{"id":3307,"date":"2019-06-20T09:38:02","date_gmt":"2019-06-20T07:38:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3307"},"modified":"2019-06-27T11:29:39","modified_gmt":"2019-06-27T09:29:39","slug":"diese-musik-ist-unglaublich-direkt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/06\/20\/diese-musik-ist-unglaublich-direkt\/","title":{"rendered":"\u201eDiese Musik ist unglaublich direkt!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das f\u00fcnfk\u00f6pfige Ensemble Armoniosa ging in einem verwunschenen Schloss in Piemont in Klausur, um Vivaldis 12 Konzerte \u201eL estro Armonico\u201c in eigenen Transkriptionen f\u00fcr Kammerbesetzung f\u00fcr eine neue Doppel-CD einzuspielen. Musiziert wurde oft nachts, weil es dann am ruhigsten ist. Ebenso entstand ein Videoclip, der eine tiefgehende visuelle Interpretation der gespielten Musik ist. Hier schwebt der Geist der Musik durch weite Landschaften, befl\u00fcgelt und entr\u00fcckt. Vor allem die eingefangenen Lichtstimmungen widerspiegeln eine Welt aus Licht und Schatten, wie sie auch in Vivaldis Konzerten in hoher Verdichtung lebt. Im Gespr\u00e4ch mit Stefan Pieper verrieten der Cellist Marco Demario und der Violinist Franceso Cerrato, an welchen Locations gedreht wurde &#8211; und erl\u00e4uterten dar\u00fcber hinaus den eigenen Anspruch, aus einer \u201ealten\u201c Musik eine Botschaft f\u00fcrs 21. Jahrhundert zu formen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Vivaldi - L&#039;Estro Armonico - Armoniosa | Official Video\" width=\"604\" height=\"340\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/lKgJ_Iy50ck?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>An welcher traumhaften Location haben Sie dieses Video\naufgenommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Marco Demaria:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Au\u00dfendrehs haben wir in den franz\u00f6sisch-italienischen Alpen gemacht, und zwar am Lac de Mont Cenis, der auf einer Passh\u00f6he in etwa zweitausend Meter H\u00f6he nahe der italienischen Grenze liegt. Hinzu kamen Landschaftsaufnahmen im Gran Paradiso Nationalpark. Die Innenaufnahmen entstanden im <br \/> K\u00f6niglichen Schloss Govone. Es ist der alte Sommerpalast der K\u00f6nigsfamilie aus dem 17.Jahrhundert, wie es hier in Piemont eine ganze Reihe solcher Residenzen gibt. In dem stilvollen Saal dieses Schlosses haben wir \u00fcbrigens auch unsere Platte aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>War es viel Arbeit, diesen Raum zu einem Studio\numzufunktionieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Francesco Cerrato:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Oh ja! Wir haben sehr viel Zeit damit verbracht, alles\nherzurichten. Es brauchte viele akustische Vorbereitungen, da es \u00fcberhaupt\nkeine D\u00e4mpfungen an W\u00e4nden und Fenstern gab, so dass viele Ger\u00e4usche von au\u00dfen\neindrangen. Schlie\u00dflich haben wir beschlossen, nachts aufzunehmen, weil es dann\nruhiger ist. Auf jeden Fall hat die harte Arbeit sich gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Video stellt einen intensiven Bezug zwischen der\nMusik und der Umgebung her.&nbsp; Welche\nEnergie geht f\u00fcr Sie von solchen Orten aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Marco Demaria:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik ist ein Teil von uns. Und wir zeigen die Gegend,\naus der diese Musik kommt, von der sie inspiriert ist, denn sie soll Teil der\nSch\u00f6nheit dieses Landes werden. Wir sind sehr gl\u00fccklich, dass wir in Italien\n\u00fcberall viel Sch\u00f6nheit haben. Wir haben die italienischen Alpen in den Fokus\ngesetzt, um auch mal dieses Gesicht von Italien dem Publikum zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Francesco Cerrato:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufnahmesessions in diesem faszinierenden Schloss waren eine tolle Erfahrung. Wir waren ganz alleine in diesem Schloss, so dass eine unheimlich starke Aura auf uns wirkte. An diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt Vivaldi zu spielen, hat unvergleichliche Emotionen frei gesetzt. Wir haben uns jenseits von Raum und Zeit gef\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Marco Demaria:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Schloss wirkt so echt, so real. Nicht zuletzt, weil\neinige Teile des Geb\u00e4udes noch nicht renoviert und auch nicht \u00f6ffentlich\nzug\u00e4nglich sind. Man atmet den Geruch der alten Zeit. Dieser Ort ist einfach\necht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Videofilm ist zu einer tiefen Interpretation der\nMusik geworden. War das von Anfang an geplant?