{"id":3276,"date":"2019-06-05T12:07:36","date_gmt":"2019-06-05T10:07:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3276"},"modified":"2019-06-05T12:08:04","modified_gmt":"2019-06-05T10:08:04","slug":"intimitaet-und-hochkaraetige-konzerte-festspiele-in-bergen-2019","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/06\/05\/intimitaet-und-hochkaraetige-konzerte-festspiele-in-bergen-2019\/","title":{"rendered":"Intimit\u00e4t und hochkar\u00e4tige Konzerte: Festspiele in Bergen 2019"},"content":{"rendered":"\n<p>Zum zweiten Mal hatte ich das Gl\u00fcck, den Festspielen in Bergen beiwohnen zu d\u00fcrfen. Drei Tage verbrachte ich in Norwegens zweitgr\u00f6\u00dfter Stadt, besuchte Proben und Konzerte. K\u00f6nig Haakon VII er\u00f6ffnete 1953 die ersten Festspiele, welche sich auf Edvard Griegs \u201eMusikkfest i Bergen\u201c von 1898 beriefen.\u00a0 Mittlerweile gelten sie als gr\u00f6\u00dftes Musikfest Nordeuropas, welches einmal j\u00e4hrlich im Lauf von 15 Tagen mehr als 200 Veranstaltungen bietet. Mehrere B\u00fchnen und Festzelte zieren Bergen in der Zeit der Festspiele und auch die H\u00e4user der Komponisten Edvard Grieg (Troldhaugen), Ole Bull (auf der Insel Lys\u00f8en) und Harald S\u00e6verud (Siljust\u00f8l) \u00f6ffnen ihre Pforten f\u00fcr mehr oder weniger kleine Wohnzimmerkonzerte. Besonders f\u00e4llt dabei die Intimit\u00e4t auf, die sich das Festival trotz des enormen Besucheransturms gewahrt hat: Die Musiker interagieren mit dem Publikum und sitzen, wenn sie gerade nicht auf der B\u00fchne stehen, oft selbst im Zuschauerraum. Schnell kommt man ins Gespr\u00e4ch mit anderen H\u00f6rern oder den Musikern, man f\u00fchlt sich sofort aufgenommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Anreise von M\u00fcnchen am 23. Mai dauerte mit Stopp in Oslo\netwa vier Stunden und mit der Byban (Stadtbahn) braucht man etwa eine\ndreiviertelte Stunde direkt zum Bypark (Stadtpark). Schon hier begegnete mir\nMusik: Bei jeder der 26 Stationen erklingt eine andere Melodie, beim Ausstieg\nzu Siljust\u00f8l nat\u00fcrlich ein Klavierst\u00fcck S\u00e6veruds und bei Troldhaugen Griegs\nKlavierkonzert.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt nach meiner Ankunft eilte ich bereits ins erste\nKonzert: Das Concerto Copenhagen spielte alle sechs Brandenburgischen Konzerte\nBachs in der H\u00e5konshallen, geleitet von Lars Ulrich Mortensen am Cembalo. Das\nimposante Geb\u00e4ude mit seinen d\u00fcsteren Steinw\u00e4nden und den kunstvoll verzierten\nFenstern wurde 1247-1261 vom K\u00f6nig H\u00e5kon H\u00e5konsson im K\u00f6nigshof als Festsaal\nerrichtet und im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert grundlegend restauriert und\nwiederhergestellt. Der gro\u00dfe Saal eignet sich ideal beispielsweise f\u00fcr\nChorkonzerte, ist jedoch deutlich zu gro\u00df f\u00fcr Auftritte mit historischen\nInstrumenten aus der Barockzeit, wie ich bei den Brandenburgischen Konzerten\nbemerkte. Selbst bei mir in der achten Reihe kam kaum Dynamik an, die Musik\nverlor sich nach oben zur hohen Decke hin. So l\u00e4sst es sich schwer sagen, ob es\nden Musikern oder rein der Akustik der Halle zu verschulden war, dass die erste\nVioline die anderen Streicher vollkommen \u00fcberdeckt hat und noch weniger vor den\nFl\u00f6tistinnen Katy Bircher und Kate Hearne Haltmachte, deren kunstvolle Soli im\nvierten Konzert sich fast zur Unh\u00f6rbarkeit aufl\u00f6sten. Die im F-Dur-Konzert\nhinzukommende Oboe kam etwas besser zum Vorschein. Neben der ersten Geige trat\nmeist