{"id":3301,"date":"2019-06-16T08:24:57","date_gmt":"2019-06-16T06:24:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3301"},"modified":"2019-06-27T11:30:38","modified_gmt":"2019-06-27T09:30:38","slug":"die-musik-in-der-musik-entdecken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/06\/16\/die-musik-in-der-musik-entdecken\/","title":{"rendered":"\u201eDie Musik in der Musik entdecken&#8230;\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Pianistin Layla Ramezan taucht in die Musikkultur ihrer Heimat ein und entdeckt das erz\u00e4hlende Moment<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0119.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3318\" width=\"302\" height=\"302\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0119.jpg 640w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0119-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0119-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 302px) 100vw, 302px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><em>Die iranisch-st\u00e4mmige Pianistin Layla Ramezan, heute\nin der Schweiz lebend, hat gerade einen Zyklus eines Landsmannes Alireza\nMashayekhi eingespielt, der das auf ber\u00fchmte Sheherazade-M\u00e4rchen erz\u00e4hlt. Die\nneue CD ist der zweite Teil eines Gesamtprojektes, mit welchem Layla Ramezan\nder persischen Musikkultur der letzten 100 Jahre auf den Grund geht. Das Volume\n1 war noch eine reine Solo-CD. Auf dem neuen Werk steht ihr mit dem&nbsp; persischen Perkussionisten Keyvan Chemirani\nauf der traditionellen Zarb eine zweite starke Stimme zur Seite, denn der\nDialog zwischen Tradition und Moderne z\u00e4hlt.&nbsp;\nLayla Ramezan hat Stefan Pieper von ihrer musikalischen Forschungsreise\nf\u00fcr dieses Projekt erz\u00e4hlt.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie funktioniert diese Musik und was ist anders in ihr?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht vor allem um das erz\u00e4hlende Moment. Zwischen den\nKlavier- und Perkussion-Parts werden Episoden aus der uralten Geschichte aus\n1001 Nacht in der Originalsprache rezitiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem der Rhythmus ist sehr repetetiv. In dieser\nHinsicht ist diese Musikkultur sehr nah an der indischen Musik dran. Wir\nerfreuen uns in unserem Land so vieler Einfl\u00fcsse aus Arabien und Asien und von\nanderswo. Das Entscheidende in der klassischen persischen Musik ist, dass alles\nim Kern auf dem geschriebenen Wort, auf der Poesie aufbaut. Vor allem der\nRhythmus entwickelt sich in direkter Linie aus der Sprache heraus. Deswegen\ndenke ich beim Spielen immer an den Text. Es ist in etwa so, als w\u00fcrde ich auf\ndem Klavier diese Dichtkunst singen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gibt es trotz der repetitiven Struktur eine dramatische\nEntwicklung?&nbsp; <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, auf jeden Fall! Die ganze Struktur ist einer Oper nicht\nun\u00e4hnlich. Jeder Teil geht auf den Text zur\u00fcck. Die erz\u00e4hlte Geschichte ist\n\u00fcbrigens nicht wie im Original-M\u00e4rchen aus 1001 Nacht, sondern wurde ver\u00e4ndert:\nAm Ende sagt Sheherazade, dass sie verliebt ist. Der K\u00f6nig verl\u00e4sst das Land\nund flieht in die W\u00fcste. Das ist eine ganz andere Gewichtung als in der\nUrsprungs-Geschichte. Ich habe mich gewundert, wie dramatisch es hinterher\nwird. Und ich mag Dramatik!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben erst in Teheran und sp\u00e4ter in Paris und\nLausanne eine tiefe, umfassende Ausbildung durchlaufen und sind nat\u00fcrlich an\n\u201ewestlicher Musik\u201c geschult. Was ist der Unterschied zu Chopin\/Bach etc. ?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Unterschied ist riesig. Die Struktur und der formale\nRahmen sind v\u00f6llig anders. Bei den Werken westlicher Komponisten ist er stark\nvorgegeben und sehr konstruiert. Die persische Tonsprache funktioniert ganz\nanders. Sie ist narrativer, wechselt gerne die Metren, etwa zwischen 5er und\n8er \u2013 f\u00fcr den Interpreten ist es sehr schwer, hier eine Einheit zu finden. Ich\nmuss alle neun St\u00fccke immer wieder spielen und Zusammenh\u00e4nge ausloten, um die\ninnere Struktur heraus zu finden. Ich hatte beim Aufnehmen dem Toningenieur die\nNoten gegeben. Der konnte sich erst mal beim Lesen \u00fcberhaupt nicht vorstellen,\ndass es sich mal so wie jetzt anh\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sind Sie in eine andere Welt eingetreten beim Spielen\ndieser St\u00fccke?