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Marco Demaria:&nbsp; <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollten eine Story erz\u00e4hlen. Dies einem Publikum zu\nvermitteln ist genauso wichtig wie die Musik selbst. Eine gute PR kostet immer\nviel Geld, deswegen sollte man so kreativ wie m\u00f6glich an die Sache heran gehen.\nEs ist ein Gl\u00fccksfall, dass wir einen so k\u00fcnstlerisch idealistischen\nProduzenten wie Alessandro Rota als Freund an unserer Seite &nbsp;haben. Er kennt unsere F\u00e4higkeiten und unsere\nPotenziale sehr gut und hat die besten Ideen, ihnen ein Gesicht zu verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lassen Sie uns jetzt mal \u00fcber den Kern der Musik\nsprechen! Was ging der Einspielung dieser zw\u00f6lf&nbsp;\nKonzerte voraus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Francesco Cerrato:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind urspr\u00fcnglich von einem gro\u00dfen Ensemble ausgegangen, wie es noch auf der ersten Platte zu h\u00f6ren ist. Mittlerweile hat sich unsere spezielle f\u00fcnfk\u00f6pfige Besetzung heraus kristallisiert. Seitdem loten wir immer neue M\u00f6glichkeiten aus und da r\u00fcckten schlie\u00dflich die Konzerte aus \u201eL&#8217;estro Armonico\u201c in den Focus. Michele Barchi, unser Cembalospieler hat die ganzen Transkribierungen vorgenommen und \u00fcber dieses Projekt viele Jahre nachgedacht. Was f\u00fcr neue interessante Klangaspekte lassen sich mit unserer Besetzung realisieren, lautete hier eine spannende Frage. Wie kann man es schaffen, diesen ber\u00fchmten Zyklus mit einem kleinen Ensemble zu realisieren, dass am Ende wirklich gro\u00dfe Musik herauskommt? Es taten sich bei der Erarbeitung&nbsp; immer neue M\u00f6glichkeiten und Aspekte auf, unser ganzes Potenzial zu entfalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie f\u00fchlen Sie sich in der Konkurrenz zu den zahllosen\nanderen Barockensembles, die auch alle Vivaldi spielen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Francesco Cerrato:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, diese Besetzung, diese Aufnahme und diese Neuarrangierungen\nsind allesamt genug Antworten auf diese Frage. Wir haben das gute Gef\u00fchl, einen\nneuen, anderen Weg gegangen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Marco Demaria:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann mit einer solchen Produktion auch immer die\nQualit\u00e4t des Materials aus einem neuen Blickwinkel heraus definieren. Vivaldi,\neiner der gr\u00f6\u00dften Namen aus der Barockzeit, wird in unserer individuelle Lesart\nin seiner Gr\u00f6\u00dfe und Ausstrahlung einmal mehr best\u00e4tigt. Auch das Verh\u00e4ltnis von\nVivaldi zu Bach eine thematische Idee des Projekts. Bach hat bekanntlich diese\nKonzerte transkribiert und diese Transkriptionen flie\u00dfen ja auch in die neuen\nArrangements mit ein, vor allem was die Parts f\u00fcr Cembalo bzw. Orgel betreffen.\nWir haben zwei Jahre lang an diesem Projekte gearbeitet \u2013 jetzt haben wir das\ngute Gef\u00fchl, dass etwas sehr pers\u00f6nliches dabei heraus gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie w\u00fcrden Sie Ihren eigenen Stil charakterisieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Marco Demaria:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben mit Reinhard Goebel und Trevor Pinnock gearbeitet,\ndas sind viele Erfahrungen, die uns immer zu Gute kommen. Bei allem sind wir\nItaliener mit italienischen Prinzipien. Trotzdem bem\u00fchen wir uns um eine\nemanzipierte Haltung gegen\u00fcber Dogmen und so mancher inflation\u00e4rer Tendenz. Es\ngibt ja viele Konventionen, Meinungen und Moden, etwa wenn es um Akzentierungen\nin der Barockmusik geht. Wir wollen in dieser Hinsicht schon unter\nitalienisches Gepr\u00e4ge nicht verleugnen, zollen aber zugleich der Partitur\nh\u00f6chsten Respekt.