Instrument f\u00fcr diese Werke sehr passend\nerschien. Die romantischen St\u00fccke von Field, Chopin und Camille Pleyel\nfunktionieren auf solch einem Klavier vielleicht sogar noch besser, als auf\neinem etwas fr\u00fcheren Instrument \u2013 obgleich, klar, die St\u00fccke vor dem Instrument\nentstanden. Camille Pleyel stand ja in enger Verbindung mit Chopin, der genau\nsolche Instrumente verwendete und auf ihnen spielte und komponierte.\nEntsprechend wunderbar ist es, die St\u00fccke auf genau solch einem Instrument\naufzunehmen. Gleiches gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Camille Pleyel selbst, der selbst\nkomponierte und nicht nur Klaviere baute. Von John Field wissen wir nicht,\nwelche Fl\u00fcgel er verwendete \u2013 aber vielleicht hat er seine Nocturnes und andere\nsp\u00e4tere Werke ebenfalls auf Instrumenten von Camille oder sogar von Ignaz\ngespielt. Die Fl\u00fcgel entsprechen gewisserma\u00dfen der Zeit der aufkeimenden\nRomantik und so schmeicheln sie auch den Werken dieser Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Den ersten Programmpunkt des Solorezitals\nbildet eine Klaviersonate von Ignaz Pleyel, die erstmalig eingespielt wurde.\nWie kamen Sie auf genau diese Sonate? Welchen Stellenwert nimmt allgemein die\nKlaviermusik im Schaffen Pleyels ein? Als Komponist kennt man ihn schlie\u00dflich,\nwenn \u00fcberhaupt, haupts\u00e4chlich f\u00fcr seine Streichquartette und Klaviertrios.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und selbst\nim Bezug auf Quartette und Trios ist der Name heute meist unbekannt, nur wenige\nwissen um seine Streichermusik und noch weniger um seine Klaviermusik. Im Laufe\nmeiner langj\u00e4hrigen Kooperation mit der Ignaz-Pleyel-Gesellschaft kam ich dazu,\nauch viele seiner Solowerke zu entdecken und zu spielen. In einem Jahr habe ich\nmich vor allem seinen Sonaten verschrieben; und diese Sonate wurde schnell zu\nmeiner Lieblingssonate, weshalb ich sie f\u00fcr diese CD ausgew\u00e4hlt habe. Pleyel\nVater musste einfach auf die CD, wenngleich er vielleicht programmatisch nicht\nunbedingt passt, da er im Gegensatz zu den anderen Komponisten kein Romantiker\nwar \u2013 aber ohne ihn w\u00e4re all das, was nachfolgt, unm\u00f6glich. Er h\u00e4lt all das\nandere zusammen, von den Komponisten der CD \u00fcber die Klavierfabrik bis hin zur\nIPG und dem Pleyelsaal. So entsteht eine ruhende Wahrnehmung des\ngesamten Programms.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bei der Sonate f\u00e4llt die Struktur auf, es gibt einen ziemlich langen\nKopfsatz, auf den zwei recht kurze S\u00e4tze folgen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Allgemein unterscheiden sich die\nKlaviersonaten Pleyels deutlich, bei dieser f\u00e4llt nat\u00fcrlich das kurze Finale\nauf; typisch allerdings sind knappe Mittels\u00e4tze. Diese zweiten S\u00e4tze bestechen\ndurch ihre Sanglichkeit: Man sagt, Pleyel singe in seinen Instrumentalwerken\nund es ist wirklich wahr, daran erkennt man ihn. W\u00e4hrend seines\nItalienaufenthalts, wo er bei Wanhal studierte, h\u00f6rte er sicherlich zahlreiche\nOpern, was sich dann in der Musik niederschlug. \u00dcber die dritten S\u00e4tze l\u00e4sst\nsich wenig Allgemeines aussagen, oft zeichnen sie sich aus durch eine\nspielerische, t\u00e4nzerische und lustige Art. Wie zu der Zeit oft \u00fcblich, liegt\ndas Hauptaugenmerk der Sonaten auf dem Kopfsatz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mozart sagte einmal, man erkenne viel Haydn in der Musik Pleyels, und\nschrieb das in einem Brief an seinen Vater nieder.