auch das Cembalo \u00fcberlaut auf, besonders das f\u00fcnfte Konzert wurde mehr\nzum Solokonzert als zum Concerto Grosso, die Fl\u00f6te verblasste vollkommen und\nselbst die Geige fiel teils hinter dem Clavier zur\u00fcck. Am besten gelang das\nB-Dur-Konzert mit den ph\u00e4nomenalen Bratschensolisten John Crockatt und Simone\nJandl, die enorme F\u00fclle und Farbe aus ihren Instrumenten lockten. Man muss dem\nConcerto Copenhagen zugutehalten, dass sie mit gr\u00f6\u00dfter Leidenschaft und\nSpielfreude musizieren, die wirklich ansteckend auf das Publikum wirkte \u2013\nschade hingegen, dass sie dar\u00fcber hinaus den Bezug zu stimmigen Tempi missachteten.\nGerade bei einer so gewaltigen Halle mit f\u00fcr diese Besetzung schwieriger Akustik,\nh\u00e4tten ruhigere Tempi sich wohltuend auf den Gesamteindruck ausgewirkt; statt\ndessen rasten die Musiker durch die Rands\u00e4tze, \u00fcberspielen so zahllose\nharmonische und kontrapunktische Finessen, und nahmen selbst die mit Adagio\n\u00fcberschriebenen S\u00e4tze z\u00fcgigen Schrittes. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich den folgenden Tag haupts\u00e4chlich Proben des bevorstehenden Hvoslef-Konzerts beiwohnte, h\u00f6rte ich am Abend eine erfrischende Gegendarstellung, was man aus der Akustik der H\u00e5konshallen herausholen kann. Der Edvard Grieg Kor (Hilde Hagen, Ingvill Holter, Turid Moberg, Daniela Iancu Johannessen, Tyler Ray, Paul Robinson, \u00d8rjan Hartveit und David Hansford) sang die Fire salmer op. 74 von Edvard Grieg (Arr. Tyrone Landau), S\u00e6terjentes s\u00f8ndag von Ole Bull und Aften er stille von Agathe Backer-Gr\u00f8ndahl (Arr. Paul Robinson), sowie drei S\u00e4tze aus Griegs Holbergsuite arrangiert von Jonathan Rathbone f\u00fcr Chor.<br \/> Der Bariton Aleksander Nohr sang das Solo in Griegs Salmer mit einf\u00fchlsamer und sonorer Stimme, ging klanglich auf den erweiterten Edvard Grieg Kor, hier geleitet von H\u00e5kon Matti Skrede, ein und verschmolz mit ihnen zu einer Einheit. Beim letzten Psalm, Im Himmel, stieg er zur gl\u00e4sernen Rosette auf und lie\u00df seine Stimme feinf\u00fchlig von oben aufs Publikum herunterregnen. Zwischen den vier Psalmen trat Silje Solberg an der Hardingfele (Hardangerfiedel) auf, zauberte echt norwegischen Flair in den Saal, in enormer stilistischer F\u00fclle der markanten, dissonanzgeladenen Tonsprache nordischer Folklore. Die folgenden Werke sang das Oktett des Chors alleine, wobei sich die Stimmen vortrefflich mischten. Leicht und frisch klangen sie, durchdrangen die polyphonen Strukturen und stimmten die einzelnen Melodielinien genauestens aufeinander ab. Zuletzt gab es drei S\u00e4tze aus Griegs Holberg-Suite, wobei sich das Arrangement vor allem auf die Streichorchesterfassung st\u00fctzt, sich jedoch den menschlichen Stimmen anpasst \u2013 eine wirklich funktionierende Bearbeitung!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-4-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3278\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-4-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-4-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-4-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Troldhaugen Villa (Foto: Oliver Fraenzke, 2019)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Direkt im Anschluss fuhr der Bus nach Troldhaugen, dem Wohnsitz von Edvard Grieg, wo sich auch dessen Grab sowie sein Komponierh\u00e4uschen befinden. Mittlerweile steht neben dem Haus ein Konzertsaal und ein Museum, doch das heutige