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist die Botschaft dieser Musik f\u00fcr die Gegenwart?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Marco Demaria:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Hauptbotschaft soll sein: Diese Musik lebt. Zu Beginn\nnannten wir uns \u201eArmoniosa Barock Ensemble\u201c. Jetzt hei\u00dfen wir einfach nur\nArmoniosa. Barock ja &#8211; aber diese Stilschublade ist so behaftet mit\nKonnotationen. Mit diesen aktuellen Transkriptionen zeigen wir unter anderem\nauf, was Bach f\u00fcr Tasteninstrumente mit Vivaldis Musik gemacht hat.&nbsp; Die Musik ber\u00fchrte immer sehr unmittelbar in\nihrer spezifischen Zeit. Bach wollte, dass sein Publikum ihm zuh\u00f6rte. Wir\nwollen unsere eigene Botschaft herausholen, um diese Musik in heutiger Zeit\nlebendig zu machen. Auf keinen Fall wollen wir kopieren oder gar etwas museales\noder arch\u00e4ologisches betreiben. Wir gehen daf\u00fcr mit den Fertigkeiten des 21.\nJahrhunderts an diese Sache heran. Das schlie\u00dft keineswegs die korrekte\nKenntnis der Regeln, Prinzipien und Theorien aus, denen wir h\u00f6chsten Respekt\nzollen. Wir respektieren, was Vivaldi wollte, was in der Partitur steht. Wir\nbearbeiten Bachs Partituren, um sie auf neue Weise f\u00fcr Vivaldis Botschaft zu\n\u00f6ffnen. Damit diese im 21. Jahrhundert neu erfahrbar wird!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Francesco Cerrato:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich sage es noch direkter: Wir lieben diese Musik einfach\nsehr. Wir haben sehr viel Leidenschaft, genie\u00dfen diese Musik und wollen diese\nLeidenschaft beim Publikum wecken. Wenn die Zuh\u00f6rer diese Musik genauso lieben\nwie wir, dann haben wir ein Ziel erreicht. Musik eine Sprache und Vivaldis\nMusik ist unsere Sprache. Wir k\u00f6nnen dem Publikum Geschichten erz\u00e4hlen. Wir\nk\u00f6nnen in unserer Sprache mit den Menschen sprechen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sehen Sie das Verh\u00e4ltnis zwischen popul\u00e4rer und\nklassischer Musik in Italien?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Francesco Cerrato:&nbsp;\n<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Generell kommen relativ wenig Leute in Konzerte, um\nBarockmusik zu h\u00f6ren. Das gro\u00dfe Publikum hat gar keine Ahnung \u00fcber klassische\nMusik. Da sind die typischen Vorurteile: Barockmusik sei langweilig und es gibt\nsie nur in der Kirche. Viele Menschen sind dann pl\u00f6tzlich sehr \u00fcberrascht, wenn\nsie in unseren Konzerten zum ersten Mal erleben, was f\u00fcr ein Spa\u00df diese Musik\nverstr\u00f6mt. F\u00fcr solche Erlebnisse sind Vivaldis Konzerte nat\u00fcrlich\npr\u00e4destiniert. Musik aus dieser Zeit hat eine unglaubliche Direktheit. Man kann\nhier so viel erleben und sich mitrei\u00dfen lassen. Es gibt hier noch nicht die\nganze Komplexit\u00e4t wie in der Musik des 19. Jahrhunderts. Das ist unsere gro\u00dfe\nChance, um viel ungeahnte musikalische Frische zu erzeugen!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ensemble Armoniosa: Vivaldi | 12 Concerti op.3 \u201eL&#8217;estro Armonico\u201c, <em>Reddress 2019<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Michele Barchi: cembalo, Daniel Ferreti: organ, Francesco Cerrato: violin, Stefano Cerrato: 5 string cello, Marco Demaria: cello<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das f\u00fcnfk\u00f6pfige Ensemble Armoniosa ging in einem verwunschenen Schloss in Piemont in Klausur, um Vivaldis 12 Konzerte \u201eL estro Armonico\u201c in eigenen Transkriptionen f\u00fcr Kammerbesetzung f\u00fcr eine neue Doppel-CD einzuspielen. Musiziert wurde oft nachts, weil es dann am ruhigsten ist. Ebenso entstand ein Videoclip, der eine tiefgehende visuelle Interpretation der gespielten Musik ist. 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