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Richtig, Mozart schrieb, man\nw\u00fcrde den Meister (Haydn) gleich herauskennen. In dem Brief erw\u00e4hnte Mozart sogar,\ndass Pleyel Haydn einmal ersetzen, als sein Nachfolger wirksam werden k\u00f6nne.\nDas ist schon eine gro\u00dfe Vorhersage.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>W\u00fcrden Sie Mozart zustimmen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall kann ich nichts\ndagegen sagen; tats\u00e4chlich kam es jedoch anders und Pleyel wurde nicht Haydns Nachfolger.\n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sich letztlich nicht gerade positiv auf seine Nachwirkung\nausgewirkt hat. W\u00e4hrend bei Haydn die Fr\u00fchwerke vergleichsweise nur selten zu\nh\u00f6ren sind, wie beispielsweise die ersten Klaviersonaten, wurden und werden die\nsp\u00e4ten Werke damals wie heute regelm\u00e4\u00dfig aufgef\u00fchrt. Pleyel h\u00e4tte einen guten\nAnkn\u00fcpfungspunkt bekommen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau, aber so wissen wir nun\nwenig \u00fcber seine Rolle und k\u00f6nnen diese auch gar nicht nachvollziehen. Er\nschrieb so viele Werke, von Oper, Marionettenoper bis Kammer- und Klaviermusik\n\u2013 was wir alles nicht kennen, der Name ist den meisten nicht einmal ein\nBegriff.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie konnte das eigentlich passieren, dass Pleyel so schnell aus dem\nGed\u00e4chtnis der \u00d6ffentlichkeit verschwand?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ende des 18. und Anfang des 19.\nJahrhunderts z\u00e4hlte er zu den meistgespielten Komponisten Europas. Doch die\nGeschichte spielte gegen ihn: Er wohnte damals nicht in \u00d6sterreich, sondern in\nStra\u00dfburg, wo er die Franz\u00f6sische Revolution miterlebte. Viele der Komponisten,\nsogar der Autor der Marseillaise, wurden verhaftet \u2013 was Pleyel mehr oder\nweniger dazu zwang, eine Revolutionskantate zu schreiben. Sp\u00e4ter war sein Name\neinfach nicht mehr pr\u00e4sent, er findet sich nicht einmal in \u00f6sterreichischen\nSchulb\u00fcchern und Komponistenverzeichnissen \u2013 das k\u00f6nnte teils an den\npolitischen Umst\u00e4nden liegen, teils aber einfach am Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>\nPleyel teilt damit das Schicksal zahlloser gro\u00dfartiger Komponisten, die aus\nteils uneinsichtigen Gr\u00fcnden von der Bildoberfl\u00e4che verschwanden. Umso\nwichtiger finde ich es, sie heute wiederzuentdecken. Die Werke sollen von der\n\u00d6ffentlichkeit geh\u00f6rt und auch gespielt werden. Das ver\u00e4ndert die \u201eHierarchie\u201c\nder Komponisten, wie sie heute in den K\u00f6pfen der H\u00f6rer herumspukt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pleyel wirkte nicht zuletzt als Noteneditor, er verlegte zahlreiche\nWerke von Haydn, Clementi und Beethoven, hatte f\u00fcr manche Opera gar das\nalleinige Publikationsrecht. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt wohl kaum eine so\nvielseitige Figur in Europa wie Pleyel, der Komponist war, Klavierbauer,\nNoteneditor und auch Gr\u00fcnder vom Pleyelsaal, wo zahlreiche heute gro\u00dfe Namen\nwie Chopin deb\u00fctierten. Das zeigt uns seine Pers\u00f6nlichkeit in einer ganz\nanderen Rolle. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer geh\u00f6rte denn zum Umkreis von Ignaz Pleyel? Mit welchen Komponisten\nder Zeit stand er in Kontakt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Pleyel kannte viele Gr\u00f6\u00dfen der\nZeit, durch seine vielseitige Besch\u00e4ftigung konnte man sich seinem Einfluss\nkaum entziehen. Selbst Beethoven z\u00e4hlte zum Umkreis, wenngleich es keinen\nregelm\u00e4\u00dfigen Austausch gab. 1807 schrieb Beethoven dem Sohn, wobei er sich\nerkundigte, wie es dem Vater und ihm ginge, und er freue sich darauf, die\nbeiden wiederzusehen. Das sagt viel aus \u00fcber die Beziehung, da Beethoven\nbekannterweise nicht zu den einfachsten Menschen geh\u00f6rte \u2013 solch einen Brief\nh\u00e4tte er nicht ohne Grund geschrieben. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Spielte Beethoven auch auf einem Pleyel-Fl\u00fcgel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das l\u00e4sst sich schwer sagen. Aber\nzumindest kannte er sie und schrieb auch, dass er sie sehr sch\u00e4tze.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn wir auf der CD weitergehen, blicken wir nun auf das Umfeld von\nIgnaz Pleyels Sohn, Camille.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau, wir beginnen mit dem Kopf\ndes Ganzen, mit dem Vater und Gr\u00fcnder, dem \u201aM\u00f6glichmacher\u2018 all des Folgenden.\nDann gehen wir weiter zur Romantik, der auch Camille Pleyel angeh\u00f6rte. Hier\nbeginnen wir mit vier Nocturnes von John Field, der dieses Genre ins Leben\ngerufen hat. Dann widmen wir uns Camille Pleyel, welcher sich in seiner zu\nh\u00f6renden Nocturne \u201e\u00e1 la Field\u201c den Urspr\u00fcngen verschrieben hat, und sp\u00e4ter\nChopins drei Nocturnes als Apotheose der Gattung. Die drei Nocturnes op. 9\nstehen in Verbindung mit Pleyel, da sie Marie Moke Pleyel gewidmet sind, der\nFrau von Camille. Das macht die Dramaturgie der CD aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fangen wir mit John Field an: In welcher Beziehung stand er zur Pleyel\nFamilie? Kannten sie sich pers\u00f6nlich und hat er vielleicht sogar dort seine Klaviere\ngekauft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich pers\u00f6nlich wei\u00df es nicht. Er gab\nzwar zahllose Konzerte in ganz Europa, wohnte allerdings die meiste Zeit in\nMoskau. Field lebte zur gleichen Zeit wie Ignaz Pleyel und die\nPleyel-Hammerklaviere fanden international gro\u00dfen Zuspruch, weshalb ich mir\neine pers\u00f6nliche Begegnung durchaus vorstellen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich musste Fiel auf die CD,\nauch ohne Wissen um solch ein Treffen: denn Nocturnes ohne die Grundlagen\ndieser Gattung zu spielen, f\u00e4nde ich schade. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Aufnahme fiel mir auf, dass Sie in den Field-Nocturnes viel\nimprovisiert haben; zumindest in der rechten Hand, w\u00e4hrend der Bass unver\u00e4ndert\nweiterl\u00e4uft; bei Camille Pleyel nicht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei Pleyel sehe ich keine\nStellen, wo ich wirklich improvisieren w\u00fcrde, die Musik ist sehr selbstst\u00e4ndig.\nBei Field, vor allem in der ersten Nocturne, \u00f6ffnet sich ein ganz anderes Bild:\nHier laufen links die Triolen weiter und rechts stehen teils ganz lange Noten.\nDa fragt man sich, was das bedeuten soll. Ein historisches Klavier besitzt\nkeine so kr\u00e4ftige Diskant-Lage, um den Ton ausreichend lange klingen zu lassen.