Konzert findet in Griegs Wohnzimmer auf seinem Steinway von 1892 statt: Paul Lewis spielt die Diabellivariationen op. 120 Ludwig van Beethovens. Vorletztes Jahr durfte ich selbst feststellen, wie anders sich Griegs Steinway im Vergleich zu heutigen Klavieren spielt und welch enorme Flexibilit\u00e4t vom Pianisten verlangt wird, dem Anschlag, Pedal und Klang die volle Substanz zu entlocken. Paul Lewis fiel dies leicht, problemlos differenzierte er in Anschlag und Pedalisierung, holte aus jeder der 33. Ver\u00e4nderungen Beethovens eine eigene Klangwelt. Die einzelnen Variationen setzte er deutlich voneinander ab, was ihnen einerseits f\u00fcr sich betrachtet Kontur verlieh und ihre Besonderheiten unterstrich, andererseits jedoch die zwingende Finalkonvergenz unterminierte. Den Akkorden gab Lewis Kern und Griff, ohne sie donnern zu lassen, die Gedanken der jeweiligen Ver\u00e4nderung mei\u00dfelte der Pianist deutlich heraus. Vor allem die Rhythmik bedachte Lewis, fokussierte sich auf die punktierten Noten und lie\u00df sie deutlich hervorstechen. Nachher gab es sogar noch eine kleine und beschauliche Zugabe, eine Seltenheit nach solch einem Koloss \u2013 leider handelte es sich bei dieser nicht wie erhofft um Bachs Goldbergvariationen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-5-e1559729054147-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3279\" width=\"401\" height=\"534\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-5-e1559729054147-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-5-e1559729054147-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 401px) 100vw, 401px\" \/><figcaption>Griegs Steinway &amp; Sons aus dem Jahr 1892 (Foto: Oliver Fraenzke, 2019)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der folgende Tag drehte sich f\u00fcr mich in erster Linie um die Familie S\u00e6verud; zun\u00e4chst ging es zum Haus von Harald S\u00e6verud, Siljust\u00f8l, und am Abend gab es ein Konzert ausschlie\u00dflich mit Werken seines j\u00fcngsten Sohns, Ketil Hvoslef. Eine Alm, norwegisch St\u00f8l, sei das Zentrum der Welt, sprach der Komponist Harald S\u00e6verud einmal, und so bezeichnete er auch sein Haus, wenngleich das gewaltige Geb\u00e4ude auf dem 176.000 Quadratmeter gro\u00dfen Grundst\u00fcck zun\u00e4chst einmal wenig wie eine Sennh\u00fctte wirkt. Erst wenn man hineingeht in das Anwesen, erkennt man den lieblichen und naturverbundenen Charme: wir finden vorwiegend recht kleine und liebevoll detailliert eingerichtete Zimmer, die haupts\u00e4chlich aus Stein und Holz bestehen. Alles wurde so gelassen, wie S\u00e6verud es im Jahr seines Todes 1992 hinterlie\u00df. Jeder Gegenstand hat eine Geschichte und wenn man einmal die Angeh\u00f6rigen des Komponisten nach ihnen befragt, so sprudeln sie f\u00f6rmlich \u00fcber vor Anekdoten \u00fcber alle noch so unscheinbaren Einzelheiten. Fertiggestellt wurde Siljust\u00f8l 1939 im Geburtsjahr Ketils, erm\u00f6glicht durch die wohlhabende Familie von Haralds Frau Marie Hvoslef, und umspannt eine gewaltige Parkanlage mit urt\u00fcmlich wirkenden W\u00e4ldern und einen riesigen See, den S\u00e6veruds Familie einen ganzen Sommer lang ausgehoben hat \u2013 mittlerweile befindet sich auch ein Golfplatz auf dem Grundst\u00fcck, wenngleich ich mir nicht vorstellen kann, dass dies in S\u00e6veruds Sinne gewesen ist, der ja doch die Natur und die Nat\u00fcrlichkeit jeder K\u00fcnstlichkeit vorzog. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3281\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-1-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-1-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>In SIljust\u00f8l (Foto: Oliver Fraenzke, 2019)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Heute stand das Wohnzimmer in Siljust\u00f8l voll: Der steinerne Anbau an das Zimmer, in dem S\u00e6verud seine G\u00e4ste empfing, wurde nun wie das restliche Zimmer auch mit St\u00fchlen vollgepfropft, um gen\u00fcgend H\u00f6rern das Konzert zu erm\u00f6glichen. Zwei Nachwuchsk\u00fcnstler gaben ihr Debut im Rahmen der Festspiele: der Tenor Eirik Johan Gr\u00f8tvedt und der Pianist Eirik Haug St\u00f8mner. Auf dem Programm standen f\u00fcnf Lieder von Edvard Grieg, die ersten zwei Lette Stykker op. 18 von Harald S\u00e6verud, Schumanns Dichterliebe op. 48 und f\u00fcnf fr\u00fche Lieder aus op. 10 und 27 von Richard Strauss. Mit den jungen Musikern haben die Festspiele zwei aufstrebende Talente entdeckt, die es zu f\u00f6rdern wert ist. Enormes Potential steckt in der Stimme des Tenors Eirik Johan Gr\u00f8tvedt, der eine enorme Vielfalt an Emotionen glaubhaft und mitf\u00fchlbar vermittelt, dabei angenehm weich bleibt und ein wunderbares Timbre besitzt. Mich erstaunte, wie dialektfrei Gr\u00f8tvedt deutsch sang, man erkannte fast keine nordische F\u00e4rbung des Tonfalls. Einmal mehr spielte leider die Akustik gegen die H\u00f6rer, denn der Raum war diesmal zu klein f\u00fcr eine starke Stimme im Forte, wenn sie direkt vor der ersten Publikumsreihe abgefeuert wird und an den Steinw\u00e4nden vielfach zur\u00fcckklingt. Der Fl\u00fcgel des Komponisten ist nat\u00fcrlich genauestens auf den Raum abgestimmt und kann sich gut entfalten. Eirik Haug St\u00f8mner konnte vor allem in Schumanns Dichterliebe \u00fcberzeugen, die er dynamisch, flie\u00dfend und vielseitig begleitete, sich minuti\u00f6s auf den Tenor einrichtete. Auch bei Strauss kamen diese Eigenschaften zum Tragen, und lediglich in den zwei fragilen S\u00e6verud-Miniaturen fehlte es ihm noch an Kontrolle \u00fcber den Anschlag, Abstimmung der Akkorde in sich und zwingender Stringenz der Linien. In Griegs Liedern schwelgten beide Musiker miteinander in den reichen Ausdruckswelten, ohne diese zu \u00fcberziehen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-2-e1559729157583-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3280\" width=\"359\" height=\"479\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-2-e1559729157583-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Festspiele-Bergen-2-e1559729157583-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 359px) 100vw, 359px\" \/><figcaption>Das Komponierzimmer Harald S\u00e6veruds (Foto: Oliver Fraenzke, 2019)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Highlight und einer der wichtigsten Beweggr\u00fcnde f\u00fcr\ndiese Reise war das am Abend stattfindende Konzert anl\u00e4sslich Ketil Hvoslefs\n80. Geburtstags (auch wenn dieser erst im Juli liegt). Am Vortag h\u00f6rte ich\nbereits bei den Proben zu und sprach die restliche Zeit mit Ricardo Odriozola\nund Glenn Erik Haugland um Leben und Musik des Komponisten. Programmiert waren\ndie Streichquartette Nr. 1 (1969) und 4 (2007; rev. 2017) [gespielt von:\nRicardo Odriozola, Mara Haugen, Ilze Klava und Ragnhild Sannes], welches heute\nerstmalig aufgef\u00fchrt wurde, das Trio f\u00fcr Sopran, Alt und Klavier (1974; rev.