{"id":3288,"date":"2019-06-10T09:08:09","date_gmt":"2019-06-10T07:08:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3288"},"modified":"2019-06-10T09:08:16","modified_gmt":"2019-06-10T07:08:16","slug":"beachtenswerte-gegendarstellungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/06\/10\/beachtenswerte-gegendarstellungen\/","title":{"rendered":"Beachtenswerte Gegendarstellungen"},"content":{"rendered":"\n<p>SWF music, SWR19060; EAN: 7 47313 90608 6<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0113.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3289\" width=\"330\" height=\"330\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0113.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0113-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0113-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 330px) 100vw, 330px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>SWR music publiziert\neine CD mit dem Klavierrezital des franz\u00f6sischen Pianisten Samson Fran\u00e7ois vom\n3. Mai 1960. Auf dem Programm stehen zwei Lieder ohne Worte (op. 67\/5 und op.\n62\/6) von Felix Mendelssohn, die Nocturne f-Moll op. 55\/1 sowie die\nKlaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 35 von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin, drei Preludes von Claude\nDebussy (La danse de Puck, La cath\u00e9drale engloutie, Feux d\u2019artifice) und die 7.\nKlaviersonate B-Dur op. 83 von Sergei Prokofieff.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Oberfl\u00e4chlich bekannt als enfant terrible, als gl\u00e4nzender\nVirtuose und dem Alkohol zugeneigter Nachtschw\u00e4rmer, vergisst man gerne die\nunvorstellbare musikalische Potenz von Samson Fran\u00e7ois. Der Pianist starb\nbereits im Alter von 46 Jahren an den Folgen eines zwei Jahre zuvor erlittenen\nHerzinfarkts und wir k\u00f6nnen nur erahnen, was wir von ihm noch h\u00e4tten erwarten\nk\u00f6nnen. Vorliegende CD gibt uns ein umfangreiches Bild seines Schaffens, wir\nh\u00f6ren ein Rezital vom 3. Mai 1960, welches er also kurz vor seinem 36\nGeburtstag spielte.<\/p>\n\n\n\n<p>Samson Fran\u00e7ois war ausgestattet mit einem genuinen Gesp\u00fcr\nf\u00fcr musikalischen Ausdruck; er wusste genau, wie viele Freiheiten er sich\nlassen konnte, um die Musik zur vollen Entfaltung zu bringen, so dass sie weder\nzum Museumsst\u00fcck noch zum pers\u00f6nlichen Stimmungsgem\u00e4lde degradiert wird. Bei\naller Wildheit bleibt dabei die Struktur klar und die Linien nachvollziehbar,\ndie innermusikalischen Kontraste deutlich. Fran\u00e7ois sp\u00fcrte die Intention des\nKomponisten auf und brachte diese ans Licht, wodurch er verbl\u00fcffende\nGegendarstellungen zu den landl\u00e4ufigen Vortr\u00e4gen der St\u00fccke schuf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Programm w\u00e4hlte Samson Fran\u00e7ois geschickt und\nabwechslungsreich, so dass es gut am St\u00fcck durchh\u00f6rbar ist, ohne, dass die\nAufmerksamkeit schwindet. Er beginnt mit zwei Liedern ohne Worte von Felix\nMendelssohn und einem Nocturne Chopins, in denen er je seine lyrische Seite\npr\u00e4sentiert, schlichter und sanglicher Vortrag von reinster Sch\u00f6nheit. Bei\nChopins Nocturne pedalisiert er ausgesprochen wenig, um die\nStaccato-Artikulation der linken Hand zum Vorschein zu bringen. Die einzelnen\nFormteile setzt er durch starke Ritardandi voneinander ab, h\u00e4lt ansonsten das\nMomentum jedoch aufrecht \u2013 was in einer herrlich unvertr\u00e4umten Darstellung des\nNocturnes resultiert, die dennoch nicht weniger sinnlich ist. Die zweite\nKlaviersonate h\u00e4lt Fran\u00e7ois formal streng zusammen und strafft sie sichtlich,\nnicht zuletzt