\nDie Note der Melodie geht unter und man h\u00f6rt nur die Triolen der Unterstimme \u2013\ndas funktioniert musikalisch nicht. So bin ich \u00fcberzeugt, dass hier wie auch in\nder fr\u00fcheren Musik (beispielsweise im Barock) improvisiert wurde. Entsprechend\nversuche ich, an diesen Stellen Neues einzuf\u00fcgen, und gleiches dort, wo es eben\nstilistisch passt. Wenn man dies geschmackvoll macht, erh\u00e4lt das St\u00fcck eine\nganz neue Dimension. Das gibt ihnen auch etwas Fantasievolles, da sich in den\nSt\u00fccken auch viel wiederholt, was so umgangen werden kann. Ich glaube, dass die\nNocturnes auch so gedacht waren; Field gibt uns diese M\u00f6glichkeiten, wir m\u00fcssen\nsie nur sehen und umsetzen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Improvisieren Sie jedes Mal spontan aus dem Moment heraus oder richten\nSie sich an feste Vorlagen, die Sie komponiert, beziehungsweise vorbereitet,\nhaben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe die einzelnen L\u00e4ufe und\nOrnamente aufgeschrieben und auswendig gelernt. Teils laufen die\nAusschm\u00fcckungen \u00fcber lange Strecken und sie m\u00fcssen auch zur Harmonik passen,\nund das bei all der Chromatik! Wenn es bei Bach oder seinen S\u00f6hnen kurze\nKadenzen gibt, die vielleicht zwei Takte lang sind: dort kann man jedes Mal\netwas Neues improvisieren, bei solch gro\u00dfem Format wie hier ist das allerdings\nkaum m\u00f6glich. Ich bin hier nach langem Nachdenken und Reflektieren auf eine\nVariante gekommen, die ich nun in Konzerten und auch auf der Aufnahme spiele.\nMittlerweile ist dies <em>obligato<\/em> f\u00fcr\nmich. Andere haben nat\u00fcrlich andere Ausschm\u00fcckungen und ich freue mich immer,\nim Konzert zu erleben, was andere aus dieser Nocturne machen mit ihren im\nbesten Sinne ganz eigenen Versionen &#8211; wie ein Fingerabdruck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Werke von Camille Pleyel geh\u00f6ren der Romantik an. Hat er in dieser\nStil-Atmosph\u00e4re begonnen oder sich langsam dorthin entwickelt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, er begann direkt in der\nRomantik und setzte sich deutlich vom Vater ab. Als er anfing, zu komponieren,\nbl\u00fchte der Stil bereits voll auf. Bei Camille entdeckt man sogleich einen ganz\npers\u00f6nlichen Stil, der zwar erkennbar zu seiner Zeit geh\u00f6rt, sich aber doch\ng\u00e4nzlich von anderen Komponisten der Zeit unterscheidet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Nocturne Camille Pleyels betitelt er selbst als \u201eStilkopie\u201c nach\nField. Schl\u00e4gt sich dies auch in der Musik nieder?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich dieses\nWerk in keiner Hinsicht als Stilkopie von Field bezeichnen, es steht ganz in\nCamille Pleyels Personalstil. Ich sehe dieses \u201e\u00e1 la Field\u201c eher als Hommage an\nden Erfinder der Gattung. Harmonisch heben sich die Komponisten deutlich\nvoneinander ab, was man h\u00f6rt, wenn man die beiden direkt gegen\u00fcberstellt, wie\nich es auf der CD gemacht habe. Das Empfindsame, das S\u00fc\u00dfliche der Intonation\nvon Field zum Beispiel, das findet sich nicht bei Pleyel. Auch ist Pleyels\nNocturne wesentlich k\u00fcrzer als die Beitr\u00e4ge von Field.