\n1975) [Mari Galambos Grue, Anne Daugstad Wik und Einar R\u00f8ttingen], Octopus Rex\nf\u00fcr acht Celli (2010) [John Ehde, Finlay Hare, Markus Eriksen, Tobias Olai\nEide, Ragnhild Sannes, Marius Laberg, Carmen B\u00f3veda, Milica Toskov] und das\nKonzert f\u00fcr Violine und Pop Band (1979) [Ricardo Odriozola, Einar R\u00f8ttingen,\nH\u00e5kon Sj\u00f8vik Olsen, Benjamin Kallestein, Peter Dybvig S\u00f8reide, Thomas Linke\nLossius und Sigurd Steinkopf]. Ketil Hvoslef wurde 1939 in Bergen geboren und\nwuchs in Siljust\u00f8l in Frieden und Harmonie auf; anfangs wollte er Maler werden,\ngab diesen Traum allerdings auf, als sein Lehrer ihm vorwarf, zu wenig Aussage\nzu vermitteln. Seine Laufbahn als Komponist beschritt er eher durch Zufall,\nindem er, nur f\u00fcr sich selbst, ein kleines Klavier-Concertino schrieb. Als dies\nsein Vater Harald S\u00e6verud bemerkte, \u00fcbertrug er ihm sogleich einen Auftrag f\u00fcr\nein Bl\u00e4serquintett, zu welchem er keine Zeit hatte \u2013 oder keine Lust. Als Ketil\nsich dazu entschied, sich dem Komponieren zu verschreiben, nahm er den Namen\nseiner Mutter an, um nicht zwei S\u00e6veruds als Komponisten zu haben und diese\nimmer zu verwechseln. Vater und Sohn unterscheiden sich deutlich in ihrer\nMusik, nicht nur in den pr\u00e4ferierten Genres (S\u00e6verud verehrte die Symphonie und\neher klassische Besetzungen, Hvoslef schreib nicht eine Symphonie und widmete\nsich ungew\u00f6hnlichen Instrumentalkombinationen), sondern auch musikalisch: S\u00e6veruds\nInspiration lag bei Mozart und den Klassikern sowie in der Natur, die er\nregelm\u00e4\u00dfig in T\u00f6ne bannte; Hvoslefs Zugang ist abstrakter, er nennt\nbeispielsweise Strawinsky als Idol und bringt immer ein technisch-mechanisches\nElement in seine Werke. Die Musik Hvoslefs lebt von Kontrasten und unerwarteten\n\u00dcberraschungen: Nur selten finden wir eine Melodielinie oktaviert in gleicher\nDynamik und Ausdrucksweise, viel eher trennt sie eine kleine Non, eine Stimme ist\nlaut und eine leise, eine gebunden und eine abgesetzt. Es gibt Platz f\u00fcr Lyrik\nund Sinnlichkeit, aber sie wird schnell unterminiert von anderen Elementen, pl\u00f6tzlich\nad absurdum getrieben oder direkt von Anfang an immer wieder gest\u00f6rt. Das\nMaterial reduziert Hvoslef so weit wie m\u00f6glich, er beschr\u00e4nkt sich in jeder\nHinsicht auf das Wesentliche und sieht eben darin den Reiz. Dabei funktionieren\nseine neuartigen Formen jedes Mal aufs Neue. Als ich ihn danach fragte, wie er\ndenn eine Form schaffe beim Komponieren, antwortete er: \u201eIch denke nicht an\nForm. Ich schreibe ein Thema, und das Thema gibt dann vor, wie es weitergehen\nmuss.\u201c Hier findet sich eine \u00c4hnlichkeit zu seinem Vater: Beide sehen das Thema\nals Knospe, aus der dann eine Pflanze erw\u00e4chst. Ist die Knospe eine\nSonnenblume, so muss auch eine Sonnenblume daraus sprie\u00dfen, wobei jede Blume nat\u00fcrlich\nanders aussieht; aus einem Ahornkeim gedeiht ein Ahorn. Hier liegt der Instinkt\ndes Komponisten. Tats\u00e4chlich kann man Hvoslefs Kompositionsprozess als\nGegenteil jedes Akademismus\u2018 bezeichnen, dieser scheint ihm teils gar zuwider\nzu sein \u2013 was nicht bedeutet, dass er nicht hoch intelligent und zutiefst\nreflektiert arbeitet. Ein Gesp\u00fcr besitzt Hvoslef auch daf\u00fcr, wie lange er einen\nGedanken verfolgen kann, ohne dass er \u00f6de wird, ohne dass etwas Neues kommen\nmuss. Er strapaziert die Idee so lange wie m\u00f6glich, dann erst verwirft er sie;\noder er unterbricht sie vorzeitig f\u00fcr einen vollkommen anderen Einfall, dem er\nsich gerade widmen will. Auch hier finden wir eine Gemeinsamkeit zu seinem\nVater: Beide lassen sich