durch Auslassung s\u00e4mtlicher Wiederholungen. Im Grave sticht der\ngraduelle Aufbau am Anfang hervor, im Scherzo die enormen Kontraste zwischen\nden einzelnen Teilen. Der Marche fun\u00e8bre erklingt tats\u00e4chlich einmal als Marsch\nund nicht wie gewohnt als Trauergesang! Dies gelingt Fran\u00e7ois durch eine\nmarkige linke Hand, so dass die Tiefen sonor heraufklingen und nicht beil\u00e4ufig\nunter der Melodie verlorengehen, und durch pr\u00e4zise Rhythmik \u2013 so darf der\nMittelteil auch ein wenig sanfter dagegenwirken. Das Finale rauscht beinahe\nkonturlos und rasend schnell (1:05!) an uns vor\u00fcber; und doch nehmen wir eine\nunterschwellige Bogenform wahr bis zu einem kurzen Sforzato und sofort wieder\nzur\u00fcck. Gl\u00e4nzende Virtuosit\u00e4t, aber mit musikalischem Impetus.<\/p>\n\n\n\n<p>Debussy wollte die Titel seiner Preludes urspr\u00fcnglich gar nicht\nabdrucken, entschied sich aber auf Wunsch des Verlegers doch daf\u00fcr. Eine gute\nEntscheidung, denn die St\u00fccke strahlen eine derartig hypersensitive Bildlichkeit\naus, dass die Titel beinahe unentbehrlicher Bestandteil werden \u2013 zumindest zur\nVollendung der Imagination. Diese Bilder setzt Fran\u00e7ois pr\u00e4zise um und l\u00e4sst\ndie Subjekte der Preludes regelrecht im Geiste auferstehen (ich glaube, selbst\nohne Wissen um die Titel, doch das kann ich nicht beurteilen). Wie lebendig und\nkeck springt der kleine Puck umher, und wie farbenpr\u00e4chtig strahlt das\nFeuerwerk voller Spielfreude und Flexibilit\u00e4t. Zum Geniestreicht wird vor allem\naber die cath\u00e9drale engloutie, deren Aufsteigen und wieder Hinabtauchen wir\nf\u00f6rmlich miterleben. Dabei \u00fcberspielt Fran\u00e7ois geschickt den notwendigen\nTempowechsel vor dem vollt\u00f6nenden H\u00f6hepunkt durch langes Accellerando und h\u00fctet\nsich davor, aus dem zweiten Fortissimo noch einen H\u00f6hepunkt zu machen, was der\nGesamtstruktur sehr zugute kommt. Fran\u00e7ois erlaubt sich sogar kleine \u00c4nderungen\ndes Notentexts inklusive einer neuen Bassnote im H\u00f6hepunkt, die jedoch durchaus\nSinn ergibt, da man so den Bass komplett durchh\u00f6rt und die tiefe Ebene nicht\nzwischenzeitig entschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die siebte Prokofieff-Sonate h\u00f6ren wir heute meist als wild\nh\u00e4mmerndes Get\u00f6se ohne Sinn und Struktur. Bei Fran\u00e7ois geht es nicht weniger\nwild zu \u2013 eher im Gegenteil \u2013 und doch vernehmen wir jede Linie glasklar und\nden Verlauf schl\u00fcssig. Auch hier zieht der Pianist den Reiz aus\ninnermusikalischen Kontrasten, wobei er die Andante-Passagen nicht vertr\u00e4umt,\nsondern im gleichen Precipitato-Trieb h\u00e4lt, der sich im Finale w\u00f6rtlich\nniederschl\u00e4gt. Die teils unterschwellige Polyphonie bleibt luzide und jede\nStimme erh\u00e4lt ihren festen Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Virtuosit\u00e4t und Brillanz m\u00fcssen nicht gleichbedeutend sein\nmuss stumpfen oder unmusikalischem Spiel. Viel zu oft ist dies ein \u201eentweder,\noder\u201c, nicht jedoch bei Samson Fran\u00e7ois. Und genau deshalb lege ich diese\nAufnahme alldenjenigen ans Herz, die trotz unb\u00e4ndigem Ausdruck nicht auf das\nverzichten wollen, was Musik eigentlich ausmacht \u2013 denn diese beiden Pole sind\nvereinbar, wie wir hier eindrucksvoll h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke, Juni\n2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SWF music, SWR19060; EAN: 7 47313 90608 6 SWR music publiziert eine CD mit dem Klavierrezital des franz\u00f6sischen Pianisten Samson Fran\u00e7ois vom 3. Mai 1960. 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