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcber Chopin und seine drei Nocturnes Opus 9 m\u00fcssen wohl nicht viele\nWorte verloren werden, \u00fcber diese wurde von anderen bereits ausreichend\ngeschrieben. Oder wollen Sie noch etwas hinzuf\u00fcgen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt wirklich nicht viel. Was\naber vielleicht gesagt werden muss, ist, dass diese Werke auf einem\nhistorischen Instrument ganz anders klingen als auf einem modernen. Viele\nZuschauer, die diese Werke gut kennen und sie oftmals auf modernen Instrumenten\ngeh\u00f6rt haben, sind total \u00fcberrascht von der Wirkung, die sie auf dem\nhistorischen Fl\u00fcgel erhalten. Allgemein klingen sie etwas nachdenklicher \u2013 sie\nsollten auch ein bisschen langsamer gespielt werden \u2013 und erhalten eine\nsensiblere und melancholischere Note; wie sie Werke von Chopin eigentlich immer\nhaben sollten, was allerdings moderne Fl\u00fcgel uns nicht erlauben, da sie\nschneller und st\u00e4rker sind. Dadurch ergibt sich das Problem der heutigen\nWahrnehmung auf die Romantik und das Virtuosentum. All die Passagen mit den\nvielen kleingeschriebenen Noten, die heute in irrem Tempo heruntergespielt\nwerden, tragen eigentlich so viel Gesang und Feingef\u00fchl, sie umarmen den\ngesamten tonalen Rahmen. All das kann bei schnellem Tempo unm\u00f6glich realisiert\nwerden. Das alte Instrument erlaubt mir, so etwas aus der Musik herauszuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was kann sonst noch gesagt\nwerden? Vielleicht, dass die Widmungstr\u00e4gerin Marie Moke-Pleyel fr\u00fcher die\nVerlobte von Hector Berlioz war. Sie hat ihn dann aber verlassen und Camille\nPleyel geheiratet. Chopin kannte sie sehr gut und widmete die Nocturnes nicht\numsonst ihr: Sie geh\u00f6rte zu den wirklich bekannten Pianistinnen der damaligen\nZeit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie kamen Sie eigentlich dazu, sich auf historische Instrumente zu\nspezialisieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie so vieles war dies vielleicht\nZufall, vielleicht aber auch nicht. Irgendwie kam ich damals im\nTschaikowski-Konservatorium in Moskau in die Abteilung f\u00fcr historische\nAuff\u00fchrungspraxis, die Alexei Lubimov erst kurz zuvor er\u00f6ffnet hat; dort wirkte\nnicht nur er, sondern auch seine wunderbare Kollegin, Olga Martinova, die\nmittlerweile zur Professorin berufen wurde. Ich geh\u00f6rte damals zu den ersten\nStudentinnen dieser Abteilung und begann, mich mit historischer\nAuff\u00fchrungspraxis auseinanderzusetzen. Sp\u00e4ter habe ich dann verschiedene\nMeisterkurse besucht und kam schlie\u00dflich hier nach M\u00fcnchen, wo ich bei der\nCembalistin und Hammerklavierspielerin Christine Schornsheim studierte. Sie gab\nmeinem Spiel noch einmal neuen Schliff. Ich bin sehr dankbar daf\u00fcr, so tollen\nLehrern und Musikern auf meinem Weg begegnet zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die historische Auff\u00fchrungspraxis\nbietet uns einige Schwierigkeiten, so muss ich immer wieder die alten\nInstrumente ausfindig machen und zu Konzerten oder Aufnahmen transportieren.\nAndererseits ist das aber auch meine gro\u00dfe Leidenschaft und ich werde meinen\nWeg weiter gehen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Oft steht die historische Auff\u00fchrungspraxis massiv in der Kritik.\nKonzerte wie Aufnahmen gleicherma\u00dfen klingen rein erdacht und nicht mehr\nerlebt, wie Museumsst\u00fccke, die auf theoretischen Quellen basieren, ohne den\nBezug zum echten Leben zu haben. Sie haben einen anderen Zugang zur Musik und\nich merke beim H\u00f6ren Ihrer CD, dass Sie in gelebten Kontakt mit den Noten\ntreten, sie aktualisieren statt blo\u00df dar- oder gar auszustellen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin selbst oft sehr\nentt\u00e4uscht von Konzerten, in welchen die Musiker sich historisch informierten.