gerne einnehmen von einem interessanten Detail und\nfokussieren dieses f\u00fcr eine gewisse Zeit, wobei sie alles andere vergessen. Beim\nVater geschieht dies in seiner Musik durch pl\u00f6tzliche Einw\u00fcrfe, die das St\u00fcck\nunterbrechen, ohne einen Grund daf\u00fcr zu haben und ohne noch einmal\nwiederzukehren. Hvoslef bindet sie teils mehr in den formalen Verlauf ein,\nbleibt aber ebenso fasziniert von ihnen. In den Proben achtete er haupts\u00e4chlich\ndarauf, dass die Partitur genauestens und vor allem deutlich eingehalten wird;\ner notiert \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zise und besteht dann auch auf das, was dort geschrieben\nsteht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Werkeinf\u00fchrungen gestaltete der Komponist bei seinem\nEhrenkonzert selbst. Zum 1. Streichquartett sagte er, sein damaliger Lehrer bat\nihn, nie wieder so zu komponieren wie bisher, und als Trotzreaktion schuf er,\nw\u00e4hrend er fror (erneut solch ein Detail, dass nur durch die Absurdit\u00e4t so viel\nBeachtung findet), dieses konturlose und zutiefst komplexe Werk voller Effekt\nund beinahe komischer Abstraktheit. Das Trio f\u00fcr zwei S\u00e4ngerinnen und Klavier\nbedient sich keiner existierenden Sprache \u2013 ich h\u00f6rte es heute zum ersten Mal\nauf war hingerissen von den sanften Reibungen zwischen den Stimmen und der\ndynamischen Bandbreite, die Hvoslef hier entfaltet. Man kann diese Musik nicht\nentspannt h\u00f6ren, sondern horcht immer auf, gespannt, was als N\u00e4chstes kommt.\nOctopus Rex f\u00fcr acht Celli (der Titel wurde entliehen von Strawinskys Oper\nOedipus Rex) verfolgt den Gedanken einer einzigen Kreatur mit acht Armen, die\nzwar an sich flexibel ein Eigenleben f\u00fchren k\u00f6nnen, doch aber als Einheit\nzusammengehalten werden. Hvoslef l\u00e4sst die Celli teils alle die gleichen\nMelodien von acht unterschiedlichen Startt\u00f6nen aus spielen, teils spaltet er\nsie auf in zwei bis drei Gruppen, die vollkommen verschiedene und scheinbar\nunabh\u00e4ngige Ideen spielen, aber doch irgendwie in Kontext miteinander stehen.\nErst im allerletzten Ton vereinen sich alle acht Tentakelarme auf die\nSchlussnote D. Nach der Pause folgt die Urauff\u00fchrung des vierten\nStreichquartetts, dem der Komponist noch einen Tag zuvor zwei kleine Revisionen\nmitgab; herbe Kontraste durchziehen das Quartett und die Pausen erhalten gro\u00dfen\nStellenwert, dynamisch teilen sich die Musiker oft in zwei Gruppen ein, von\ndenen eine Pianissimo und eine Fortissimo spielt, w\u00e4hrend sie v\u00f6llig anderes\nMaterial gegeneinander aufbringen. Die Keimzelle ist ein betonter Rhythmus auf\ndie Noten f\u201c und g\u201c: Sowohl die rhythmische Figur als auch der Doppelton gestalten\ndie gesamte Form des eins\u00e4tzigen Quartetts. Als letzten Programmpunkt h\u00f6ren wir\ndas Konzert f\u00fcr Violine und Popband, welches als Auftragsst\u00fcck auf einem\nRockfestival uraufgef\u00fchrt wurde und damals mehr als fehl am Platz wirkte. Auch\nheute l\u00e4sst das Werk durch die skurrile Besetzung aufmerken, dabei geh\u00f6rt es\nmusikalisch gesehen zu den klassischsten und gradlinigsten Werken Hvoslefs. Der\nKomponist beruft sich auf mehrere \u201ePatterns\u201c die immer und immer wiederkehren,\ndabei allerdings die Taktstruktur immer wieder auf die Probe stellen, da sie\nmeist aus 7 oder 13 Achtelnoten bestehen \u2013 und dies bei klarem Viervierteltakt.