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall! Bei Mozart kann man vieles auf Anhieb\nverstehen &#8211; allein, weil es ein Erfahrungswissen gibt. Die Kompositionen von\nAlireza Mashayekhi sind viel komplizierter zu erschlie\u00dfen, man muss erstmal in\nnarrativen Strukturen iranischer Musik eindringen. Es geht darum, die\nPolyphonie zu erfassen und zu entscheiden, welche melodische Linie wichtiger\nist. Vor allem die Balance zwischen der Lautst\u00e4rke der Linien ist hier das\nGeheimnis. Im Ganzen betrachtet, ist diese Komposition sehr pianistisch und man\nk\u00f6nnte viele Einfl\u00fcsse darin erkennen. Man findet Jazz darin, ebenso serielle\nStrukturen und vieles mehr. Zugute kommt mir, dass ich heute \u00fcber sehr breit\ngestreute Erfahrungen verf\u00fcge \u2013 mit vielen Instrumenten, im Theater und in der\nOper. Solche Horizonterweiterungen machen mich offen, die \u201eMusik\u201c in dieser\nMusik zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von au\u00dfen wirkt dieser Zyklus gar nicht so komplex, eher\nfast improvisiert. Wie h\u00e4ngen die Elemente im Inneren zusammen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein starker improvisatorischer Aspekt enthalten, auch\nwenn alles in Noten aufgeschrieben wurde. Trotzdem: Alles ist weit von jenem\nfesten Rahmen in der westlichen Kunstmusik entfernt, wo es viel einfacher ist,\nvom Blatt oder ausw\u00e4ndig zu spielen. In den St\u00fccken von Alireza Mashayekhi muss\nviel mehr intuitiv erfasst werden. Immer geht es darum, die Intention des\nKomponisten zu verstehen. Es gibt zum Beispiel viele Gestaltungsr\u00e4ume bei den\nZeitma\u00dfen, weil sehr viele Fermaten notiert sind. Hier m\u00f6glichst intensiv zu\ngestalten sorgt daf\u00fcr, dass alles wirklich lebt. Jeder Spieler ist hier zur\nFreiheit geradezu heraus gefordert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat sich gegen\u00fcber Ihrer ersten CD zu diesem Thema\nweiter entwickelt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf meiner ersten CD, die im Jahr 2017 erschien, habe ich\nf\u00fcnf iranische Komponisten pr\u00e4sentiert. Da stand ich noch amAnfang, um hier\nalles herauszuh\u00f6ren, zu erfassen und mich frei zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe weiter gearbeitet, um tiefer einzudringen. Dadurch\ngeraden auch Gegenwart und jahrtausendealte Geschichte in einen engen Bezug\nmiteinander. Wenn ich diese Sheherazade-Kompositionen spiele, kommt es mir vor,\nals w\u00e4re ich gleichzeitig im l\u00e4rmigen Stadtgewimmel des modernen Teheran und im\nselben Moment in den stillen Ruinen von Persepolis in Shiraz, einem 2500 Jahre\nalten historischen Monument. Genau das soll die Botschaft sein: Moderne und\nuralte persische Hochkultur leben im selben Moment und sind kein Widerspruch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn wir diese unterschiedlichen Prinzipien vergleichen\nund diese St\u00fccke betrachten, was f\u00fcr eine spezifische Geisteshaltung in der\niranischen Kltur w\u00fcrden Sie hier ausmachen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die europ\u00e4ische Klassik steht f\u00fcr eine gro\u00dfe Klarheit, die\nin der Musik meines Heimatlandes nicht in dieser Form vorhanden ist. Darin\nbildet sich durchaus eine Mentalit\u00e4t der Menschen hier ab, Diese Direktheit in\nder Kommunikation ist im iranischen Alltagsleben weitgehend unbekannt. Wenn\nMenschen sich begegnen, l\u00e4uft dies auf&nbsp;\nverschlungeneren Wegen ab. Man muss oft r\u00e4tseln und deuten, was jemand\nsagen will. Die Menschen im Iran sind extrem freundlich, aber es ist oft etwas\nschwierig, sie wirklich zu verstehen. Was sie sagen wollen, kommt manchmal\netwas versteckt zum Ausdruck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Also offenbart diese neue Lesart des Sheherazade-M\u00e4rchens\nein wohlgeh\u00fctetes Geheimnis?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Persische Poesie und Philosophie gehen manchmal sehr\nverschlungene Wege, was man wem sagen will. Das ist unsere Kultur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pianistin Layla Ramezan taucht in die Musikkultur ihrer Heimat ein und entdeckt das erz\u00e4hlende Moment Die iranisch-st\u00e4mmige Pianistin Layla Ramezan, heute in der Schweiz lebend, hat gerade einen Zyklus eines Landsmannes Alireza Mashayekhi eingespielt, der das auf ber\u00fchmte Sheherazade-M\u00e4rchen erz\u00e4hlt. 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