{"id":3239,"date":"2019-05-15T08:58:33","date_gmt":"2019-05-15T06:58:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3239"},"modified":"2019-05-15T08:58:35","modified_gmt":"2019-05-15T06:58:35","slug":"fingeruebung-und-enzyklopaedie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/05\/15\/fingeruebung-und-enzyklopaedie\/","title":{"rendered":"Finger\u00fcbung und Enzyklop\u00e4die"},"content":{"rendered":"\n<p>Cpo 555 169-2; EAN: 7 61203 51692<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0105.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3240\" width=\"291\" height=\"291\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0105.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0105-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/N0105-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Vorliegende Doppel-CD beinhaltet alle 120 Pr\u00e4ludien aus Carl Czernys\nOpus 300, der Kunst des Pr\u00e4ludierens, gespielt von Kolja Lessing.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Klaviersch\u00fcler kennen und\nf\u00fcrchten Carl Czerny f\u00fcr seine schier nie enden wollende Vielzahl an stumpfen\nFinger\u00fcbungen, und dieses Bild hat sich bis heute in unsere K\u00f6pfe eingebrannt.\nDahinter zur\u00fcck bleiben teils bedeutende Werke aus seiner Feder wie die Klavierkonzerte\noder zahlreichen Symphonien. Franz Liszt und Sigismund Thalberg w\u00e4hlten nicht\numsonst Czerny als Lehrer: nicht die Virtuosit\u00e4t, sondern die dahinterstehende\nKunst \u00fcberzeugten sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Czernys Lehrern wiederum z\u00e4hlten\nLudwig van Beethoven, Muzio Clementi, Antonio Salieri und Johann Nepomuk\nHummel, was auch die Vielf\u00e4ltigkeit seines Stils begr\u00fcndet. Czerny vermochte\nes, cham\u00e4leonartig zwischen den Klangwelten des Barocks, der Wiener Klassik und\nder beginnenden Romantik (bis hin zu Mendelssohn und Chopin) zu changieren, sie\nteils gar miteinander zu verschmelzen. In seinen gr\u00f6\u00dferen Werken erinnert er\noftmals an die Musik von Hummel, die zwar vor virtuosen H\u00f6chstleistungen\nstrotzen, welche allerdings nur selten dem reinen Selbstzweck dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als \u201emusikalische Enzyklop\u00e4die in\naphoristischer Konzentration\u201c beschreibt Kolja Lessing die Kunst des\nPr\u00e4ludierens op. 300 und vergleicht sie mit den etwa zur gleichen Zeit\naufkommenden W\u00f6rterb\u00fcchern der Deutschen Sprache, vor allem demjenigen der\nVorreiter Jacob und Wilhelm Grimm. Die Kunst des Pr\u00e4ludierens aus der Feder\nCzernys umfasst insgesamt 120 Pr\u00e4ludien, von denen viele nur wenige Sekunden\ndauern und manche sogar lediglich eine Modulation umspielen. Andere jedoch\nerstrecken sich \u00fcber bis zu f\u00fcnf Minuten (\u00f6fter jedoch zwei bis vier) und\nbeinhalten ganze Kosmen en miniature, komprimierte Opernszenen inklusive\nOuvert\u00fcre oder kurze Sonat(in?)ens\u00e4tze. Czerny versetzt sich in die Rolle des\nmusikhistorischen Beobachters und greift f\u00fcr seine Pr\u00e4ludien gewisse Elemente\nvergangener Epochen heraus, barocke S\u00e4tze und Techniken, klassische Formen,\nfr\u00fchromantische Verspieltheit und beginnende Erweiterungen der Tonalit\u00e4t.\nOftmals winken uns Komponisten wie Bach, Mozart, Mendelssohn, Chopin und\nPaganini, teils w\u00f6rtlich zitiert; manchmal ahnt man schon die sp\u00e4teren Techniken\nvon Liszt vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gestaltet sich als schwierig,\netwas Allgemeing\u00fcltiges \u00fcber dieses Sammelwerk zu sagen, da die Pr\u00e4ludien nicht\neinheitlich zusammengeh\u00f6ren, sondern die Vielfalt als \u00c4sthetik sehen. Viele von\nihnen d\u00fcrften als reine Finger\u00fcbungen anzusehen sein, andere hingegen zeugen\nvon inspiriertem K\u00f6nnen. Ob nun die Kunst des Pr\u00e4ludierens als Gesamtheit\naufgenommen sich lohnt? Dies ist kaum zu beantworten: Eine kleine Auswahl der\naussagekr\u00e4ftigen Pr\u00e4ludien w\u00fcrde deren Pr\u00e4senz besser unterstreichen und sie\nnicht in der Masse untergehen lassen; und doch offenbart uns der Blick auf die\nepochen\u00fcbergreifende Stilvielfalt spannende Gegen\u00fcberstellungen, Kontraste wie\nGemeinsamkeiten. Auch der Pianist Kolja Lessing schwimmt etwas in der Masse,\nkann die individuellen Merkmale der einzelnen Pr\u00e4ludien nicht voll zur Geltung\nbringen. In den reinen Finger\u00fcbungen scheint er gar teils zu stolpern, w\u00e4hrend\ner den romantischen Pr\u00e4ludien wenig Gef\u00fchl zu entlocken wei\u00df. Lessing\nkonzentriert sich auf die Wiedererkennbarkeit von Zitaten und dort bl\u00fcht er auch\nauf, so beispielsweise im letzten Pr\u00e4ludium mit der Quelle aus Bachs\ncis-Moll-Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier Band I; auch die opernhaften\nFiguren l\u00e4sst er aus den instrumentalen T\u00f6nen auferstehen und holt Bellinis\nFlair aufs Klavier.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Mai 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cpo 555 169-2; EAN: 7 61203 51692 Vorliegende Doppel-CD beinhaltet alle 120 Pr\u00e4ludien aus Carl Czernys Opus 300, der Kunst des Pr\u00e4ludierens, gespielt von Kolja Lessing. Klaviersch\u00fcler kennen und f\u00fcrchten Carl Czerny f\u00fcr seine schier nie enden wollende Vielzahl an stumpfen Finger\u00fcbungen, und dieses Bild hat sich bis heute in unsere K\u00f6pfe eingebrannt. Dahinter zur\u00fcck &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/05\/15\/fingeruebung-und-enzyklopaedie\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Finger\u00fcbung und Enzyklop\u00e4die<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[2361,428,3087],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3239"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3239"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3239\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3241,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3239\/revisions\/3241"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}