{"id":3312,"date":"2019-06-26T08:32:19","date_gmt":"2019-06-26T06:32:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=3312"},"modified":"2019-06-26T08:32:21","modified_gmt":"2019-06-26T06:32:21","slug":"wie-es-sein-sollte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2019\/06\/26\/wie-es-sein-sollte\/","title":{"rendered":"Wie es sein sollte"},"content":{"rendered":"\n<p>Evidence Classics, EVCD059; EAN: 5 051083 143462<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0118.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3313\" width=\"340\" height=\"340\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0118.jpg 600w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0118-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/N0118-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 340px) 100vw, 340px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Nach seinem\nDebut-Album mit russischer Klaviermusik widmet sich der junge Pianist Jean-Paul\nGasparian nun Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin. Er spielt die vier Balladen, dar\u00fcber hinaus je\nzwei Nocturnes (opp. 48\/1 und 27\/2), zwei Walzer (E-Moll op. Post.; op. 34\/3)\nund zwei Polonaisen, die \u201aheroische\u2018 op. 53 und die Polonaise-Fantasie op. 61.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits mit seiner ersten CD erweckte der franz\u00f6sische\nPianist Jean-Paul Gasparian meine Aufmerksamkeit; seine neue Chopin-Aufnahmen\n\u00fcberzeugen mich nun vollkommen. Der Musik Chopins kann man sich nicht durch\nrein intellektuelles Verst\u00e4ndnis n\u00e4hern, auch nicht durch rein\nmechanisch-technische F\u00e4higkeiten, sondern nur \u00fcber Gesp\u00fcr, wendigen Geist und\nerst dann \u00fcber Reflektion. Ein Mangel nur eines dieser drei Aspekte wirkt sich\nverheerend auf die gesamte Struktur aus. Die Balladen insbesondere bergen einen\nderart reichen Fundus an Details und spiegeln jede f\u00fcr sich derart viel\nIndividualit\u00e4t, dass wohl jeder andere Vorstellungen von ihnen erh\u00e4lt und sie\nanders umsetzt \u2013 was eine gro\u00dfe Bandbreite an verschiedenen Darbietungen mit\nsich bringt: aber f\u00fcr den H\u00f6rer mit seinen eigenen Vorstellungen von den Werken\nauch nie eine Aufnahme genau treffen l\u00e4sst. Die Balladen Chopins geh\u00f6ren (neben\nder Ballade von Grieg) zu den ganz wenigen Werken, die nie vollkommen meinen\nVorstellungen entsprechen, wenn ich sie h\u00f6re; immer st\u00f6ren mich Kleinigkeiten,\ndie ich anders umzusetzen w\u00fcnsche oder sie vernachl\u00e4ssigt f\u00fchle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hier zu h\u00f6renden Aufnahmen von Jean-Paul Gasparian\ntreffen meine Vorstellungen zu den Balladen bislang am besten. All das bringt\nGasparian hervor, was andere Darbietungen vermissen lassen: Dies beginnt schon in\nder improvisatorischen Einleitung der g-Moll-Ballade und der unverschleierten\nDissonanz in Takt 7, setzt sich fort in der Hervorhebung wichtiger Bassstimmen\n(z.B. T. 22f und 35 mit R\u00fcckbezug auf T.7) \u2013 so zieht sich das durch alle vier\nGattungsbeitr\u00e4ge. Dabei spielt Gasparian sinnlich und lyrisch, bleibt auch ohne\n\u00fcberm\u00e4\u00dfige Rubati frei in seiner Agogik und sp\u00fcrt die Gesanglichkeit der Linien\nauf. In der zweiten Ballade h\u00fctet er sich davor, die Tempo-Kontraste\n\u00fcberzustrapazieren und nimmt das Andantino recht z\u00fcgig, in der dritten h\u00e4lt er\nauch den vertrackten cis-Moll-Abschnitt unter seiner Kontrolle, ohne das Tempo\naufzugeben, in der vierten beh\u00e4lt er den Blick auch auf den kleinen\ngegenl\u00e4ufigen Stimmen. In den virtuosen Passagen mit thematischem Material in\nder Unterstimme, in der meist nur die L\u00e4ufe zu h\u00f6ren sind, dreht Gasparian den\nSpie\u00df um und pr\u00e4sentiert fast ausschlie\u00dflich die Unterstimme, wor\u00fcber hinweg\ndie L\u00e4ufe beinahe verschwinden. Vielleicht \u00fcbertreibt er dies ein wenig \u2013 wobei\ndas das einzige Detail ist, welches mich st\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die enorm hohe Qualit\u00e4t h\u00e4lt der franz\u00f6sische Pianist auch\nin den restlichen St\u00fccken der CD. Die beiden ausgesuchten Walzer geh\u00f6ren zu den\nspielfreudigen und geben den beiden schwerm\u00fctigen Nocturnes eine lichte\nUnterbrechung \u2013 programmatisch gut verteilt. Zum Abschluss die auftrumphende\nAs-Dur-Polonaise op. 53, die Gasparians brillante Akkordabstimmung ins Licht\nr\u00fcckt, und die gegens\u00e4tzliche As-Dur-Polonaise op. 61 (gleiche Tonart,\ndiametrale Wirkung!), in welche er seine lyrische Seite zum Vorschein bringt,\nganz unvertr\u00e4umt, n\u00fcchtern, aber doch involviert. Jean-Paul Gasparian z\u00e4hlt\nzweifelsohne zu den gr\u00f6\u00dften Entdeckungen der letzten Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Oliver Fraenzke,\nJuni 2019]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evidence Classics, EVCD059; EAN: 5 051083 143462 Nach seinem Debut-Album mit russischer Klaviermusik widmet sich der junge Pianist Jean-Paul Gasparian nun Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin. Er spielt die vier Balladen, dar\u00fcber hinaus je zwei Nocturnes (opp. 48\/1 und 27\/2), zwei Walzer (E-Moll op. 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