\nEine Dreitonfigur mit chromatischer Fortf\u00fchrung bildet den Ausgangspunkt und\nbeinahe jedes Motiv l\u00e4sst sich auf diesen zur\u00fcckf\u00fchren \u2013 teils ganz deutlich,\nteils unmerklich (wie das Blatt schwer auf den Stamm schlie\u00dfen l\u00e4sst, obwohl es\nklar dazugeh\u00f6rt). Urspr\u00fcnglich wurde das Konzert f\u00fcr Trond S\u00e6verud geschrieben,\nden Sohn Ketil Hvoslefs, heute spielt Ricardo Odriozola den Solopart, doch wie\nTrond nahm auch er sich verschiedene Musiker aus der Klassik- und\nJazz\/Pop\/Rock-Szene f\u00fcr seine \u201eBand\u201c. Das Violinkonzert wurde tontechnisch vollst\u00e4ndig\nabgenommen und in den Raum projiziert, was ebenso gewissen Rockflair verlieh\nund jedes Instrument zur Geltung brachte. Im Grunde genommen spielt n\u00e4mlich\njeder ein Solo in diesem Konzert f\u00fcr nur sieben Musiker, weshalb ich es sogar\neher als Concerto Grosso betiteln w\u00fcrde. Den ganzen Abend \u00fcber spielten die\nbeteiligten Musiker, 19 an der Zahl, durchgehend auf h\u00f6chstem Niveau. Ricardo\nOdziozola und Einar R\u00f8ttingen leiteten die einzelnen St\u00fccke jeweils an und\nsetzten Hvoslefs Partituren minuti\u00f6s um, ohne dabei das lebendige Musizieren zu\nvernachl\u00e4ssigen. Alles wirkte frisch, spannend und neuartig, dabei trotz (f\u00fcr\nein Konzert mit ausschlie\u00dflich zeitgen\u00f6ssischer Musik erstaunlich) gro\u00dfem\nPublikum intim und famili\u00e4r. In Hvoslefs Kammermusik geht es derartig stark um\ndas Miteinander, dass den Einzelnen herauszupicken und zu betrachten keinen\nGewinn bringen w\u00fcrde: Und die Gemeinschaft war ph\u00e4nomenal bei den anwesenden\nMusikern, die so pr\u00e4zise h\u00f6rten und interagierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag ging mein Flieger bereits in der Fr\u00fch: doch\nzuvor blieb die ganze Nacht hell, da sich die Sonne nach einigen verregneten\nTagen endlich blicken lie\u00df. Und so konnte ich noch einmal die Beschaulichkeit\nvon Bergen genie\u00dfen mit seinen vielen Holzh\u00e4usern, Gr\u00fcnanlagen, historischen\nGeb\u00e4uden und den zahlreichen Musikb\u00fchnen, die f\u00fcr die Festspiele aufgestellt\nwurden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Mai-Juni\n2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum zweiten Mal hatte ich das Gl\u00fcck, den Festspielen in Bergen beiwohnen zu d\u00fcrfen. Drei Tage verbrachte ich in Norwegens zweitgr\u00f6\u00dfter Stadt, besuchte Proben und Konzerte. K\u00f6nig Haakon VII er\u00f6ffnete 1953 die ersten Festspiele, welche sich auf Edvard Griegs \u201eMusikkfest i Bergen\u201c von 1898 beriefen.\u00a0 Mittlerweile gelten sie als gr\u00f6\u00dftes Musikfest Nordeuropas, welches einmal j\u00e4hrlich &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/06\/05\/intimitaet-und-hochkaraetige-konzerte-festspiele-in-bergen-2019\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Intimit\u00e4t und hochkar\u00e4tige Konzerte: Festspiele in Bergen 2019<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[62,3],"tags":[3105,3119,3123,3129,2588,2587,3128,3104,3114,23,2352,1419,3109,3108,3102,3101,3124,3118,3130,2591,76,3111,1428,3113,174,1422,65,3110,86,3120,3122,3126,3127,3131,63,66,3116,3106,3117,3132,3121,1421,1113,93,3134,3107,3103,3133,3125,2598,3112,3115],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3276"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3276"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3276\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3282,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3276\/revisions\/3282"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}