\nOft werden die Instrumente missverstanden und die Musiker holen nicht das aus\nihnen hervor, was in ihnen steckt. Nicht umsonst haben wir die Vorurteile, alte\nInstrumente und besonders das Cembalo seien langweilig oder klingen wie eine\nN\u00e4hmaschine, mechanisch und ohne Dynamik. Nichts davon stimmt, sofern man das\nInstrument gut spielt. Wie bereits erw\u00e4hnt, bin ich gerade hier meinen Lehrern\ndankbar, dass Sie mir die technischen wie musikalischen Geheimnisse gezeigt\nhaben, die den Unterschied machen: denn man kann diese Musik auch auf andere\nWeise spielen, als man sie gewohnt ist. Selbstverst\u00e4ndlich hat eine gewisse\nEpoche ihre Techniken, die man erlernt, doch innerhalb dieses Rahmens gibt es\nnoch immer unendlich viele M\u00f6glichkeiten, sie stimmig einzusetzen und lebendig\nauf die Musik zu \u00fcbertragen. Wir sollten nicht vergessen: Als Musiker sind wir\nVermittler, und wenn wir diese Rolle gut umsetzen, dann leben auch die\nhistorischen Instrumente und ihre Techniken weiter und verlieren nichts an\nihrer Aussagekraft. Wenn wir die Rolle missverstehen, erkl\u00e4rt es sich von\nselbst, dass das Publikum die modernen Instrumente bevorzugt \u2013 und das, obwohl\ndie Musik gar nicht f\u00fcr sie geschrieben wurde. H\u00e4tte Chopin einen Steinway\ngehabt, kl\u00e4nge seine Musik vermutlich vollkommen anders.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was halten Sie denn von Aufnahmen auf modernen Fl\u00fcgeln?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich besch\u00e4ftige mich jetzt nicht\nintensiv damit, aber erkenne trotzdem sofort, ob sich ein Pianist Gedanken\ngemacht hat, f\u00fcr welche Instrumente die Musik geschrieben wurde oder nicht. Er\nmuss ja nicht gleich Cembalo oder Hammerklavier spielen, aber dennoch bemerkt\nman, ob er zumindest ein bisschen Ahnung \u00fcber sie besitzt \u2013 und das ist\nwahrscheinlich entscheidender.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Walter Gieseking schrieb einmal, man solle Bach auf modernen Klavieren\nspielen, aber immer das Cembalo als Idee im Kopf haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Cembalo ist dynamisch und im\nBezug auf gewisse Spielweisen eingeschr\u00e4nkt, doch Bachs Musik ist zu einem guten\nTeil daf\u00fcr konzipiert. Insofern sollte der heutige Pianist sich bewusst sein,\nwelche M\u00f6glichkeiten ein Cembalo hat und welche nicht \u2013 es m\u00fcssen Kompromisse\neingegangen werden. Der Musiker muss etwas erzeugen, dass sich mit der \u00c4sthetik\ndes Cembalos vereinbaren l\u00e4sst und nicht selbst kreieren. Dann n\u00e4mlich w\u00e4re es\nein Arrangement.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir hatten ja bereits gesagt, dass sich zu der Zeit von Pleyel die\nKlaviere schnell entwickelten. Was f\u00fcr Unterschiede gibt es denn zwischen den\nInstrumenten von 1830 und 1838, die Sie gespielt haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Instrument des Vaters besitzt\ngerade im Diskant etwas Silbriges, allgemein herrscht ein Glanz vor, das\nInstrument wirkt leichter. Beim Sohn fehlt diese Brillanz, daf\u00fcr \u00fcberragt das\nKlavier durch eine sanfte Ged\u00e4mpftheit; w\u00e4hrend beim Vater die obere Lage\n\u00fcberwiegt, l\u00e4sst sich beim Sohn besser mischen, die Mittellage scheint recht\nneutral und die Tiefe brummt sonor herauf. Man muss diese Instrumente einmal\ngeh\u00f6rt haben, um sich der enormen Unterschiede bewusst zu werden, die\nletztendlich Ausschlag geben f\u00fcr die \u00c4sthetik der Epoche. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die gro\u00dfen Konkurrenten von Pleyel war die Klaviermanufaktur S\u00e9bastien\n\u00c9rard. Wo liegen denn die Unterschiede zwischen beiden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber wurde bereits viel\ngeschrieben, Rubinstein vermerkte beispielsweise einiges dar\u00fcber in seiner\nAutobiographie \u201eMein gl\u00fcckliches Leben\u201c. Aus meiner Sicht kann ich sagen, dass\n\u00c9rard-Fl\u00fcgel wesentlich schwerer sind, Anschlag wie Klang. Die Tasten sehen\nganz anders aus und es entsteht ein \u201egepuffter\u201c Klang, er besitzt nicht diese\nBrillanz der Pleyel-Klaviere. Diese Brillanz inspirierte auch Chopin, der\nsagte, seine Werke k\u00f6nne man nur auf einem Pleyel-Fl\u00fcgel auff\u00fchren. Die Seele\nseiner Kunst liege eben bei einem Klavier von Pleyel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nun sollten wir noch auf einen ganz wichtigen Punkt aufmerksam machen,\nund zwar, wie diese CD-Produktion und mit ihr viele anderen um Ignaz Pleyel\nerm\u00f6glicht werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Projekt und viele weitere\nkonnten durch die internationale Ignaz-Pleyel-Gesellschaft realisiert werden,\ndie bereits seit 25 Jahren existiert. Geleitet wird die Gesellschaft durch\nProf. Dr. Adolf Ehrentraud, der nicht nur CD-Produktionen finanziert und\nerm\u00f6glicht, sondern auch das Museum leitet, dort F\u00fchrungen macht und Konzerte\nveranstaltet. Als Gr\u00fcndervater macht er diese wundervolle Arbeit seit der\nersten Sekunde der IPG an.<\/p>\n\n\n\n<p>Es begann mit einem Museum, das\nmittlerweile wirklich sch\u00f6n eingerichtet wurde inklusive Marionetten aus einer\nPuppen-Oper, die oben aufgeh\u00e4ngt wurden, und vielen Gem\u00e4lden aus der Zeit. Es\ngibt einen herrlichen Pleyel-Fl\u00fcgel aus einem Opus, von dem nur noch sieben\nExemplare enthalten sind. Ein Pianino steht dort ebenso wie Pleyel-Harfen, die\nmittlerweile kaum noch jemand spielen kann. Ich kann nur jedem empfehlen, der\nin Nieder\u00f6sterreich N\u00e4he Wien ist, das Museum einmal zu besuchen! Seit drei\nJahren entsteht in der N\u00e4he ein Pleyel-Kulturzentrum mit einem Konzertsaal, der\neine ausgesprochen gute Akustik hat. Dort werden auch die Aufnahmen gemacht, in\ndiesem Saal mit etwa 150 Pl\u00e4tzen, wo auch das Instrument vom Sohn steht.\nProfessor Ehrentraud hat vieles davon selbst gespendet und auch das Land\nNieder\u00f6sterreich hat geholfen, all das zu errichten. Jetzt im April haben wir\nnoch ein Benefizkonzert gespielt, damit sich das Kulturzentrum auch weiterhin\nentwickeln kann. Aktuell wird an einem Anbau gearbeitet, aber die Konzerte\nlaufen nat\u00fcrlich weiter; Termine findet man alle auf der Homepage <a href=\"https:\/\/www.pleyel.at\">https:\/\/www.pleyel.at<\/a>. Selbst werde ich im\nJuni und Juli dort wieder spielen, mindestens drei Mal im Jahr trete ich im\nKulturzentrum auf und freue mich auf weitere Zusammenarbeit mit der IPG.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute spreche ich mit der Pianistin Varvara Manukyan, die gerade ihre Solo-CD mit Klavierwerken von Ignaz Pleyel, John Field, Camille Pleyel und Fr\u00e9d\u00e8ric Chopin herausgegeben hat. [Rezension zur CD] Dies war ja Ihre erste CD-Publikation, oder? Ja und nein. Dazu muss ich vielleicht zuerst einmal erz\u00e4hlen, wie ich zur internationalen Ignaz-Pleyel-Gesellschaft (IPG) kam. 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